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Tiefsinniges zu Fluch der Karibik IV
„Nur Gott schenkt ähwigges Läbben, nicht dieses heidnische Wasser!“
(König Phillipp V. von Spanien)
Wir schreiben das Jahr 1727 oder so. In England ist Georg I. noch oder Georg II. schon König. Dieser King hat gerade noch einmal auf ein eigentlich schon historisch obsoletes Mittel zurückgegriffen: Er machte aus einem kriminellen Piraten (Geoffrey Rush als Hector Barbossa) einen Freibeuter, indem er diesem einen königlichen Kaperbrief, den Freibrief zum Beutemachen, ausstellte.
Auf diese inzwischen recht unkonventionelle Methode verfällt Seine Majestät deswegen, weil sie an etwas ganz Speziellem interessiert ist, einem todsicheren (haha) Mittelchen zur erheblichen Verlängerung der Lebenserwartung. Dieses möchte der gichtige, schon bis zur Bewegungsunfähigkeit verfettete König gar nicht mal für sich, sondern will um jeden Preis verhindern, dass es der katholischen Kirche in Gestalt des spanischen Königs in die Hände fällt.
Denn das könnte die Weltgeschichte ändern - mit der Konsequenz des Ausfallens der kapitalistischen Globalisierung, die man doch gerade erst in Angriff genommen hatte.
Das personifizierte Früh-Kapital, das noch nicht recht zu adäquaten Charaktermasken gefunden hat, trägt wollige Perücken, unreine Haut, sehr schlechte Zähne, kratzt sich ständig, greift mit den Fingern in’s Ragout, und spuckt Knorpel auf den Esstisch. Es ist eigentlich noch gar kein richtiges Kapital, jedenfalls noch kein ausreichend großes. Es handelt sich sozusagen um das Kapital im prä-natalen Stadium. Der Geburtsvorgang namens ursprüngliche Akkumulation ist bereits eingeleitet, wird sich aber noch hinziehen.
Das Fötus-Kapital badet im Fruchtwasser des mittleren Atlantischen Ozeans. Ein Teil von ihm, in Form etwa aztekischen Goldes auf spanischen Karavellen, wird leider, wenn es im katholisch-feudal-absolutistischen Mutterland angekommen ist, tot geboren. Das dauert die englische Krone sehr und noch mehr das aufstrebende englische Bürgertum. Also schickt man Geburtshelfer, um die Lebenserwartung des neugeborenen Kapitals entscheidend zu erhöhen. Die Leute heißen z.B. Francis Drake oder, einer aus der Enkelgeneration, Hector Barbossa. Sie werden gesandt, um zu verhindern, dass das geraubte Edelmetall, unter Präferierung seiner konkreten sinnlich-ästhetischen – Glanz, Plastizität, Schwere – und ökonomischen Materialeigenschaften – Seltenheit, Kostbarkeit – im spanischen Königreich zur weiteren Ausgestaltung einer feudalen Form des gesellschaftlichen Reichtums benutzt und damit seiner ökonomischen Potenz und Virtualität beraubt wird.
Der Job der Freibeuter ist es also, das Zeug, dessen eigentlicher Gebrauchswert nicht im Schmücken und feudaler Prachtentfaltung, sondern darin besteht, materieller Träger von Tauschwert und einer geheimnisvollen ökonomischen Virtualität zu sein, als Teil der Anschubfinanzierung des zwar noch nicht mal durchgehend national konstituierten, aber wesentlich doch schon global orientierten Kapitalismus nach England umzuleiten.
Der Raub des bereits Geraubten, Piraterie, Freibeuterei, bleibt immer gewalttätige Ent- und Aneignung, eigentümliche Umverteilung. Trotzdem, Raub ist nicht mehr Raub, denn Raub muss unter den Bedingungen der Staatsbildung prinzipiell geächtet werden. (Das ist besonders in Fluch der Karibik I das Thema.) Deshalb erscheint der Raub des Geraubten als Bestrafung des bösen, weil historisch reaktionären spanischen Raubs durch den guten, weil historisch progressiven englischen Raub, der Freibeuterei ist. Diese Bestrafung ist aber nicht der tiefere Sinn, sondern die dabei vonstatten gehende, von den Akteuren (und vom Zuschauer) unbemerkte Verwandlung eines magischen in einen Macht- und schließlich in einen Warenfetisch.
Das kann den Piratenfilm-Fan manchmal irritieren. Da glaubt man dann, es handele sich bei dem Kampf der Akteure um das übliche Gut vs. Böse (wobei natürlich in den anglo-amerikanischen Produktionen immer die Engländer die Guten und die Spanier die Bösen sind. – Gibt es eigentlich spanische Filme über die Piratenzeit?).
Der anarchistische, mit unbändigem Freiheitswillen ausgestattete, raubende und Reichtümer zwar anhäufende, dann aber auf einer entlegenen Insel verbuddelnde, das Leben wie Jack Sparrow auf die leichte Schulter nehmende, oder wie Blackbeard bösartig schuldig werdende und dann unstet und untot durch die Weltgeschichte fliegende Holländer, Franzose oder Engländer passt aber ganz bestimmt nicht in die politisch korrekte Schablone des edlen roten Korsaren, der Sklavenhändler und spanische Goldtransporter überfällt. Er ist eine archaische Figur, die sich wie selbstverständlich in einer noch vor-rationalen, vor-wissenschaftlichen und vor-kapitalistischen Welt der Ungeheuer, Dämonen und Fabelwesen bewegt.
Der Anarchist, Clown, Narr und Agnostiker, d.h. im monotheistischen Sinne ungläubige Pop-Pirat Jack Sparrow steht ja noch ganz unbefangen mit allen möglichen sinnlichen und übersinnlichen Kreaturen auf vertrautem Fuß. Aber auch das zeigt ihn als bereits anachronistische Figur, denn besagte Götter, Halbgötter, Dämonen, Geister, Zombies, Sirenen und dergleichen überirdischen Wesen sind ja schon lange durch die Weltreligionen, insbesondere das Christentum, in äußerst prekäre Lebensumstände gezwungen. Die Inquisitoren, Dschihadisten und sonstigen Tempelwächter erwiesen sich dadurch als Vorkämpfer einer in der bürgerlichen Aufklärung weitergeführten Entzauberung der Welt.
In der Figur des Missionars Philip wird uns dies vor Augen geführt. Anfangs sieht der glühende Missionar etwa die Meerjungfrauen als Kreaturen, denen sein Gott aus guten Gründen die Aufnahme auf der Arche verweigerte, und die deshalb gerade das Meer, den noch auf lange Sicht unergründlichen Ozean als letzte Zufluchtstätte nehmen mussten. Die Meerjungfrauen (ein ungemein verniedlichender Begriff) erscheinen Philip wie allen Männern als mit dem erstrebten wohlgeordneten Weltbild nicht vereinbare Wesen, deren verführerische Schönheit eine tödliche Bösartigkeit birgt. (An diesen Teilen des Film-Scripts waren übrigens die einschlägig bekannten Autoren Smith und eykiway beteiligt!)
Einmal noch, ein allerletztes Mal wird hier eine Exorzisten-Figur, die eigentlich für die endgültige Vernichtung der bereits seit langem stigmatisierten und dämonisierten Fabelwesen zu sorgen hat, seinen eigenen Zweifeln und Sehnsüchten unterliegen und sich willig zur Flucht in die noch verzauberte Unterwasserwelt hinab ziehen lassen.
Johnny Depps Figur Jack Sparrow ist da von ganz anderem Holz. Leichtfüßig-tuntig durch den Film trippelnd, trickst der Postpunkpirat sie alle aus: die altvorderen Untoten und die Platzhalter des neuen Dämons Kapital. Obwohl selbst ebenfalls an künstlicher Verlängerung seiner Erdentage nicht interessiert, hat er doch nichts gemein mit dem moralischen und religiösen Eifer, den der spanische König an den Tag legt, um die Nutzung der „heidnischen“ Quelle des ewigen Lebens durch sündige Menschen zu verhindern. Mit dem post-plebejisch-proto-proletarischen Steuermann Gibbs an seiner Seite träumt er sich auf seine als Buddelschiff gefangene Black Pearl zurück.
Aber es wird langsam eng für ihn. Da er nicht wie der Missionar Philip der Typ ist, auf Nimmerwiedersehen in die Subrealität exkommunizierter Fabelwesen abzutauchen, wird er wohl über kurz oder lang als tumb-törichter Hans-im-Glück zur Belustigung der entfalteten bürgerlichen Gesellschaft beitragen, gerne in Disneyland. Ein bitteres Schicksal. Oder er reinkarniert als Rock’n’Roll-Druide und nimmt den Namen Keith Richards an. - Die Alternative scheint Penelope-Monica-Angelica mit Hilfe einer Jack-Sparrow-Voodoo-Puppe vorzubereiten: Versöhnung mit ihr auf der einsamen Insel in der Sonne.
Vor einem solchen Happy-End wird zum Glück noch abjeblend’!
Aus folgenden Büchern habe ich von deren Autoren nicht intendierte Anregungen übernommen:
Michael Nerlich, Kritik der Abenteuerideologie, Berlin 1977
Manfred Frank, Die unendliche Fahrt, Leipzig 1995
Horst Kurnitzky, Der heilige Markt, Frankfurt am Main 1994
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Ich glaube den Teil mit den Meerjungfrauen find ich am besten:-D...obwohl ich den Rest ebenso gerne las.
Hört sich an, als wär Teil IV besser als Teil III, oder? Zur Metaanalyse sag ich am Wochenende was. Jetzt bin ich müde. Gute Nacht, Lu |
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Wie Maike Hank schon schrieb, man hat ein Problem mit der 'Signifikanz' der Handlung.
Das war bei Teil 3 besonders ausgeprägt, da erinnere ich mich nur noch daran, dass der nach meinem Gefühl mittendrin aufhörte. Da ist der neue Film schon besser, ja. Nimm die 'Metaanalyse' nicht zuuu ernst... :)) |
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nee nee, mach ich nicht (zuuu ernst nehmen):-)
Ich hab den Dritten im Freiluftkino gesehen und spätestens bei diesem Strudel, in den das Schiff gesogen wurde, hatte ich nicht mehr viel Lust. Trotzdem: ich liebe Jack Sparrow;-) |
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manchmal ist ein Text einfach gut und ein Kommentar stiftet nur Verwirring, (ging mir neulich bei "einem Beitrag" "East Sells", von kay.kloetzer genauso). Also einfach: gern gelesen, vom Fötus-Kapitalisms bis zur Sonneninsel...
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Gegen ein wenig gestiftete Verwirrung hätte ich ja in diesem Fall nichts. :))
Vielleicht ist der Blogtest selbst ja ein Versuch der Verwirrungsstiftung?! |
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Was denn nun, Schiffe oder Lkws?!? - Wie auch immer, demnächst sind dann wieder die Lastwagen dran...
Gruß zurück! |
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Ich sah den Film, da ich kürzlich als Begleitung zu einer Kinoeröffnung eingeladen war (Deutschlands größte Leinwand : ), wo er auch noch in 3D gezeigt wurde.
Vorher wurde das Kino noch eingeweiht, indem Til Schweiger einen Button gedrückt hat und ein Feuerwerk abgefackelt wurde. Man kann sich also vorstellen, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits seltsamer Stimmung war. Zum Glück gab es schon im Vorfeld genügend Sekt. Zwischendrin verlor ich - vielleicht auch deshalb - jedoch immer wieder den Faden der Handlung, dabei bin ich Piraten-Abenteuergeschichten nicht per se abgeneigt. Pippi geht an Bord fand ich beispielsweise immer toll : ) |
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Ich gucke mir solche Filme gerne mit meiner 18-jährigen Tochter an, das ist ein wichtiger Teil des Gaudis.
Wach geworden bin ich bei der Mermaid-Episode, die fand ich sehr aufschlussreich. :) 3D haben wir aber verweigert. |
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Ja, die Meerjungfrauenpisode war die einzige, die mich fesselte : ) und mir gefielen auch die mit der einzelnen Meerjungfrau. Der Missionar ging mir allerdings gehörig auf die Nerven.
(Ich wünsche mir zudem wieder andere skurrile Charaktere, die Johnny Depp spielen kann. Jack Sparrow ertrage ich nur schwer..) 3D mag ich auch nicht besonders. Mir missfällt, dass manche Dinge nur dafür gedreht wurden, dass man nicht mehr frei auf der Leinwand umherschauen kann. Dann wiederum gibt es Dinge, die funktionieren in 3D nicht. Mir gelingt es bei 3D auch nicht, mir in Ruhe die Gesichter anzuschauen und der ganze Film erscheint mir viel künstlicher als in 2D. Dabei sollte doch eigentlich das Gegenteil erzeugt werden.. |
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Freibeuter der Märkte :)
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Richtig guter Text! Vielen Dank.
Weiß Johnny Depp von Ihren Gedanken? Dann wäre der Film ja beinahe so gut wie sein "Dead Man". Bisher habe ich immer nur Kinder von den Filmen schwärmen hören. Sollte das tatsächlich mehr sein, als gute Unterhaltung? Sie übernehmen mit einer Empfehlung eine große Verantwortung für mein Filmbudget - ich sehe mir nur 2 Filme von "Lovefilm" (jetzt wie üblich auch eine Amazon-Firma) pro Monat an. |
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Wer weiß, ob er's weiß? Ein feedback kam bisher noch nicht. :)
Ich will mal so sagen: Wenn mich jemand mit "Tiefsinn" in einen Film locken möchte, halte ich meine Taschen ganz fest zu!! :)) Aber, pssst, man kann den Film ganz umsonst auf 'kino.to' online anschauen (deutsch synchronisiert, mit russischem Vorspann und Untertiteln und mit echten Publikumslachern, wie im Kino). :))) Danke für's Lesen und Kommentieren! |
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Merdeister, Du bist wirklich mit allem ausgestattet! - Ich hab seit 'n paar tagen auch neuste hardware, aber was glaubste, die Freitag-Seite läuft eher noch besch...eidener!
Schön, dass'ch Dich amüsieren konnte - oder fühltest Du Dich etwa gar erbaut? |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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