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Blog von grapelli

03.07.2010 | 00:16

WAS IST POLITIK? EIN EWIGES MISSVERSTÄNDNIS.

»Es ist schwierig, jemandem etwas zu erklären, der dafür bezahlt wird, es nicht zu verstehen.« (Monika Maron)

Es ist ein unglaublicher Satz, den Monika Maron ausgerechnet bei Maybrit Illner gesagt haben soll. Ausgerechnet in der großen Show der Sprechblasen bringt sie das politische System auf einen besonders heiklen, dafür aber grundsätzlichen Punkt.

Das Betriebssystem von Politik ist nicht Wahrheit. Es sind Interessen. Aus diesem Grund lassen Parteisoldaten plausible Argumente gern unter den Tisch fallen. Was genau soll auch Wahrheit sein unter den Bedingungen „überkomplexer“ Gesellschaften, wie etwa Luhmann es nennt?

Parteisoldaten hören das nicht gern. Ihre Wähler auch nicht. Ich glaube, das hat zwei Gründe. Einmal ist da ein Defizit. Politische Akteure können sich nicht selbst abstrahieren, dafür setzt der Beruf zu viel Eitelkeit voraus. Wer politisch Karriere machen will, der ist vom eigenen Ich überzeugt. Muss davon überzeugt sein, sonst würde er nicht auf die Idee kommen, die Belange Anderer regeln zu wollen.

Zum Anderen ist da die Haltung der Adressaten. Durchschnittsbürger glauben an die Wahrheit. Sie wollen reinen Wein, die Wahrheit soll auf den Stammtisch, das Runde muss ins Eckige. Politik muss richtig sein, wahrhaftig und irgendwie gerecht. Interessen einordnen, den Gegner begreifen, den eigenen Blick schärfen, um sich schließlich selbst einzumischen – das kostet Kraft. Die devote Haltung der Deutschen in ihrer politischen Geschichte tut vielleicht ein Übriges.

Wer nur Wahrheit will, votiert am Ende für eine mehr oder minder sanfte Diktatur. Votiert dafür, dass Minderheitsinteressen domestiziert werden. Denn was soll die massentaugliche Wahrheit anderes sein, als die Diktatur der Masse? Wer hingegen politische Interessen ernst nimmt, ist von vorn herein besser aufgestellt. Denn er muss nicht in seiner Verdrossenheit ausharren, sondern kann protestieren. Seine eigenen Interessen vertreten.

Hugo Preuß, der „Erfinder“ der Weimarer Verfassung soll nach den ersten Parlamentssitzungen Haare raufend durch den Reichstag gelaufen sein. „Sie verstehen ihr politisches System nicht“ soll er gerufen haben.

 

 
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Kommentare
Verwendungszweck schrieb am 03.07.2010 um 14:42
"Durchschnittsbürger glauben an die Wahrheit."

Ich bin Durchschnittsbürger - oder na dran. Ich glaube nicht an die Wahrheit. Ich glaube, dass politische Wahrheit geschaffen wird. Jeden Tag. Die Wahrheit kann gestaltet werden. Wie die Marktgläubigen über Jahrzehnte gesellschaftsformende Arbeit - hauptsächlich Medienarbeit - geleistet und letztlich Wahrheit geschaffen haben, könnten auch andere Wahrheiten geschaffen werden. Thinktanks sind Wahrheitserzeuger. Thinktanks werden von denen finanziert, die das verstanden haben. Die neoliberale Renaissance ist nicht vom Himmel gefallen. Die Bertelsmann-Stiftung existiert, weil sie enorm Steuern spart, und mehr Studien, Daten und Pressematerial für Print, TV und Politik liefert, als je ein Mensch aufarbeiten kann. Sie berät Politiker jeder Couleur und entwirft Zukunftsszenarien. Daraus erwachsen Anforderungen, Konzepte, Pläne und Agenden. Andere gut finanzierte Thinktanks arbeiten zu. Die neue Wahrheit beginnt größere Teile der Gesellschaft in erste sonore Resonanz zu versetzen. Unpassende Einwürfe versprengter Bedenkenträger werden mit der Kraft der omnidirektionalen Bestrahlung der neuen Wahrheit wegvibriert. Ganz friedlich und folgerichtig. Die Wahrheit durchdringt alles. Dann erkennt man die neue Wahrheit in allem. Die Menschheit hat ohne große Mühe einen Schritt getan. Dann kommt der Crash. Alle erschrecken, aber nach der erschöpfenden Aufregung kehrt bald wieder Ruhe ein. Zeit noch einmal auszuatmen, und man ist wenig überrascht, als man bald wieder das erste altbekannte, sonore, leichte Vibrieren spürt. Zuerst wie eine Erinnerung, dann gewiss. Die Wahrheit hat nichts an Kraft verloren. Der Quell der Wahrheit wurde beim Crash geschützt wie nichts anderes. Und wieder umschmeichelt sie unsere Zweifel. Sie kann uns Sicherheit geben. Sich zu wehren bringt Mühsal. Die Wahrheit wurde wohl ersonnen. Die Wahrheit ist einfach. Die Wahrheit wird auch morgen noch sein. Dafür wird Sorge getragen. Und doch fällt es mir unendlich schwer, an sie zu glauben.
der fliesenleger schrieb am 03.07.2010 um 18:56
Mit der Wahrheit ist das so eine Sache. Da kann man viel verkehrt machen, besonders wenn geglaubt wird, daß es dabei um eine Allgemeingültigkeit "ansich" geht. Da ist schnell jemand der Ansicht, "zwingend" zu sein, bloß weil dem üblicherweise (objektiv-)gehirngewaschenen Gegner die Argumente ausgehen. Eine allgemeingültige Wahrheit ist nicht zu retten, weil es keine allgemeingültigen Voraussetzungen gibt und Voraussetzungen braucht es bei jeder Wahrheit. Jedes "dann" braucht sein "wenn", erst aus dem Axiom kann so etwas wie ein Widerspruch ergeben, bzw. so etwas wie Widerspruchslosigkeit in Anspruch genommen werden. Richtig oder falsch ist etwas immer nur in Bezug auf die grunsätzlichen Annahmen, die jemand für sich anerkennt, aber nicht in Bezug auf eine Wahrheit oder Wirklichkeit "ansich". Mehr Wahrheit als eine relative gibt es nicht. Das hat auch nichts mit Beliebigkeit zu tun, denn ist erst einmal der Standpunkt bezogen, steht auch die Perspektive fest. Wenn trotzdem etwas Größeres entstehen soll, dann ist das nur durch Übereinstimmung und Verträglichkeit mit den Wahrheiten anderer Leute möglich, aber nicht, weil es dann keine "logischen" Widersprüche mehr gibt, sondern weil man sich auf gemeinsame Wertvorstellungen geeinigt hat. Die Leute mit gemeinsamen Interessen tun sich zusammen und versuchen diesen Geltung zu verschaffen. So war das mit der Demokratie einmal geplant. Leider haben die Herrschaften mit den höheren, überindividuellen und absoluten Ansich-Wahrheiten da etwas dagegen und wie es ausschaut auch immer noch die besseren Karten, weil die objektive Allgemeingültigkeit (siehe Naturgesetze) beim großen Publikum wie eh und je eine feste Größe darstellt, auch wenn niemand kapiert, worum es dabei eigentlich geht.
Uwe Theel schrieb am 03.07.2010 um 19:10
@ Verwendungszweck am 03.07.2010 um 14:42

Ihr Kommentar könnte vielleicht Sinn machen, wenn Sie anstelle des Begriffs "Wahrheit" dort "Wirklichkeit" verwendet hätten, die nicht identisch sind.

Es wird laufend Wiklichkeit "produziert", ("produziert", wie sie richtig schrieben), darüber aber selten die Wahrheit gesagt. Die Wirklichkeit wird nur ideologisch und affirmativ beschrieben, niemals erklärt. Nur dann könnte die Wahrheit über die Wirklichkeit herauskommen. Es wird also die herrschende Wirklichkeit geschützt, indem die Unwahrheit darüber gesagt wird. Das ist kein Schutz der Wahrheit, sondern deren Unterdrückung.
Achtermann schrieb am 03.07.2010 um 19:22
Otto Rehagel sagte: "Die Wahrheit liegt auf dem Platz." Anders formuliert: "Wer die Macht hat, besitzt die Wahrheit."
Uwe Theel schrieb am 05.07.2010 um 21:23
Achtermann schrieb am 03.07.2010 um 19:22

Lieber Achtermann,

ich kann es ganz kurz machen: Für diesmal: Unsinn!

Die Welt ist kein Fußballspiel und funkltioniert auch nicht nach dessen Regeln. Dann wären wir spät4stens nach xzwei mal 45 Minutuen plus zwei mal15 Minuten Nachspielzeit und dann noch Welmeter-Schießen am Ende der Welt, dem Weltende angelangt.

Außerdem und noch viel wichtiger: Wer die Macht besitzt, besitzt die Macht die Wahrheit zu unterdrücken - befördern kann sie im Dialog jeder.

Schließlich: Nie wird jemand die Wahrheit besitzen, allenfalls die Fähigkeit und Möglichkeit haben, sie zu erkennen und nicht zu unterdrücken.
Fro schrieb am 03.07.2010 um 20:37
Was heute als „Wahrheit“ angesehen wird, kann morgen schon als unwahr angesehen werden - weil sich die die Bedingungen geändert haben oder einfach, weil mehr Informationen zur Verfügung stehen. Dogmen haben heute keine Chance mehr – wer sie aufrecht erhält sieht meist etwas hinterwäldlerisch aus.

Meine Anforderung an Politiker ist, dass sie eine gerechte, nachhaltige, demokratisch legitimierte und intelligente Politik auf der Höhe der Zeit machen. Stets das Ganze im Blick. Das sind ähnliche Anforderungen, die ein Firmeninhaber an seine Manager und leitenden Angestellten stellt. Nichts, womit ein Politprofi nicht klarkommen könnte. Leider gibt es davon aber zu wenige.

In einer Gemeinschaft kann erst nach einem gründlichen lösungsorientierten Diskurs eine demokratische Entscheidung getroffen werden. Die Qualität der Entscheidungen hängt vom Wissen und dem allgemeinen Bürgerbewusstsein der Initiatoren und Abstimmenden ab.
Leider sind wir weit entfernt von einer demokratischen Kultur – man muss so etwas auch erst lernen.... und die Deutschen haben in ihrer Geschichte leider wenig demokratische Erfahrungen sammeln können ....wäre an der Zeit, dass wir diese mal machen können – ansonsten werden wir auf alle Ewigkeit in den Geschichtsbüchern als Untertanenvolk geführt:)
Die Umfragen zeigen, dass die Bürger in Deutschland reif für mehr Demokratie sind. Wir hätten im Vergleich zu heute paradiesische Zustände, wenn in wichtigen Fragen, die Bürger, statt lobbybestimmte Politiker, entschieden hätten.
Uwe Theel schrieb am 05.07.2010 um 23:17
@
Fro schrieb am 03.07.2010 um 20:37

Ja watt denn nu?

Entweder:

"Leider sind wir weit entfernt von einer demokratischen Kultur ... "

oder:

"Die Umfragen zeigen, dass die Bürger in Deutschland reif für mehr Demokratie sind. ..."
Fro schrieb am 06.07.2010 um 00:25
Lies einfach noch einmal Uwe, dann wirst du es verstehen.
Uwe Theel schrieb am 06.07.2010 um 01:59
Fro schrieb am 06.07.2010 um 00:25
Lies einfach noch einmal Uwe, dann wirst du es verstehen.

Lieber Fo,

Deine gönnerhaft einfältigen Formulierungen kannst du Dir sparen. Sie sind nur peinlich.

Du formulierst zwei Sätze im Indikativ nacheinander, wobei der erste den zweiten ausschließt.

Du Diskutierst diese Sätze nicht, schreibst Sie keinem Autor zu (wahscheinlich sind Sie deinem Geist entsprungen), sondern stellst Ihnen unverbunden abstrakte Forderungen an Demokratie vorneweg, die keine konkreten Adressaten nennen, mit einem Wort die Unverbindlichkeit einer Sonntagsrede haben und so schon von so ziemlich jedem bürgerlichen Politiker sei 1949 schon einmal formuliert wurden. Allerdings kam selbst von diesen noch niemand auf die Idee sich abschließend so schön selbst zu widersprechen.

Die Tiefe Deines Nachdenkens offenbart sich übrigens auch an Deinen Worten zu Wahrheit und Wirklichkeit: Aus den ersten Blick scheinst Du damit die Einsicht zu formulieren, dass es - zumal in der Politik - keine absoluten, ewigen Wahhrheiten gibt, wohl aber historische. Im Gesamatkontext Deines Kommentars erkennt der leser dann aber, dass Du in der üblichen bürgerlichen Art, nur die These von der ewigen Ungewißheit der Wahrheit aufwärmst, die der bürgerliche Geist insbesondere immer dann braucht, wenn er der "Rechthaberei" der Linken entgegentritt, selbst aber nie daran zweifelnd, dass er selbst mit seiner Einstellung zu den Dingen richtig liegt.
weinsztein schrieb am 06.07.2010 um 03:14
Herr Theel...

...mal wieder mit seiner Deutungshoheit über Links, Bürgerlichkeit, bürgerlichen Geist, die Tiefe des Nachdenkens anderer und als 150-prozentige Linker und als schier allwissende Klette.

Ob Herr Theel weiß, dass er "seinem" linken Anliegen schadet, wenn er Zweifler und andere irgendwie Linke so attackiert wie fro? Ich vermute, er weiß es und er sonnt sich in einer Gewissheit eigener Brillanz.

Das ist mir nicht sympathisch.
weinsztein
Jan Jasper Kosok schrieb am 06.07.2010 um 14:23
Einmal "Ruhig Blut", bitte.

Besten Gruß,

JJK
Fro schrieb am 06.07.2010 um 21:15
Uwe nun mal in aller Ruhe und ganz langsam:

Wenn jemand reif genug ist, Auto zu fahren, dann heißt es nicht, dass er auch schon einen Fahrstil entwickelt hat.
Wenn jemand geschlechtsreif ist, heißt es nicht, dass er auch ein guter Liebhaber wäre.
Wenn eine Bürgergemeinschaft reif für mehr demokratische Rechte ist, dann heißt es nicht, dass sie sich auch eine demokratische Kultur entwickelt haben.

Demokratie muss erlernt, ausprobiert, gestaltet werden und so entsteht eine demokratische Kultur und das muss schon im Kindergarten anfangen – das ist meine Auffassung. Meine Wahrheit, heute. Wahrscheinlich aber auch morgen, weil ich sie stets überprüfe – z.B. wenn ich sie äußere oder jemand anderes sich dazu äußert – macht das ein Dogmatiker oder Theoriegläubiger auch? Kann er überhaupt die Wahrheit heute erfassen, wenn er in Konstrukten von Gestern denkt?
Uwe Theel schrieb am 07.07.2010 um 01:10
Fro am 06.07.2010 um 21:15

Guten Abend Fro,

Vorweg: Ich tue mich schwer mit Deinen Beiträgen, seil sie mir sehr umgangssprachlich und doch abstrakt erscheinen.

Mit einem Beistrag von heute abend gibst Du wieder ein Beispiel dafür:

Deinen drei Thesen im ersten Absatz, wird wohl fast niemand spontan widersprechen und unter einer Bedingung sind sie sogar wahr - nicht nur richtig.

Diese Bedingung ist, wir wüssten, was ein guter Fahrstil, was ein guter Liebhaber, was eine gute demokratische Kultur seien.

Nur in der Differenz dieses Wissens könnten Deinen Thesen Sinn machen, nämlich in Ihrer Ausarbeitung aufscheinen lassen, was richtig und falsch, was gut, was schlecht, damit endlich was wahr, was unwahr wäre.

Du sagst, Du seist in ständiger Überprüfung der Wirklichkeit begriffen, z.B. zu überprüfen, was "gute" demokratische Kultur sei. Du wirst die "herrschende" praxis beobachten und dann zu einem (je historisch verortbaren) Urteil kommen, oder auch nicht.

Wolltest Du Dein Urteil einem anderen mitteilen, so wirst Du ihm die Beobachtungen und Deine Kriterien (=Theorie) mitteilen müssen, dass er Dein Urteil verstehe und sagen könnte, warum er es mit Dir teilte oder nicht, wobei er wiederum seine Kriterien (=Theorie) und Empirie offenlegen müsste.

Es ist ok, wenn Du sagst, Du seist dabei kein Dogmatiker, ich will es Dir auch nicht unterstellen - Deinen Äußerungen wie gesagt sind immer so abstrakt richtig, das ich damit (fast) alles oder auch nichts machen könnte, es fehlen mir eben Theorie und deren begriffliche Verknüpfung mit der/einer Theorie.

Es ist zu leicht dem anderen Dogmatik vorzuwerfen, solange man sich auf die (theoretische) Diskussion nicht einläßt, die Antworten, die z.B. ich anbiete als nicht annehmbar zurückweist, weil "Andere ja damit schon gescheitert seien", ohne dann die Diskussssion zu führen, die die Differenz oder Gleicheit erst nachweisen müsste.

Was also sei guter Fahrstil?

Mfg
Uwe Theel
Fro schrieb am 07.07.2010 um 20:25
Uwe, ich habe weder von einem „guten“ Fahrstil noch von einer „guten“ demokratischen Kultur geschrieben. Es ging in meinem Beitrag um Entwicklungsprozesse und die notwendige Reife der Akteure.

Wenn du Schwierigkeiten mit meinen Beiträgen hast, liegt es vielleicht auch daran, dass du sie nicht sorgfältig liest und da etwas hineinprojizierst, was da nicht hingehört... Deine Kritik gilt deinen eigenen Projektionen. Und ich weiß nicht, ob es ein Trick ist (ich vermute es fast) oder einfach nur ein Tick.

Warum du es nun für wichtig erachtest, eine theoretische Diskussion darüber führen, was ein guter Fahrstil sei, erschließt sich mir nicht.
Wie du da „aufscheinen lassen willst, was richtig und falsch, was gut, was schlecht, damit endlich was wahr, was unwahr wäre“, leuchtet mir irgendwie nicht ein. Interessiert mich aber auch nicht.

MfG
Fro
Uwe Theel schrieb am 08.07.2010 um 00:01
Dein Fahrstil war auch nicht gemeint!
Angelia schrieb am 04.07.2010 um 10:02
Ein spannender Beitrag, den ich gern gelesen habe. Ich möchte für den Durchschnittsbürger und sein Verhältnis zur Wahrheit in die Bresche springen.
Im Grunde müssen sich Menschen darüber Klarheit verschaffen, ob etwas wahr oder unwahr, richtig oder falsch ist. Schon aus überlebensnotwendigen Gründen und auch im Rahmen der politischen Urteilsfindung. Auch setzen sie voraus, dass es so was wie Wahrheit gibt und man sie erkennen kann. Sonst bräuchten sie, z.B. an den Stammtischen, nicht danach zu suchen. Zumal der Bürger ja wissen muss, ob seine Interessen, wie angedacht, überhaupt noch vom Staat vertreten werden.

Ich vermute, der Knackpunkt ist eher die Frage, ob der Mensch sich als das Maß aller Dinge begreift, als Produzent von Wirklichkeit, oder glaubt, etwas metaphysisch einzig Wahrhaftiges leite mit unsichtbarer Hand ihre Geschicke. Das wirft m.E. die nicht unerhebliche Frage nach der Verantwortung für menschliche Lebensumstände auf.
grapelli schrieb am 05.07.2010 um 22:17
Erst einmal merci für die wunderbaren Gedanken, ich bin neu hier und ganz ehrlich überrascht, wie ernsthaft und aufrichtig hier geschrieben wird. Toll.

Ich glaube, Achtermann hat den Finger in der Wunde, wenn er schreibt, „wer die Macht hat, besitzt die Wahrheit“. Allerdings ist die Frage, wie kommt es dazu? Die Fußballanalogie ist da gar nicht so weit her geholt. „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ bedeutet ja letztlich, derjenige, der sich durchsetzt, bestimmt das Spiel. Ersetzen wir mal den Fußball durch den sozialen Diskurs.

Lesenswert in diesem Zusammenhang: Foucaults Dreiteiler „Der Wille zum Wissen“. Er zeigt, wie „die Wahrheit“ eben sprichwörtlich ”auf dem Platz“ entsteht - etwa am Beispiel von Sexualität, Lust, Lebenskunst. Er zeichnet die Ränkespiele konkurrierender Wissenskomplexe nach. Unentwegt suchen sie nach Möglichkeiten, rivalisierende ”Wahrheiten“, anderes „Wissen“ zu domestizieren, abzulösen, um anschließend sich selbst im Regelsystem von Gesellschaften als „wahr“ zu fixieren. Diese Vorstellung ist keine Verschwörungstheorie, es ist das „Spiel der Kräfte“ in modernen Gesellschaften.

Man denke an die intellektuelle Demontage des Staates in den zurückliegenden 10 Jahren. Empowerment, Eigenverantwortung, Ich AG haben das tradierte bundesdeutsche Staatsverständnis komplett auf den Kopf gestellt. Im Übrigen ausgemessen, zugeschnitten und vorangetrieben von Thinktanks, wie sie #Verwendungszweck ganz gut beschrieben hat.

Das neuartige „Wissen“, was eben von Interessen nicht zu trennen ist, setzt sich fest in zahllosen Verästelungen des herrschenden Diskurses, also innerhalb dessen, was eine Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt als „wahr“ bewertet.

Wenn es erfolgreich ist, dann dreht sich die öffentliche Bewertung von „wahr und „falsch“ und schlägt einen neuen Kurs ein. Die Wahrheit wird gewissermassen „umgewidmet“ und das landläufig. Die Emanzipation der Frau, die protestantische Ethik, Umweltbewusstsein, die Neo-Cons, der Neoliberalismus - die komplette Geschichte ist voll davon.

Ich glaube, der Fußballvergleich trifft den Nagel auf den Punkt. Allerdings: es heisst dann nicht nur „Wer die Macht hat, besitzt die Wahrheit.“ Sondern, der Prozess, der dem vorausgeht ist der eigentlich dynamische: „Wer eine Wahrheit besitzt, verfügt immer latent über die Chance zur Macht.“ Oder besser: zur Hegemonie. Ich glaube, das ist Gramsci?
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