GeroSteiner

Fraktale des Humors

27.07.2011 | 13:41

Oslo, die Menschen und ihre Trauer

Die Norweger trauern nach dem Massenmord auf Utøya still und in sich gekehrt. Das Unfassbare zu fassen, das Undenkbare zu denken ist über die Maßen schwer.

Heute morgen fand ich in der Aftenposten ein Gedicht von Olav Hauge, das einen Aspekt der momentan herrschenden emotionalen Situation im Land recht gut beschreibt. Dass möchte ich mit Ihnen teilen.

Damit es nicht völlig im luftleeren Raum stehenbleibt, habe ich die ins Deutsche übertragene Sprechweise und eine Übersetzung (soweit mir das möglich war) beigefügt.

 

No er min hug still
etter bylgja slo.
Ørnane heim stig
med blodga klo.

- Olav
H. Hauge -

 

 

(Gesprochen - deutsch)
Nu ärr min hüg still
etta büilgcha sluh.
Örnane heyhm stieg
me bluhga kluh.

(Übersetzung)
Nun sind meine Gedanken ruhig
nachdem die Welle schlug.
Der Adler steigt in die Höhe
mit blutigen Klauen.

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 27.07.2011 um 14:49
@GeroSteiner

Danke für das stimmige Gedicht zur Trauer in Norwegen

Das mag jetzt selbst der Attentäter und Massenmörder Anders Behring Breivik selbstmordgefährdet auf Drogenentzug auch in seiner Zelle denken und gleichzeitig obskur darüber sinnen, dass es ihm gelungen ist, Hunderttausende norwegische Landsleute in Trauer Events zusammenzuführen, auch wenn diese Hunderttausenden hernach wieder in ihre hermetisch abgegrenzten Gesellschaftszonen zurückkehren, als wäre nichts "Wirkliches" geschehen?
Joachim Petrick schrieb am 27.07.2011 um 21:31
@GeroSteiner

"Nun sind meine Gedanken ruhig
nachdem die Welle schlug.
Der Adler steigt in die Höhe
mit blutigen Klauen."

so naturverbunden das Gedicht ist, es läßt viele Fragen der Betroffenen offen, so dass erst die kommende zeit entscheidet, was ist, ist es hohe Zeit der Rache,Einkehr im Frieden mit sich und der Welt, persönliche Besinung oder doch Krieg mit Mutter Natur, wenn es um Walfang, wenn es um die Ausbeutung von Öl- und Gasreserven in der Erde geht?

Tragen die Norweger/innen nicht eher ihre wirkliche Meinung, weniger Zunge zeigend im Hauptsatz, denn erruptiv kurz vor dem aufblitzenden Platzen im Donnerwetter Nebensatz ?

Gibt es bei den mannigfaltig kulturellen Unterschieden zwischen Mitteleuropäern, Norwegern nicht in vielerlei Hinsicht Missverständisse bis hin zur Beurteilung der norwegischen Staatstrauer als nahezu stilles "Heldengedenken"?
GeroSteiner schrieb am 28.07.2011 um 00:38
Die Welt ist voller Missverständnisse. Immer und jederzeit.

Will man die Norweger in ihrer Trauer verstehen, dann muss man sich schon hinbemühen, das Hochmoor erwandern, einen Fjord sehen, ihre Sprache lernen, ihre Geschichte kennenlernen, wissen, woher die vielen Bunker an der Küste stammen, den "Snorre" gelesen haben, das Verhältnis der Norweger zu Dänemark kennen, wissen, warum es in Norwegen zwei Sprachen gibt und die ältere der beiden ausgerechnet Nynorsk (neu-norwegisch) heißt, warum die Norweger so gut wie keine Pilze sammeln und was am 17. Mai gefeiert wird.

Wikinger wird man nicht. Man ist es, oder man ist es nicht.
Joachim Petrick schrieb am 28.07.2011 um 01:13
@GeroSteiner

Stammst Du selber aus Norwegen?

Die Mutter meiner Frau kam aus einem großen Clan in Bergen/Norwegen

Bei allem:

Nicht zu vergessen der 13. August 1905 als nationaler Feiertag der Befreiung aus der Umklammerung Schwedens:

wikepedia:
"Es folgten 91 Jahre Personalunion mit Schweden, bevor diese nach einer Volksabstimmung, in der sich eine überwältigende Mehrheit der Norweger für die Beendigung der Union ausgesprochen hatten, am 13. August 1905 aufgelöst wurde. Norwegischer König wurde als Haakon VII. Prinz Carl aus dem Haus Glücksburg.
Dreizehn schrieb am 27.07.2011 um 17:21
Nein ich will nicht streiten. Schon gar nicht bei diesem Thema. Wahrscheinlich geht mir die gesamte mediale Berichterstattung als eine Inszenierung gewaltig auf den Nerv. DLF, Di, 26.07, 7:40 Uhr: Stimme (von der Demo aufgenommen), stockend, von Schluchzen untermalt (hab ich mitgeschrieben): "unfassbar .. einfach nur schön, heute hierzusein". Ein event - oder was? Manchmal wäre es anständig, zumal aus Respekt für die Toten, einfach die Klappe zu halten, aber die Medien sind bekanntlich eh schräg gepolt.

Mit allem Vorbehalt: Wird da nicht bereits wieder der Emotionshighway ausgelegt, auf dem doch bitte jedermann zu gehen hat?

Das Problem sind meines Erachtens - tut mir leid, gerosteiner, das ist vielleicht der falsche Parkplatz für diese Standortbeschreibung, doch wie, bitteschön, soll ich jetzt wechseln? - die totalitären Herrschaftsstrukturen [Obrigkeit, preußische, auch: Gouvernementalität, Foucault], und ebenso lassen sich ja Selbstmordattentate aus bitterer Verzweiflung und der Erfahrung völliger Ohnmacht erklären.

Ich sortiere den Osloer Attentäter in diese Kausalität. Das Links-rechts-Muster, obgleich ich es gern anwende, ist meines Erachtens nachrangig.
Joachim Petrick schrieb am 27.07.2011 um 17:44
@Dreizehn

"Mit allem Vorbehalt: Wird da nicht bereits wieder der Emotionshighway ausgelegt, auf dem doch bitte jedermann zu gehen hat?"

In der Tat, jetzt schlägt es Dreizehn, die Gefahrenlage sehe ich auch, dass auf dem Emotionshighway alle systemrelevanten Zusamnehänge, offiziös Tränen getränkt, versenkt werden.

Wie war das noch gleich, als Oberst Klein in Kundus/Afghanistan einfach einmal so, an den Richtlinien des NATO Headquarters vor Ort, die Bombardierung von liegengebliebenen Bundeswehr Tanklastzügen befahl, die über einhundert tote Zivilisten, darunter Kinder, Jugendliche zur Folge hatte?

Inzwischen ist Obest Klein, angesichts klageunwilliger Staatsanwälte und Richter in Deutschland und andernorts, , hochdekoriert, zum Brigade General befördert worden.
Joachim Petrick schrieb am 27.07.2011 um 17:46
Inzwischen ist Oberst Klein, angesichts klageunwilliger Staatsanwälte und Richter in Deutschland und andernorts, , hochdekoriert, anstandslos ohne Umstände einfach so, gemäß vorgezogenem Karriereplan, zum Brigade General befördert worden.
GeroSteiner schrieb am 27.07.2011 um 18:14
@Dreizehn

In meinem Beitrag ging es weder um Breivik, noch um links oder rechts oder Medien oder Kausalität. Hier ging es allein um die Verarbeitung des ungeheuerlichen Vorgangs, der in jedem Fall mindestens Respekt abverlangt.

Während in Deutschland aus jedem kleineren Sommerloch ein staatsschützender Politiker mit Vorratsdatenspeicherung, Internetzensur und Verbesserung der Kontrollmöglichkeiten auf die öffentliche Bühne springt, um uns zu sagen, was gut für uns ist oder was eben nicht, nimmt man sich in Norwegen Zeit zu trauern. Man ist stolz auf die Demokratie, die Freiheiten, die Lebensweise und will daran nichts ändern; dies wird in den Reden von Ministerpräsident Stoltenberg, vom König und vom Kronprinzen nochmals bekräftigt.

Während es uns hier wie eine Inszenierung vorkommt - und das ist es in den deutschen Medien vielleicht auch - ist das in Norwegen gelebt.

Den Grund dafür gibt ein Zitat von Nordahl Grieg, das Stoltenberg in seiner Rede am 25. Juli auf dem Rathausplatz in Oslo gebracht hat:
"Vi er så få her til lands, hver fallen er bror og venn."
(Wir sind so wenige hier im Land, dass jeder Gefallene Bruder oder Freund ist.)
hardob schrieb am 27.07.2011 um 18:55
Nicht einschüchtern lassen, gero, Dein Artikel ist schon richtig und gut.

Nicht jeder Mensch in Norwegen und anderswo ist so ein cooler Analytiker, der erklären kann, dass die Toten im Jugendlager der norwegischen Sozialdemokratie Opfer totalitäre(r) Herrschaftsstrukturen [Obrigkeit, preußische, auch: Gouvernementalität, Foucault] sind, quasi also selber schuld, (oder) andere wegen bitterer Verzweiflung und der Erfahrung völliger Ohnmacht der (Selbstmord)Attentäter (ganz verständlicherweise) ins Gras beißen müssen.

Da gehen mir das Gedicht und die Tränen im DLF mehr unter die Haut.
Joachim Petrick schrieb am 27.07.2011 um 19:42
@GeroSteiner

"(Wir sind so wenige hier im Land, dass jeder Gefallene Bruder oder Freund ist.)"

Bei aller Sympathie, ist das nicht heroisierende Kriegs Helden Rhetorik, wo es hier um Ermordete, darunter Kinder, Jugendliche geht?
Dreizehn schrieb am 27.07.2011 um 20:11
@GeroSteiner
Danke für die Erläuterung. Angekommen.

@hardob
Ich glaube kaum, dass GeroSteiner sich "einschüchtern" ließe, von wem auch immer. "Cooler Analytiker" is nicht meine Kragenweite. Das kursiv Gedruckte wär aus meinem Kommentar zitiert? Hm. Wie das? Selber schuld? Da verwechselt wohl wer was.

@Joachim Petrick
Ich kenne Norwegen nicht und deshalb lass ich mir das gern erklären. Wobei - auf das Gedicht zu kommen - mir das Bild vom Adler nicht unbedingt stimmig zu sein scheint, doch das mag an meinem anderen kulturellen Hintergrund liegen.
GeroSteiner schrieb am 27.07.2011 um 20:32
@Joachim Petrik
"Bei aller Sympathie, ist das nicht heroisierende Kriegs Helden Rhetorik, wo es hier um Ermordete, darunter Kinder, Jugendliche geht?"

Fallen ist hier mehrdeutig, bedeutet aber "getötete Person". Ich hätte "fallen" statt "Gefallene" besser übersetzt mit "Tote". Aber geschenkt, "Gefallene" ist näher dran und in Deutschland Kriegsrhetorik, ja. Aber so ist es hier nicht gemeint.
GeroSteiner schrieb am 27.07.2011 um 20:56
@Dreizehn
"das Bild vom Adler"

Norweger lieben "naturen", die Natur. Da das Land sehr groß ist (von der Südspitze bis zum Nordcap ist es die gleiche Entfernung wie von der Südspitze Siziliens bis Dänemarks Nordküste) gibt es auch sehr viel davon für jeden Norweger. Sie machen viel Sport im Freien und gehen in ihrer Freizeit auch jagen, fischen und Beeren sammeln, hier besonders beliebt "Multer", die "Multebeeren". Noch deutlich vor Blau- und Preiselbeeren.

Letztlich trifft der Satz mit dem Adler einen Teil dieser Naturverbundenheit.


Joachim Petrick schrieb am 27.07.2011 um 21:20
@GeroSteiner

Danke für die Erläuterung.

Das Wort Ermordete passt wohl in diesen Trauer Event hohen Grades nicht hinein?

Darf das Wort Ermordete in diesem Zusammenhang in Norwegen gar nicht fallen?
GeroSteiner schrieb am 27.07.2011 um 21:37
@Joachim Pterick
Ich verstehe Ihr Problem nicht.

Wieso sollte das Wort Ermordete nicht passen? Das Zitat von Grieg ist schon ein bisschen älter. Soweit ich weiß, stammt das Zitat aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg.

Ich selbst habe noch einen freundlichen älteren Herren kennengelernt, der mir erzählt hat, dass vor seinen Augen seine ganze Familie von Deutschen erschossen wurde; die Frau, die Kinder, die Großeltern. Er musste zuschauen. Das ist der Zusammenhang, in den das Zitat gehört.

Jeder Norweger weiß, dass mit "fallen" die Ermordeten Kinder und Jugendlichen gemeint sind.

Ich wiederum verstehe nicht, was so schwer daran zu verstehen ist, dass die Zahl der Norweger trotz Zuwanderung immer noch so klein ist, dass bei 76 Toten auch Familien betroffen sind, mit denen man befreundet ist. Der Zusammenhalt in der Bevölkerung ist in diesem Land sehr viel größer und stärker als in Deutschland.
GeroSteiner schrieb am 27.07.2011 um 21:37
Entschuldigung, wenigsten der Namen sollte ich richtig schreiben.
@Joachim Petrick
j-ap schrieb am 28.07.2011 um 00:37
Ich entdecke hier zwischem Geros Wiedergabe und Übersetzung eines Gedichts und Dreizehns Einwand keinen Widerspruch, sondern allenfalls eine Konfusion:

1. Ist es in irgendeiner Weise bedenklich oder kritisierbar, wenn jemand das Entsetzen, das Leid, die Verzweiflung, die Trauer, die Unfaßbarkeit in gebundene Sprache, eben: ein Gedicht faßt (oder in Musik oder in ein Bild)? Nein. Denn wie anders als durch einen unmittelbaren Ausdruck sollte man das Entsetzen begreiflich machen? Sollte man es vielleicht beschweigen? Dann müßte man freilich fragen, wo quasi sämtliche Kultur der Menschheit hergekommen sein soll: die hat nicht eben wenig mit den je spezifischen Versuchen zu tun, Leid, Qual und Elend (und Liebe, Ekstase, Manie usw.) zu begreifen.

2. Anders sieht's aus, wenn wir uns die Reproduktion des eben vorgestellten Ausdrucks ansehen: Wenn das wie auch immer ausgedrückte Entsetzen in eine Form gefaßt wird, die nur dazu dient, ihm Konsumqualitäten unterzuziehen, ihn also beliebig verbrauch- und vernutzbar zu machen und zu halten, so bedeutet das, das ursprünglich Ausgedrückte in letzter Konsequenz zu vernichten. Dagegen ist jede Opposition nicht nur angebracht, sondern notwendig.

Das sehe ich hier nicht, weshalb ich Gero für die Zeilen und ihre Übersetzung danke.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.07.2011 um 00:42
Schöne Gedanken, jap!
GeroSteiner schrieb am 28.07.2011 um 00:50
Vielen Dank, Josef.
Das Gedicht ist in der Tat kein Konsumgut. Man muss sich schon drauf einlassen.
Um es wertschätzen zu können, sollte man die Stille hören und fühlen, die zwischen Auflaufen, Anbranden und Zurücklaufen einer Welle am Ufer entsteht.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 27.07.2011 um 23:59
Danke für die bewegenden Gedichtzeilen.

In der Ruhe liegt die Kraft bzw. werden Ressourcen frei.
Der Adler ist das Symbol für Kraft und trotz blutiger Klauen steigt er wieder in die Höhe.
Die Metapher zeigt Gefühl auf, und genau darin liegt die Stärke; darum fängt das Gedicht nicht mit den blutigen Klauen als Klage an, sondern mit Ruhe, innerer Stille. Gutes Handeln- und somit auch Demokratie- kann nur im Einklang mit Gefühlen realisiert werden, in dem Sinne, ob sich das auch gut anfühlt. Analyse ist nur eine Seite der Medaille, das vergessen wir hier oft.
Wie reich ist ein Land, das sagen kann:
"Wir erobern uns die Geborgenheit zurück!"
Davor verneigt sich mein Herz - und nicht nur mein Verstand.
Entdecken wir wieder 'das mit dem Herzen sehen' , damit uns das Wesentliche wieder sichtbar wird. Das ist die beste Basis für einen guten Verstand. Lernen wir von den Norwegern!
GeroSteiner
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