gerhard monsees

Blog von gerhard monsees

20.06.2011 | 10:54

Die reaktionäre Seite des Atomausstiegs

 

"DieGrünen müssen dem Volk klar machen, dass es ihr Thema ist". "Die Grünen sind die Gewinner des Atomausstiegs, sie sollen davon profitieren". "Der Atomausstieg ist ein historischer Erfolg der Grünen". Sätze, die mir wie diese entgegenwehen, beleidigen mein historisches Gedächtnis. Zumindest ist mir nicht entgangen, dass es auch eine Zeit vor den Grünen gab. Dass Deutschland nicht nur die Wunder des Atomzeitalters bejubelt hat, eh die Grünen kamen. Selbst das 68er-Zeitalter mit seinen Transparenten gegen Autoritäten und Establishment hatte, wenn auch ziemlich abseits davon, mindestens eines gegen die Geister aus der Uranmaschine. Und die Nachfolgebewegungen der 70er hatten ohnehin nicht nur den Ausstieg aus Lohnarbeit, Unterdrückung und Atomraketen im Sortiment. 

 

 

 

Als Anfang 1960 die ersten Reaktoren ans Netz gingen, demonstrierte die Mehrheit der Deutschen privaten Wohlstand. So auch die Anschaffung diverser Energiefresser wie Kühlschrank, Waschmaschine, Haartrockner und Fernseher. Erste Mehrfachsteckdosen kamen auf den Markt. Viele glaubten an eine Energieschwemme, so billig, dass Stromzähler bald abgeschafft werden könnten. Allein eine kleine Gruppe älterer Herren, die sich „Weltbund zur Rettung des Lebens“ nannte, führte einen zähen und langen Kampf gegen die neue Technik. Günther Schwab, NSDAP-Mitglied und SA-Offizier, hatte den Bund 1960 offiziell in Bad Hersfeld gegründet. Erster Präsident der deutschen Sektion wurde der NS-Euthanasiearzt Walter Gmelin. Das Programm des Weltbunds hatte Schwab 1958 in seinem Roman Der Tanz mit dem Teufel skizziert. Nationalsozialistische Naturlehre über alles. "Der Verein wirkt für Erneuerung und Vertiefung des Lebens im Sinne der ewigen sittlichen Werte und der natürlichen Lebensordnung, gegen Überheblichkeit, Profitgier und Machtwahn, gegen die Mächte der Unordnung, Entartung, Ausbeutung und des Untergangs." Gefahren der Atomenergie werden in den "unabsehbaren Folgen der Radioaktivität auf das Erbgut der Deutschen" gesehen. 1970 hatten Schwab und der Bund laut wikipedia mehrere tausend DeutschMitglieder. 

 

Dass diese erste deutsche Anti-AKW-Bewegung aus den Selbstdarstellungen und Selbstbehauptungen der Grünen verschwunden ist, muss nicht verwundern. Der Weg der Grünen zu ihrer Grünwerdung war verschlungen und kleinteilig. Eher bunt als grün. In ihrer anfänglich vorhandenen Pluralität der Meinungen und Perspektiven waren die Grünen noch unverdächtig, einer totalitären Ideologie anzuhängen. Wenngleich gerade diese Vielfalt nebst bestimmten Äußerungen zur Gewaltanwendung von der Polit-und Medienklasse extrem beargwöhnt wurde. Rückblickend war ihre Zeit in den 80er und 90 Jahren ein Aushandlungsprozess. Die vielzitierte Auseinandersetzung zwischen "Fundis" und "Realos" liefert ein leicht vorstellbares Bild. Es übergeht jedoch, dass  bestimmte Klage- und Weltrettungsmentalitäten mit einer Tendenz zur Ökodiktatur in allen Fraktionierungen des grünen Spektrums vorhanden waren. Und noch sind.

 

Totalitäre Sprache duldet keine Pluralität von Zwecken. Sie duldet keine Konkurrenz von Entwürfen. Beliebt ist Angst. Vorzugsweise Angst vor einer Katastrophe. Das funktioniert als angenommene Bedingung und unabdingbare Voraussetzung einer alternativlos durchgreifenden Macht. Ich denke an Hannah Arendt und an das, was sie in den 50ern beschrieben hat. Hitler und Gleichgesinnte senden apokalypthische Angstsignale aus, und zwar mit einem darauf abgestellten Heilungsversprechen. Nachzulesen, aber verboten, in Hitlers Strategiekonzept "Mein Kampf":

 

 "Würde z.B. heute die Oberfläche der Erde durch irgendein tektonisches Ereignis in Unruhe kommen, so wäre in einer einzigen grausamen Katastrophe der Menschheit Kultur vernichtet. Kein Staat würde mehr bestehen, aufgelöst die Bande aller Ordnung, zertrümmert die Dokumente einer tausendjährigen Entwicklung, ein einziges großes, wasser- und schlammüberflutetes Leichenfeld".  "Denn darauf kommt eine solche Katastrophe öfter als einmal hinaus. Sie kann dann leicht zur Ursache einer nun mit äußerster Entschlossenheit einsetzenden Heilung werden".

 

Eine Technikkritik frei von totalitärer Rethorik und Absicht ist möglich. Prozesstechnologien mit hohem Gefährdungspotenzial müssen entsprechende Sicherheitsstandards erfüllen. Sie gehören nicht in erdbeben- und tsunami-gefährdete Regionen. Die internationale Kritik und die Warnungen, speziell auch gegen die sowjetische und später japanische Energiepolitik, waren von einem Differenzierungsvermögen getragen, das zwischen technologischem Wissen und alternativen Anwendungsmöglichkeiten zu unterscheiden vermochte. 

 

Die Kritik in Deutschland selbst hat sich in einem langen Prozess der Arbeit an Alternativen innerhalb eines weit in die Gesellschaft hineinreichenden Diskurses entwickelt. Kritisches Denken und partizipativer Dialog brauchen Zeit. Eine Menge folgenrelevanter Optionen stehen zur Verfügung und müssen rational abgearbeitet werden. Die differenzlos angstbesetzte Formel "Fukushima zwingt uns" rechtfertigt sturen Aktionismus. Sie spricht eine rein technokratische Machtsprache, mit der eine angeblich konsensuale Gesellschaft, die neue grüne "Hegemonie" (Trittin) beschwörend herbeiredet wird. Dessen anschleichendes Vorgehen ist nichts anderes als "Totalitarismus auf Samtpfoten".

 

 

 
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Kommentare
koslowski schrieb am 20.06.2011 um 13:59
Ich habe verstanden, dass Sie im beabsichtigten Ausstieg aus der atomaren Energieproduktion den Einstieg in eine "Ökodiktatur" sehen und als deren Agenten die GRÜNEN, denen Sie Anfälligkeit für totalitäre Phantasien unterstellen. Na gut, das ist ja nicht neu. Mich interessiert aber, ob Sie eine Zukunft der Energieversorgung ohne AKWs für möglich halten und wie Sie (ggf.) das Festhalten an der Atomtechnik politisch und moralisch begründen.
gerhard monsees schrieb am 24.06.2011 um 20:06
lieber koslowski,

es gibt Meinungen, die immer richtig sind, und Meinungen, die immer falsch sind. Vorzugsweise ist die eigene Meinung immer richtig, die Meinung des Gegners immer falsch.

Ich halte nicht an der Kernenergie "fest", aber am Internet, von dem ich mir erhoffe, dass es die Vielfalt der Möglichkeiten und Diskurse transportiert, die ich in den monotonen Wiederholungen der politischen Parteien und Altmedien vermisse.
gerhard monsees schrieb am 24.06.2011 um 20:06
lieber koslowski,

es gibt Meinungen, die immer richtig sind, und Meinungen, die immer falsch sind. Vorzugsweise ist die eigene Meinung immer richtig, die Meinung des Gegners immer falsch.

Ich halte nicht an der Kernenergie "fest", aber am Internet, von dem ich mir erhoffe, dass es die Vielfalt der Möglichkeiten und Diskurse transportiert, die ich in den monotonen Wiederholungen der politischen Parteien und Altmedien vermisse.
h.yuren schrieb am 20.06.2011 um 14:22
wer mit welchen thesen auch immer, an technologien festhält, die nachweislich nicht zu kontrollieren sind, auch nicht durch einen atomstaat, hat zu wenig von dem begriffen, was auf dem spiel steht.
z.b. kein wort zu den hochradioaktiven abfällen der atomindustrie.
z.b. kein wort zur realexistierenden diktatur des ökonomismus.
gerhard monsees schrieb am 24.06.2011 um 20:37
lieber yuren,

Sie glauben doch wohl nicht wirklich, dass es eine technologie gibt, die beherrschbar ist. "kontrollieren" können sie jede Technik, das ist nicht der punkt. wir sprechen von sicherheitsstandards und restrisiken, der derzeitige mainstream allerdings nur in bezug auf kernenergie.

eine machtpolitisch motivierte "hegemonie" (trittin), die ich kritisiere.
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