Glumm

Blog von Glumm

31.01.2009 | 17:05

Loser

Die Weihnachtsfeier fällt dieses Jahr flach, stattdessen gehen wir mittags eine Runde Kegeln. Wir, das sind die drei männlichen und die drei weiblichen Mitarbeiter unseres kleinen ambitionierten Design-Instituts. Als wir die Bahn betreten, im Keller eines jugoslawischen Restaurants, fühl ich mich für einen Moment, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die gleichen schlammfarbenen Schiebetüren, der gleiche Nippes und Klimbim in den blinden Vitrinen, die gleichen Silberpokale für Platz 4 beim Turnier in Schaffhausen wie auf der Kegelbahn neben dem Vereinsheim des RSV, wo ich von 1967 bis 79 Fußball gespielt hab. “Was darf ich schon mal zu Trinken bringen?”
Der dicke Wirt, auch gleichzeitig der Koch der Spelunke, ein bißchen schmuddelig, ein bißchen unhöflich, “mir sind Stammgäste lieber”, sagt sein abweisender Blick. Während die Kollegen bestellen, schwanke ich zwischen einer kühlen Cola und Kaffee. Eigentlich tendiere ich zum Kaffee, erinnere mich aber dunkel daran, wie im Vereinslokal des RSV der Bohnenkaffee vorgekocht und im Bedarfsfall aus versteckten Thermoskannen ausgeschenkt wurde. Frage ich also sicherheitshalber beim Wirt an, ob er nur deutschen Kaffee im Programm habe oder auch italienischen. Oder jugoslawischen. (Beim Reinkommen ist mir dieses große, gerahmte Foto aus verblichenen Tagen ins Auge gefallen, als die Eltern des jetzigen Inhabers, sie kamen aus Dubrovnik, noch mit Hoffnung und voller Fleiß in die Zukunft blickten.) Die Anfrage bringt den Wirt sichtlich aus dem Konzept, der Stift in seiner Hand zappelt hin und her wie ein nervöser Kasperle.
“Ich hab Capuccino, ich hab Latte Macchiato, ich hab Cafe Latte, ich hab Espresso, ich hab..” Das will ich gar nicht wissen. Ich hab nur Angst vor deutschem Kaffee. Das ist alles. “Ich hätte gern italienischen Kaffee”, sag ich, “aber ohne so cremigen Schaum obendrauf.”
“Ohne cremigen Schaum..?” Nicht nur der Wirt scheint verblüfft, auch unser Geschäftsführer, ein sportlicher und eher verbindlicher Typ, der keinen Zwist mag, mischt sich ein.
“Aber italienischer Kaffee hat doch immer Schaum obenauf..”
“Nee, bei uns zuhause nicht. Und wir trinken zuhause nur Espresso.” “Espresso?” Der Wirt ist wieder im Spiel. “Ich kann Ihnen einen Espresso bringen, einen zweifachen, einen dreifachen..”
“Schön”, sag ich. “Aber ohne Schaum.” “Ohne Schaum?”
Das Gesicht des Geschäftsführers, er sitzt mir schräg gegenüber, verzieht sich gefährlich, und damit ich nicht wie ein Angeber dastehe, geh ich ins Detail.
“Wir trinken Espresso aus den Edelstahl-Kännchen, die man einfach auf die Herdplatte stellt und aufkochen lässt. Sie wissen schon, der Design-Klassiker.. Aus Italien.”
“Ach so”, sagt der Geschäftsführer. “Aber die haben doch auch Schaum obenauf..”
“Nee, eben nicht.” Der Wirt steht da mit dem Block in der Hand, verwirrt, genervt, als unser Maschinenbauer, ein hellwacher Kollege mit ordentlicher Plauze, der zum 31. 12. gekündigt hat, die Situation erfasst.
“Wissen Sie was? Bringen Sie dem Mann hier den Kaffee so, wie er ihn zuhause trinkt!”
“Danke”, sag ich erschöpft. Ich kriege einen dreifachen Espresso, und der schmeckt sogar. Dann beginnen wir mit dem Kegeln. Wir spielen Fuchsjagd, Tag & Nacht, In die Vollen und Abräumen. Die diplomierte Designerin, eine große, und sehr schlanke Person, die vor kurzem ein Projekt für einen großen deutschen Waschmittelhersteller abgeschlossen hat und dem Institut ordentlich Geld in die Kassen gespült, ruft jedes Mal fröhlich “KACK-STUHL!”, wenn jemand fünf Kegel umwirft und das Bild auf der Anzeigetafel einem Klositz ähnelt. Unsere Praktikantin, eher unscheinbar, fällt auch beim Kegeln nicht weiter auf. Als der Wirt die Essensbestellung aufnimmt, entscheidet sie sich für ein Schnitzel Jutta. Ihre Ausbildung zur Veranstaltungs-Kauffrau endet zum 31. Dezember. Das Schnitzel Jutta ist mit Ananas. Ich sitze zwischen dem Maschinenbauer, einem Dipl .Ing., und unserer Sekretärin, die zum 2. Januar eine neue Stelle antritt. Da sie nicht nur eine große Klappe hat, sondern auch eine Sehnenscheidentzündung, kegelt sie aus beiden Händen. Das heißt, sie lässt die Kugel einfach auf den Boden plumpsen und hofft, das sie schon irgendwie ins Rollen kommt. Es sieht ein bißchen aus, als würde sie im Stehen gebären. Das klappt ganz gut, es poltert ordentlich. Der Geschäftsführer hat, genau wie ich, keine Turnschuhe dabei, läuft aber im Gegensatz zu mir nicht die ganze Zeit auf Strümpfen herum, (das Kegeln in Straßenschuhen ist streng untersagt), sondern schlüpft jedes Mal aus seinen Lederslippern, wenn er an der Reihe ist. Dann nimmt er Anlauf wie für einen Schmetterball, stoppt kurz vor der Bahn ab und setzt die Kugel schwungvoll in die Gosse. Auf diese Weise schafft er es einmal tatsächlich, acht Pudel hintereinander zu werfen. Er lernt einfach nicht dazu, bekommt aber rote Bäckchen und gewinnt somit wieder. Ein wenig Mitgefühl.
“Und sieht kess aus!” ruft die Sekretärin schadenfroh. Links neben mir, der Maschinenbauer. Er war eine halbe Stunde vor uns da, um sich einzuwerfen. Trotz seines stattlichen Bauches ist er gelenkig und ehrgeizig. Er ist der typische deutsche Meister. Er will immer gewinnen. Das geht in Ordnung. Und was mich betrifft, den Bibliothekar des Instituts, so endet mein zweiter Jahresvertrag Ende Januar. Außerdem ruft die hochgewachsene und sehr schlanke Designerin “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!”, als ich das Abräumen mit einem letzten Wurf für mich entscheiden kann. Sie will mich nervös machen. Das kommt im Kollegenkreis so gut an, dass sich ein spontaner Betriebs-Chor bildet: “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!” schallt es über die Holzbahn, “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN, HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN!!” Ich sing eine Strophe mit und werfe eine “4″, worauf ich somit das Abräumen auf den letzten Drücker verliere. Das kriegt aber keiner mit, denn das Essen kommt. Ich bin nicht besonders hungrig und begnüge mich glücklicherweise mit einer hausgemachten Gulaschsuppe. Glücklicherweise, weil hausgemacht vermutlich bedeutet, dass die Gulaschsuppe aus einem Chemie-Haushalt stammt, das Fleisch darin schmeckt verdächtig nach Brom. Die Kollegen haben mehr Pech. Sie sind hungriger und haben stattliche Portionen auf dem Tisch, die abgearbeitet werden wollen, aber ich vernehme während der Speisung nicht ein einziges Mal ein leises “miam” oder “lecker” oder ein anerkennendes Grunzen, nichts, gar nichts. Selbst die Sekretärin, die den Laden an der Stadtgrenze empfohlen hat, Grund: die angeblich selbstgemachten Kroketten, die sollen einfach großartig sein, meisterhaft geradezu, schiebt den Teller schweigend von sich weg. Es ist die Designerin, die lustlos in ihrem vegetarischen Lady-Teller mit verschiedenen Gemüsen herumstochert und als Erste die Nase voll hat.
“Also, was das hier schönes sein soll..”, mit der Gabel zieht sie ein undefinierbares lappiges Etwas in die Höhe, “..weiß ich beim besten Willen nicht. Und der Spinat hier..”, sie zieht die Augenbraue hoch, “..ist aufgewärmt. Viel zu bitter.” Einzig die Erbsen und Möhrchen finden ihre Gnade, “aber die sind aus der Dose. Da kann man nichts falsch machen.” Sie ist es auch, die mir gegen Ende der dreistündigen Veranstaltung einen Bierdeckel herüberschiebt, damit ich den Spruch des Tages nicht vergesse und in meine nächste Story einarbeiten kann. “Herr Glumm”, steht da in Schönschrift, “soll der Looser sein.” “Och, guck mal, Loser mit zwei o”, sag ich mit einem schnellen Blick auf den Bierdeckel, und sofort blökt mir die Sekretärin rechts von mir ins Ohr: “Na, das schreibt man ja auch mit zwei o! Das stimmt ja auch!”
“Quatsch. Loser schreibt man mit einem o. Nicht mit zwei.” Die Sekretärin ist sofort auf 180. Das ist so ihre Art. Ich mag sie trotzdem. Sie macht keine Mördergrube, wie man so schön sagt, aus ihrem Herzen. Damit kann ich umgehen. “DU willst MIR erzählen”, ruft sie aufgebracht, “wie man Looser schreibt?!”
Sie spielt damit auf ihre Jugend an, die sie im englischsprachigen Nigeria verbracht hat, wohin es ihren Vater berufsbedingt verschlagen hatte, damals in den 70ern. Seither fühlt sie sich als eine Native Speakerin. Speakerin, das mag schon sein, ich weiß aber nun mal, wie man Loser schreibt.
“Es gibt zwar ein to loose mit doppel o, das stimmt, das bedeutet aber was anderes als Verlieren..”
“Nämlich??”
“Weiß nicht. Komm ich jetzt nicht drauf.”
“Quatsch!” Die Sekretärin giftet, und sie speit. “Looser schreibt man so, wie es hier auf dem Bierdeckel steht! Mit doppel o!!” Die Designerin ist sich nicht sicher.
“Ich hab Looser zwar mit zwei o auf den Deckel geschrieben, aber irgendwie guckt es mich komisch an.. mit doppel o. Also, ich weiß nicht genau. Könnte beides stimmen.” Die Praktikantin, von der plötzlichen Vehemenz der Auseinandersetzung aufgeschreckt, steht auf, läuft rum, setzt sich wieder hin. “Ich glaube, to lose schreibt man mit einem o, aber Looser mit oo.” Der Geschäftsführer hält sich überraschenderweise ganz raus. Auch der Maschinenbauer, links neben mir, hat keine Meinung, ruft aber “HERR GLUMM SOLL DER LOSER SEIN, OB MIT EINEM O ODER ZWEI O!”, verbunden mit einem kollegialen Klaps auf die Schulter, wir haben in zwei Jahren Zusammenarbeit ne Menge Zigaretten zusammen gequalmt, vor der Bibliothek. Abschließend fordert er mich und die Sekretärin auf, die Sache im Ring zu klären, mit einer Runde Schlammcatchen. Das lässt die Sekretärin wieder aufmüpfig werden.
“Loser mit einem o, so ein Blödsinn! Kannst ja im Internet nachgucken. Ich bin mir hundertprozentig sicher!”
“Man soll sich niemals zu sicher sein!” sag ich mit einer Entschiedenheit, die mich für einen Moment selbst unsicher werden lässt, wie gewisse Dinge geschrieben werden. “Mir reicht’s!”
Die Designerin stapft die Treppe hoch in den Gastraum, weil der Handy-Empfang hier unten auf der Kegelbahn gestört ist. Sie will irgendwo anrufen. Die Sache klären. Im Internet. Als sie keine Minute später zurückkehrt, wird sie mit Geklopfe auf den Tisch und ansteigendem Kegelbahngesang empfangen.. “…..uuuuuund?? Wer hat Recht??” “TA! TA!” sagt sie und bildet mit Mittelfinger und Daumen ein o.
“Loser schreibt man definitiv mit einem o. Unser Herr Glumm hat recht.” “Sag ich doch”, grinse ich.
“Glaub ich trotzdem nicht”, meint die Sekretärin kleinlaut. Sie war es auch, die dieses gleichzeitige DU und HERR GLUMM eingeführt hat, eine schöne Anrede, die bis heute Bestand hat im Institut. Ich will ihr also gar nichts. Und ich bin auch nicht sonderlich rechthaberisch. Doch dass ausgerechnet MIR jemand glaubt erzählen zu können, wie man Luser schreibt, also! Mit doppel m natürlich, hinten raus.
 
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Kommentare
Dirk de Pol schrieb am 01.02.2009 um 16:15
Gibt es euer Design-Institut auch im Web? Setze doch bitte für uns noch einen Link in deinen Beitrag ...
Glumm schrieb am 03.02.2009 um 10:42
schätze, dem geschäftsführer wäre es nicht recht, würde ich das institut verlinken.
derFreitagPeggy schrieb am 03.02.2009 um 15:01
Sowas musste passieren!
Kegeln im Keller und ein Restaurant in dem ein "Schnitzel Jutta" serviert wird klingt zwar gemütlich, muss es aber nicht unbedingt auch sein! Außerdem @DePol: Linken ist gut. Noch besser ist zu wissen, wo man aufs Linken verzichten sollte ;-)
Schön geschriebene Geschichte! Ich freu mich auf weitere!
Maria schrieb am 04.02.2009 um 23:07
Du, Herr Glumm, ich bin gerade vom Stuhl gefallen!! Bitte regelmäßig mehr davon!
SusanneReindke schrieb am 05.02.2009 um 09:01
Herr Glumm, ich bin ein großer Fan von Ihnen als Louser, Looser, Loser, Luser. In jeder Schreibweise.
Glumm
"Glumm! Immer auf dem Sprung zum ersten Buch!" (das wortreich)
Ort:
solingen
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3 Jahre 16 Wochen
Zuletzt aktiv:
03.02.2009
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Kommentare: 1
Logbuch
07:09
Wolfram Heinrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
05:07
marvinius hat gerade einen Kommentar geschrieben.
04:26
JR's China Blog hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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