gerhard monsees

Blog von gerhard monsees

02.09.2011 | 20:56

Hallo Kriegsdeutsche - heute ist Sedantag

 

 

Ein deutscher Außenminister liegt unterwürfig im Staub vor den Franzosen, ausgerechnet vor Franzosen, um kleinlaut deren Sieg im Libyen-Krieg einzugestehen. Und als Krönung dieser gefühlten Schande erheben sich Schimpfkanonaden der Schuldzuweisung und Amtsenthebung.

 

Es war schon immer eine besondere Art der Deutschen, zwar hin und wieder eine Schlacht zu gewinnen, aber Kriege zu verlieren, selbst gewonnene, weil sie dummerweise an solchen Gewinnspielen nicht teilgenommen haben. Am 1. und 2. September 1870 wurde eine französische Armee, bei der sich auch Napoleon III befand, von zwei deutschen Armeen zwischen der Festung Sedan und der belgischen Grenze eingeschlossen und zur Kapitulation gezwungen. Kesselschlacht. Generalformat für spätere Weltkriegsmezeleien. Postwendend nach Gefangennahme von Napoleon III durch die Deutschen riefen die Franzosen ihre französische Republik aus. 

 

Was rufen die Deutschen aus, wenn jetzt beispielsweise die Franzosen auch noch Gadaffi festnehmen? Eine Republik mit demokratischen Anspruch ist hierzulande schon vorhanden. Und weil wir, Franzosen und alle anderen Vernunftbegabten das Demokratiemodell für die einzig richtige Welt halten, müssen jetzt auch die Afrikaner das Ding bekommen, notfalls wieder aus einer transatlantischen "Flugverbotszone" heraus mit anschließender Bombadierung derer, die in Afrika noch irrenderweise irgendeinen anderen Weg gehen wollen. Wo altafrikanische Strukturen noch existieren, auch wenn viel europäischer Kolonialismus und Neokolonialismus schon dranhängt, haben sie für missionsbewusste Transatlantiker einen fast mumifizierten Charakter. Wo diese horrormäßige Kuriosität abgeschafft ist, soll sie nie mehr wiederkehren.

 

Haben Sie zufällig in ihrer Stadt eine Straße, die sich "Sedanstraße" nennt, oder wohnen sogar darin? Haben aber trotzdem keine besonderen geschichtlichen Stolzgefühle, wenn sie auf das Schild schauen? Mon Dieu Powerdeutsche, Europas mächtigste Zentralfiguren! Sedantag war der deutsche Nationalfeiertag schlechthin, mit Paraden, Beflaggung, Schulfeiern, absoluten Redefestivals und megabassverstärkten Hochgefühlen. Kein 3. Oktober, an dem man sich allenfalls an eine versehentlich umgefallene Mauer und an Kohls schräg gejaulte Nationalhymne erinnern darf. Vielmehr als ob die deutsche Nationalmannschaft die Fußballweltmeisterschaft gewonnen hätte, jedes Jahr erneut. Und die ganze Restnation kämpft jede Szene siegreich mit. So wie in Anbetracht von Deutschkönig Wilhelm inmitten seiner Paladine auf der Höhe von Fresnois, plus einem gigantisch stehenden Bismark, hochgebaut vor dem hässlichen Zwerg Napoleon auf morscher Holzbank in Domcheri.  

 

"Nun lasst die Glocken von Turm zu Turm

durchs Land frohlocken im Jubelsturm!" *)

 

"Mit dem 2. September beginnt ein neues Zeitalter 

- die Hegemonie des germanischen Geistes auf Erden". *)

 

Aber was weiß schon ein liberaler Ausminister Westerwelle, dieser anstrengungslose Nutznießer französischer Außenpolitik, von Hegemonie. Wie anders hätte es sein können, wenn eine superhegemoniale Exzellenz wie Jürgen Trittin ("Hegemoniefähigkeit ist die eigentliche Kunst") deutscher Außenminister gewesen wäre. Die lange Zeit störende deutsche Friedensbewegung in die grüne Kampfmaschine einsammeln und in sich vernichten, das ist wahre deutsche Kreuzritterhegemonie. Nach vierzig Jahren harter Entbehrung und fortgeschrittener Verweichlichung endlich wieder in einen Krieg ziehen, das haben die Bundesdeutschen immer noch dem alternativlosen Hegemonialanspruch eines Joschka Fischer zu verdanken. 

 

Franzosen waren Halbbarbaren und sind es immer noch. Wenn man schon Schnecken und Frösche frisst. Heute dürfen sie unsere europäischen Partner sein, aber doch nicht umgekehrt. Vielen ist es vielleicht nicht mehr so klar. Bei Sedan sind die tiefsten Grundlagen des deutschen Hegemonialbewusstseins entstanden. Jedes deutsche Kriegsbedürfnis lenkte seither seinen Ausbruch erstmal gegen Frankreich, egal ob was vorlag oder nicht. Wenn man so sieht, was in Afrika noch alles vorliegen könnte, sollten künftig deutsche Kriegsbetüchtigungen, selbstverständlich nur unterstützend und transatlantisch vernetzt, immer mit Afrika beginnen. Trittin soll dabei lenken.   

 

*) Geibel, Kreuzzeitung 

 

 

 

 
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Kommentare
Zeitleser schrieb am 02.09.2011 um 21:31
Na, Sie holen die dicksten dicken Berthas aus dem Giftschrank und ballern kräftig los, wohin ist egal, es möge die richtigen treffen. Sher erheiternd ist es, wenn Sie mit Sarko Napoleon III und mit Bismarck Trittin meinen, oder andersrum, möglich, ist aber egal! Westerwelle als Okkupant der Verdienste Sarko´s - auch lustig, war es doch der einzige mir bekannte Verdienst WW in der bekannten Kriegsaffaire NON zu sagen. Nun muss er dafür aber bluten - weil die politischen und journalistischen Sedannisten hierzulande es so wollen.
Rosa Sconto schrieb am 02.09.2011 um 21:53
Na dann mal los zum Rechtsradikalen Ewiggestrigen Treffen morgen in Dortmund und weiter flotte Sprüche klopfen Süsser! Und wenn Du die im weissen Kittel siehst, keine Angst die im weissen Kittel wohlen die nur helfen. Das wird hier immer toller tzzz....
Magda schrieb am 02.09.2011 um 22:13
@ Rosa - nich so aufregen, das ist doch einer von uns, der ist nur ironisch gemeint. Bestimmt. :-))
gerhard monsees schrieb am 02.09.2011 um 22:22
@rosa sconto

aber, aber. Hier gehts ums Im-Krieg-Sein oder Nicht-Sein. Um grüne Talibans vielleicht. Doch nicht um irgendeinen ZombieAusflug mit neobraunen Remmidemmi-Fahnen in die Dooortmunder KittelGegend. Probleme mit den Schriftzeichen?
Rosa Sconto schrieb am 02.09.2011 um 22:43
@ Magda , puh..., hatte es ja gehofft... wg der "superhegemoniale(n) Exzellenz" Das konnte nur ironisch sein...Trotzdem Dank für den "Tranquilizer"
@ Gerhard, manchmal kommt mir die Galle hoch und steh dann vollkommen auf der Leitung. Das liegt dann wohl an "grünen Talibans" (sorry).
Vergangenes Jahr hatten die wenigstens noch ein paar öffentliche Erklärungen zu diesem jährlichen Nazitreffen in Dortmund, dieses Jahr sind sie ganz ins Koma gefallen.
Magda schrieb am 02.09.2011 um 22:06
Jaja, der Sedantag und der Franzmann. Sehr gut, diese Erinnerung.

Und hier ist noch eine Strophe aus dem Degenhardt:

Deutscher Sonntag

"Dann geht's zu den Schlachtfeldstätten,
um im Geiste mitzutreten,
mitzuschießen, mitzustechen,
sich für wochentags zu rächen,
um im Chor Worte zu röhren,
die beim Gottesdienst nur stören.
Schinkenspeckgesichter lachen
treuherzig, weil Knochen krachen
werden. Ich verstopf die Ohren
meiner Kinder. Traumverloren
hocken auf den Stadtparkbänken
Greise, die an Sedan denken.
Tada-da-da-dam..."

www.franz-josef-degenhardt.de/disco/titel/lieder/deutschersonntag.html
Zeitleser schrieb am 02.09.2011 um 22:26
Na, das ist aber auch stark: Sarko und den Franzmann gleichzusetzen. Dass sie ihn gewählt haben, ist ihnen inzwischen ziemlich peinlich.
gerhard monsees schrieb am 02.09.2011 um 22:31
@magda

wenn die Spinne Langeweile...

Stark. Fällt mir jetzt erst auf, dass er Sedan mit drin hat.
Magda schrieb am 02.09.2011 um 23:04
Der Sedantag kommt auch bei Theodor Fontane vor. Da moniert der alte Briest, dass ihm irgendwelche Leute den Sedantag restlos verdorben hätten.

Ach Sedan -danach kamen die Klatschmohnfelder Flanderns und Verdun. Und danach kam ein Frieden, der den neuen Krieg in sich hatte und die Unzufriedenen und die Freikorps und so wälzt sich die Geschichte durch die Zeiten.

Gruß an die Spinne und die Spinne Langeweile.
Ullrich Läntzsch schrieb am 03.09.2011 um 14:27
@Zeitleser 22:26

Lieber Zeitleser,

wie peinlich wird sich erst bei den Wahlen erweisen.

grüße
Dabularasa schrieb am 02.09.2011 um 23:37
Das können wir ja froh sein das das NPD Afrika Korps unter Führung von Aussitzminister Westerwelle zu Hause bleiben konnte.

Vor Tobruk haben wir schließlich bereit genug (Gerommelt)

Der Sedantag ist ja nach Beschluss des Innenministeriums der Weimarer Republik (1919) seit fast einem Jahrhundert kein Feiertag mehr.
Der Sedantag wurde bereits nach der Einführung vor allen von den Sozialisten/Arbeiterschaft als Tag der Kriegshetze angesehen.
Insofern kann man den Bezug zur Situation und dem Verhalten der Nato in Libyen ohne weiters herstellen.

Danke für den interessanten Artikel.
gerhard monsees
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