gerhard monsees

Blog von gerhard monsees

12.11.2011 | 13:24

Freitag-Community - kein Raum für Meinungsfreiheit?

 

Danke für die Kommentare zu meinem letzten Beitrag "Freitag entfernt kritische Blogs". Ich bin mehr als zuvor verunsichert. Es gibt Grenzen der Freiheit, keine Frage. Es gibt aber auch eine Freiheit der Meinung, die zwar durch die Verfassung geschützt sein sollte, aber immer mehr eingeschränkt wird.

 

Konkret: Eine Bloggerin hat die Finanzkrise 1929 mit 2011 parteipolitisch kritisch verglichen, diesbezüglich die Forderung der Nationalsozialisten nach Verstaatlichung der Banken nebst dem NS-Bankengesetz von 1937 mit der Forderung der Linkspartei nach Bankenverstaatlichung.

 

Man kann diesen Vergleich als Provokation empfinden, es völlig anders sehen, Argumente und Fakten dagegen setzen. Das ist aber kein Grund, den Blog und den Account zu entfernen. Ich sehe das genauso wie einige offensichtliche Minderheits-Foristen hier.

 

Es gibt eine Tendenz auch über den Freitag hinaus, die Meinungsfreiheit im Internet einzuschränken. Große und mittlere Verlagshäuser sind daran nicht ganz unbeteiligt. Sie haben mit ihrer konzentrierten Medienmacht viele Foren und Blogs eingerichtet, was nicht zwingend negativ sein muss. Aber wie zuletzt bei ZEIT-online geht das dann so, dass die Seite für offene Blogs plötzlich geschlossen wird, eine "Leserecke" mit Zulassungskontrolle installiert wird, wo man gleich erkennt, dass diese nur das wiedergibt, was ohnehin Redaktions-Linie ist.

 

Ergebnis: Blogs, die parteipolitisch unabhängig gegen den üblichen verbandelten Mainstream arbeiten, sofern es sie überhaupt noch gibt, werden immer mehr ins Abseits gedrängt. Wer die Macht über die Köpfe hat, hat die Macht überall.

 

 

Die Forderung des Freitag-Verlegers Jakob Augstein: "Das Internet muss ein Raum der Freiheit bleiben" ist eine schönklingende Pseudoformel, wenn eine brave, weil harmlose Buntheit mit Freiheit für Andersdenkende verwechselt wird.

 

 

 
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Kommentare
anna T. schrieb am 12.11.2011 um 13:59
>Ergebnis: Blogs, die parteipolitisch unabhängig gegen den üblichen verhandelten Mainstream arbeiten, sofern es sie überhaupt noch gibt, werden immer mehr ins Abseits gedrängt. Wer die Macht über die Köpfe hat, hat die Macht überall.<

>Man kann diesen Vergleich als Provokation empfinden, es völlig anders sehen, Argumente und Fakten dagegen setzen.
Das ist aber kein Grund, den Blog und den Account zu entfernen.<

Sehe ich genau so ...und ich muss an dieser Stelle loswerden,dass ich fast 20 Jahre >DIE ZEIT<(Print)gelesen habe,aber seit G. di Lorenzo
Chefredakteur ist, geht es abwärts mit DER ZEIT....
Ich ignoriere mein früheres Lieblingswochenblatt seit dem,wenn auch mit Wehmut,...und Zeit-online sowieso

Ich denke aber >der Freitag
anna T. schrieb am 12.11.2011 um 14:05
anna T. schrieb am 12.11.2011 um 14:48
hat etwas Schluckauf ....
>Der Freitag< ist oder wird schlau genug sein und sich gut überlegen ,welche Blogbeiträge nicht zu halten sind und drastische Maßnahmen nur dann ergreifen,wie z.B. Account löschen,wenn schon mehrmals" abgemahnt"wurde oder?
gerhard monsees schrieb am 12.11.2011 um 15:28
@anna t

schon mehrmals" abgemahnt"wurde oder?

Wenn "Abmahnung", muss es offen geschehen. Für mich gehört Transparenz und Nachvollziehbarkeit zur Meinungsfreiheit zwingend dazu. Sonst ist es Willkür.
anna T. schrieb am 12.11.2011 um 15:52
@gerhard monsees
ich habe hier schon einige Abmahnungen an Kommentatoren ,ganz transparent und irgendwie nachvollziehbar, gelesen.
Da lag die Willkür bei dem oder derjenigen, die das Recht auf Meinungsfreiheit etwas überstrapaziert haben..
gerhard monsees schrieb am 12.11.2011 um 17:26
@ANNA T

…dann wäre es wunderbar, wenn jemand nur von einer einzigen Abmahnung an Frau von Gutenberg berichten könnte. Genügend aufmerksame KommentatorInnen gab es mit Sicherheit.
Magda schrieb am 12.11.2011 um 14:19
Mir wäre es auch lieber, Blogs wie die von dieser Gutenberg-Frau, würden einfach nicht beachtet. Aber - nix mit Sektenwesen - man versucht, den vor die Füße geknallten intepretatorisch zersägten Mist, den die hier ausgekippt hat und immer im : Ätsch, bätsch Ihr seid doof -Stil" hin und wieder ernst zu nehmen. Das will der oder die aber gar nicht. Die wiederholt wie ein Automat ihre verqueren Thesen. Gut, dass die weg ist.

Ich glaube, ein gewisser goedzak hat sich dazu schon geäußert. So echt, dass ich erst dachte, das wäre sie.

Meinungsfreiheit aus dem PR-Wölkchen-Generator habe ich da erlebt.

Und Ihre Besorgnis kommt mir auch reichlich zweckgerichtet vor.
gerhard monsees schrieb am 12.11.2011 um 15:47
@magda

Für mich gibt es einen erheblichen Unterschied zwischen subjektiver Meinung, wo man vieles als "Mist" ansehen kann, und Meinungsfreiheit, die verfassungsmäßig auch dann gilt, wenn man eine bestimmte Meinung, weil man sie für "verquert" usw. hält, gerne "weg" haben möchte.

Wie "zweckgerichtet" meine Besorgnis ist, habe ich bereits geschrieben. Ich beziehe mich da voll auf Augsteins "Internet muss Raum der Freiheit bleiben".

Mit der bloßen Spruchebene kann ich nichts anfangen.
Magda schrieb am 12.11.2011 um 17:47
Freiheit - das ist auch so ein runiertes Wort.
Aber, sicherlich - auch Meinungsgeneratoren haben ein Recht auf eine Umdrehung. Sowas von unfruchtbar und sowas von konstruierten Argumenten und sowas von Verachtung aller anderen Teilnehmer hier im Saal.
Mein Gefühl war immer: Die benutzt die FC als Klo und findet es Scheiße, dass die anderen die Scheiße nicht gut finden.

Grenzenlose Freiheit gibts nicht. Und - am Ende: Ich weiß auch gar nicht, warum die hier verduftet ist oder verduftet "wurde". Vielleicht hatte sie schon zwei Nicks verschlissen und all so ein Zeug.

Übrigens: Gleiche Empfindungen hatte ich mal bei einem linkslastigen Blogger hier. Der war genau so. Die anderen waren für den auch nur Objekte der huldvollen Belehrung oder - wie bei Gutenberg - eigentlich eine "Meute". Stand sogar im Profil.

Irgendwann meutert halt die Meute. Pech für die gute noble Person.
GeroSteiner schrieb am 12.11.2011 um 18:30
Dazu möchte ich nur ein paar allgemeingültige Weisheiten als Zitate von François-Marie Arouet (*1694 +1778) genannt Voltaire ans Tageslicht zerren:

Ich bin nicht einverstanden mit dem, was Sie sagen, aber ich würde bis zum Äußersten dafür kämpfen, daß sie es sagen dürfen.

Je öfter eine Dummheit wiederholt wird, desto mehr bekommt sie den Anschein der Klugheit.

Am Grunde eines Problems sitzt immer ein Deutscher.

Sowie man Gutes tun will, kann man sicher sein, Feinde zu finden.

Je mehr einer weiß, desto mehr bezweifelt er.

Ich fürchte, mich zu kennen, und kann mich doch nicht ignorieren.

Es ist weit besser zu schweigen, als nur die Quantität schlechter Bücher zu erhöhen.

Um zweierlei beneide ich die Tiere: Sie wissen nicht, was an Bösem droht, und sie wissen nicht was über sie geredet wird.

Liebe die Wahrheit, aber verzeihe den Irrtum.

Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.

Die Verleumdung ist schnell und die Wahrheit langsam.

Das Vergnügen, recht zu behalten, wäre unvollständig ohne das Vergnügen, andere ins Unrecht zu setzen.

Es gibt viele Leute, die dazu bestimmt sind, falsch zu denken, andere dazu, gar nicht zu denken, und wieder andere dazu, diejenigen zu verfolgen, welche denken.

Mein Gott, bewahre mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden werde ich allein fertig.

Wer nur weise ist, führt ein trauriges Leben.

Ich habe gefunden, daß Menschen mit Geist und Witz auch immer eine feine Zunge besitzen, jene aber mit stumpfem Gaumen beides entbehren.

Es ist förderlich für die Gesundheit deshalb beschließe ich, glücklich zu sein.

Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.

Wir werden diese Welt ebenso dumm und ebenso schlecht zurücklassen, wie wir sie vorgefunden haben, als wir in ihr ankamen.


So. Heute Abend machen wir uns mal kein Butterbrot, sondern darüber ein paar Gedanken.
bertamberg schrieb am 13.11.2011 um 22:11
@ GeroSteiner schrieb am 12.11.2011 um 18:30

Allgemeingültige Weisheiten? Immer und überall? Kommt es nicht gelegentlich vor, dass man sich zwischen zwei Weisheiten entscheiden muss?

Von Joseph Joubert, französischer Moralist und Essayist
* 07. 05. 1754 - Montignac
† 04. 05. 1824 - Villeneuve-sur-Yonne :
„Das Ziel eines Konflikts oder einer Auseinandersetzung soll nicht der Sieg, sondern der Fortschritt sein.“

"Wir haben die Welt als ein Erbe empfangen, das zu verschlechtern keinem von uns erlaubt ist, das vielmehr jede Generation verpflichtet, es den nachkommen im besseren Zustand zu hinterlassen."

Und was hinterlassen wir noch unseren Kindern wesentliches ausser Müll, Radioaktivität und Staatsschulden, die zur privaten Bereicherung einiger Weniger gemacht wurden?
GeroSteiner schrieb am 13.11.2011 um 23:37
@bertamberg
"Und was hinterlassen wir noch unseren Kindern wesentliches (...)"
Hoffnung, Sehnsucht und ein Poesialbum voller guter Wünsche, Vorsätze und selbstloser Liebe.
bertamberg schrieb am 14.11.2011 um 09:45
@ GeroSteiner schrieb am 13.11.2011 um 23:37

Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Worauf sollen sich die Hoffnung, die Sehnsucht, die guten Wünsche und Vorsätze richten?

"Sowie man Gutes tun will, kann man sicher sein, Feinde zu finden." haben Sie als algemeingültige Wahrheit zitiert.

Und wie regeln wir jetzt die Chose mit der Meinungsfreiheit?
GeroSteiner schrieb am 14.11.2011 um 18:50
Es gibt so wenige Gewissheiten, davon leben Sehnsucht und Hoffnung. Bei den Wünschen und Vorsätzen halte ich es mit jenem irischen Trinkspruch:
"Mögest du leben, solange du willst,
und es wollen, solange du lebst."


Aber Regelungen zur Meinungsfreiheit? Da bin ich überfordet; aber ich habe immerhin eine Meinung.

Meinungsfreiheit ohne Handlungsfreiheit ist wertlos. Ich habe Leute kennengelernt, die unter Meinungsfreiheit nichts anderes verstehen, als die Freiheit von Meinung. Der oben im Blog zitierte Artikel war wohl eher unter Meinungsfrechheit zu subsummieren, denn unter Meinungsfreiheit - aber das wird schon mal verwechselt.

Echte Meinungsfreiheit gibt es letztlich nur da, wo es auch ein Recht auf Schweigen gibt, und sei es nur, um eine Situation, die zu einem intellektuellen Krieg führen könnte, nicht zu eskalieren.
bertamberg schrieb am 14.11.2011 um 21:16
@ GeroSteiner schrieb am 14.11.2011 um 18:50

Deeskalation - einverstanden. Recht auf Schweigen? Das musste noch nie erkämpft werden, wer schweigt stimmt in der Regel zu. Wäre es nicht besser, von einer Pflicht zum Schweigen zu sprechen, wenn eine Eskalation anders nicht vermieden werden kann?

"Ich bin nicht einverstanden mit dem, was Sie sagen, aber ich würde bis zum Äußersten dafür kämpfen, daß sie es sagen dürfen."

Wer die Meinungsfrechheit nicht ignorieren kann, sollte zur Meinungsfreiheit schweigen?
GeroSteiner schrieb am 14.11.2011 um 22:03
Das Recht auf Schweigen ist ja nicht immer und überall gegeben. Spätestens dann, wenn mit passenden Hilfsmitteln nachgeholfen werden kann. Hat in Staaten ohne Meinungsfreiheit auch eine gewisse Tradition.

Ist es eine Meinungsfrechheit, ist Schweigen der bessere Weg, solange niemand persönlich angegriffen wird.

Konflikte haben eine inhärente Dynamik. Diese Dynamik ist gemäß der Konflikteskalation nach Glasl ab einer bestimmten Stufe der Auseinandersetzung nicht mehr steuerbar [1]. Am Ende steht immer die Eskalation, die im schlimmsten Fall bis zur Vernichtung des Gegners bei maximalem Schaden geht, auch unter Inkaufnahme des eigenen Untergangs.
bertamberg schrieb am 17.11.2011 um 17:32
@ GeroSteiner schrieb am 14.11.2011 um 22:03

Danke, die Darstellung von Glasl kannte ich bislang nicht. Jedoch: es ist eine Modellvorstellung, ein Erklärungsansatz, man sollte nicht erwarten, dass das Modell immer 1:1 mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Zur conditio humana gehört eben auch, dass der Klügere aufgibt statt die Eskalation immer weiter zu treiben. Selbst wenn das tendenziell selten vorkommt, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der Mensch als Gattung sich weiterentwickelt hat, weil er auf eine kurzfristig angestrebte Belohung verzichten kann, wenn ihm ein in der Zukunft liegendes höherwertiges Ziel erstrebenswerter erscheint. (Tor Nørretranders: Homo generosus. Warum wir Schönes lieben und Gutes tun. Rowohlt, Reinbek 2004)

Insofern ist "Konflikte haben eine inhärente Dynamik" eine dogmatische Aussage, die mir zu starr erscheint.
gerhard monsees
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