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"Wir wollen mit unseren Themen in der Mitte der Gesellschaft hegemoniefähig werden." (Trittin in der ZEIT vom 17.4.11)
Ich hatte schon befürchtet, dass ich mit meinem letzten Blogeintrag "Die reaktionäre Seite des Atomausstiegs" die neuen hegemonialen Stolzgefühle verletze. Aber die Idee des Atomausstiegs kommt nun mal von Schwab und seinen Ex-Nazi-Kollegen. Die Fakten hat bisher auch niemand bestritten.
Koslowski schreibt dazu, dass ich im beabsichtigten Ausstieg aus der atomaren Energieproduktion den Einstieg in eine "Ökodiktatur" sehen und den Grünen Anfälligkeit für totalitäre Phantasien unterstellen würde.
Ich hatte dagegen Tritins Hegemonie der Mitte gemeint. Denn wenn der Einstieg in den Ausstieg unbestritten eine Nazi-Idee war, und der Ausstieg aus dem Ausstieg nun eine mittige Hegemonie sein soll, beschleicht mich schon ein gewisses Horrorgefühl.
Der Punkt ist, dass Deutschland mit dem Ausstieg und wohl auch schon etwas früher jede substanzielle Opposition abhanden gekommen ist. Ob jetzt ein paar Jahre eher ausgestiegen werden soll oder nicht, präsentiert nur diese Leere. Was sich jetzt noch "Opposition" nennt, ist nur eine Vorbereitung auf die nächste Hegemonie der Mitte.
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Wäre denn nun eine wirkliche Opposition rechts oder links der "Hegemonie der Mitte" eine Opposition, die gegen den Atomausstieg bzw. für die Verlängerung der Laufzeiten der AKWs anträte?
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Interessante Frage.
Aber sofern Sie nur meine persönliche Meinung wissen wollen, halte ich überhaupt nichts von Oppositionen oder Hegemonien, die sich nur auf Ablehnung oder Beförderung einer bestimmten Technik, und auch nur auf eine Energietechnik reduzieren. Schon gar nicht halte ich etwas von Oppositionen/ Hegemonien, die zur Durchsetzung ihres Machtanspruchs eine Paniksituation und eine darauf abgestellte massenmediale Panikaufbereitung benötigen. Wir haben in Deutschland je nach Bedarf Demographiepanik, Terrorpanik, Überfremdungspanik, Islamisierungspanik, Strahlungspanik, Virenpanik, Bakterienpanik, Ozonlochpanik... Über die Gründe kann man diskutieren. Mir ist es wichtig, auf die politische Funktionalisierung bzw. Hegemonisierung solcher Katastrophenstimmungen hinzuweisen (siehe auch den Hinweis auf Hitler: Katastrophendemagogie als Mittel der nationalen "Heilung"). Was kritische Opposition in D anbetrifft, die mitunter so parteilos ist wie ich, gewinnt deren Eindruck eines "Totalitarismus auf Samtpfoten" leider immer mehr Kontur. |
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Danke für diesen Beitrag, ebenso wie für die vorhergehenden.
"Die Idee des Atomausstiegs kommt nun mal von Schwab und seinen Ex-Nazi-Kollegen"? Ist das nicht sehr weit hergeholt? Sicher gabs jemanden wie Baldur Springmann, der weit rechts "bodenständig" verwurzelt war. Er war auch in der schon etablierten Bewegung eine Einzelfigur. Was von Trittin als "Hegemonie der Mitte" daherkommt, dürfte das treffen, was Foucault als "Gouvernementalisierung des Staates" beschreibt. Interessant wäre, zu fragen, wie weit dieser mainstream greift bzw. - als Herrschaftsausübung verstanden -, wann er schlicht totalitär ist. Beispiele dafür wären die Ausgrenzung von Ypsilanti und jetzt etwa die Griechenland-Kampagne. |
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Liebe Dreizehn,
Vielen Dank, für den Hinweis auf Foucault. Wikipedia erläutert dazu: In "Überwachen und Strafen" ist sein Untersuchungsgegenstand die "Mikrophysik der Macht". Diese Mikrophysik der Macht greift als Disziplinarmacht formend auf die Körper und das Denken der Menschen ein und löst im modernen Staat die Souveränitätsmacht ab. ... die Bio-Macht und die staatlichen Machtstrategien, die Bio-Politik, die sich auf die Bevölkerung, ihre Arbeitsfähigkeit, ihre Gesundheit und Fortpflanzung beziehen. Bio-Macht. Mir fällt dazu auch spontan Juli Zehs "Schallnovelle" "Corpus Delicti" ein. Ihre Anregungen bringen mich tatsächlich noch auf neue Ideen. |
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"Ist das nicht sehr weit hergeholt?"
Ich habe Ihre Frage nicht vergessen. Einen Teil aber auf meine Antwort auf den Kommentar von Claudia geschoben, die sich aus ihrer Sicht erinnert. Weiteres hebe ich für "Hegemonie der Guten", Teil 3 auf. |
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1)
Über "die Mitte" wird viel gedimpfelt, seit es die BRD gibt. Allerdings sagt niemand, was denn genau mit "Mitte" der kapitalistischen Gesellschaft gemeint ist: Die Zentren der ökonomischen Macht, die durch Parteien des Lobbyblocks verteten werden? Eine Einkommensmitte? Eine weitgehend unpolitische, in der Mühle von Arbeits/Konsumstress gefangene "Mitte der Renditeschaffenden"? --- 2) >>...die Idee des Atomausstiegs...<< Einen ersten Widerstand gab es in Karlsruhe in den 50er Jahren: Der Bau des Kernforschungszentrum war ursprünglich mitten in der Stadt geplant. Aufgrund massiven Widerstandes in der Bevölkerung musste die Planung noch mal verändert werden und das KFK mitten in einem grossen Waldgebiet mehrere Kilometer abseits von allen Wohngebieten errichtet werden. Es war eine typische Angstreaktion: Die Bilder von Nagasaki/Hiroshima waren noch in den Köpfen. Niemand wollte etwas mit Kernspaltung in der unmittelbaren Nachbarschaft haben. Ein politische Bewegung hätte bundesweit gegen die massive Vergeudung von Steuergeld für diese gefährliche Spielerei und für sofortige Auflösung des Bundesatomministeriums gekämpft. Diese politische Bewegung gab es nicht. Die Gegner der BRD-Aufrüstung propagierten auf den Ostermärschen damals sogar „friedliche Nutzung der Atomkraft“. Auf der anderen Seite war die antikommunistische Propaganda der BRD damals massiv und hochagressiv und bot „arischen Endsiegern“, die das eher umgekehrt sahen, einen fruchtbaren Nährboden. --- Im weiteren Verlaufe sehe ich rückblickend eine Parallele zu Stuttgart 21: Erst als in den 70er Jahren sichtbar wurde, dass Entwicklung&Planung abgeschlossen war und wirklich nach Kahl am Main weitere Kernkraftwerke gebaut werden, kam ein nennenswerter Widerstand auf. Immerhin wurde ein Teil der geplanten AKW verhindert. An dieser Bewegung war ich beteiligt. Auch diese Bewegung war im Grunde unpolitisch: Die Angst vor den Folgen einer Reaktorhavarie und des ungelösten Entsorgungsproblems war zwar begründet. Aber es wurde eben hauptsächlich diese Angst kultiviert ohne fundierte Alternativplanung eines gesamtgesellschaftlichen Energiekonzeptes. Natürlich konnte man mehr draus machen: Ein Teil der damaligen Anti-AKW-Bewegung war an der Gründung der Partei "Die Grünen" beteiligt. In den Anfängen wurde noch an einem alternativen Gesellschaftskonzept gewerkelt, und ja, es gab auch politisch eher "rechts" Gestrickte, die auf den Zug aufsprangen. Man konnte damals 3 Richtungen bei den Grünen feststellen: a) Die „Ökosozialen“. b) Die „Realos“, die zwecks „Mitregieren um jeden Preis“ programmatische Inhalte den Ansprüchen des kapitalistischen Lobbystaates unterordneten. c) Die spöttisch als „Körnerfresser“ titulierte esoterisch orientierte Gruppe, die inhaltlich nach „rechts“ offen war. b) begann nach der ersten Parteigrosspende (50 000 DM vom Verband der chemischen Industrie) allmählich, die Lufthoheit über der Partei zu gewinnen. c) ist mit b) vereinbar, a) nicht. |
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liebe Claudia,
Wenn ich Sie richtig verstehe, meinen Sie im Kern, dass die Anti-AKW-Bewegung in ihren Anfängen eher unpolitisch war, dann "grün" wurde, und später auch rechts Gestrickte, wie sie schreiben, auf den Zug auf sprangen. Verzeihung. Ich verstehe Ihren Stolz, mit dabei gewesen zu sein. Den wollen Sie sich natürlich nicht nehmen lassen, schon gar in die Nähe einer reaktionären Ecke gebracht zu werden. Andererseits ist die führende Rolle des "Weltbunds zur Rettung des Lebens", gerade bei der Formierung des von Ihnen genannten Widerstands gegen den ersten deutschen Atommeiler bei Kahl, sowie dessen Leitung durch ehemals hohe NS-Funktionäre nicht zu bestreiten (s. auch wikipedia). Die ganze braune Historie dessen, was man in D "Naturschutz" nennt, mal vernachlässigt. Möglicherweise war es damals vielen Protestteilnehmern nicht bewusst, wer ihnen da die Protestfahne und das Informationsmaterial in die Hand drückte. Wenn dem so ist, und ich gehe mal davon aus, dann ist eine deutliche Klarstellung jedoch um so mehr erforderlich. Zumal das postfaschistoide Interesse sich bis in die Gründung der Grünen hinein munter fortsetzt (siehe Gruhl und Konsorten). Nicht nur das ich eine solche Klarstellung vermisse. Viel schlimmer. Es wird abgewiegelt und verharmlost. Statt dessen kommt Trittin auch noch mit seiner Hegemonie. Immerhin hat auch Trittin eine totalitäre (maoistische) Vergangenheit. Was steckt in den Grünen? Wir sind die Hegemonie der Guten? Mein Horror-Gefühl werde ich nicht los. |
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Das mit der Mitte hatte auch einmal der A.Kluge mit dem prosaischen Spruch "in Gefahr und Not bringt der Mittelweg den Tod" zu erklären. Herr Schoppenhauer hat sich bei seinem "Die Welt als Willen und Vorstellung" mit Dreieckzeichnerei die Mitte bildlich dazustellen. Das versuche ich jetzt einmal so: Die politische Mitte ist nicht in der Mitte auf einer Geraden zwischen Links und Rechts. Die ist eher als Eckpunkt eines idealerweise gleichseitigen Dreiecks zu verstehen, deren Eckpunkte Links und Rechts sind: In Maß, in dem der Gegensatz zwischen Links und Rechts (bei gleicher 'Fläche' = Gesamtmöglichkeit von Politik) anwächst, vergrößert sich das Winkelmaß des Eckpunktes 'Mitte' zum Terror der Mehrheit. Das Dreieck 'verflacht'.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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