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Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.
Ich erlaube mir mal diesen kleinen Exkurs, weil hier im Freitag an diversen Orten heftigst über Korruption, Bestechung, Vorteilsannahme und Journalistenrabatte gestritten wird. Aber irgendwie redet jeder am anderen vorbei.
Bin ich auch schuldig?
Mir war sehr schnell klar, was ich da in diesem Job mache. Zum einen informiert man den Leser. Sei es durch Filmkritiken, sei es durch die Interviews, sei es über Artikel, die beschreiben, wie ein Film überhaupt entsteht. Der Leser, zumindest früher, las das auch und oft diente ihm eine Kritik auch der Entscheidungsfindung, in welchen Film er gehen würde. Als Journalist bekam man ja das feedback durch die Leserbriefe und die gingen teilweise zuhauf ein. Manche schickte mir mein Redakteur mit der Bitte, sie doch möglichst zu beantworten. Da waren positive dabei, aber auch welche, die den Film eben anders aufnahmen als ich.
Wer glaubt, als Filmkritiker könne er beeinflussen, ob ein Film an der Kinokasse erfolgreich ist oder nicht, der irrt gewaltig. Wie oft haben wir schon solche Werke flächendeckend in Grund und Boden gestampft und das Ergebnis? Der war danach der Renner in den Kinos.
Zum einen lieferten wir also Information. Zum anderen aber waren wir auch die kleinen fleißigen Helferlein bei der Vermarktung dieses Produktes, indem wir darüber schrieben.
Den Verleihern war es gelinde gesagt egal, ob wir nun eine Hommage oder einen Verriss schreiben. Hauptsache war, es wurde überhaupt etwas geschrieben. Irgendwie war man Journalist und Werbepartner in persona. Das schlimmste für einen Verleiher? Wenn wir beschlossen, dieses Machwerk wird überhaupt nicht erwähnt.
Nebenan bekennen sich Hochschulprofessoren, Drehbuchautoren und Regisseure, Dramaturgen schuldig, weil sie billig nen Apple erwarben, Förderungsgelder bekommen oder Theatersubventionen? Eine entschuldigt sich sogar für ihren früheren Job als Parteisekretärin? Wir haben eine Bundeskanzlerin, die die damals ähnliches machte. Hat die sich entschuldigt? Warum auch?
Filmförderung begünstigt doch nicht nur den, der den Film macht, sondern ist auch daran gebunden, dass ein Teil dieses Films in dem Bundesland gedreht wird, welches die Förderung gewährt. Damit schafft oder erhält man Arbeitsplätze.
Theater wird schon ewig subventioniert. Ohne das gäbe es Theater gar nicht mehr. Und jetzt kommt da so eine Pseudo-Entschuldigung von einem, der zwar von dieser Subvention lebt, aber dennoch kritisch sein darf? Eine Entschuldigung dafür, dass trotzdem ein Hartz IVler keine Chance hat, im Zuschauerraum zu sitzen wäre mir da lieber gewesen.
Oder diese ewigen Diskussionen um Journalistenrabatte.
Ich kenne diese Rabatte seit meiner Kindheit. In Paris kauften wir manchmal billig in der amerikanischen PX ein. Mein Vater war Offizier. Der bekam dann irgendwann auch mal nen BSW-Ausweis. Alles legal. Damit bekam man Rabatte in bestimmten Läden, konnte günstig neue Reifen kaufen und kam sogar in die Metro.
Gefährlich wird dieses System doch erst, wenn es Einfluss auf Deine Arbeit nimmt. Wenn Du anfängst, Konzessionen zu machen, dem System dienst, um einen persönlichen Vorteil herauszuschlagen.
Kurz, wenn Du morgens nicht mehr in den Spiegel schauen kannst, weil Deine Unabhängigkeit flöten gegangen ist. Und für mich müssen Journalisten unabhängig sein und bleiben. Egal auf welchem Sektor sie schreiben.
Wir als Filmkritiker und das gilt bestimmt auch für andere journalistische Bereiche wandern da auf einem sehr schmalen Grat. Manche haben das nicht bewältigt, aber darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben. Auf welcher Seite dieses Grates einer runterfallen will muss jeder für sich entscheiden.
Ich, nein wir alle hätten diesen Job nie ausüben können ohne entsprechende, ich nenne es jetzt mal, Unterstützungen.
Jeder weiß, was ein Flug kostet, vor allem wenn es nach Übersee geht. Hätten wir uns nie leisten können, die Redaktionen auch nicht, schon gar nicht in dieser Häufigkeit. Die Flüge zahlten die Verleiher.
Die hatten Interesse, dass wir was bringen, wir hatten Interesse, den Leser zu informieren.
Wenn die mir nun sagen, buch den Flug, wir zahlen Business, Rechnung an uns. Soll ich dann sagen, nee, ich flieg lieber Holzklasse? Also haben wir gebucht, fast jeder hatte ein Reisebüro, die suchten auch die günstigsten Flüge raus und oft kann man gerade in dieser Klasse sehr günstige Konditionen erhalten. Wir haben also mitgespielt, und die meisten haben auch versucht, die Kosten für die Verleiher so günstig wie möglich zu gestalten.
Checkte man in L.A. ein, dann kam oft die Frage der Bodenstewardess, ob man nicht upgraden möchte, denn man hätte da gerade ein ultragünstiges Angebot für die 1st. Soll ich da nein sagen, weil es irgendwie meine Meilen waren, aber auch nicht, weil ich die Flüge ja nicht bezahlt habe?
Ich habe ja gesagt und hatte hinterher manchmal mehr Meilen auf dem Konto, aber zumindest fast Gleichstand. Die 1st war immer fast leer, kein Wunder bei den Preisen, aber wen ich da manchmal angetroffen habe, darüber schweige ich lieber.
Hotels waren von vorne herein bezahlt, manchmal sogar inklusive Minibar. Die meisten haben davon nie Gebrauch gemacht, andere haben vor dem Auschecken fast die halbe Minibar im Koffer verstaut.
Aber das ist nicht alles, dann gibt es Geschenke. Kein Junket, bei dem nicht Tüten herumstanden. In denen befand sich alles mögliche. Meistens die üblichen T-Shirts. Ich habe jahrelang kein T-Shirt mehr kaufen müssen, die stapelten sich bei mir.
Einmal, bei Matrix, sogar ein Handy. Ich hatte plötzlich Füller in Hülle und Fülle, Sweatshirts bis zum Abwinken. Was ich nicht brauchte habe ich verschenkt. Bei bestimmten Filmen standen sogar drei Tüten da. Die wussten, ich hatte Zwillinge. Da hatten meine Kids dann plötzlich einen ganzen Plüschzoo zu Hause.
Geschenke kamen aber auch per Post. Da waren dann Lederjacken drin, Ledertaschen und…und…und…
Man wird plötzlich eingeladen. Nach Hawaii. Filmpremiere auf einem amerikanischen Flugzeugträger in Pearl Harbour. Habe ich abgelehnt, da kam der 68er durch, und ich wäre gerne mal wieder in Hawaii gewesen. Genauso wie in Venedig als Denzel Washington mit einem U-Boot in die Lagune zum Markusplatz fuhr und man anschließend auf einer italienischen Fregatte feierte. Das war mir dann doch etwas zu viel. Da bin ich dann lieber mit italienischen Kollegen in ein kleines Ristorante gegangen, das nur Venezianer kennen.
Soll ich nein sagen, wenn mir ein französischer Schauspieler, den ich seit ewigen Zeiten kenne, ein oder zwei Mal im Jahr eine Flasche seines besten Olivenöls schickt. Soll ich die zurückschicken? Nein, ich verwende sie in der Küche und freu mich sogar darüber.
Man könnte das jetzt endlos fortsetzen, aber die zentrale Frage ist doch:
Waren oder sind wir korrupt, bestechlich?
Nein!
Zumindest nicht alle. Und für manche Kollegen und Kolleginnen würde ich da sogar meine Hand ins Feuer legen. Nicht für alle, das muss ich auch eingestehen.
Frauke Hank, später auch Klaas Akkermann, warnten mich ganz am Anfang schon:
Du bist hier in einem Sumpf der Begierden und Begehrlichkeiten gelandet. Man wird buhlen, man wird versuchen, Dich mit Geschenken zu überhäufen um Dich nutzbar zu machen. Bleib wie Du bist, lass Dich von so etwas nicht beeinflussen. Und vor allem versuche immer direkt und unbestechlich zu bleiben. Behalte Distanz und mach von vorne herein klar, egal was sie dir anbieten, Dich kann man nicht kaufen.
Bin ich jetzt schuldig, weil ich die Vorteile angenommen, manchmal sogar genossen habe?
Nein!
Denn ich habe mich nie verkauft und auch nie kaufen lassen!
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Huch, Georg... ein schwieriges Thema. Ich sage lieber gar nichts, weil ich das Gefühl habe: Egal, was man dazu sagt, wird alles falsch. Da können alle Gesprächspartner so viel rein interpretieren, was nicht im Entfernsten gemeint wurde... na ja.
Danke für die Möglichkeit, mal ein Blick rein zu werfen. Und ein großes Lob für Deinen Schreibstil. Weiter schreiben! ;) :) |
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Ach, Mensch. Ich wäre manchmal gern korrupt, aber ich hab nischt zu vergeben.
Das ist doch auch ein Elend. :-)))))))) |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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