goodoldmarley

Abgebloggt

09.10.2010 | 14:08

Es ist mehr als Fußball

30.000 Unterstützer der Nationalmannschaft der Türkei pfeifen Mesut Özil aus, weil er für Deutschland spielt - und schon empört sich Fußball-Deutschland, wie intolerant türkische Fans sind. Facebook und andere Online-Plattformen sind voll von Kommentaren zum 3:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen die Mannschaft der Türkei.

Doch was viele Kritiker der Türkei-Fans übersehen: Das ist Fußball. Wechselt ein Spieler von einem Verein zum anderen, Pfeifen die Fans des verlassenen Vereins beim nächsten Aufeinandertreffen 90 Minuten gegen den Abkömmling.

Es steckt aber noch mehr dahinter: Dort Toleranz zu fordern, wo wöchentlich tausende deutsche Fans Diskriminierung praktizieren, ist scheinheilig. Schwule haben auf deutschen Fußballplätzen keine Chance, Spieler mit Migrationshintergund müssen sich häufig mit rassistischen Beschimpfungen auseinandersetzen. Aber Fans der Türkei dürfen sich nicht darüber ärgern, dass einer von ihnen für Deutschland spielt.

Mit ihm können sich viele der Türkei-Fans identifizieren, er ist auch in Deutschland aufgewachsen und hat seine familiären Wurzeln in der Türkei. Auch er ist offensichtlich hin- und hergerissen zwischen beiden Ländern. Doch hat er sich anders entschieden, als sie es in ihrer derzeitigen Lage tun würden.

Der Unterschied zwischen Özil und vielen Fans mit türkischem Migrationshintergrund ist, dass er nicht ausgegrenzt wird. Er muss nicht in einer kleinen Wohnung am Stadtrand wohnen, wird nicht komisch angeschaut, weil er mit einem Akzent spricht. Özil muss auch nicht um seinen Job fürchten. Ganz im Gegnteil: Özil ist Teil einer Nationalmannschaft mit Podolski, Klose oder Khedira. Sie werden mit offenen Armen empfangen, denn sie schießen Tore für Deutschland. Mesut Özil wird auch nicht aufgefordert, sich besser zu integrieren. Mit seinem Erfolg hat er sich integriert.

Dass aber nicht jeder junge Mensch mit Migrationshintergrund Erfolg hat, wird da schnell übersehen. Sie werden aufgefordert, sich zu integrieren, ohne dass ihnen ausreichende Hilfestellung gegeben wird. Sie werden nicht mit offenen Armen empfangen, über sie wird in den Medien diskutiert. Viele fühen sich daher nicht willkommen in Deutschland und suchen ihre Identifikation in der Türkei.

Da muss sich Fußball-Deutschland nicht über Pfiffe wundern. Letztenendes sind sie Abbild der Fronten zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, die nicht zuletzt durch jüngste Diskussion noch verhärteter sind.

 

 
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Kommentare
Gustlik schrieb am 09.10.2010 um 15:54
Dönerby - Heimspiel für ALLE.
Alien59 schrieb am 09.10.2010 um 19:29
Dann sollte man sich vielleicht daran erinnern, dass kurz nach Beginn der Saison der spanischen Liga in mindestens einem deutschen Blatt ein böser Artikel über eben genau Özil und Khedira zu lesen war - weil sie sich ja, mangels englischer oder spanischer Sprachkenntnisse, so schlecht in die Mannschaft von Real integrierten. Da waren sie ca. zwei Wochen dort....
Der Umgang mit Spielern mit Migrationshintergrund ist ziemlich miserabel. Allerdings nicht nur in Deutschland.
Dafür aber oft schon in den Jugendmannschaften - auch ein Grund, warum gerade viele Türken lieber in der türkischen Nationalmannschaft spielen.
Thomas Hunnekuhl schrieb am 10.10.2010 um 20:06
Die Kritik kam allerdings nicht von den deutschen Blättern. Diese griffen lediglich Äußerungen von Real-Trainer Mourinho auf. Im Gegensatz zur deutschen Mehrheitsgesellschaft hat der von Anfang an die Integration seiner ausländischen Neuzugänge gefördert und gefordert.
der arme berliner schrieb am 11.10.2010 um 00:53
Noch ein Artikel zur Integrationsthematik...Gääääähn. Und nun sind es die Fussballfans, die da betrachtet werden. Aha, ja Schwulendiskriminierung also... ja aber der Sachverhalt ist doch nicht neues. Und so was wird hier beim Freitag Top-Blog? Was ist denn an diesem Text so originell? Über die Pfiffe im Stadion redet doch schon 2 Tage später keiner mehr. Langweilig. Gäääähn
Skepsis schrieb am 11.10.2010 um 10:43
Zitat:
"Da muss sich Fußball-Deutschland nicht über Pfiffe wundern".

Die Pfiffe galten aber gar nicht "Fußball Deutschland" sondern sie waren EXKLUSIV gegen Mesut Özil gerichtet.

Wenn sie "Fußball Deutschland" hätten gelten sollen, dann hätten sie gleichsam die restlichen Spieler der deutschen Mannschaften betreffen müssen - wobei es zu bedenken gilt, dass auch die Karrieren von Nuri Sahin, Hamit & Halil Altintop nicht losgelöst von "Fußball Deutschland" denkbar sind.

Dabei ist der wahre Grund für die Pfiffe dem Autoren - zumindest unterbewußt - durchaus bekannt:

Zitat:
"Wechselt ein Spieler von einem Verein zum anderen, Pfeifen die Fans des verlassenen Vereins beim nächsten Aufeinandertreffen 90 Minuten gegen den Abkömmling."

Aber die entscheidende Frage ist: Warum pfeifen Fans den "Àbkömmling" aus? Antwort: Weil sie ihn für einen Verräter halten! Das ist der entscheidende Punkt! Aber der Knaller ist: Mesut Özil hat niemals für die Türkei gespielt und hat dies - nach eigener Aussage - nichtmal ernsthaft in Erwägung gezogen.

Sorry, aber die Argumentation in diesem Blog ist an der Haaren herbeigezogen. Der einzige Satz, dem ich uneingeschränkt zustimmen kann ist: "Das ist Fußball" - dabei hätte es der Autor bewenden lassen sollen.
der arme berliner schrieb am 11.10.2010 um 10:51
@skepsis: Der einzige Satz, dem ich uneingeschränkt zustimmen kann ist: "Das ist Fußball" - dabei hätte es der Autor bewenden lassen sollen.

Als Figo damals von Barcelona nach madrid wechselte, des geldes wegen, warfen ihm die Katalnen einen Schweinskopf vor die Füsse. Fankultur eben mal anders. Und nichts anderes war am Freitag zu sehen und zu hören.
Übrigens reden die Türken bei Özil von "ihrem" Spieler bei Real. Blanker Stolz.

Richtig. Ansonsten ein völlig unnötiger, nicht inspirierender Blog.
Skepsis schrieb am 11.10.2010 um 11:18
Richtig, Luis Figo wurde angefeindet, weil von Barca zu Real Madrid gewechselt ist - ABER

Demhingegen muss mir der (Verbands-)Wechsel von Mesut Özil entgangen sein. Er hat immer für den DFB gespielt.

Folgendes:

Ich finde es als Fußballfan vollkommen nachvollziehbar, wenn, jemand sagt: "Ich bin Fan der türkischen Nationalmannschaft und bin daher enttäuscht, dass Özil nicht für das TFF-Team spielt." PUNKT!

Wenn dann allerdings als zusätzliche Begründung noch nationalistische "Blut & Boden" Argumente oder halbgare (weil oftmals holzschnittartig konstruierte) Sozialkritik hinterhergeschoben wird, stellen sich mir unwillkürlich die Nackenhaare auf.
goodoldmarley
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