goedzak

Механика чувственная!

09.05.2011 | 22:14

Politische Ästhetik eines Lastkraftwagens

Zum 9. Mai *

Hieß sie Martha? Oder Maren?** Ich habe es vergessen. Kam sie aus Dortmund oder aus Osnabrück? Weiß ich nicht mehr. Es ist über 30 Jahre her. Sie war Anfang Zwanzig. Ich war neunzehn. Wir trafen uns im Mai in Potsdam, in einer Art Gästehaus oder Jugendherberge des Zentralrats der FDJ. Nein, Mitglied dieses hohen Gremiums war ich nicht.

Maren war mit einer Delegation der SDAJ angereist. Ober-Jugendfreund Egon Krenz hatte zu einem Sommer-Camp eingeladen und alle kamen: SDAJ, MSB Spartacus, Naturfreundejugend, SDS, sogar die Jusos. Bisschen DDR angucken, bisschen untereinander zanken, viel feiern und mit uns DDRries fraternisieren. Wir, ein paar Kumpels und Kumpelienen und ich waren dabei, weil der FDJ-Chef unserer BBS uns kurzerhand für zwei Wochen zu der FDJ-Ordnungsgruppe des Betriebes erklärte, um eine kurzfristige Bitte der Berliner FDJ-Oberhäuptlinge zu erfüllen. Die brauchten nämlich einige Jugendfreunde für Pförtnerdienste und dergleichen. Für uns hatte das den Vorteil, dass wir zwei Wochen lang nicht im Betrieb malochen mussten.

Und außerdem war es cool, mal mit solchen Fremdlingen aus dem Westen zusammen sein zu dürfen, die Demo-Histörchen erzählten, die ihre Zigaretten selber drehten, dicke Stapel Schallplatten auspackten und auflegten, die bereit waren, für ein Paar Bluejeans eine FDJ-Bluse mit der verfassungsfeindlichen aufgehenden Sonne am Ärmel einzutauschen.

Wenn ich mit Pförtnerdienst dran war und nicht mitfeiern konnte, saß Maren manchmal bei mir in der Loge, und wir quatschten uns so durch unsere mauergetrennten Leben. Auf meine Frage, warum sie der SDAJ beigetreten sei, antwortete sie, das hätte sie getan, nachdem sie den Film Ein Menschenschicksal gesehen habe.

Den Film, das Debüt des Regisseurs Sergej Bondartschuk (1959), kannte man in der DDR natürlich auch. Mir war damals aber nur noch eine Szene in Erinnerung. Der Hauptheld, ein Veteran des Großen Vaterländischen Krieges der Völker der Sowjetunion, sitzt am Steuer eines alten Lastkraftwagens, neben ihm ein kleiner Streuner, Kriegswaisenjunge, den er irgendwo aufgegabelt hatte. Und dann, nachdem der Alte, dessen Frau und Kinder im Krieg umgekommen waren, sich die Geschichte des Bengels angehört hatte, sagt er, dass er dessen Vater sei, worauf dieser ihm heulend vor Glück um den Hals fällt.

Was ziemlich nach Tränendrüse klingt, ist ein Ausschnitt aus einem Film, der allerdings die völlig unheroische Geschichte eines Mannes erzählt, dem zwar ein Schicksal auferlegt worden zu sein scheint, der es aber nicht einfach erleiden will, sondern es zu bewältigen versucht.

 

Der klapprige Lkw, in dem die beiden von ihrem Schicksal gebeutelten Menschlein sitzen, ist ein sowjetischer ZIS-5. Er stammt aus einem Werk namens Zawod Imeni Stalina (Stalinfabrik) in Moskau, das später von Chruschtschow in Zawod Imeni Lichatschowa (ZIL) umbenannt wurde.

 

Am bekanntesten ist der Lkw wohl als Basisvehikel des Raketenwerfers BM-13, auch Katjuscha oder Stalinorgel genannt, geworden. Zusammen mit dem Panzer T-34 ist diese Waffe, in kürzester Zeit unter kaum vorstellbaren Opfern massenhaft buchstäblich aus dem Boden gestampft, wohl entscheidend dabei gewesen, dass die Rote Armee die Nazi-Wehrmacht schließlich stoppen und dann zurückschlagen konnte. Während der Blockade Leningrads fuhren hunderte ZIS-Lkws über das Eis des Ladogasees, um die Bevölkerung der Stadt zu versorgen.

Die Katjuschas, die man im dem Film-Monumentalwerk Befreiung pausenlos feuern sieht, liefen aber meist auf Basis eines amerikanischen, wesentlich moderneren Studebaker-Trucks. Einige zehntausend Stück davon wurden neben anderem Kriegsmaterial als Hilfe an die Sowjetunion geliefert. Wie man sieht, hat die US-amerikanische Unterstützung böser Diktatoren ihre Geschichte.

 Wer den T-34 oder einen ZIS-Lkw aus der Nähe zu sehen bekommt, kriegt anschaulich illustriert, was gerne abfällig „Russentechnik“ genannt wird. Die Volumina des Panzers machen den Eindruck, als wären sie wie Schillers Glocke in Erdlöchern gegossen worden. Der Lkw, technisch und stylistisch auf dem Stand der zwanziger Jahre, scheint aus viel Holz und etwas Blech zusammengeklempnert zu sein. Dafür konnte ihn der Kutscher auch jederzeit mit etwas Holz, Blech oder Gummi wieder instandsetzen. Und so haben sie es geschafft von Moskau bis Berlin. Dank euch, ihr Sowjetsoldaten! 

 Die Wismut-Arbeiter in Werner Bräunigs Roman Rummelplatz werden in sowjetischen ZIS-Bussen zur Arbeit gefahren, der deutsche Rotarmist  Gregor Hecker (Jaecki Schwarz), das alter ego des Regisseurs Konrad Wolf in dessen Film Ich war neunzehn, tuckert auf einem ZIS-5 durch brandenburgische Landstriche des Jahres 1945.

Die sowjetischen Graustufenfilme der fünfziger Jahre über den Krieg oder die Nachkriegszeit zeigen uns eine staubige ärmliche Welt, wo die Leute ständig verrußte Gesichter zu haben scheinen und mit ölverschmierten Fingern Brot und Speck schneiden, wo man in seinen Sachen auf der Lkw-Pritsche schläft und wo zur Körperhygiene morgens zwei Hände Wasser reichen müssen. Da passt der schrottige Lastwagen gut rein.

 


Was aus Maren geworden ist, weiß ich nicht. Vielleicht hat ihr von einem Film ausgelöstes Engagement nicht über das Jahr '89 hinaus gedauert. Und wer weiß, wie lange sie das FDJ-Hemd, das ich ihr am letzten Abend schenkte, behalten hat. Es war ein wenig verschwitzt und hatte Grasflecken.

 

 

 

* In der UdSSR wurde und heute in der Russischen Föderation wird der 9. Mai als Tag des Sieges gefeiert. Der gestrige 8. Mai hieß mal Tag der Befreiung.

 

 

 

 
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Kommentare
archinaut schrieb am 09.05.2011 um 23:48
ja, diese langen Schnauzen, die Augen, die Kotflügel,
der beste Freund des Menschen ist sein treuer Diesel.
Bei diesem Blog muss ich mich natürlich outen:
Habe mich als Kind unter die Plane der Ladefläche geträumt...

Vierlen Dank für die Auto-poetische Erinnerung
an Sieg und Befreiung.....
goedzak schrieb am 10.05.2011 um 09:08
Da hab ich noch was gefunden für den Schnauzen-Fan:



archinaut schrieb am 10.05.2011 um 21:02
Oh, toll,
interessant wäre noch ein Streichholzkopf im Bild,
als Massstab (erinnert mich an alte Wiking-LKW..)

de.wikipedia.org/wiki/Wiking_Modellbau
goedzak schrieb am 10.05.2011 um 22:46
Ich glaube, dass ist Maßstab 1/43, also Spur 0.
merdeister schrieb am 10.05.2011 um 10:41
Grasflecken können ziemlich hartnäckig sein.
goedzak schrieb am 10.05.2011 um 13:25
Stimmt. Deshalb sind grüne Parkas besser geeignet als Unterlage.
koslowski schrieb am 10.05.2011 um 12:08
Sehr schönes Blog, hab' ne Menge gelernt über die Ikonen und Träume unserer Brüder aus der SBZ. Und: Die Chance, dass Maren auch nach '89 bei der Fahne blieb, scheint mir ganz gut zu sein, denn SDAJler waren unbelehrbarer als die Spartacisten vom MSB, die, nach meiner Erfahrung, brave bürgerliche Karrieren gemacht haben (wenn auch nicht im öffentlichen Dienst).
Magda schrieb am 10.05.2011 um 12:29
"Sehr schönes Blog, hab' ne Menge gelernt über die Ikonen und Träume unserer Brüder aus der SBZ."

Aha, auf zur neuen Herablassung.
goedzak schrieb am 10.05.2011 um 13:24
Man sollte nicht pauschalisieren, wenn es um einzelne Menschen geht, koslowski. Maren hatte mehr im Kopf als ihre SDAJ-Mitgliedschaft. Sie war auch keine entlaufene Bürgertochter, die es den Alten mal zeigen wollte. Vielleicht ist sie Gewerkschafterin geworden.
Magda schrieb am 10.05.2011 um 14:25
"Man sollte nicht pauschalisieren, wenn es um einzelne Menschen geht, koslowski."

Wenn alles eine Fußnote ist, dann kann man das doch prima sortieren und "einlagern".
Magda schrieb am 10.05.2011 um 12:23
Toll der Text und die Idee. Übrigens - die UdSSR musste einen großen Teil der USA-Hilfen zurückzahlen. Habe ich gelesen.

Bondartschuk in "Ein Menschenschicksal - damals und heute bewegend.

Auch noch sehr in Erinnerung ist mir "Im Morgengrauen ist es noch still". de.wikipedia.org/wiki/Im_Morgengrauen_ist_es_noch_still

Und hier - obwohl es Deinen gelassen-unheroischen Ton etwas konterkariert.

Ernst Busch "Der heilige Krieg"



Wo ist heute ein Redner wie v. Weizsäcker damals.
j-ap schrieb am 10.05.2011 um 13:17
»Übrigens - die UdSSR musste einen großen Teil der USA-Hilfen zurückzahlen. Habe ich gelesen.«

Ja? Wo denn? ;-)

Übrigens: Nicht nur die USA haben der Sowjetunion geliefert, sondern daneben auch England, Kanada und Australien.
goedzak schrieb am 10.05.2011 um 13:33
Es war der 'lend-lease act' - ich habe oben auf den entsprechenden wikipedia-Eintrag verlinkt. Ob Großbritannien auch an die SU geliefert hat, weiß ich nicht, kann sein. Auf jeden Fall hat Churchill, durch o.g. Gesetz des US-Kongresses ermöglicht, von den USA deutlich mehr bekommen als die UdSSR.

Das Gesetz heißt ja 'Leih- und Pachtgesetz', Abzahlung war eher nicht vorgesehen, sondern Rückgabe, aber 's meiste wird wohl zerkloppt gewesen sein... :)
j-ap schrieb am 10.05.2011 um 13:36
Tja, goedzak — was soll ich nun sagen? Du hast von oben bis unten recht. Gilt übrigens auch für den Artikel, jawohl. :-)
Magda schrieb am 10.05.2011 um 14:21
@ goedzak - Stimmt, es ging um Zurückerstattung.

@ j-ap - "Ja? Wo denn? ;-)

Übrigens: Nicht nur die USA haben der Sowjetunion geliefert, sondern daneben auch England, Kanada und Australien."

Sie aber müssen keine Quellen angeben. Welches Privileg wirtschaftet denn da?
goedzak schrieb am 10.05.2011 um 14:32
Magda, Busch ist Punk! Naja, manchmal auch nicht... :)

www.youtube.com/watch?v=QiFFdQUxO1Y

und zum Vergleich:

www.youtube.com/watch?v=6DSiD5CQ_Uk&feature=related
goedzak schrieb am 10.05.2011 um 14:37
Pardon, ich wollte die clips eigentlich einbinden:



Richard der Hayek schrieb am 10.05.2011 um 15:10
@geodzak, jap
Ich habe den Link bei Wiki gelesen: da stand nirgendwo, daß die SU auch zurückgezahlt hat.
Sie hat keine Aufbauhilfe nachher bekommen, weil sie keine Kontrollen zulies.
Wie soll sie da zurückgezahlt haben ?
Soviel brachten die doch nie zustande.

Sie haben höchstens großmütig darauf verzichtet, vom Westen Hilfe zum Mauerbau zu fordern.
Richard der Hayek schrieb am 10.05.2011 um 15:15
Entschuldigung, keine Hilfe, sondern Gebühren.

Oder haben sie die Kredite während der Kuba-Krise zurückgezahl ?
tlacuache schrieb am 10.05.2011 um 13:01
goedzak
Hab' traenen gelacht,
GENIAL,
weiter so.
LG
jayne schrieb am 10.05.2011 um 14:05
das erinnert mich an einen anderen film, der mir sehr eindrücklich in der erinnerung gebleiben, die kraniche ziehen, aus dem jahre 1957, habe ihn mehrfach gesehen, mir stehen jetzt noch szenen vor augen ...; der film wurde mit der goldenen palme in cannes prämiert ...
goedzak schrieb am 10.05.2011 um 14:21
Danke für die Links! Ich habe den Film und andere später auch gesehen und schätzen gelernt. Als Jugendlicher hab ich diese "Russenfilme" nicht verachtet wie manch anderer, aber wirklich interessiert war ich eher an Filmen aus westlicher Richtung.
Magda schrieb am 10.05.2011 um 14:24
@ jayne und goedzak - Einige der Filme haben mir in jungen Jahren auch schon was gesagt, aber erst später gingen sie mir wirklich nahe.

Früher galt eher der Satz: "Das gibts in keinem Russenfilm.

Die Kraniche ziehen - allein schon die Schlussszene.:-((((((
Und auch nicht so pathetisch.
Da gabs noch "Klarer Himmel", wo zum ersten Mal die Situation ehemaliger Kriegsgefangener ein Thema war.
wwalkie schrieb am 10.05.2011 um 16:06
Danke für diesen Beitrag! Mein Gott, was für Geschichte(n) unter den Motorhauben stecken! Und dabei auch: wie viele "eigene"!

Um kurz auf die Produktionsverhältnisse einzugehen. Bei Richard Overy kann man nachlesen, dass 1943 über die Hälfte der Industriearbeiterschaft in der UdSSR aus Frauen bestand und - obwohl beileibe kein Linker - schreibt er fast fassungslos: "Die Motive, welche die Arbeitenden in langen Jahren tiefen Leids und physischer Erschöpfung an ihren Pflügen und Drehbänken hielten, können letztlich nur erahnt werden... An ideologischer Begeisterung herrschte kein Mangel. Wer dafür unempfänglich war. ließ sich schlicht und einfach vom sowjetischen Patriotismus anstecken. Wer Leid und Mühsal der Sowjetbürger einer dumpfen Akzeptanz des Zwangssystems zuschreiben wollte, würde beide zu gering schätzen. Als den amerikanischen Besuchern in Magnitogorsk eine verbissen arbeitende Plansoll-Übererfüllerin vorgestellt wurde, sagte diese, sie arbeite aus Hass, weil ihre Eltern unter der deutschen Besatzungsherrschaft beide umgekommen seien."

Aber ich will nicht die Diskussion vorwegnehmen, die uns im Herbst mit der Veröffentlichung der deutschen Ausgabe von Timothy Snyders "Bloodlands" erwartet.
Magda schrieb am 10.05.2011 um 20:02
@ wwalkie - ein interessantes, differenzierendes Zitat. Danke. Seltsam, wir haben zu DDR-Zeiten so gelästert über die Russen/Sowjetmenschen. Kann ich jetzt nicht mehr. Seit mich irgendjemand mal ein verdammtes russisches Beutestück genannt hat. Damit muss es zusammenhängen.

Na das ist zu egozentrisch und subjektiv. :-))
Magda schrieb am 10.05.2011 um 20:05
derstandard.at/1291454186902/Interview-Nicht-die-Nazis-durch-die-Sowjets-erklaeren

Hier ist ein Interview mit Snyders. Ich wusste bisher nichts von diesem Buch.
goedzak schrieb am 10.05.2011 um 22:44
Vielen Dank für das interessante Zitat. - Ja, der Patriotismus... Aus dem sowjetischen ist wieder ein russischer geworden. Ich binde hier mal noch ein Video zum Thema ZIS-Lkws im 'Großen Vaterländischen (!) Krieg' ein. Da gibt es eine Sphäre, wo Freaks sich umtun, die an der Technik, am Militärkram usw. interessiert sind, an den historischen Zusammenhängen aber weniger. Das kennt man ja auch von hier. "Оружие Победы", Waffen des Sieges, heißt die Reihe.



Ich hoffe, Du wirst hier was schreiben über das Snyders-Buch.
goedzak
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