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In der (medialen) Öffentlichkeit ist es Konsens: Die Hinterbliebenen des Angriffs auf die beiden Tankzüge in der Nähe von Kundus in der Nacht vom 3. auf den 4. September 2009 müssen entschädigt werden. Die Einhelligkeit verblüfft. Aber das Andocken an die Schadenersatzforderungen reaktiviert die gute, alte bundesrepublikanische Tugend wieder: Man löst unangenehme Fragen am besten mit Geld. Der Anwalt der Hinterbliebenen, Karim Popal, beharrt darauf, direkt mit der Bundesregierung in Verhandlungen zu treten; er vertraut der afghanischen Regierung nicht und befürchtet, das Geld versickert in der Korruption. Diese Befürchtung ist nachvollziehbar.
Merkwürdig nur der Hype mit dem diese Aktion verfolgt wird. Die Kommentatoren überbieten sich in markigen Sprüchen ob der Selbstverständlichkeit von Entschädigungen. Dabei fällt auf, dass vor einigen Jahren einen ähnlichen Fall gab, der in der Öffentlichkeit weit weniger in den Fokus rückte. Bei einem Anschlag auf die Brücke von Varvarin in Serbien am 30. Mai 1999 gab es 10 Tote und 17 Verletzte; der Großteil der Getöteten waren Helfer, die die ersten Schäden beseitigen und Verletzte bergen wollten. Die Bundesrepublik Deutschland hat damals Schadenersatzansprüche abgelehnt. Tenor: Die Leute waren leider zur falschen Zeit am falschen Ort. Und heute? Man fragt erst gar nicht, warum beispielsweise Kinder um 24 Uhr Ortszeit kanisterweise Benzin mitnehmen wollten. Überlegungen dieser Art würden vermutlich als pietätlos betrachtet (vielleicht sogar zu Recht).
Die serbischen Hinterbliebenen machten allerdings einen formalen Fehler: Sie klagten direkt, was nach internationalem Recht nicht zulässig ist und daher zur Ablehnung ihres Anliegens führte. (Die Angelegenheit liegt vor dem Bundesverfassungsgericht – und harrt dort zehn Jahre nach dem Delikt der Bewertung).
Mich wundert nur, wo die heutigen Kommentatoren damals waren. Wo haben sie sich empört? Oder kann es sein, dass man die Vorgänge in Afghanistan aus ganz anderen Gründen derart gewichtet? Oder dass in Afghanistan das schlechte Gewissen der Deutschen zu schlagen beginnt, während die Serben immer noch als Kollektivschuldige der Jugoslawienkriege betrachtet werden? Wie ist dieses Messen mit zweierlei Maß – und hier meine ich vor allem die mediale Aufbereitung – zu erklären?
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Danke für die Hinweise.
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Ich glaube, daß mit zweierlei Maß gemessen wird, weil Serbien immer noch so eine Art Klein_Rußland und damit Klein-Sowjetunion ist (kyrillische Schrift/orthodoxer Kulturbereich/selbstbewußt sozialistisch), und Rußland muß weiterhin geächtet, bekämpft werden.
Dafür mußte und muß Serbien leiden... |
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Naja, ist doch einfach zu verstehen, damals mußte die Welt vor den Serben gerettet werden, während jetzt den Afghanen ja eigentlich geholfen werden soll. Das weckt schon mal andere Erwartungen. Diesmal ist es ein Hilfs- oder bestenfalls ein Polizeieinsatz, und damals war es ...nee, nich "Krieg" natürlich, ich weiß es gar nicht mehr, ehrlich gesagt. "Humanitäre Luftschläge" oder so.
Ich war vor kurzem in Serbien. Von "selbstbewußt sozialistisch" habe ich nicht so viel gemerkt. Daß Du Dir da mal keine Illusionen machst. |
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Jetzt ist das auch icht mehr so. Dafür haben die "humanitären Luftschläge" schon gesorgt.
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@ Gregor Keuschnig,
vielen dank für diesen beitrag. Der Bremer Anwalt der afghanischen Familien in und um Kundus fordert sicher, so hoffe ich, nicht nur für die afghanischen Kriegsopfer einen Fond, aus dem nicht nur einmalig "milde" Gaben, sondern Lebens- Perspektive für die Überlebenden, Hinterbliebenen von Kriegseinsätzen der Bundeswehr erbracht, fliessen. JP |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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