goedzak

Механика чувственная!

21.10.2011 | 06:10

„Jud Süß“ im „KdF-Bad“

 

Dialog am Rande einer Anti-Harlan-Demonstration, frühe 50er Jahre, BRD


Harlan-Fan: Haben Sie den Film ‚Jud Süß’ gesehen?

Harlan-Gegner: Ja, leider.

Harlan-Fan: Dann kann ich nicht verstehen, wie Sie noch für die Juden sein können!


 

Ein Anti-Veit-Harlan-Demonstrant wird abgeführt, 1951

 

 

 

Der Filmvorführer behrrscht irgendwie sein Equipment nicht, oder das kann nur Breitwand. Der Normal-8-Film (4:3) erscheint als Breitbild im Seitenverhältnis von 2,35:1 auf der Projektionswand. Der dicke Herzog (Heinrich George) tappelt breiter als hoch durch die Szene und erntet Lacher bei den Zuschauern. Die Figur ist als prunksüchtiger und dummgeiler Barock-Kleinfürst angelegt, was ihr schon beim Filmstart im September 1940 keine Sympathien eintrug, und genauso funktioniert das auch noch im August 2011. Das Publikum, dem Anschein nach alles bildungsbürgerlich-mittelschichtige Ostseeurlauber und zwei, drei etwas jüngere Cineasten-Typen, nimmt die Figur genau so, wie der Film sie ihm nahelegt, und verachtet und verlacht den dicken Karl Alexander, der den verheißungsvollen Einflüsterungen des Juden aus Habgier und Eitelkeit erliegt.

Die gut zwanzig Millionen ‚erschütterten’ Zuschauer, die den Film zwischen 1940 und 1943 sahen, wurden durch ihn und besonders natürlich durch die Heimtücke, Gier und Brutalität der in ihm gezeigten Jud-Süß-Figur, die als Höhepunkt der Perfidie ein reines blondes deutsches Mädel (‚Reichswasserleiche’ Kristina Söderbaum) schändet, in ihrem Antisemitismus bestärkt. Der übliche spontane ‚Volkszorn’, der allen Schindern, Schändern und Raffgierigen gilt, wurde hier geschickt mit einer kalkulierten Vorstellung vom ‚jüdischen Wesen’ verbunden.

In dieser Vorführung des Jahres 2011 funktioniert die Wahrnehmung der Figur natürlich nicht mehr im von Goebbels und Harlan intendierten Sinne. Die Zuschauer sind gebildete, aufgeklärte und gutwillige Leute, oder doch wenigstens von den heute gültigen Setzungen der p.c. konditioniert. Da kann nichts mehr schief gehen. Trotzdem ist die Aufführung des Films auch im neuen Jahrtausend nur im Rahmen von Bildungsveranstaltungen und nur mit einem einführenden Vortrag gestattet. Der dicke Karl Alexander hat immer noch schlechte Karten, die „Jud Süß“-Figur aber weiß man nun richtig zu deuten. So macht sich dann auch der Referent Prof. Wolfgang Benz, emeritierter Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der FU Berlin, in seiner kurzen Alibi-Rede lustig über die ideologische Fürsorglichkeit des Gesetzgebers.

Dann folgt der Film, und er ist bei aller dramaturgischen und schauspielerischen Finesse genau der Hetz-Schmarren, als der er immer bezeichnet wird. Aber gut, das mal mit eigenen Augen gesehen zu haben.

 

 

 

 

Die Aufführung des Films ist ein Programmpunkt der Eröffnung der Ausstellung „Jud Süß“ – Geschichte(n) einer Figur im Dokumentationszentrum Prora in der Anlage des ehemaligen "KdF-Seebades" Rügen (offizieller Titel) am 17. August 2011.

Thema dieser Ausstellung sind die Deutungsmuster einer historisch verbürgten Figur, des Joseph Ben Issachar Süßkind Oppenheimer, geboren 1698 in Heidelberg, ein Jude, der von 1733 bis 1737 sog. Hoffaktor, eine Art Finanzminister, des württembergischen Landesfürsten Karl Alexander war.  

In ihrer Eröffnungsrede spricht Miriam Hesse, eine der Ausstellungsmacherinnen, über die Forschungen zur der realen historischen Person, die hinter der literarischen Figur und ihrem antisemitischen Zerrbild steht. Sie verweist auf das 1929 erschienene Buch von Selma Stern und die neue Publikation von Jörg Koch (2011). Die tatsächliche Persönlichkeit des Menschen J. S. Oppenheimer sei allerdings wohl nicht mehr zu ergründen, meinte die Referentin. Ein wenig schien es mir, als bedauerte sie damit auch die Unmöglichkeit, seinen antisemitischen Feinden verlässlich beweisen zu können, dass der Jude Joseph Süß Oppenheimer gar kein so schlechter Mensch gewesen ist, wie diese immer behaupten.

Ein paar Tage später sehen wir uns im notdürftig restaurierten Marstall des verschwundenen Putbuser Schlosses eine Ausstellung über das Theater der Barock-Zeit an. Und hier stoßen wir auf einen Kollegen des Finanzgenies Oppenheimer, der fast zur selben Zeit gut 200 km weiter nordöstlich ähnliches unternommen hatte. Philipp Andreas Ellrodt, im Jahre 1750 für seine Verdienste um die Herrschaft des Markgrafen Friedrich III. in Bayreuth in den Adelsstand erhoben, sorgte ab 1739 (ein Jahr nach der Hinrichtung Oppenheimers in Stuttgart) als Kammerpräsident und Finanzrat des Markgrafen dafür, dass dem verschuldeten Herrscherhaus das nötige Geld für eine repräsentative Hofhaltung mit prunkvoller Architektur, Theater und Kunst zur Verfügung stand, und legte damit quasi die Grundlagen für das Bayreuth von heute als Wagner-Festspielstadt. Auch Ellrodt war zwischenzeitlich Opfer der  Intrigen seiner ständischen Neider geworden, die bei ihm allerdings nur zu einer kurzen Haftstrafe führten.

Beider Männer Maßnahmen wie der Verkauf von Handelsrechten gegen Gebühren, das Gründen einer Landesbank, das Besteuern von Beamtenbezügen und Unternehmensgewinnen, das Durchführen von Lotterien und Glücksspielen, waren unmittelbar motiviert von dem Bestreben, Finanzmittel für die Hofhaltung feudalabsolutistischer Fürsten zu beschaffen, dabei aber immer von dem Gedanken getragen, dass das nur mittels einer modernisierten Wirtschaft und entsprechenden Finanzwesens möglich sein würde.

Es gibt viele Beispiele für die Figur des (meist) bürgerlichen, kaufmännisch und politisch begabten Akteurs, der als Vertrauter eines absolutistischen Herrschers und in dessen Auftrag reformerische Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik betreibt.

Das Wirken dieser jüdischen und nichtjüdischen Hoffaktoren an den Höfen absolutistischer Fürsten war das Wirken von Modernisierern, die in den Jahrzehnten vor dem Beginn der politischen Emazipation des kapitalistischen Bürgertums im späten 18. Jahrhunderts die Finanz- und Wirtschaftssysteme gegen die engstirnigen Interessen der überkommenen spätmittelalterlichen Ständvertretungen reformierten. Diese Entwicklungen müssen mit unter die gravierenden Umwälzungen gerechnet werden, die der Ablösung feudaler Gesellschaftsformen voraus gingen. Dass diese Modernisierung keine Idylle war, dass Bauern und kleine Handwerker wachsende Abgabenlasten zu tragen hatten oder gar ihre überkommene Existenzgrundlage verloren, dass die Intention meist nicht das war, was später ursprüngliche Akkumulation des Kapitals genannt wurde, auch selten vordergründig Aufklärung und Demokratisierung (wie bei dem Reformer Struensee etwa), darf nicht darüber täuschen, dass die Hoffaktoren eine historisch überaus progressive Rolle spielten.

Ein Gewohnheits-Antisemit namens Peter Deeg, Jurist, später übrigens Duz-Freund von Franz Josef Strauß, hatte 1938 im Hetz-Verlag Julius Stürmers ein Buch unter dem Titel „Hofjuden“ veröffentlicht, das man auch heute noch in Antiquariaten erstehen kann. In diesem Pamphlet kommt ein Geist zum Ausdruck, den jüngst auch Götz Aly in seinem Buch "Warum die Deutschen? Warum die Juden?: Gleichheit, Neid und Rassenhass" als den Ursachenkern des deutschen Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert bezeichnet hat: Hass auf Menschen und ihre Verunglimpfung, die gebildetere, agilere und erfolgreichere, kurz modernere, Akteure sind, deren Wirken den je aktuellen historischen Rahmen des Gewohnten, Vertrauten und Sicheren überschreitet. Aly nennt das Neid, was es ja auch ist, greift aber wohl doch zu kurz, wenn er diesen Neid als die treibende Kraft des Antisemitismus bezeichnet. Vielleicht ist das Neidphänomen eine sozialpsychologische Erklärung dafür, wie der alltägliche Antisemitismus bei den einzelnen Menschen funktioniert.

 

 

Flugblatt zur Hinrichtung Joseph Oppenheimers, 1738

 

Der Antisemitismus des 18. Jahrhunderts, der z.B. zu dem Justizmord an Süß Oppenheimer führt, ist ein Ausdruck der reaktionären konservativen Bestrebungen feudalständischer Gruppierungen. Der im deutschen Faschismus kulminierende Antisemitismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nutzt die selben „Argumentations“-Muster, um nun aber die sozialen Auswirkungen der kapitalistischen Modernisierung als Schuld einer fremden Gruppe und nicht originäre Erscheinung derselben darzustellen. Banal gesagt, hier wird der Sündenbock aufgebaut, mit dem von den eigenen Sünden abgelenkt werden, und der den Zorn derer, die unter eben diesen Sünden zu leiden haben, auf sich ziehen soll. Ist er erst Ausdruck einer Angst vor dem, was kommen wird, wird er dann zu einem Mittel der Täuschung über das, was ist.

Der sich mit sozialdemagogischer Absicht selbst ‚Nationalsozialismus’ nennende deutsche Faschismus hat die Sündenbock-Ideologie des säkularen Antisemitismus mit eben dieser Sozialdemagogie verbunden und funktioniert hat dies aus Gründen, die Götz Aly beschreibt. Zweck der Übung war aber nicht nur, wie der Streifen „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ (2010) in einigen Szenen recht plump illustriert, die deutsche Bevölkerung mental auf die Vernichtung der Juden einzustimmen, sondern darüber hinaus vor allem den Charakter des Faschismus als einer kapitalismusapologetischen Ideologie zu kaschieren. Die Strategie war erfolgreich und ist es heute noch, wie sich in dem Ideologem der pauschalen Gleichsetzung von Kapitalismuskritik mit (strukturellem oder was auch immer für einem) Antisemitismus zeigt.

Das Schicksal des historischen Joseph Oppenheimer wird meist, und der antisemitische Missbrauch der Figur durch Goebbels und Harlan legt dies ja auch nahe, im Kontext von Antisemitismus-Diskursen thematisiert.  Auch die Ausstellung in Prora tut dies. Ein Vergleich des Hoffaktors Oppenheimer z.B. mit dem Minister am dänischen Königshof  Johann Friedrich Struensee  , die beide, der eine Jude, der andere nicht, enge Vertraute ihrer jeweiligen absolutistischen Fürsten waren, und beide der gleichen progressiven Wirtschafts- und teils auch Sozialreformen wegen von missgünstigen Gruppierungen entmachtet und schließlich in einem pseudojuristischen Verfahren zum Tode verurteilt wurden, zeigt den tieferen Sinn unter der ideologischen Tünche.

 

 

 

 

Flugblatt zur Hinrichtung  Johann Friedrich Struensees, 1772

 

 

Die gegen beide erhobenen Vorwürfe ähneln sich frappierend: Machtgier, Bereicherungssucht, Amtsmissbrauch, schließlich auch sexuelle Verfehlungen. Struensee gilt als Verführer der Königin, Oppenheimer wird des unerlaubten sexuellen Kontakts mit christlichen Frauen beschuldigt. Der eine wird gehängt, der andere enthauptet. Beider Schicksal dient als Stoff für Verfilmungen. Der britische Film „The Dictator“ über Struensee kommt in Nazi-Deutschland unter dem Titel „Mein Herz der Königin“ (1935) in die Kinos und zeigt in der deutsch synchronisierten Fassung einen wackeren romantischen Helden. Die antisemitische Verteufelung des einen und die Romatisierung des anderen sind aber zwei Seiten einer Medaille: gezielte Enthistorisierung und Ideologisierung.

Die Nazis haben die von den Massen als kritikwürdig empfundenen Aspekte des Kapitalismus zu dessen angeblich jüdischem Wesen umgelogen. Der noch andauernde Erfolg dieser Taktik ist die Voraussetzung dafür, dass heute von interessierter Seite bei Bedarf jede Kritik des Kapitalismus in Antisemitismus umgefälscht werden und das auch noch als ‚linkes Denken’ gelten kann.

 

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 21.10.2011 um 10:20
Toll!

Der Schlußsatz: "Der noch andauernde Erfolg dieser Taktik ist die Voraussetzung dafür, dass heute von interessierter Seite bei Bedarf jede Kritik des Kapitalismus in Antisemitismus umgefälscht werden und das auch noch als ‚linkes Denken’ gelten kann." ist die Basis für den fünften Stern!
ich schrieb am 21.10.2011 um 10:55
Mensch, da hasst Du Dir richtig viel Mühe gegeben. Hut ab!!!!!

Nur vor die Wikipedialinks müsstest Du noch ein "http://" setzten.

Übrigens mit Ausrufezeichen gehen ich meist noch sparsamer um als mit Sternchen.
goedzak schrieb am 25.10.2011 um 00:55
Danke Dir! - Das Reparieren der Links hat mich ein gute halbe Stunde gekostet. Warum reicht es nicht mehr, wie bisher, einfach die Adresszeile der Website in das Verlinkungsfenster zu kopieren?
ich schrieb am 28.10.2011 um 13:13
Also was das Problem war, weiss ich jetzt auch nicht mehr. Vielleicht hatte es etwas mit dem base-tag im HTML-Code der Freitag-Seiten zu tun.

Hab' mir in der Zwischenzeit auch mal beide Filme (also den von Harlan und den von Roehler) angeschaut. Insofern hat sich Dein Text auf jeden Fall gelohnt.

Vor ein paar Jahren gab es ja auch mal ein Fernsehspiel mit Axel Milberg zum Fall Harlan.
goedzak schrieb am 28.10.2011 um 18:39
Das Fernsehspiel mit Milberg müsste man sich mal ansehen. Gibts aber in keiner Mdeiathek, oder? Muss man also auf eine Wiederholung warten. Danke für den Tip.
goedzak schrieb am 28.10.2011 um 18:41
'Mediathek' war gemeint.
ich schrieb am 28.10.2011 um 21:30
Ich hab' mal geschaut. Ich glaube da hilft nur tapfer auf eine Wiederholung zu warten. Am besten hat mir im Fernsehspiel übrigens der Marian-Darsteller gefallen und auch der Göbbels kam nicht so albern wie bei Bleibtreu oder Matthes daher.
ed2murrow schrieb am 21.10.2011 um 12:51
Lieber Goedzak,

trotz und gerade wegen der Monumentalität Deines Blogs, zwei Anmerkungen:

Während die Rezeption des Jud Süß, damals und heute, in einer nicht zu überbietenden Dringlichkeit dargestellt ist, ist der konklusive Teil, da Du vom Speziellen auf das Generelle kommst, sonderbar verschlagwortet. Beinahe so, als ob Du während des Schreibens erkannt hättest, welch gewaltiges Gepäck Du da mit Dir herumschleppst und partout keine Ecke findest, wo abzuladen. Das wird besonders dort evident, wo Du versuchst, anthropologische Deutungsmuster mit kapitalkritischen Elementen (und umgekehrt) zu verstärken, aber bei beiden nicht einmal die jeweiligen Startlöcher konkretisierst.

Götz Aly hat den Vorzug, ein anthropologisches Muster benannt zu haben und hat dies in historischen Zusammenhängen dargelegt. Auch wenn er keinen Bezug nimmt, der Einfluss von René Girard und den von ihm erarbeiteten „Sündenbockmechanismus“ ist unverkennbar. Wenn wir es so lesen wollen, hat Aly der Theorie Girards das Fleisch aus der Zeit 1800-1933 in Deutschland geliefert.

Das ist aber etwas, was um uns herum täglich, im Hier und Jetzt passiert. Die Frage des Antisemitismus ist eine, die das italienische Parlament umgetrieben hat. Dieser Tage ist der Abschlussbericht einer zwei Jahre arbeitenden Enquete-Kommission zu dem Ergebnis gekommen, dass „44% der Italiener gegen Juden eingestellt“ und „12% offen antisemitisch“ sind (die Ausführungen würde ich bei Gelegenheit liefern, aber nicht im Rahmen dieser Erwiderung).

Ein ganz ähnliches Phänomen freilich finde ich in Deutschland in Bezug auf „Migranten mit islamischen Hintergrund“ – Von den „Kinder in die Welt setzenden Gemüseverkäufern“ und biologistisch begründeten „Menschen minderer Intelligenz“ eines ehemaligen Staatsbediensteten S. bis hin zu deren Aufwertung durch den ehemaligen Direktors des Max Plank Instituts für Völkerrecht Karl Doehring, der hier bei Merdeister besprochen worden ist, die wegen ihrer Intelligenz als Gefahr für das deutsche Staatswesen erachtet werden. Eine Konvergenz der Argumente habe ich in „Sündenbock Migrant oder: Die Angst, Sturm zu ernten“ dargestellt.

Ist diese Parallele ebenfalls nur Ausdruck einer „kapitalismusapologetischen Ideologie“? Ich finde im Gegenteil, dass darin nichts anderes als der hilflose Versuch zu sehen ist, abermals „der Fürst“ von Machiavelli zu desavouieren, statt ihn zu widerlegen.

Das Zweite ist nur eine Randbemerkung: „Trotzdem ist die Aufführung des Films auch im neuen Jahrtausend nur im Rahmen von Bildungsveranstaltungen und nur mit einem einführenden Vortrag gestattet.“ Die Ironie ist natürlich unverkennbar, aber ganz unironisch frage ich: Was ist im Netz?

Beste Grüße, e2m
Wolfram Heinrich schrieb am 21.10.2011 um 13:35
@ed2murrow
Das Zweite ist nur eine Randbemerkung: „Trotzdem ist die Aufführung des Films auch im neuen Jahrtausend nur im Rahmen von Bildungsveranstaltungen und nur mit einem einführenden Vortrag gestattet.“ Die Ironie ist natürlich unverkennbar, aber ganz unironisch frage ich: Was ist im Netz?

Im Netz ist das:



Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 21.10.2011 um 13:47
Nachtrag: Was mir erst jetzt auffällt - noch nicht mal eine Menora (Siebenarmiger Leuchter) kriegen sie hin.


Ciao
Wolfram
ed2murrow schrieb am 21.10.2011 um 14:42
Widerspruch, lieber Wolfram Heinrich: Da stehen auch "Informationen" desjenigen, der das bei YouTube eingestellt hat und an die 60 Kommentare. Das geht von "guter film zur aufklärung über israeliten" bis "Und aus diesem Grund ist der Film auch heute nach bei Judenhassern beliebt,und gefährlich.Darum nur sollte er nur mit Auflagen gezeigt werden."
Wolfram Heinrich schrieb am 21.10.2011 um 15:08
@ed2murrow
Widerspruch, lieber Wolfram Heinrich: Da stehen auch "Informationen" desjenigen, der das bei YouTube eingestellt hat und an die 60 Kommentare. Das geht von "guter film zur aufklärung über israeliten" bis "Und aus diesem Grund ist der Film auch heute nach bei Judenhassern beliebt,und gefährlich. Darum nur sollte er nur mit Auflagen gezeigt werden."

Ja, schon. Aber daß der Film bei YouTube zu sehen ist, ist kein Staatsgeheimnis. Wer immer, mit welcher Motivation immer, sich diesen Film anschauen will, der findet ihn auch. Du findest im Internet auch den widerwärtigen Film "Der Ewige Jude", aber gut, diesmal setze ich keinen Link.
Ich kannte den Film bislang nur aus Büchern, ich habe jetzt mal kurz reingeschaut. Er ist noch viel widerwärtiger als ich das je gedacht hatte, schon der kurze Auszug, den ich mir angeschaut habe, verursachte mir körperlichen Ekel - vor den Filmemachern, nicht vor den Juden.

Ciao
Wolfram
ed2murrow schrieb am 21.10.2011 um 15:31
"verursachte mir körperlichen Ekel - vor den Filmemachern, nicht vor den Juden"

ist mir auch so gegangen. Und bei der Lektüre des Elaborats aus der "Festungshaft", ebenfalls im Netz einsehbar, ohne "Vorträge" oder "Begleitnotizen". Ein Gefühl (!), dass sich eingestellt hat, als ich Doehring gelessen hatte und das Interview mit dem Herrn S. in Lettre International. Die Wahl der Instrumente ist schon groß, die Partituren sind nur Variationen?
Wolfram Heinrich schrieb am 22.10.2011 um 01:55
@ed2murrow
ist mir auch so gegangen. Und bei der Lektüre des Elaborats aus der "Festungshaft", ebenfalls im Netz einsehbar, ohne "Vorträge" oder "Begleitnotizen".

Das erste Mal hatte ich die Erfahrung körperlichen Ekels beim Konsum eines Kulturproduktes als Schüler. Damals habe ich - so für mich, als Übung - eine Analyse verschiedener Zeitungen und Zeitschriften gemacht, unter anderem auch der Nationalzeitung von Gerhard Frey. Ich habe dafür etliche Ausgaben von hinten bis vorne durchgelesen und es war tatsächlich eine Qual.
Auf Hitlers "Mein Kampf" war ich, ebenfalls noch als Schüler, neugierig, ich verschaffte mir per Post ein Exemplar von einem Wiener Antiquariat. Ich habe nur ca. ein Drittel geschafft, das habe ich allerdings "durchgearbeitet", also mit Unterstreichungen und Randnotizen. Weiter ging es nicht mehr, es war so was von dermaßen öde und langweilig geschrieben, daß es nicht mal gelang, Ekel in mir zu erzeugen. Gerhard Frey versteht sein Handwerk anscheinend besser als sein Führer.
Es braucht schon einen überragenden Vortragskünstler, aus Hitlers Text die Langeweile zu vertreiben.


Die Wahl der Instrumente ist schon groß, die Partituren sind nur Variationen?

Es ist immer dieselbe Melodie, einmal für Blockflöte, einmal für Großes Orchester.

Ciao
Wolfram
goedzak schrieb am 24.10.2011 um 22:09
@e2m
„Das wird besonders dort evident, wo Du versuchst, anthropologische Deutungsmuster mit kapitalkritischen Elementen (und umgekehrt) zu verstärken, aber bei beiden nicht einmal die jeweiligen Startlöcher konkretisierst.“
Der Eindruck täuscht, dass ich dies versuchte. Überlegungen, wie die von Götz Aly halte ich für hilfreich zu zeigen, wie z.B. Antisemitismus bei konkreten einzelnen Menschen entsteht und funktioniert, mehr aber auch nicht. Genau genommen aber kann er damit den ‚Umschlag’ von einem (eventuell allgemeinen) anthropologischen Phänomen wie den Spielarten der Xenophobie zu einer gesellschaftspolitisch so schrecklich wirksamen Ideologie NICHT erklären.

Das Fazit Deines Beitrags, den Du verlinkt hast, ist: Querfront! Nun, damit haust du in genau die Kerbe, die ich meine: Alles taugt, um die Linke zu diffamieren und zu desavouieren. Das größte Interesse daran, eine „Querfront“ von Rechts und Links herbeizureden und Oskar Lafontaine eine Aversion gegen die „Fremd(en)arbeiter“ anzudichten, haben die, die von den niedrigen Lohnniveaus dort, wohin sie die Produktionsstätten ihrer Unternehmen verlagern, oder von der Möglichkeit, hierzulande ausländische Arbeiter zu Dumpinglöhnen zu beschäftigen (eine Form der seit Jahren gängigen Lohndrückerei), profitieren.

„Die Ironie ist natürlich unverkennbar, aber ganz unironisch frage ich: Was ist im Netz?“ – War nicht ironisch gemeint. Ich habe nichts dagegen bzw. bin durchaus dafür, dass das nicht einfach so in Kinos rumgezeigt werden kann. Das der Film im Netz steht, wusste ich. Wenn man ihn da ansehen will, hat man den Eindruck, sich dabei mit denen gemein zu machen, die dort die erwähnten Kommentare hinterlassen.
ed2murrow schrieb am 25.10.2011 um 15:27
Gelesen und natürlich nicht einverstanden, dass das Fazit meines Beitrages der einer "Querfront" sei. Im Gegenteil: Sowohl Du als viele andere Kommentatoren haben doch eigentlich das richtige Wort gefunden, den Sündenbock (was streng genommen erst recht zu religiösen und/oder mythischen Motiven führen würde). Allerdings zuckt dann, wenn die Überlegung zu Ende geführt wird, jeder auf seltsame Weise zurück, weil er für sich partout eben dieses Fabelwesen in eigenen Argumentationsmustern nicht wieder erkennen will/kann.

Ich denke, dass die Diskussion uns noch eine ganze Weile begleiten wird, Dein Beitrag ist zumindest wohltuend ausgearbeitet und überwiegend unaufgeregt, dementsprechend eine Wohltat.

Wie immer der sehr subjektive e2m
zelotti schrieb am 27.10.2011 um 16:40
Zunächst einmal sollte man einen Begriff wie antisemitisch einfach mal testweise von seinem historischen Ballast gereinigt betrachten.

Antisemismus ist Judenkritik. Antikatholizismus ist Katholikenkritik. Antiprotestantismus ist Aversion gegen Protestanten.

Die Narrationsmuster einer antisemitischen Schmähkritik sind natürlich jeder anderen Schmähkritik verwandt. Das versteht sich von alleine.

Das Gefährliche des Diskurses kann man an der Frage erkennen: "Wie viel Antisemitimus darf eine Gesellschaft vertragen?". Antisemitismus wird eliminatorisch verstanden, deshalb ist es so gefährlich im Diskurs und zieht aufgrund seiner Mächtigkeit Denunziantennaturen an.

Übrigens ist Söderbaum wie der Name verrät Schwedin. Was die Schmähphrase "Reichswasserleiche" zur Würdigkeit dieser Schauspielerin besagt, ist mir nicht klar. Es ist eben eine Art der Diskurführung, die dem Kritisierten durchaus nahe steht. Dabei kann man an Söderbaum durchaus mehr kritisieren als es die Schmähung notwendig machen würde.
goedzak schrieb am 27.10.2011 um 20:30
Worauf willst du hinaus? "Antisemitismus ist Judenkritik", die leider als "eliminatorisch (miss)verstanden" wurde? Demzufolge wäre der Film eigentlich noch akzeptabel, hätte aber nicht KZ-Personal und SS-Angehörigen an der Ostfront gezeigt werden dürfen?

Die Einschätzung der Schauspielkunst einer Söderbaum war nicht mein Thema. Ich habe einen Spottbegriff ihrer Zeitgenossen zitiert, den sie ja auch in "Jud Süß" wieder bediente. Die Anlage der von ihr verkörperten Figur der Dorothea Sturm ist neben der Hauptfigur das perfideste an dem Film. Im 'Metzler Film Lexikon' heißt es:"Der Film mobilisiert offen sexuelle Ängste und Aggressionen und instrumentalisiert sie für die antisemitische Hetze." dazu bedurfte es der bereitwillig ausgeübten 'Schauspielkunst' einer Söderbaum.
Wolfram Heinrich schrieb am 21.10.2011 um 14:04
Ein Vergleich des Hoffaktors Oppenheimer z.B. mit dem Minister am dänischen Königshof Johann Friedrich Struensee , die beide, der eine Jude, der andere nicht, enge Vertraute ihrer jeweiligen absolutistischen Fürsten waren, und beide der gleichen progressiven Wirtschafts- und teils auch Sozialreformen wegen von missgünstigen Gruppierungen entmachtet und schließlich in einem pseudojuristischen Verfahren zum Tode verurteilt wurden, zeigt den tieferen Sinn unter der ideologischen Tünche.

Voltaire hatte in dieser Hinsicht großes Glück, daß er dem aufgeklärten Philosophenkönig Friedrich II. noch rechtzeitig entspringen konnte. Im Frankreich Ludwigs XV. lebte es sich anscheinend immer noch freier als im Preußen Friedrichs. In Genf gleich gar:

Aus der Wikipedia:
Zu einer tiefen Verstimmung Friedrichs führten schließlich die Querelen Voltaires mit anderen Höflingen. Vor allem hatte er es auf einen alten Bekannten von Mme du Châtelet abgesehen, den Präsidenten der Berliner Akademie, Pierre-Louis Moreau de Maupertuis, einen durchaus verdienten Mathematiker und Naturforscher, mit dem er einst gemeinsam für die Verbreitung der Theorien Newtons gekämpft und den er selber Friedrich empfohlen hatte. Der Streit eskalierte, als Maupertuis seine Macht als Akademiepräsident dazu benutzte, die Mitglieder zu einer gemeinsamen Stellungnahme gegen den Mathematiker Johann Samuel König zu nötigen. Dieser hatte die Priorität am Prinzip der kleinsten Wirkung Maupertuis ab- und Leibniz zugesprochen und wurde bezichtigt, dessen Brief, der ihm als Beweismittel diente, gefälscht zu haben. Als Friedrich sich diesem Vorwurf öffentlich anschloss, widersprach Voltaire und verspottete Maupertuis in der satirischen Schrift La Diatribe du Docteur Akakia (1752). Nachdem er sie entgegen der Bitte Friedrichs hatte drucken lassen, sprach dieser ein Verbot aus und ließ sie verbrennen. Da Voltaire schon vorher zu Ohren gekommen war, dass der König über ihn gesagt habe: „J’aurai besoin de lui encore un an, tout au plus; on presse l’orange et on en jette l’écorce“ (Ich brauche ihn noch höchstens ein Jahr; man presst die Orange aus und wirft die Schale weg), bat er gekränkt um Entlassung aus seinem Hofamt, wurde aber zunächst nur für eine Kur beurlaubt. Als er von Leipzig aus Maupertuis nochmals angriff, wurde er in Unehren entlassen.
Bei einem Aufenthalt in der Freien Reichsstadt Frankfurt, wo er auf seiner Weiterreise in Begleitung seines Sekretärs Cosimo Alessandro Collini Station machte, wurde er am 31. Mai 1753 auf Betreiben Friedrichs bzw. des dortigen preußischen Repräsentanten Baron Franz von Freytag unter dem Verdacht, er habe unerlaubt ein lyrisches Manuskript des Königs mitgehen lassen, einer Gepäckkontrolle unterzogen und in seinem Hotel unter Hausarrest gestellt. Die Klärung der Angelegenheit zog sich unter Umständen, die für Voltaire demütigend waren, aber auch etliche öffentliche Proteste auslösten, hin bis zum 7. Juli, wo er Frankfurt verlassen konnte.

de.wikipedia.org/wiki/Voltaire

Ciao
Wolfram
goedzak schrieb am 24.10.2011 um 22:12
Tatsächlich, noch mal davon gekommen, der Ms Voltaire.
Ullrich Läntzsch schrieb am 21.10.2011 um 16:10
*****
verdienterweise
j-ap schrieb am 21.10.2011 um 17:09
as Fehlen wirklichen Wissens über die Aktivitäten und die Politik der Nazis in Polen und der Sowjetunion, in den Ghettos und den Vernichtungslagern führte zu einem unvollständigen Bild des Nazismus. Das Ergebnis war eine Analyse des Nationalsozialismus, die jene Momente des Phänomens heranzog, welche in den Jahren 1933-1939 augenscheinlich waren: ein terroristischer, bürokratischer Polizeistaat, der im unmittelbaren lnteresse des Großen Kapitals arbeitete und auf autoritären Strukturen, der Glorifizierung der Familie und der Benutzung des Rassismus als einem Mittel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt beruhte. Diese Art der Analyse wurde noch durch die kommunistische Angewohnheit, lieber vom Faschismus als vom Nazismus zu sprechen, verstärkt womit sie seine Klassenfunktion unter Ausschluss anderer Momente hervorhob. Mit anderen Worten: sowohl die nicht-dogmatische Linke als auch die orthodoxen Marxisten neigten dazu, den Antisemitismus als Randerscheinung des Nationalsozialismus zu behandeln. Dadurch wurden die Naziverbrechen gegen die Menschlichkeit von der sozialhistorischen Untersuchung des Nationalsozialismus isoliert. Das Ergebnis ist, dass die Vernichtungslager entweder als bloße Beispiele imperialistischer (oder totalitärer) Massenmorde erscheinen oder unerklärbar bleiben.
Weiter hier: Moishe Postone, Antisemitismus und Nationalsozialismus
goedzak schrieb am 24.10.2011 um 22:25
"unter Ausschluss anderer Momente", "Antisemitismus als Randerscheinung" - das scheinen mir tendenziös gewählte Fprmulierungen zu sein. Soll da ausgesagt werden, "die nicht-dogmatische Linke als auch die orthodoxen Marxisten neigten dazu", den Antisemitismus und die mit ihm ideologisch begründete Mord-Praxis der Nazis in ihrer anti-kapitalistischen Rhetorik nur für zweitrangig wichtig zu nehmen?

"Dadurch wurden die Naziverbrechen gegen die Menschlichkeit von der sozialhistorischen Untersuchung des Nationalsozialismus isoliert. Das Ergebnis ist, dass die Vernichtungslager entweder als bloße Beispiele imperialistischer (oder totalitärer) Massenmorde erscheinen oder unerklärbar bleiben." - Soll das heißen, die weltgeschichtliche Singularität der Nazi-Verbrechen würde von Seiten o.g. Protagonisten in Frage gestellt?

Nun, vielleicht habe ich überhaupt gar nicht verstanden, welchen Sinn das Anbringen dieses Zitats hier haben soll... Vielleicht hilfst Du mir auf die Sprünge?
j-ap schrieb am 25.10.2011 um 14:53
Lege Dir mal folgende Frage vor, goedzak:

Wenn es richtig ist, was Du schreibst, und der Antikapitalismus der Nazis nichts anderes gewesen sein soll als bloß propagandistische Manipulation, d. h. Bauernfängerei, was sagt uns das dann über die »Bauern«, die eben damit gefangen werden konnten?
Columbus schrieb am 21.10.2011 um 19:07
Toller Artikel. Ich würde noch "König" in "Herzog" ändern ("des württembergischen Königs Karl Alexander war").

Sehr empfehlenswert: Hellmut G.Haasis, "Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß", Finanzier, Freidenker, Justizopfer, Hamburg(Rowohlt),1998, (TB) 2001.

Zum Ende Oppenheimers vielleicht interessant, dass der von der Willkürjustiz bereits enteignete Finanzier des Herzogs, die Gerichtskosten seiner grausamen Hinrichtung auf dem Stuttgarter Galgenberg, er wurde erwürgt und vor ca. 12.000 Menschen zur Schau gestellt, auferlegt erhielt (das hat Anklänge an die NS-Zeit). Die Leiche ließ man sechs Jahre im Käfig hängen.

Gegen die Einwirkung und das Bedrängen der christlichen Geistlichen, bleibt er bei seiner späten, offenen Wiederhinwendung zum jüdischen Glauben. Ein Rabbi wird ihm verweigert. -Vorher war Oppenheimer er Freigeist und aufklärerisch gesinnt. In Wirtschaftsdingen durchaus ehrgeizig und gesinnt, aus Geschäften eine möglichst hohe Provision zu schlagen. Im Grunde ein typisches Verhalten der Vermögensverwalter und Bankiers der Zeit, egal welcher Konfession.

Der Prozess endete, ohne eine einzige Straftat exakt nennen und belegen zu können, mit dem Todesurteil. Zuvor waren dem Beklagten alle prozessualen Vorbereitungschancen genommen worden. So durfte er nicht in die niedergelegten Zeugenaussagen und Ermittlungen Einblick nehmen, musste sich "aus dem Gedächtnis" verteidigen, und ihm wurde das Petitionsrecht an den Kaiser zu Wien genommen. Zudem beging sein Verteidiger Mandantenverrat.

Einige Dinge sind vielleicht doch ein wenig komplizierter.

Keineswegs war Oppenheimer ein fortschrittlicher Finanzverwalter für das Land, das Herzogtum. Die Württembergischen Landstände, gestützt auf ihre ständische Verfassung erwehrten sich der enormen Abgaben, die für Hofhaltung und Privatgeschäfte des Herzogs fällig wurden, zudem sollten sie eine völlig überdimensionierte, stehende Armee unterhalten.

Eher baute Oppenheimer die private Vermögensverwaltung des katholischen Herzogs in einem evangelischen Land so um, dass aus Münzrecht, Regalien und Abgaben auf die in Monopol- und Lizenz vergebenen Exportprodukte des Landes ( Holz für den Schiffbau) oder aus dem Verkauf der Salzrechte, genügend Geld für den Herzog einging. - Was Oppenheimer jedoch gar nicht schaffen konnte, das war eine Überwindung der weitverbreiteten Vetternwirtschaft und Korruption unter den adeligen Landständen und in der Umgebung des Hofes. - Mit einem modernen Staatshaushalt, bzw. mit den späteren Budgetrechts- und Kameralregelungen in Preußen, Frankreich oder in der nachnapoleonischen Zeit, hatte das nichts zu tun. Sozialreformen hat zumindest Oppenheimer keineswegs eingeleitet und gewollt. Und die fiskale Devise, es war aus seiner Stellung heraus, nämlich für seinen Herren, den Herzog, den er eher wie einen Privatunternehmer ansah, verständlich, lautete, die wachsenden fianziellen Lasten irgendwie zu decken.
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"....sondern darüber hinaus vor allem den Charakter des Faschismus als einer kapitalismusapologetischen Ideologie zu kaschieren. Die Strategie war erfolgreich und ist es heute noch, wie sich in dem Ideologem der pauschalen Gleichsetzung von Kapitalismuskritik mit (strukturellem oder was auch immer für einem) Antisemitismus zeigt." - Das klingt eben, wie bei Aly, recht hübsch, aber wird dadurch nicht wahrer. Die Nationalsozialisten waren keine Apologeten des Kapitalismus, denn keines der Grundprinzipien, nämlich freie Märkte, Konkurrenz und Durchsetzung von Produkten und Dienstleistungen auf einem Markt, waren deren erklärtes Wirtschaftsziel odr gar deren reale Wirtschaftspolitik.

Heute werden Linke vor allem wegen ihrer Haltung gegenüber Israels Politik und ihrem Verständnis für die Rechte der Palästinenser, als Antisemiten verleumdet und beschimpft, nicht wegen ihrer Kapitalismuskritik, die ihnen derzeit, selbst von Konservativen und Antikommunisten Sympathien einbringt.
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Oppenheimer wird an Stelle des Herzogs zur Rechenschaft gezogen. Der verstirbt an einer Lungenembolie, bevor sich eine Revolte des Landespatriziats und der Hofbeamten gegen ihn voll entwickeln kann. Der Geschäftsmann Oppenheimer ist an die Person des Herzogs unauflöslich gebunden. Mehrfach versucht er, sich zu lösen, bietet dem Herzog sogar sein privates Geld an, damit der ihn endlich ziehen lasse. Kurz vor dem Tode des Herzogs, -In Ahnung der Dinge die kommen können?-, erlangte er eine Zusicherung völliger Straffreiheit (Absolutorium) vom Regenten, die im Amtsblatt, also offiziell gültig, abgedruckt wurde. - Diese Zusicherung, legal und legitim nach dem Deutschen Reichsrecht, wird für ihn ebenso nichts wert sein, wie die großzügige finanzielle Förderung einiger seiner späteren Todfeinde, die so auch ihre Schulden "tilgen" (eine eher mittelalterliche Praxis).

Was den Film Harlans angeht, der zu Recht antisemitisch genannt werden muss, so kann ja auch gesagt werden, dass Gebote und Verbote, einschließlich der Kontrollen, die hartnäckigen 10-15% der Bevölkerung mit autoritären und auch antisemitischen, bzw. antimuslimischen, bzw. sonstigen diskriminierden Denkweisen, kaum ändern. Einförmiges Denken (mit Sündenbock-Theorien(e2m) und Neid, sind zwar keine menschlichen (anthropologischen) Grundkonstanten, also weder angeboren, noch sozial zwingend, aber eben doch sehr verbreitet.

Schlimm ist dieser Einbruch des autoritären und des Ordnungsdenkens, diese Haltung, es müsse Tabula rasa gemacht werden, in die Mittelschichten. Hier ist, wie e2m z.B. regelmäßig aus Italien berichtet, eine schleichende Aufgabe von Werten eingetreten, die z.B. das Recht zu einer Auslegeware und zum Spielball der "Cavalieri" macht. Das schließt auch ein, Steuern großzügig zu hinterziehen und nachher mit den Behörden (dem Finanzminister) den geringen Strafsatz auszuhandeln.

Liebe Grüße und gutes WE
Christoph Leusch
j-ap schrieb am 21.10.2011 um 19:41
Eine Anmerkung zu dem, was Sie über die verweigerte »Petition« schreiben, Herr Leusch:

Die wurde ihm, Oppenheimer, keineswegs verweigert, sondern die bestand prinzipiell gar nicht für Juden, denen zudem nach dem Reichsabschied von Fünfzehnhunertdonnerschlag (ich weiß es aus dem Stegreif grad nicht, falls es wirklich jemand genau wissen will, muß ich in die Regale steigen) lediglich in Bezug auf ihre Anerkennung als Juden (»Schutzjuden«) unter Umständen die Appellation nach Wetzlar an das Reichskammergericht offenstand (und nicht als Immediatappellation nach Wien zum Kaiser).

Grüße!
Columbus schrieb am 21.10.2011 um 22:00
Da sieht man wieder einmal, wie schnell sich der Nicht-Jurist an Worten verschluckt. -Sie stört der Begriff "Petition". Er ist ja auch im juristischen Sinne falsch. - Oppenheimer wollte seinen Prozess vor dem kaiserlichen Gericht führen und bat seinen Anwalt, diesbezüglich nach Wien zu schreiben. Seinem Versprechen ist der Anwalt nicht nachgekommen. Oppenheimers Begründung: Er sei als Hofjude eines reichunmittelbaren Fürsten in Staatsgeschäften (Münze, Steuer, Regale) tätig gewesen und genau deswegen als Staatsverbrecher angeklagt.

Tatsächlich wurde damals, vor dem Prozess gegen Oppenheimer, die neue Staatsregierung des Herzogtums mittels eines Spitzelberichtes gewarnt, Oppenheimer könne diesen Weg einschlagen, weil er ja wegen staatsrechtlicher Angelegenheiten in fiskalen und treuerechtlichen Sachverhalten angeklagt wurde und der zusammenfassende Schuldvorwurf immer Hochverrat hieß (sogar mit seiner Sexualität soll er den Hochverrat begangen haben!). Freunde Oppenheimers haben tatsächhclich versucht Vermögenswerte über das Kammergericht in Wetzlar zu retten. Das Gericht schob dort einen Akt bis 1739 einen anderen gar bis 1764, der dann, man staune, für O. ausging. Da war Oppenheimer schon 26 Jahre tot.

Das Untersuchungsgericht im Hochverratsprozess selbst, solle sich, so war es aufgetragen, an die peinliche Halsgerichtsordnung Karl V. (1532) halten und die Landesverfassung berücksichtigen.

Nun, ich bin kein Jurist (Die vielen Reichsabschiede, die sich vor allem mit der Stellung der Juden in den Reichsstädten und den Zinsfragen bei Geldgeschäften beschäftigten, kenne ich nun wirklich nicht und weiß nur, dass Maximilian der I auch einmal einen Haufen dieser Regularien widerrief, weil sie zu viele Privilegien enthalten hätten). Ich halte mich da an Hellmut G. Haasis fest, der entlang der Akten den Prozess und seine juristischen Fehler, das Staatsverbrechen an Oppenheimer, dokumentierte.

LG und gutes WE
Christoph Leusch
goedzak schrieb am 24.10.2011 um 22:28
Danke für den Hinweis auf den feinen Unterschied zwischen 'König' und 'Herzog'! (Hab's berichtigt.)
Muss mir, einem Menschen, der in der blaublutfreien ZOne aufwuchs, wohl unterbewusst völlig egal gewesen sein. :))
goedzak schrieb am 24.10.2011 um 22:47
@columbus
"Die Nationalsozialisten waren keine Apologeten des Kapitalismus, denn keines der Grundprinzipien, , waren deren erklärtes Wirtschaftsziel odr gar deren reale Wirtschaftspolitik." - Wie, Du meinst, "freie Märkte, Konkurrenz und Durchsetzung von Produkten und Dienstleistungen auf einem Markt" sind real existente Grundprinzipien des modernen Kapitalismus?
goedzak schrieb am 24.10.2011 um 23:16
@columbus
"Keineswegs war Oppenheimer ein fortschrittlicher Finanzverwalter für das Land, das Herzogtum."

Tja, ein bewusster Vorkämpfer der freiheitlich-demokratischen Grundordnung war Oppenheimer im frühen 18. Jh. sicher nicht. Und ganz sicher war auch die geldbeschaffung für die Hofhaltung Karl Alexanders sein Hauptmotiv. Aber die Methoden, die Reformen, mögen sie vielleicht nach nur 4 oder 5 Jahren seines Wirkens nicht durchschlagend gewesen sein, sollten doch als Fortschritt gegenüber der Stagnations- und Privilegiensicherungspolitik der Landstände angesehen werden.

Hier ein Textauszug:

"Der Kabinettfaktor
Viele Hofjuden nahmen in ihrer Eigenschaft als Bankiers und Geldverleiher an politischen Ratsversammlungen, in geheimen diplomatischen Missionen, an Friedensverhandlungen oder Militärkonferenzen teil.
Der einzige Hofjude, dessen Tätigkeit im Dienste seines Fürsten und Landes weit über jene der anderen hinausging, war Joseph Süß Oppenheimer aus Heidelberg. Er beeinflusste - wenn auch nur in einem beschränkten Maße - den Lauf der deutschen Geschichte. Er ist der erste jüdische Vertreter der neuen geistigen Strömung der Aufklärung. Er ist der erste Jude, der durch die Gunst seines Fürsten von der Position eines Händlers und Bankiers zu einem politischen Ökonomen und in der Folge zu einem bekannten Staatsmann aufstieg. Er verwandelte nicht nur die wirtschaftliche Struktur eines Landes, sondern auch die politische. Obwohl seine Tätigkeit im Dienste Württembergs zu seinem Niedergang führte, ist sie doch eng mit der Veränderung dieses unentwickelten, landwirtschaftlichen, patrimonialen und von Ständen, Zünften und Korporationen regierten Landes in einen geeinten, industrialisierten, kapitalistischen und von einem absoluten Herrscher regierten Staat verbunden.

Karl Alexander, mit dem Süß´ Name in Geschichte und Legende verbunden ist, gehörte zu einer Seitenlinie des herzoglichen Hauses. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, musste er sich in österreichische Dienste begeben. Er kämpfte unter Prinz Eugen gegen die Türken, im spanischen Erbfolgekrieg, in den Niederlanden, am Rhein und in Süddeutschland. Ab 1719 war er kaiserlicher Generalgubernator in Belgrad. 1712 konvertierte er zum Katholizismus, um seine Verbundenheit mit dem Haus Habsburg zu stärken und die katholische Prinzessin von Thurn und Taxis zu heiraten.
Karl Alexander ernannte noch als Generalgubernator Süß zu seinem Hoffaktor. Mit einem Auge auf Württemberg schielend und die Möglichkeit erwägend, den Thron zu besteigen, ließ er sich von Süß über die Verhältnisse in Württemberg auf dem laufenden halten. Süß berichtete ihm über die Geschehnisse in Stuttgart, Frankfurt, Mannheim und reiste in geheimer Mission nach Darmstadt oder Würzburg. Karl Alexander pries laut die Klugheit, Verlässlichkeit und Energie seines Faktors.

1733 bestieg Karl Alexander den württembergischen Thron. Er rief Süß nach Stuttgart. Hier in Stuttgart stieg Süß vom Kaufmann und Bankier zum Finanz- und Steuerverwalter, zum Münzmeister und schließlich zu den einflussreichsten Ämtern im Staat auf. Dass ein Jude in einem Land, das für Juden gesperrt gewesen war, eine so hohe Position erreichen konnte, lag nicht allein an Süß´ Ehrgeiz und Intelligenz, sondern auch und vor allem an der besonderen konstitutionellen Struktur Württembergs, deren Hauptcharakteristik es war, dass sie die mittelalterliche dualistische Staatsform, in der die Stände die wichtigste Rolle spielten, rein bewahrt hatte. Dem Herzog standen der Klerus und die Städte gegenüber, die hartnäckig an ihren alten Privilegien festhielten. Sie waren die wahren Herrscher des Landes und unabhängig. Der Herzog brauchte ihre Erlaubnis für alle Unternehmungen. Württemberg befand sich in einem Zustand der Stagnation. Der Dreißigjährige Krieg und die Kriege gegen Ludwig XIV. hatten das Land verwüstet. Die Bitten des Herzogs um den Aufbau eines stehenden Heeres wurden immer abgewiesen."

www.zwst4you.de/geschichte_der_juden_in_deutschland/kapitel103.html
Columbus schrieb am 25.10.2011 um 02:10
Nein, Goedzak, ich glaube das nicht.

Diese Art Prinzipien, werden in den Lehrbüchern zur Wirtschaft- und Gesellschaft verbreitet. Sie gelten als grundlegend, und sogar eine liberale Schwundpartei die letzten Jahrzehnte nahm sie als Basis ihrer Ideologie. Gebetsmühlenhaft wurde wiederholt, fast in einer Analogie zur Argumentation in den Ländern des Staatssozialismus, die hehren Ziele seien nur noch nicht konsequent genug in die Praxis überführt. - Real existierend sind hingegen Ausbeutungsverhältnisse, die heute global und nachhaltig organisiert werden können.

Aber die Adepten des Kapitalismus antworten beständig, der real existierende Kapitalismus harre noch seiner Vollendung, sei noch nicht ausreichend gründlich durchgeführt, um endlich unser größtes Glück zu verwirklichen.

Die Nazis haben nie an einen Kapitalismus geglaubt, sondern an eine gelenkte Wirtschaft, mit vom Staat eingesetzten Wirtschaftsführern (darunter auch jene Vermögenden und Großfirmen, die schon existierten), Wirtschaftseliten und Berufsständen, vom Reichsnährstand bis zur Reichsärzteschaft. - Das war zwar ebenso Kappes, wie der Kapitalismus heute eine Gefahr mit großem Zerstörungspotential ist, aber eben nicht kapitalistisch.

Grüße
Christoph Leusch
Columbus schrieb am 25.10.2011 um 02:45
Das ist, in diesem langen Zitat, leider keine gut geschriebene Geschichte. Denn, um dem Joseph Oppenheimer ein bisschen mehr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die er verdient, erhält er hier Züge eines Reformers, die er gar nicht besaß.

Die Arbeitsweise Oppenheimers unterschied sich nicht, in keinem einzigen wirtschaftlichen Akt, von den Tätigkeiten anderer Finanziers, die dem jeweiligen Gebiets- oder Landesfürsten für die ausufernde "barocke" Hofhaltung und private Vorlieben, zusätzliches Geld, neben den Steuern, oder mit neuen Veranlagungen, zu besorgen hatten. - Er tat das eine kurze Zeit lang erfolgreicher als andere.

"Dem Herzog standen der Klerus und die Städte gegenüber, die hartnäckig an ihren alten Privilegien festhielten." - Das ist eine Beschreibung der landesständischen Verfassung, die sehr ungerecht ausfällt, denn in Wahrheit war das Finanzgebaren der nun, nach französischem Vorbild, absolutistisch auftretenden Provinz- und Duodezfürsten im alten Deutschen Reich wirtschaftlich verheerend für ihre Länder. Während sich in Frankreich, später in Preußen, eine zentralistische, beim König und dessen Kabinett angesiedelte Merkantil- und Kameralwirtschaft und sich ein zentrales Budget entwickelte, auf das sich auch die privaten Vermögenden bezogen, diente das beschaffte Geld in den Kassen der deutschen Gebietsfürsten meist nur zur immer üppigerer Hofhaltung und zur Unterhaltung überdimensionierter Armeen.

Später einmal, konnten die dann an England und Preußen verkauft werden, die dringlich Soldaten für die Großmachtpolitik brauchten.

In die Geschichte eingegangen, ist Oppenheimer wegen des Spektakels seiner Hinrichtung und wegen des Skandal-Prozesses, der dazu mit dem plötzlichen Tode jenes ungeliebten Landesherzogs seinen Anfang nahm, für den er die Geldgeschäfte tätigen musste. - Nicht umsonst fragte er ja beständig um seine Entlassung nach und erwirkte die Ausfertigung des Absolutoriums.

Deshalb ist auch der zweite, schließende Satz aus der Web-Geschichte hier völlig daneben: "Der einzige Hofjude, dessen Tätigkeit im Dienste seines Fürsten und Landes weit über jene der anderen hinausging, war Joseph Süß Oppenheimer aus Heidelberg. Er beeinflusste - wenn auch nur in einem beschränkten Maße - den Lauf der deutschen Geschichte." - Einzig der Judenhass, eine europäische Konstante, fand an seiner Person ein ganz besonderes Objekt der Befriedigung. Aber seine Finanzgeschäfte für den Herzog, die beeinflussten die deutsche Geschichte nicht.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
goedzak schrieb am 25.10.2011 um 15:02
"Die Arbeitsweise Oppenheimers unterschied sich nicht, in keinem einzigen wirtschaftlichen Akt, von den Tätigkeiten anderer Finanziers..." - Ja, mein Reden, deshalb auch die Hinweise auf Struensee, Ellrodt u. solche Leute.
Die angeführte Quelle ist nur eine von vielen. Ihr euphorischer Ton mag überzogen sein, ihr Hinweis auf die merkantilistisch-kameralistische und finanzreformerische Denk- und Arbeitsweise (nicht nur) der jüdischen Hoffaktoren ist aber berechtigt. Die Leute sind nicht einfach mit Feuer und Schwert über die Dörfer gezogen und haben Geld eingetrieben. Genau so aber ist Darstellungsweise im Film.
Dein posting von 2:10 h wundert mich nun sehr. Du bewertest die Situation im frühen 18. Jh. mit Maßstäben, die auch an die heutige anzulegen sind, so nach dem Motto, was die FDP um 2000 wirtschafts- u. sozialpolitisch vertritt, sei die Fortsetzung dessen, was die Hofmerkantilisten 2-300 Jahre vorher schon schlechtes verübt hatten? Dann wäre deine Kritik daran auch dasselbe wie die, die schon um 1800 geübt wurde, nämlich romantisch. (Ganz zu schweigen davon, dass die üblichen Verdächtigen dich damit bereits des "strukturellen Antisemitismus" überführt sähen.)
Was die ständische Ordnung (und das dabei unbedingt mit zu erwähnende Zunftrecht) angeht, so ist wohl nicht zu leugnen, dass sie ihre progressive, teils gar utopische Zeit hatte, aber wie alles historisch vergängliche schließlich konservativ-reaktionäre Züge trug. Nicht vergessen werden sollte dabei auch das Zunftverbot gegenüber den Juden. Das Einsetzen der Gewerbefreiheit im Verlauf des 19. Jh.s hat vielen Handwerkern sozialen Absturz gebracht, historisch gesehen den Weg zum Kapitalismus frei gemacht (damit auch der bürgerlichen Freiheit aller Menschen unabhängig z.B. von ihrem religiösen Bekenntnis).

"Die Nazis haben nie an einen Kapitalismus geglaubt, sondern an eine gelenkte Wirtschaft, mit vom Staat eingesetzten Wirtschaftsführern (darunter auch jene Vermögenden und Großfirmen, die schon existierten), Wirtschaftseliten und Berufsständen, vom Reichsnährstand bis zur Reichsärzteschaft." - Ich bin immer wieder erstaunt, wie bereitwillig die Selbstaussagen der Nazis über ihr System heutzutage geglaubt und als Tatsachen kolportiert werden. Ich will ja hier nicht die "Stamokap"-Theorie aufwärmen, aber der Nazi-Kapitalismus war sowas. Nenne es oligarchischen Kapitalismus oder was auch immer.
Ich kann nicht glauben, dass Du die Umbenennung von Betriebseignern und -leitern in "Betriebsführer" (natürlich mit NSDAP-Parteibuch und ehrenamtlicher Mitarbeit in der SA) und die Bezeichnung von Arbeitern und Angestellten als Gefolgschaft als Beweis für den nichtkapitalistischen Charakter der deutschen Wirtschaft zw. 33 und 45 ansiehst.
j-ap schrieb am 25.10.2011 um 15:22
Wenn man Deine Erläuterunge weiter denkt, goedzak, dann müßte man Auschwitz, Sobibor und Treblinka mit den entsprechenden Bilanzbewegungen bei der I. G. Farben »erklären« können.

Da bin ich jetzt aber höchst gespannt, wie Du das machst.
goedzak schrieb am 25.10.2011 um 16:02
Ich könnte jetzt adäquat so antworten: Wenn ich die offensichtlich hinter deiner 'Vermutung' steckende Denkweise ernst nähme, dann müssten Auschwitz, Sobibor und Treblinka aus dem ewigen Antisemitismus im deutschen Wesen (der 'Bauern', wie Du das oben nennst) erklärbar sein.

Oder ich könnte Dir die Freude machen und schreiben, das dtsch. Großkapital hat Hitler inthronisiert, um ein schönes Geschäft mit Zyklon B machen zu können.

Lassen wir das lieber.
j-ap schrieb am 25.10.2011 um 16:17
Wo nimmst Du jetzt auf einmal irgendein »deutsches Wesen« her? Gibt es für Dich denn nur diese zwei Optionen: entweder kapitalistische »Rationalität« oder genetisches »Wesen«?

Ich empfinde übrigens überhaupt keine »Freude«, wenn Du dies oder jenes schreibst. Allein, daß Du Leute, die mit Dir die Sache diskutieren wollen, nach dieser Manier einsortierst und das, was sie schreiben, auf irgendwelche persönlichen, gar schadenfreudigen Befindlichkeiten zurückführst, ist doch schon ein starkes Stück.

Genausogut könnte ich nun erwidern: Wenn Du den Nazifaschismus schon zu einer »oligarchischen« Veranstaltung der Partei- und Großkapitalbonzen machst, dann setzt Du genau auf der Nummer auf, die nach dem II. Weltkrieg mindestens in Deutschland West üblich war: »Wir«, die kleinen Leut', wurden von denen da oben ganz unverschämt hinters Licht geführt, wiewohl wir damit überhaupt gar nichts zu tun sowie generell keine Ahnung von nichts hatten.

Und jetzt mögest Du mir mal erklären, worin sich solche Faschismus»theorie« dann noch von den üblichen Abspaltungs- und Verdrängungsunternehmen unterscheide.
goedzak schrieb am 25.10.2011 um 16:54
Nun soll ich schon wieder was erklären?!
Wie wärs, wenn Du Dich mal offenbarst? Vielleicht passen dann auch meine Antworten besser.

Aber ich bestehe nicht drauf. Ich hab hier von einem Erlebnis erzählt und ein paar Gedanken über ein konkretes Beispiel von Ideologieproduktion drangesetzt. So ein Blog ist nun mal keine umfassende Abhandlung über komplexe Zusammenhänge.
j-ap schrieb am 25.10.2011 um 17:45
Okay — wobei ich jede Wette eingehe, daß Du das sogar viel besser, weil schon viel länger weißt als ich, schließlich ist das nichts anderes als ursprünglicher Marxismus mit Abzug der Fälschungen von Engels und Lenin:

Nicht die Arbeitskraft ist es, die das Kapital konstituiert, sondern das Kapital ist es, das an den Menschenleibern mit einhausender Arbeitskraft jene Abstraktion vornimmt und als Realabstraktion exekutiert, die die nunmehrigen Arbeitskraftbehälter als juristische Subjekte, d.h. Privateigentümer ihrer Arbeitskraft, setzt.

Das Klasseninteresse der so gesetzten Arbeitskraft ist das eines jeden Rechts- und Marktsubjekts, das den Preis seiner Waren militant gegen jede Art von Drückerei (zB durch Schmarotzer, Wirtschaftsflüchtlinge, »Heuschrecken«, die Einkommen beziehen, ohne überhaupt zu arbeiten usw.) verteidigen muß.

Die Klasse der Eigentümer bloßer Arbeitskraft besteht, genau wie alle anderen auch, aus nichts als Eigentumsbestien, deren integrale Sittlichkeit aus dem Kultus von Arbeit und Nation besteht.

Arbeit und Nation — also: konkrete Volkswirtschaft statt abstrakter Geldwirtschaft: da stand die (insbesondere deutsche) Arbeiterbewegung, bevor sie von den Nazis genau da abgeholt wurde.
goedzak schrieb am 25.10.2011 um 18:22
Oha, das ist wirklich eine Offenbarung! Ich bin so baff, mir fehlen die Worte!
Das übliche Rot-gleich-Braun als 'ursprünglichen Marxismus' deklariert?
Nicht das Ausbeutungsverhältnis, sondern die Konkurrenz der Arbeitskraftinhaber untereinander als die Wurzel allen Übels? (Und Arbeiterbewegung als organisierter Konkurrenzkampf der Arbeitskraftinhaber?)
Der doppelt freie Lohnarbeiter als Hort und Inkarnation von Blut-, Boden- und Volks(de)ma(go)gie?

Das' mal ne Volte! Tut mir leid, da komm ich nicht mehr mit...
j-ap schrieb am 25.10.2011 um 18:35
Schon gut, ich stör' auch künftig nicht mehr bei solcherart Selbstfindungsgesprächen. ;-)
Columbus schrieb am 25.10.2011 um 18:48
Nein, das habe ich doch gar nicht gemacht, die Situation des 18.Jh. mit der des 20.Jh. zu vergleichen. Ganz im Gegenteil wehrte ich mich ja gerade dagegen unvergleichbare historische Situationen miteinander zu verknüpfen. - Das war eine kleine Retoure auf die Unterstellung, ich dächte naiv über den Kapitalismus: "Wie, Du meinst, "freie Märkte, Konkurrenz und Durchsetzung von Produkten und Dienstleistungen auf einem Markt" sind real existente Grundprinzipien des modernen Kapitalismus?"

Die Adjektive fortschrittlich und reformerisch werden mit eine Beliebigkeit verwendet, die im Falle Oppenheimers, nur zu dessen Geschichte kann ich einigermaßen sicher etwas sagen, eben nicht zutrifft. Hätte der Großherzog Alexander seine Embolie überlebt und wäre weiter Regent gewesen, dann hätte seine desolate Haushaltsführung entweder in einem Krieg enden
müssen, einen Staatsbankrott ausgelöst, oder einen Aufstand der Landstände bewirkt. - Mit Oppenheimer oder auch ohne ihn, wären verheerende volkswirtschaftliche Resultate die Folge eines grundsätzlichen Desinteresses am Staat, am eigenen Land, dafür aber eines großen Interesses am eigenen Portfeuille, gewesen.

Ich wollte ja auch daran erinnern, dass schon um 1730/1740 wirtschaftlich erfolgreichere Fürsten agierten, die aus ihren Globalhaushalten mehr für das jeweilige Land schafften.

Alexander zahlte ständig auf seine Schulden und für die Soldaten. Andere Fürsten seiner Zeit sorgten für Manufakturen, die Peuplierung, Gemeinde-und Bezirksreformen und für eine einigermaßen einschätzbare Justiz. All´ das war diesem Soldaten auf dem Fürstensitz schnurzpiep egal. Er wollte Geld für seine Hofhaltung und seine Steckenpferde.

Oppenheimer besorgte ihm diesen Geldrahmen, aber er war eben kein Reformator. - Ich finde, ich schneide da weder Oppenheimer die Ehre ab, noch schreibe ich Blech, wenn ich das so sehe.

Aus Antisemitismus, bürgerlichem Denken und Kapitalismus, -eine alte stalinistische These-, entsteht nicht Nationalsozialismus, den man sich dann noch von den nationalen Sozialdemokraten ausborgte. Es gibt auch keine kausale Linie von Oppenheimer zu Auschwitz. Das führt nur in die Irre, solche Konstrukte weiter zu bedienen.

Auch vom Kapitalismus kommt niemand ohne Brüche zum Nationalsozialismus. Es fehlen nämlich die wesentlichen Elemente die den Nazionalsozialismus von jeglichem Sozialismus, aber auch vom Kapitalismus trennen: Völkisches Denken, ein ausgeprägter Sozialdarwinismus, die Ablehnung jedes Internationalismus und der feste Glaube an die Besonderheit der eigenen Nation.

Sozialisten und Kapitalisten einigen, so paradox das zunächst klingen mag, einige Überzeugungen, die davon massiv abweichen. Sie sind Internationalisten und glauben auch gemeinschaftlich, dass die jeweils reife Gesellschaft im Soz. oder Kap. eine globale, weltumspannende sein wird und ist, und es daher keine ethnischen, völkischen, nationalen und kulturellen Unterschiede mehr geben kann, die im Bezug auf die Gesellschaft zählen. Besonders gibt es keine Nationalcharaktere, die eine bestimmte Höher- oder Tieferstellung erlaubten. - Das widerspricht alles diametral dem Nationalsozialismus und auch der spezifischen Form des Antisemitismus, die sich schon vor der Machtübernahme andeutete und dann voll entfaltete. Das widerspricht auch der feindlichen Haltung gegenüber den osteurop. Nachbarn und z.B. den Sinti und Roma (Zigeuner und Landfahrerhass der Nazis).

Der Antisemitismus des 18.Jhs. hat wenig mit dem des 20. Jh. gemein, weil ihm wesentliche absolute Überzeugungs-Elemente fehlten, die aus einer kulturellen Abwehr und Abneigung, eine eliminatorische Form machten.

Grüße und schönen Abend
Christoph Leusch
rheinhold2000 schrieb am 27.10.2011 um 12:12
@goedzak

j-ap hat das noch nichtmal selbst geschrieben sondern nur zusammengefasst:

"Denn es ist nicht die Arbeitskraft, die das Kapital konstituiert, sondern es ist das Kapital, das an den Individuen jene Realabstraktion vornimmt, die sie als juristische Subjekte, als vertragsfähige Personen und Privateigentümer ihrer Arbeitskraft gesellschaftspraktisch setzt. Das Klasseninteresse des variablen Kapitals, der organisierten Arbeitskraftbehälter, hat die Form des Rechts- und Marktsubjekts, das den Preis der Ware Arbeitskraft militant gegen “Wirtschaftsflüchtlinge” und “Schmarotzer” zu schützen strebt. Seine integrale “Sittlichkeit” besteht daher im Kult von Arbeit und Nation. "

stammt von dieser Seite:

isf-freiburg.org/isf/jourfixe/jf-2011-2_gewalt.souveraen.html

hier mal ein paar Ausschnitte aus der Linkliste:

"Empfehlungen

Die Vierteljahresschrift Bahamas aus Berlin bringt seit 20 Jahren eingreifende Polemik und philosophische Reflektion zu allen Aspekten der Gesellschaftskritik, dies insbesondere zwecks Abwehr typisch deutscher, d.h. antisemitischer Krisenlösungen. Die WebSite bietet ein umfangreiches Archiv älterer Jahrgänge. Während sich “Bahamas” an einer durch Adorno hindurch gelesenen Interpretation der marxschen Kritik der politischen Ökonomie orientieren möchte, weiß man bei der Wochenzeitung Jungle World (Berlin) manchmal nicht, warum sich die Redaktion überhaupt der Mühe unterzieht, die eigene, oft postmoderne Nebulösität zur Öffentlichkeit zu bringen. Kursorisch ist das Blatt aber ebenso lesenswert wie das aus der Antifaschistischen Aktion (BO) hervorgegangene Blatt Phase 2. Sehr interessant sind auch die Online-Ausgaben der Zeitschriften Prodomo - Zeitschrift in eigener Sache (Köln), Bonjour tristesse (Halle) und Pólemos (Nürnberg), Extrablatt (Bremen), der Der Conne Island Newsflyer (Leipzig) sowie das Kritiknetz - Zeitschrift für Kritische Theorie. Siehe auch unbedingt: die wunderbaren Filme der Gruppe Slatan Dudow - Filme gegen Deutschland.

Unter den Internet-Archiven sozialistischer, marxistischer oder kommunistischer Klassiker bestechen vor allem die aus der trotzkistischen Tendenz durch Reichhaltigkeit, wenn auch nicht unbedingt durch Tiefe oder kritische Editionspraxis. Zur ersten Hilfe mögen taugen die Website Sozialistische Klassiker oder das Marxistische Archiv. Hier auch weitere Links. Die beste WebSite des akademischen Marxismus bietet die Frankfurter Marx-Gesellschaft (auch hier mit interessanten Links). Zur Recherche nach Texten der Neuen Linken und zum Nachweis ihrer Fundorte sind recht gut Papiertiger Berlin und Dataspace bei Nadir.

Das antideutsch-kommunistische Spektrum besteht in einer derartigen Fülle von Gruppen, daß hier auf eine vollständige Linkliste ganz verzichtet wird. Die umfangreichsten Linksammlungen bieten die Gruppen a:ka in Göttingen, Bad Weather in Hamburg, dazu die Gruppe Morgenthau und die Prozionistische Linke (Frankfurt), nicht zu vergessen die Hamburger Studienbibliothek. Für Österreich siehe Café critique und die Wiener Georg Weerth Gesellschaft, dazu die WebSite von Gerhard Scheit.

Die Initiative Potsdamer Abkommen sowie die WebSite German foreign policy beobachten und kommentieren laufend die deutschen Großmachtbestrebungen. Informationen zum historischen Nazifaschismus - immer mit weiterführenden Links - bietet das Frankfurter Fritz Bauer-Institut sowie das Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin; Nachrichten zum Neofaschismus der Gegenwart u.a. das Antifaschistische Informations-Bulletin.

Informationen über Israel, den Stand des Antizionismus und die Kritik des Antisemitismus vermittelt die WebSite der Gruppe Prozionistische Linke aus Frankfurt. Sie enthält nicht nur Links zur gesamten einschlägigen israelischen Presse, sondern auch zu allen antideutsch-kommunistischen Gruppen. Daher sollen hier nur die Internetzeitungen Hagalil und die jüdische hervorgehoben werde, dazu die Homepage von Matthias Küntzel und die des US-amerikanischen Rechercheprojektes Emperors Clothes. Die Dokumente zum sog. “Nahost-Konflikt” vermittelt MEMRI, das Middle East Media Research-Institute, die klarsten Analysen gibt das Forschungsinstitut der IDF, der israelischen Armee. Weiteres über die Seite der israelischen Botschaft, wo auch ein aktueller Newsletter abonniert werden kann.

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isf-freiburg.org/links.html

Das gesamte Horrorkabinett des antideutschen Spektrums
goedzak schrieb am 27.10.2011 um 21:52
Lockendrehen in Marxens Bart - könnte man es nennen, grinsen und sich mit was anderem beschäftigen. Aber diese Verachtung, dieses borniert Elitäre, dieser Dünkel und vor allem die demagogische Anstrengung lassen einen dann doch eher schaudern als grienen.

(Bezieht sich auf den verlinkten Text. Die anderen links habe ich nicht verfolgt.)
Streifzug schrieb am 28.10.2011 um 22:10
Schade eigentlich, dass ihr (goedzak & j-ap) an dem Punkt aufhört, an dem es meiner Meinung nach spannend wird. Eigentum, Eigentümer, Kapital, Arbeit + die sich ergebenden, möglichen Kombinationen. Möglicherweise macht es Sinn, man streicht bestimmte Elemente/Kombinationen, schafft sie ab und Schwupps, die Weltrevolution glückt endlich :)
Magda schrieb am 21.10.2011 um 19:58
Das ist sehr interessant. Ich habe vor einiger Zeit die Autobiographie von Christina Söderbaum gelesen. Die ist aber reichlich "naiv" und klagt über das "Kesseltreiben" gegen Harlan nach 1945.

Bei Wikipedia habe ich noch nach der Quelle für den Filmstoff gegoogelt. Es gibt ja den berühmten Roman von Lion Feuchtwanger: "Jud Süß" und eine Erzählung von Wilhelm Hauff.

Der Film soll nach Hauff gestaltet sein, Josef Goebbels, der den Film initiiert hat, soll Feuchtwanger nie gelesen haben.

Vor einiger Zeit ist ja ein Film über diesen Film in den KInos gelaufen, aber es war ein kompletter Verriss. Es ging da wohl mehr um diesen Ferdinand Marian, der den Josef Oppenheimer spielte. Ich habe mich gefragt, ob das der Vorfahr des DEFA-Schauspielers Edwin Marian ist. Ist er aber nicht.

Der Antisemitismus speist sich, wie ich finde, aus vielen Quellen.
Der Antijudaismus des Christentums ist eine davon. Neid halte ich für eine Kategorie, die nicht so richtig greifen will.

Dass die emanzipierten Juden sehr viel liberales Gedankengut befördert haben, dass die literarischen Salons von Frauen wie Rahel Varnhagen viele Impulse gesetzt haben, ist bekannt. Antisemitismus ist ja außerdem - in jener Zeit - überhaupt kein "deutsches" Phänomen allein gewesen.
Es ist ein weites Feld, wie Fontane sagt.

Aber am allermeisten muss man sich in acht nehmen vor Philosemiten, die sich ihre "Schutzjuden" halten.
j-ap schrieb am 21.10.2011 um 20:04
»Aber am allermeisten muss man sich in acht nehmen vor Philosemiten, die sich ihre "Schutzjuden" halten.« — Nö, Magda. Am meisten in Acht nehmen sollte man sich vor denjenigen, die einem den berühmten »Philosemitismus« andichten, nur weil man sich erfrecht, Judenhasser Antisemiten zu nennen.
Magda schrieb am 21.10.2011 um 20:30
"nur weil man sich erfrecht, Judenhasser Antisemiten zu nennen."

Wer ist denn "man" oder meinen Sie das "Dreimännerlhaus"?
Sie sind ein Scherzbold, wirklich.
j-ap schrieb am 21.10.2011 um 21:36
Ich meine grundsätzlich immer und überall jeden und jede. Weil es immer: Ums Ganze geht.
luggi schrieb am 21.10.2011 um 22:03
na Josef, bis jetzt bist du der einzige Hund, der bellt
j-ap schrieb am 21.10.2011 um 22:56
Mein Bariton ist zum Bellen doch viel zu sonor, luggi.

Immerhin bist Du aber mal wieder für eine Überraschung gut: Kläffende Maulwürfe — das hatten wir bisher noch nicht. ;-)
luggi schrieb am 21.10.2011 um 23:02
In dieser abschwächenden Form geht dein Kommentar eben gerade noch so durch ... beim verfassten Maulwurfgericht ... also Gericht als judikative und nicht lukullische Instanz.
Wolfram Heinrich schrieb am 22.10.2011 um 01:54
@j-ap
»Aber am allermeisten muss man sich in acht nehmen vor Philosemiten, die sich ihre "Schutzjuden" halten.« — Nö, Magda. Am meisten in Acht nehmen sollte man sich vor denjenigen, die einem den berühmten »Philosemitismus« andichten, nur weil man sich erfrecht, Judenhasser Antisemiten zu nennen.

Ob denn dieser Olympische Geist - mieser, dreckiger, stinkiger - in der Bewertung nicht auszurotten ist? Wer ist die Größte Drecksau der Geschichte? Bringt mich hier die Verleihung der Gold-, Silber- und Bronzemedaille weiter?

Ciao
Wolfram
koslowski schrieb am 21.10.2011 um 21:02
Ganz vorzüglich: thematisch, sprachlich, in der Gestaltung. Und informativ: dass Anti-Harlan-Demonstranten in der jungen BRD abgeführt wurden, wusste ich nicht. Wie beschämend...
goedzak schrieb am 24.10.2011 um 22:53
Die Auseinandersetzungen um Veit Harlans Versuch, in der jungen Bundesrepublik als Filmemacher einfach weiter zu machen, waren mir auch nicht geläufig. - Die Ausstellung zur Rezeption des historischen J. Süß Oppenheimer ist als Wanderausstellung konzipiert. Vielleicht ist sie demnächst noch mal woanders zu sehen. Ist sehr empfehlenswert.
Richard der Hayek schrieb am 21.10.2011 um 23:04
Ein sehr schön recherchierer Artikel.

Was ich aber nicht verstehe, inwiefern Kapitalismuskritik als Antisemitismus verdreht wird, und von wem ?

Wenn jemand die Finanzmärkte oder die Verarmung kritisiert, bezeichnet ihn doch niemand als Antisemit ?
Oder wollen Sie die hier üblichen Angriffe gegen Israel als Kapitalismuskritik verstanden wissen ?
goedzak schrieb am 24.10.2011 um 22:58
Wenn Du ein schönes Beispiel für den Versuch, linke Kapitalismuskritik als rechtsradikalem Denken verwandte autoritäre, freiheitsfeindliche, antidemokratische Attitüde darzustellen, dann guck noch mal in die "Beiträge" des Bloggers "Frau von Gutenberg". ;)

Auch andere, etwa Broder, möchten gern z.B. in der "occupy wallstreet"-Bewegung sowas wie eine Neuauflage der Anti-Raffkapital-Demagogie der Nazis sehen.
Richard der Hayek schrieb am 25.10.2011 um 22:44
Diese A. von Guttenberg kann man nicht ernstnehmen.
Aber alle diese Beispiele zielen auf Kapitalkritik-Faschismus, Faschismus ist aber nicht automatisch Antisemitismnus, oder ?
Weder Guttenberg noch Broder bezeichnen Bankekritik als Antisemitismus.

So wurden nur die israel-, von mir aus -kritischen Kommentare der Linken hier bezeichnet, aber keine Kapitalismuskritik.
Detlev schrieb am 21.10.2011 um 23:53
Gut, dass solche Themen ab und an wieder aufgelegt werden und keineswegs unter dem Tuch der Zeit verstauben. Inhaltlich folgen zu können, setzt persönliche Recherche voraus. Die bisher benannten Filme sind nur ein Bruchteil einer für unsere Zeit kaum nachvollziehbare Ideologie. So manche Vorgänge in den 1950er Jahren sind tatsächlich kaum bzw. gar nicht bekannt. Zu viele Informationsquellen stehen heute noch auf dem Index und sollte endlich freigegeben werden. Ohne persönliche Information gibt es nur teils fehlerhaftes Verständnis vergangener Ereignisse.
goedzak schrieb am 22.10.2011 um 00:25
Schoenen guten Abend, Leute, ich habe in einem Hostel in Warszawa eben Eure Kommentare gelesen und sage Danke! Zu ueberlegten Antworten werde ich erst am Montag, vielleicht am spaeten Sonntagabend kommen.
Bis dahin: Ein schoenes sonniges Wochenende wuenscht Euch goedzak!!
goedzak schrieb am 25.10.2011 um 00:56
Nun meine Erwiderungen, siehe oben!
tlacuache schrieb am 25.10.2011 um 06:20
@goedzak ***** +++++
@
ed2murrow
Wolfram Heinrich
j-ap
Columbus
*****
Was Ihr alles gelesen habt, mir ist schwindelig...
Als braver Affe halte ich den Schnabel,
gehe auf meine 60 Meter hohe
Ceiba pentandra und kaue auf meiner Macadamia rum, bis auf dass die Erleuchtung kommt...
:-)
goedzak schrieb am 25.10.2011 um 15:06
Du scheinst es gut zu haben - in gewisser Hinsicht. :)
merdeister schrieb am 25.10.2011 um 21:22
tlacuache schrieb am 25.10.2011 um 06:20
Da musste ich lange suchen, doch diesem Kommentar kann ich mich im wesentlichen anschließen ;-)
Sarah Rudolph schrieb am 28.10.2011 um 20:38
+1

;)
zelotti schrieb am 27.10.2011 um 13:57
"Der sich mit sozialdemagogischer Absicht selbst ‚Nationalsozialismus’ nennende deutsche Faschismus hat die Sündenbock-Ideologie des säkularen Antisemitismus mit eben dieser Sozialdemagogie verbunden und funktioniert hat dies aus Gründen, die Götz Aly beschreibt. "

Es sind solche Sätze, die mich stocken lassen. Das Schema solcher Artikel ist, dass ein Werk zum Anlass genommen wird um sich episch über das Thema Antisemitismus und Linke zu verbreiten. Wir sind die Guten, alle anderen sind Schweine, ist auch das Schema solcher Artikel. Der Verweis auf Struensee ist erleuchtend, der war kein Jude und progressiver als es seine Zeit erlaubte. Im übrigen gibt auch gegen Struensee eine üble dänischnationale Propaganda bis in die Gegenwart.
goedzak schrieb am 27.10.2011 um 20:33
Es gibt nicht wenige deutsche Landsleute, die stört am Nationalismus hauptsächlich, dass er auch in anderen Nationen ausgeübt wird.
Richard der Hayek schrieb am 27.10.2011 um 20:44
Und zwar einiges stärker als bei uns.
Das ist meist auch nicht so schlimm, aber wenn solche Schlauköpfe wie Sie rumplärren.
Columbus schrieb am 27.10.2011 um 23:58
Das ist richtig. Aber Nationalismus ist eben keine kommunistische oder sozialistische Position!

Jene, die sich streng an Marx halten, können das nicht mit ihm behaupten oder belegen. Jene die sich an das linkssozialistische oder leninistische Konzept vom Kommunismus in einem Land, sei es aufgrund der Reife (das war die Hoffnung im Bezug auf den SPD-Sozialismus Deutschlands und die Sozialisten Frankreichs, dann wider, nach dem 2.Weltkrieg z.B. auch für den Eurokommunismus Berlinguers ) oder aufgrund einer revolutionären Avantgarde (Russland) weiter klammern, können das ebenfalls nicht aus einem nationalen oder völkischen oder gar einem Rassedenken ableiten, wollen sie weiter Sozialisten oder Kommunisten bleiben, sondern allenfalls aus dem Grad der Bewusstheit der Avantgarden, bzw. der jeweiligen Bevölkerung.

Daher ist natürlich für Sozialisten und Kommunisten auch der nationale Zionismus der Rechten und deren Mitte-Links-Partner in Israel, der über die von der UN-garantierten, völkerrechtlichen Grenzen hinaus reicht und greift, nicht akzeptabel. Denn er bedeutet, einen historischen Anspruch gegenüber einer real existierenden, anderen Bevölkerung durchzusetzen, die im Prinzip gleichwertige Ansprüche hat. - Das ist für Kommunisten und Sozialisten unerträglich.

Kapitalisten, können ebenso keine völkischen oder rassistischen oder nationalen Ableitungen dulden. Denn wenn sie ihre eigenen Theoreme ernst nehmen, dann sind solche Bindungen und Bezüge, im Sinne der reinen Lehre Störungen und Hindernisse sowohl der Produktion, als auch der Kapitalakkumulation.

Aus dem gleichen Grunde müsste überzeugten Kommunisten und Sozialisten der platte Hass und die Ablehnung der Religionen ein Graus sein. Denn wer in diesen Religionen den Glauben an sich bekämpft, der schädigt ja die Grundfreiheit, die ein Sozialist oder Kommunist für den frei gewordenen Menschen in seiner Idealgesellschaft einfordert.

Die Religionen sind daher eher einer Art Prüfung zu unterziehen, ob sie sich mit einer prinzipiell nicht-religiös fundierten Gesellschaftsordung zurecht finden können. Diese Neutralität der Gesellschaft und ihrer Institutionen ist bis heute nicht verwirklicht, aber dringlich notwendig. Nicht etwa aus dem Grunde, weil dann staatliches und kulturelles Leben glaubensfrei wären, sondern weil dieser neutrale Raum den Platz für Vielfalt und Nebeneinander schafft. Daher können Sozialisten und Kommunisten sich nur schwer mit der ewiggültigen Definition eines jüdisch-( der Zusatz ist schon historisch falsch, eben wegen der langen Kette des Antisemitismus und der Diskriminierungen) christlichen Europas anfreunden, denn die Festlegung ist ahistorisch, zudem nicht freiheitlich und sie schließt einfach zu viele andere Europäer kulturell aus.

Grüße und gute Nacht
Christoph Leusch
goedzak
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