gerhard monsees

Blog von gerhard monsees

23.12.2011 | 13:53

Wulff und Wagenknecht zwischen Wut und Wahnsinn

 

Meine Desillusionierungen bezüglich angeblich noch vorhandener Demokratie und Rechtsstaatlichkeit entwickeln sich jeden Tag. Wenn Wulff in seiner kommenden Weihnachtsansprache sich zum Präsidenten einer Art von Semi-Diktatur erklären würde, würde ich sagen, willkommen in der bundesdeutschen Realpolitik.

Etwas demokratisches kann ich nur in Gesellschaften erkennen, in denen strikt zwischen Amt und Privatleben unterschieden wird und Recht ohne Ansehen von Amt, Person bzw. privaten Vorlieben angewendet wird. Stattdessen kommen bei mir immer mehr politische Sachen an, in denen die Grenzen zwischen Ämtern, Personen und Privatleben verwischt werden. Selbst hier im Freitag werde ich mit Artikeln konfrontiert, die das Liebesleben von Wagenknecht und Lafontaine verbreiten, nach dem diese es selbst nicht lassen konnten, es in die Öffentlichkeit zu pressen.

Diktaturen neigen dazu, das Kollektiv und die von einer Partei besetzten Ämter anzuhimmeln, um gleichzeitig den Einzelnen und sein Privatleben einer totalitären Anpassungsmechanik auszusetzen. Sie produzieren eine Fassade aus politischen Führungsfiguren, die von der Masse wie private Freundschaften anzunehmen sind, während hinter der Fassade der Machtkampf tobt. Neue Figuren steigen auf, andere fallen plötzlich in Ungnade, werden Gegenstand einer gleichgeschalteten Kampagne, aufgrund derer die Meute ihre personalisierte Wut abzuliefern hat. 

  Vorteilsnahme im Amt sollte in einem Rechtsstaat eine Angelegenheit sein, über die parteipolitisch unabhängige Gerichte entscheiden, und zwar ohne Ansehen der Person. Ich habe diesen Präsidenten nicht gewollt. Ich brauche überhaupt keinen  Präsidenten, auch nicht dieses Amt, schon gar nicht wenn es jetzt dazu instrumentalisiert wird, die Erregungsmasse in Richtung einer Art medialer Meutenjustiz zu treiben. Politiker, deren Privatleben in die Öffentlichkeit getragen wird, beziehungsweise die selbst ihr Privatleben forciert in die Öffentlichkeit tragen, sind Anzeichen einer nachhaltig falsch verstandenen Demokratie.

 

 

 
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Kommentare
Achtermann schrieb am 23.12.2011 um 14:31
@gerhard monsees

Politiker, deren Privatleben in die Öffentlichkeit getragen wird, beziehungsweise die selbst ihr Privatleben forciert in die Öffentlichkeit tragen, sind Anzeichen einer Diktatur beziehungsweise einer nachhaltig falsch verstandenen Demokratie.

Ich finde, du hast sehr schnell verabsolutierende Begriffe wie "Diktatur", "Meutenjustiz", "Semi-Diktatur" oder "totalitären Anpassungsmechanik" zur Hand. Wer mit Wörtern wie diesen derart inflationär umgeht, neigt oft zu voreiligen Urteilen, die der Differenzierung bedürften. Darüber hinaus machst du diese Begriffe stumpf, wenn du sie auf die heutigen europäischen Verhältnisse anwendest.
gerhard monsees schrieb am 23.12.2011 um 15:55
@achtermann

Ich sehe das Internet immer noch als eine Art von Gegenöffentlichkeit, aber auch immer weniger bzw. immer mehr als Echo dessen, was massenmedial verbreitet wird.

Differenzierung, die Du forderst, ist gut, wird nur leider nicht gelesen, meine Erfahrung. Ich kenne hervorragende Differenzierungen, auch hier beim FC, bezüglich Individuum, Privatleben, Politik, Massenbewegungen, diktatorischen Entwicklungen und Strukturen. Nur werden sie leider nicht gelesen, weil sie den potenziellen Leser zwangsläufig mit zuviel Textmasse konfrontieren. Und nicht wenige differenzierte Texter haben den Freitag, möglicherweise sogar das ganze Internet wieder verlassen.

Der große Vorteil des Internets ist aber der mögliche direkte Dialog. Der Text darf oder muss sogar grob sein. Die Diskussion darüber sollte aber schon mehr bringen.

Leider besteht auch beim Freitag die Diskussion oft nur in einem gegenseitigen Bestätigen der gegebenen Meinungen, oder aber, bei provokativen Texten, in gegenseitiger persönlicher Beleidigung. Dies haben übrigens auch andere schon oft kritisiert.

Ich versuch hier beim FC immer noch meinen Wunsch mit der Internet-realität zusammenzubringen.
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