goedzak

Механика чувственная!

17.10.2011 | 10:01

Babys im Varieté

 

 

Record Release in der Großfamilie - The Baby Universal rocken das Steintor-Varieté

 

 

Es gibt ja dieses Small-World-Phänomen von Stanley Milgram – jeder kennt jeden auf der Welt, wie jetzt sogar statistisch ermittelt wurde, um genau 6,6 Ecken. Das heißt, man geht auf ein x-beliebiges Rockkonzert in der Provinz, schüttelt ein paar Hände und kann sich sicher sein, damit um 2 bis 7 Ecken Leuten wie Quentin Tarantino oder Albert Hammond Jr. die Hand geschüttelt zu haben. 

 

Hier kann man alles erleben, von A wie Arlo Guthrie bis A wie Achim Mentzel und so weiter das ganze Alphabet durch – im Steintor-Variete in Halle am Steintor, ein windiger urbaner Verkehrsknotenpunkt. Als der Schuppen gebaut wurde (1868) lag er noch vor den Toren der Stadt und wurde als Reithalle genutzt. In der Nähe wurden passenderweise Pferdemärkte abgehalten. Seit 1889 ist die Reithalle ein Variete-Theater mit zwei Rängen. Heutzutage werden aber im Paterre manchmal die Stuhlreihen weggeräumt, denn das Rock’n’Roll-Publikum braucht Platz zum Toben.

Das Recordreleasepartyconcert beginnt, wie es sich gehört, mit einem Support-Act: Kiki Bohemia, laut Geburtsurkunde eigentlich Karla Wenzel, featuring Sickerman. Kiki sieht aus wie eine Twiggy mit DocMartens-Boots: ziemlich dünn, kurzes Kittelkleid, Netzstrümpfe und Tomboy-Haarschnitt. Sie fummelt ständig an zwei Kästchen herum, dreht mit Daumen und Zeigefinger an schwarzen Knöpfchen, stöpselt Kabel um, ruft Samples von einem Mobiltelefon ab, ja, und singt auch. Es sind akustische Varianten melancholischer Gefühle. Sickermans Cello passt prima dazu, sogar wenn bei einem Solo der Körper über den Geist triumphiert und eine exaltiert performte Cello-Kakophonie über das Publikum hereinbricht. Komisch nur, dass, wenn der Cellist innehält, das Cello weiterspielt! Ach so, da ist auch ein schwarzes Kästchen im Spiel – live sampling, oder wie das heißt.

Kiki kommt zwischendurch sogar mal zur Ruhe und nimmt ein Akkordeon auf den Schoß, offensichtlich ein Erbstück vom Vater. Das ist nämlich Hans-Eckart Wenzel, der auch im Publikum steht, gewandet in einen feinen, abgeschabten, also coolen Overcoat, auch Bratenrock genannt, und mit Resten seiner Revoluzzer-müssen-wie-Jesus-aussehen-Kopfbehaarung aus jungen Jahren, mit der er wohl damals Kikis Mama Elke beeindruckte, sodass sie bereit war, nicht nur die Mutter seines ersten Kindes zu werden, sondern mit ihm auch das Liedertheater Karls Enkel zu gründen.

Der alte Barde ist aber nicht nur extra aus Berlin gekommen, um sein Töchterlein auf der Bühne zu sehen, sondern auch, weil die Jungs vom Top-Act des Abends einmal unter dem Namen Zombie-Joe and the dustbowlers etwas versuchten, was auch er schon getan hatte, nämlich Lyrics von Woody Guthrie neu zu  vertonen. Die Zombies allerdings nutzten dafür ein Format, was man bei diesen Texten wohl nicht erwarten würde: Stoner-Rock. Zwei von ihnen, Gitarrist Hannes Scheffler und Sänger Cornelius Ochs spielten mit Wenzel dessen Album Glaubt nie, was ich singe ein und begleiteten ihn auf der dazugehörigen Tour.

Inzwischen hat Kiki B. ihr Set mit der Einladung zu einem weiteren Halle-Auftritt am nächsten Abend beendet. Sie würde im Hühner-Manhattan in der Hordorfer Straße gemeinsam mit Sickerman und Eva Loft zu abstrakter Malerei von Kunststudenten der Burg musizieren. Eva Loft, eine hallesche Indie-Gitarren-Band mit einer coolen Sängerin, erhielten den Ritterschlag, als der Strokes-Produzent Gordon Raphael die Studioarbeit an ihrem Album Your Hand Is A Book betreute.

 The Baby Universal, und um die geht’s hier haupt-act-lich, werden zwar „nur“ vom Berliner Lokalmatadoren Thommy Krawallo produziert, aber das hindert mich nicht, ihre Release-Party zu besuchen. Gefeiert wird das Erscheinen eines Live-Albums, und sehr lebendig geht es auch zu, sonst wär’s ja kein Rock’n’Roll. Zwei Mädels aus der Studenten-WG in meinem Haus ziehen schnell Schuhe und Socken aus, als die Babys auf die Bühne kommen. Ein bischen Licht, ein wenig Nebel, der Sänger greift das Mikro samt Ständer und die Show geht los. Er sieht aus wie Jim Morrison, trägt Schminke im Gesicht wie David Bowie. Aber das sind längst nicht die einzigen musikalischen Vorbilder bzw. Einflüsse. Letztes Jahr war er mit Scott „Wino“ Weinrich auf der Bühne und hat mit dem alten Stoner-Haudegen sogar was aufgenommen. Conny Ochs, ein höllisch talentierter Junge, kann den Poser noch immer nicht ganz verleugnen, aber es ist besser geworden. Der Sänger scheint eine kindliche Freude am Ausprobieren seiner Stimmlippen zu haben, und der ganze Körper hängt da mit dran. Aber was mir die Rückenhaut erst richtig kräuselt, ist die Gitarrenarbeit von Hannes Scheffler, der seiner halbakustischen Gibson Les Paul rauhreifige Klänge und Riffs entlockt, die sich rücksichtslos in die Ohren bohren. Und die beiden Kollegen aus der Rhythmus-Brigade schuften, dass die Schweißtropfen fliegen.

Damit trafen die Jungs auch schon den Geschmack von Quentin Tarantino, der eines schönen Tages, wie und warum auch immer, nach Halle an die Saale gelockt wurde, sich die Babys anhörte und after-show-mäßig mit ihnen in der Zwei-Zimmer-Küche-Bar ein paar Bierchen zischte. Leider habe ich das Ereignis verpasst, weil ich da immer nur nachmittags zu Kaffee und Zeitunglesen einkehre.

Wenn man einen Fan wie Tarantino hat, deutet das ja auf eine bestimmte musikalische Tendenz. Bei TBU ist das verschiedentlich z.B. als „Retro-Glam“ bezeichnet worden, Stoner-Rock, die Doors, David Bowie, Mando Diao und was da alles in Rezensionen so aufgezählt wird . Nun ja, das Retro-Label trifft es nicht immer ganz und hier eigentlich gar nicht. Vielleicht lässt sich diese Art Entwicklung in der Rockmusik am besten mit dem von Claude Levi-Strauss entwickelten und von Dick Hebdige auf die Styles in Jugendkulturen angewendeten Begriff der Bricolage erklären. Da wird also von überall hergenommen, was einem passt, zusammengefriemelt und neu codiert – und was da raus kommt, ist nichts Aufgebackenes, sondern eine so noch nicht gekannte heiße neue Mischung!

Die Band spielt den ganzen Abend nur eigene Songs, erst im Zugabenteil kommt dann ein eigenwilliges This is not a love song (Public Image Ltd.), was ja auch was bedeutet. Vorher gibt es ein Akustik-Set, wo dann die Familie wieder mit ran muss, Kiki B. und Frau C., die auch die Streicherarrangements verfertigt, geben die backing vocals, Herr Sickerman mit Cello, eine Geigerin und die lokal bekannte Jazzsängerin A., die man in der Stadt machmal ihren betagten treuen Hund im Fahrradanhänger ausfahren sah, bedient die singende Säge. Hört sich freakig an, klingt aber richtig schön.

Zum Finale sind Ex-Band-Kumpels dabei, da kommt dann was für die Headbanger und alles endet in einem fetten Noise-Gedonner. – Mal wieder ein richtig gutes Rockkonzert! Da fragt man sich wirklich, warum Leute wie die Beatsteaks so abräumen, aber die Babys ihr Musikerleben mit Nebenjobs fristen müssen.

 

Also, Leute, wenn mal in eurer Stadt so eine Ex-Next-Big-Thing-Band wie etwa die Kings of Leon spielen und am selben Abend The Baby Universal – dann geht zu den Babys, da kriegt ihr mehr für weniger Geld - und the next big thing sind vielleicht sie!

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
poor on ruhr schrieb am 17.10.2011 um 20:56
Gerne gelesen. Das fetzt rockig!
poor on ruhr schrieb am 17.10.2011 um 20:56
Gerne gelesen. Das fetzt rockig!
goedzak schrieb am 17.10.2011 um 21:38
Kennst Du die etwa? - Dann hätte ich ja den Bekanntheitsgrad der Band unterschätzt...

:)
poor on ruhr schrieb am 17.10.2011 um 21:42
Kenne ich leider nicht. ...aber man konnte sich beim Lesen irgendwie reinfühlen! ;) .....
goedzak schrieb am 17.10.2011 um 21:48
Dabei kennt man die Jungs tatsächlich auf der ganzen Welt! :)

merdeister schrieb am 18.10.2011 um 22:07
Ha, jetzt verstehe ich auch die Kings of Leon Anspielung. Mag ich. Wie Kings of Leon ohne heulen.
goedzak schrieb am 19.10.2011 um 08:55
Ohne Heulen? Also doch nicht MEHR fürs Geld...
merdeister schrieb am 19.10.2011 um 14:29
Weniger heulen, mehr Spaß!
goedzak
Человек и машина - новое подразделение!
Mitglied seit:
2 Jahre 14 Wochen
Zuletzt aktiv:
26.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 50
Kommentare: 4395
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
10:59
Lethe hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:58
poor on ruhr hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:57
antares56 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:51
poor on ruhr hat gerade einen Kommentar geschrieben.
10:50
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG