gerhard monsees

Blog von gerhard monsees

08.01.2012 | 19:53

Standardsituationen der Kapitalismuskritik

 

Der  Kapitalismuskritiker hat zweifellos die bequemere Stellung. Er braucht nur seine Ismen abzulaufen, Kapitalismus weg, Sozialismus her, fertig ist die Weltgeschichte. Sobald eine Gesellschaft von der Bedarfsdeckung zur Luxusproduktion übergeht, kann man sicher davon ausgehen, dass eine überwältigende Mehrheit der Meinung ist, an diesem Übergang nicht entsprechend beteiligt zu sein. Auch das macht den Kapitalismuskritiker zu einer leichten Figur, die schon die Antwort weiß, bevor überhaupt die Fragen richtig formuliert sind.

 

Wenn dann nach Phasen reichlicher Verschwendung und Schuldenmacherei noch eine Krise durch die Welt geht und das bürgerliche Besitzstandsdenken nachhaltig erschüttert, wollen selbst konservative Zeitgenossen den Kapitalismuskritiker umarmen, ihm zumindest signalisieren, dass man schon glauben mag, dass "die Linke Recht hat". Und das Gegenstück, das man mit angehübschten Zusätzen wie "demokratisch" immer noch "Sozialismus" nennt, wird gleich zur Zauberformel, weil die realsozialistische Vergangenheit nach zwanzig Jahren schon lange nicht mehr eine ist, aus der man im Sinne eine Negativerfahrung noch etwas lernen möchte. Selbst wenn ein kommender Sozialismus die Reichtumsverhältnisse reduzieren sollte, will man doch erwarten dürfen, dass es vor allem die betrifft, die aus Sicht eines sich permanent benachteiligt fühlenden Massenindividuums es auch wirklich treffen soll. 

 

Hat jemand den regulierenden Staat und den zu regulierenden Markt noch nicht zum Staatsregelmarkt zusammengebracht, bekommt er automatisch den Titel "Neoliberalist". Auch das gehört zu den Bequemlichkeiten eines Kapitalismuskritikers, dass es nur das gute Eine und das schlechte Andere gibt. Der Andere wird damit zur anachronistischen Figur, die schon mal vorbereitend in die ideologische Ecke zu stellen ist, vorzugsweise in den Kreis berüchtigter Chicago-Boys mit noch berüchtigteren Tätigkeiten  für chilenische Militärputschdiktatoren. So schaut man auch leichter voraus, wenn simpel vorstellbar zu machen ist, wie eine rechtfühlende Mehrheit sich von Konzernen und sonstigen Machteliten unrechtmäßige Aneignungen zurückholt.

 

Überführung in gemeinschaftliches Produzieren und Genießen, ökologisch wertvoll und auch geschlechtergerecht, natürlich ohne Personenkult, ohne Unterdrückung und Einheitspartei - der schöne Traum vom Sozialismus des 21. Jahrhunderts macht jeden Zweifler zu einem egomanischen Restproblem. Der Umgang mit diesem Restproblem ist das einzige Problem, bei dem der zum realen Sozialisten entwickelte Kapitalismuskritiker vermutlich an Bequemlichkeit verliert.    

 

 
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Kommentare
abghoul schrieb am 08.01.2012 um 20:07
Vielleicht erstmal mit der eigenen Ansage anfangen?
"Nicht wogegen ich bin, das wer dagegen ist" sondern "Wofür wollen sie denn stehn Mr. Monsees?"
Wo solls hingehn? Was geht denn besser?
Feudal Kapitalismus? Oligarchie?
Sklaverei wieder einführen? Zwangsentleibungen von Langzeitarbeitslosen zur medizinischen Weiterverwertung?
bambulie schrieb am 08.01.2012 um 20:17
Kritik kommt bekanntlich immer dann auf, wenn ein System in Schieflage gerät. Der Spaß hört spätestens dann auf, wenn der Steuerzahler die irre gewordenen Finanz-Casinos auch noch finanzieren muss. Systemrelevanz als Grund dafür anzuführen, dass der Steuerzahler bluten muss, ist mindestens genauso verwerflich, als wenn ein System die Kolchosen Wirtschaft praktiziert.

Noch nicht mal eine lächerliche Finanztransaktionssteuer die in der EU (unter der Annahme eines Satzes von 0,1 Prozent auf Aktien und 0,01 Prozent auf andere Finanzprodukte - Derivate) pro Jahr etwa 55 Mrd. Euro einbringen könnte wurde bis dato von den verantwortlichen Politikern realisiert.

Warum auch? Sich das Geld von Lohnabhängigen zu holen ist halt wesentlich einfacher und man verscherzt es sich mit dieser altbewährten Methode auch nicht beim Geldadel. Die Türen nach gutbezahlten Jobs in der Privatwirtschaft bleiben dadurch für Politiker nach Ablauf ihres Mandates jedenfalls bestehen.

In Deutschland gibt es mittlerweile über 90 Milliardäre - und es werden von Jahr zu Jahr mehr.

Fazit:
Die Reichen werden reicher -
Die Armen werden zahl-reicher.

www.stern.de/wirtschaft/job/deutscher-geldadel-die-reichsten-der-reichen-547531.html
gerhard monsees schrieb am 08.01.2012 um 21:57
@bambulie

"Systemrelevanz als Grund dafür anzuführen, dass der Steuerzahler bluten muss" - Jetzt komm noch einer und behaupte, ich hätte hier beim Freitag keine Gleichgesinnten.

Finanztransaktionssteuer ist Problem für den kleinen Handwerker, der sich mit Aktien eine staatlich unabhängige Rente verschaffen möchte.

"Die Reichen werden reicher" - hängt wohl leider mit den "Blutungen des Steuerzahlers" und darauf abhebender Staatskreditierung zusammen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 08.01.2012 um 21:45
Zornig, weil den Unterschied zwischen "Ablehnung" und "Kritik" noch nicht zur Kenntnis genommen?

"(...) Figur, die schon die Antwort weiß, bevor überhaupt die Fragen richtig formuliert sind."

An dieser Stelle hätte den Leser nichts mehr interessiert, als wenigstens den ungefähren Wortlaut der richtigen Fragen zu erfahren. Brüllen Sie mich doch bitte nicht so an. Bringen Sie mir lieber was bei.

"Hat jemand den regulierenden Staat und den zu regulierenden Markt noch nicht zum Staatsregelmarkt zusammengebracht, bekommt er automatisch den Titel "Neoliberalist"."

Oh herre, von wem denn? Mit solchen Leuten könnte ich aber auch nicht..

In jedem zweiten Satz steht das Wort "Kapitalismuskritiker". Was hat dieses Wort mit den restlichen Worten des Textes zu tun?

Muss ma davon ausgehen, dass Sie eine generelle Abneigung gegen - selbst konstruktiv intetionierte - Kritik haben? Der schludrige Umgang mit dem Begriff des "Kritikers" lässt jedenfalls vermuten, dass auch Ihnen nicht die Dialektik inne wohnt, welche Sie beim.. beim.. na, wen auch immer Sie da halt meinen, so schmerzlich vermissen.

Ich, der ich mich selbst als einen Kapitalismuskritiker bezeichne, kenne die Vorzüge des gedanklichen Für und Wieder, seien Sie sich dessen sicher.

Grüße von Herrn Katzer
Ehemaliger Nutzer schrieb am 08.01.2012 um 21:49
Oh, ich habe in der vorletzten Zeile ein "e" zu viel hinterlassen, dafür fehlt weiter oben ein "n". Das habe ich noch hier. Vielleicht können wir die Buchstaben bei Gelegenheit austauschen..?
gerhard monsees schrieb am 08.01.2012 um 23:00
@herr katzer

Ob Brüller oder Leisetreter oder was sonst noch, alles eine Frage der jeweiligen Gemeinde.

Ein Kapitalismuskritiker, der das Für und Wider kennt, müsste auch die Fragen kennen. Ich sage es jetzt noch mal: Fragen kommen insbesondere aus einer Erinnerungskultur bezüglich das, was realsozialistischer Traum und seine Wirklichkeit schon mal war. Fragen kommen auch aus einer nüchternen Vorstellung von dem, was Ideen, Innovationen, Veränderungen und Beseitigung von Übelständen wirklich transportieren kann.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.01.2012 um 00:20
Müsste, hätte, könnte.

Kurz und knapp: Ich bin erst knapp 33 Jahre alt, wohne zeitlebens in NRW, habe meine Jugend in den 90ern vergeudet und kenne den Terminus "realsozialistischer Traum" lediglich vom Hörensagen. Geschweige denn dessen Wirklichkeit.

Ich bin mit Ihren Assoziationen das Wort "Kapitalismuskritiker" betreffend nicht einverstanden. Keine Ahnung, wo Sie die herholen. Ich will Rheinischen Kapitalismus, nicht mehr und nicht weniger. Der bringt niemanden um, beraubt niemanden der persönlichen Freiheiten und gut is. Entschuldigung: "wär".
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.01.2012 um 00:30
Ach das noch:

Ist es nicht möglich, dass "Brüller" und "Leisetreter" in ein und der selben Gemeinde engagiert sind? Und wenn ja, warum nicht? Warum abermals so undialektisch?
gerhard monsees schrieb am 09.01.2012 um 11:38
@herr katzer

Dialektisch wie man es eben an Rhein und Ruhr ist.
gerhard monsees schrieb am 09.01.2012 um 11:45
@herr katzer

Klingt als wohnten Sie in Düsseldorf. Wenn ja, sage ich als Ruhrstadtexperte, gut is, inklusive Rheinkapital. Soweit noch vorhanden, auch für Ruhrkapital.
gerhard monsees schrieb am 09.01.2012 um 12:36
@ Herr Katzer

Erinnern Sie sich noch an Ihre Frage?

"An dieser Stelle hätte den Leser nichts mehr interessiert, als wenigstens den ungefähren Wortlaut der richtigen Fragen zu erfahren."

Und meine Antwort?

Alle Kapitalismuskritiker antworten nur "die Märkte kollabieren", normativ-technokratisch in Richtung "Hauptwiderspruch", worauf das Messer durchregulierende Staatsmacht geöffnet wird. Man hört sich vielleicht Rammstein an, aber fragt nicht, was "die" Märkte empirisch sind, woraus sie bestehen, und warum sie sich so entwickeln wie sie sich entwickeln.

Man denunziert Selbstverantwortlichkeit und gibt sich selbst beim überhöhten Staat ab. Man hält das für radikal, und merkt nicht, dass man gerade eine der schlimmsten Formen von Konformismus durchläuft.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.01.2012 um 00:12
Hörense mal, Herr Monsees,

ich seh dat alles grad erst ma hier.
Düsseldorf ist meine kleine Hauptstadt, die Hannelore meine Landesmami, so viel steht mal fest.

Ich schaffe es bei so vielen "mans" nicht, in eine Diskussion einzusteigen. Wer ist "man"? Wer ist "alle Kapitalismuskritiker"? Soll ich das sein? Bin ich einer Ihrer "mans"?

Wozu dann diskutieren?

Ich sag kurz, was ich für ein Kapitalismuskritiker bin. Wenn die FDP das, worüber sie spricht, ernst meinen würde, dann wäre ich geneigt, zu erwägen, diese zu wählen. Wenn es ihr also um "Rahmenbedingungen" für "funktionierende Märkte" ginge. Oder wenn "Leistung" (nicht Status) sich tatsächlich "lohnen" solle.

Tatsache ist aber, dass die FDP seit Jahrzehnten keine liberale Partei mehr ist, sondern nur noch der verlängerte Arm von Arbeitgebern, Großkonzernen, Geldadel und Lobbyorganisationen.

Mir geht es - im Vergleich zu dieser FDP - nicht um freie (sprich deregulierte, oligopolisierte) Märkte, sondern um freie Menschen aller Orten. Ich will Marktwirtschaft aber keine Zwei-Klassen-Marktwirtschaft.

Und ich will keine Diskussion führen, bei der ich schon verloren habe, bevor ich den Mund überhaupt aufgemache. Ich bin nicht "man".
Uwe Theel schrieb am 08.01.2012 um 23:23
@ gerhard monsees

"Der Kapitalismuskritiker hat zweifellos die bequemere Stellung. Er braucht nur seine Ismen abzulaufen, Kapitalismus weg, Sozialismus her, fertig ist die Weltgeschichte."

Solche Formulierung Herr Monsees-Nonsens mag zwar als Projektion Ihrer eignen nur allzu dürftigen "Marxistenkritik" - zu Kritik am Marxismus sind Sie bisher noch nicht einmal dem Anschein nach gekommen - für die Schlichtheit Ihres Denkens ein gutes Indiz sein, kann aber als der Hebel, den Sie meinen anzusetzen, niemals dienen. Kein linker Theoretiker würde so blödsinning formulieren oder gar denken, oder, um es mit Ihren eigenen Worten zu formulieren: "Auch dieser Versuch (Ihrerseits) war dilettantisch".
gerhard monsees schrieb am 09.01.2012 um 11:16
@Uwe Theel

Hallo, da nonsen Sie aber gleich einiges durcheinander.

Marx, der übrigens aus guten Gründen diesen Ismus- "Kapitalismus" nie verwendet hat, ist hier ein ganz anderes Format. Weit hinter der "Kritik der politischen Ökonomie" zurückzufallen, sie hatte wenigstens noch überprüfbare Substanz ("Gesetz tendenzieller Fall der Profitraten"), ist präzise das, was die "bequemere Stellung" dem Simpel so angenehm erscheinen lässt.

Man kann aber nach Aufstieg und Fall realsozialistischer Systeme im 20. Jh auch nicht auf Marx zurückfallen, das ist, wie Sie es meinen sagen zu müssen, "blödsinnig".
Uwe Theel schrieb am 09.01.2012 um 13:06
@ gerhard monsees am 09.01.2012 um 11:16

Hallo Herr Monsees,

von den -Ismen schrieben Sie zuerst, nicht ich.

Sie führten den Begrif "Kapitalismuskritiker" ein und prägten ihn in einer Weise, der nicht seriös war.

Inwieweit Epigonen von Marx oder in seinem Namen geführte historische Realisation hinter diesen zurückfielen, was ich nie auschlösse - müssten Sie dann aber im Einzelfall am historischen Prozess nachweisen und nicht mit derartigen, eben dann doch nur bürgerlichen Stammtischparolen belegen, die nur und dann abstrakt und falsch pauschalisieren.

Wenn man "aber nach Aufstieg und Fall realsozialistischer Systeme im 20. Jh auch nicht auf Marx zurückfallen" dürfe, wie Sie schreiben, dann müssen Sie auch den folgenden Widerspruch auflösen: Wenn diese Realisateure Marx gar nicht erreichten, bzw. mindestens hinterihn zurückgefgallen seien, dann gälte es sowieso Marx erst noch zu erreichen und es könnte keine Rede davon sein, er sei obsolet geworden, wie Sie behaupten.
Uwe Theel schrieb am 09.01.2012 um 13:36
Nachtrag:

Um es Ihnen nicht zu einfach zu machen:

"Hinter Marx zurückfallen" meint natürlich nicht: "Beweisen, dass Marx a priori (in welchen Punkten?) irrte".

Nur das wäre ein in Ihrem Sinne ein Beweis gegen Marx(ismus). Ich habe sie bisher nur so verstanden, dass "zurückfallen hinter" meint, seinen Analysestand nicht einmal zu erreichen, also quasi von Marx selbst schon a priori widerlegt zu sein. Andernfalls Sie den Marx`schen Analysegang selbst schon als falsch belegen müssten, was Sie aber, s. Ihre Einlassung zur Kritik der Politischen Ökonomie nicht zu meinen scheinen.
g. schrieb am 09.01.2012 um 05:23
Wenn Sie eine Eloge auf den Kapitalismus und seine Befürworter schreiben wollten, müssten Sie nur wenige Worte in ihrem Artikelchen austauschen, statt Kapitalismuskritiker etwa Kapitalismusbefürworter und schon stimmt die Laube auch andersrum.
Kritik, lieber Gerhard Monsees, hat was mit Unterscheidung zu tun.
gerhard monsees schrieb am 09.01.2012 um 11:27
@g

Man kann einen Text auch verkehrt herum lesen. Das ist hier vielleicht noch bequemer, als ihn richtig zu lesen. Besonders das Gegenstück "Sozialismus" verkehrt zu lesen, ist XXL-bequem.
g. schrieb am 09.01.2012 um 06:04
radikal parteilos, lese ich gerade, ist ihr Motto. Sie sind doch hoffentlich kein Autonomer?
gerhard monsees schrieb am 09.01.2012 um 11:39
@g

Angst vor Autonomie?
Daniel Domeinski schrieb am 09.01.2012 um 13:23
@Monsees

"Angst vor Autonomie?"

Menschen wie Sie sind doch die ersten, die nach einem starken Staat und dem Führer rufen, wenn Sie sich von Linken und den "gierigen Massen" bedroht fühlen.
Können Sie mir ein kapitalistisches System nennen, das ohne einen starken Staat ausgekommen wäre?
Wieso haben Neoliberale so viel Angst vor den offenen Wettstreit der Ideen, den Sie so gerne predigen?
cuchulainn schrieb am 09.01.2012 um 14:48
"Wieso haben Neoliberale so viel Angst vor den offenen Wettstreit der Ideen, den Sie so gerne predigen?"

die ersten modernen demokraten waren liberale und die liberalen waren schon immer die modernsten demokraten. dieses erbe sind sie halt nie losgeworden.

darum.
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