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Im Zuge der zunehmenden Mediatisierung – der doppelte Wortsinn ist hier gewollt – kommt es zu einem Kollaps aller bis dato tradierten zeitlichen Strukturen. Beispielhaft hierfür ist z.B. der Popanz, der um den Tod von Michael Jackson gemacht wurde, als TMZ im gefühlten Sekundentakt über die neuesten Ereignisse berichtete. Wichtig ist ja nicht mehr der Gehalt, sondern nur noch die Nachricht als solche. Daraus resultiert ein reflexartiges Verhalten in den öffentlichen Diskursen. Gewisse Signalwörter lösen pawlowsche Reaktionen aus. So werden nach Entscheidungen von Regierungen führende Funktionäre aus den unterschiedlichsten Bereichen befragt und um Meinungsbekundung gebeten. Außerordentlich beliebt sind hierbei Sozialverbände, Gewerkschaften und Oppositionsparteien auf der einen und Arbeitgeber- oder Lobbyorganisationen auf der anderen Seite. Jüngst konnte man dieses Phänomen eines hetzenden Dialogs bei dem Sparpaket und dem Gesundheitsreförmchen beobachten.
Aber nicht nur die Tagespolitik, nein, auch die Geschichtswissenschaft hat sich derlei Modi zu stellen. So entbrennen immer geradezu leidenschaftliche Tiraden und polemische Demagogie beim Wort Sozialismus. Bekennt man sich dazu ist man ein „linker Spinner“ oder „verklärter Geschichtsrevisionist“, man wolle „Gleichmacherei“ und argumentiere „fernab jeder vernünftigen Einschätzung der Realität“ als „weltfremder Gutmensch“. Das differenzierte Betrachten, Innehalten, Reflektieren scheint vielen nicht notwendig oder aber nicht möglich in der postindustrialisierten, spätkapitalistischen Mediendemokratie.
Es sind Zeichen von Denkverboten. Wer sich gegen die Zäune der intellektuellen Selbstbegrenzung stellt, der wird häufig das Objekt kollektiver Dresche. Wolfgang Clement, Thilo Sarrazin, Josef Ackermann, die Bürgerbewegung ''Wir wollen lernen'' sind vor allem für diejenigen, die sich als linksliberal bezeichnen oder sehen, ein Affront. Oskar Lafontaine, Sahra Wagenknecht, Slavoj Žižek sind Dornen in den Augen der Beharrung. Sie alle instrumentalisieren, polarisieren und inszenieren sich auch selbst auf der Bühne der medialen Omnipräsenz. In einer immer komplexer werdenden Welt ist die Trivialisierung auf dem Vormarsch. Medien haben es im Interesse um Quote oder Klicks gern, wenn reisserische Parolen skandiert werden und die Personen, die sich im öffentlichen Raum bewegen, wollen gehört werden.
Dabei wären all jene, die problemorientierte Diskurse so zu führen gedenken eigentlich gut beraten, die Kommunikationswege zu entschleunigen. Denn nur so erreicht man ein Maß an Dichte, was für lösungsorientierte Dialoge auch notwenig ist.
Die oft zitierte Politikverdrossenheit liegt doch auch nicht zuletzt daran, dass Sachentscheidungen nicht adäquat transportiert werden oder aber a priori schon als Blödsinn abgetan werden, bevor man überhaupt in aller notwendigen Genauigkeit darüber nachgedacht und geredet hat.
Die parlamentarische Demokratie offenbart viele Baustellen. Der Umgang mit Mediatisierung ist eine davon. Wird das Problem nicht sinnstiftend behandelt, wird sich die politische Kaste der tönernen Füße zu spät bewusst werden.
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Du sprichst von einer Trivialisierung der Gesprächsgegenstände und von einem leichtfertigen Umgang mit ihnen in der breiten Bevölkerung.
Die breite Bevölkerung, hat andere Probleme, als der Politik im Parlament hinterzuschauen, der Diskurs ist schon daher problematisch. Es kann keine Problemlösung auf breiter Basis geben, schon keine akademische. |
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Durch die ominipräsenten Medientechnologien kann jeder überall zu jeder Zeit zu fast jedem Thema seine Meinung äußern und seinen Senf dazugeben.
Das führt manchmal dazu, dass Probleme nicht wirklich gelöst werden, sondern unter einem riesigen Berg Senf versucht werden, zu ersticken. |
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Jemand sagte mal, eine Konferenz sei ein Indiz dafür, dass ein Problem eben nicht angegangen, sondern verschoben und breitgequatscht wird...
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Warum denn Senf, ich verstehe nicht, was das speziell mit dem Internet zu tun hat. Im Internet ist jedes Problem vertreten, jede Diskussion und jede Information in jeder beliebigen Komplexität. Wann war der Zugang dazu je einfacher, wann war die Meinungsvielfalt je so stark.
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Die Nischen, ja die sind mehr geworden, z.B. ja auch diese Community hier.
Aber öffentlichkeitswirksame, das heißt auch sich im öffentlichen Raum abspielende Diskussionen sinnstiftend zu möblieren ist de facto ja nicht mehr möglich, eben weil die Vielfalt so groß ist. Eine anregendes Gedankenbeispiel dazu: Würden Horkheimersche Ideen heute noch so breit kommunizierbar sein? |
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Es ist doch eine Illusion zu sagen, dass "früher" eine breitere interlektuelle Auseinandersetzung mit Themen stattgefunden hat als heute.
Kommunizieren kann man heute auch alles "breit", die Frage ist eben nur, ob die Antwort heute anders lauteten würde als damals und eben dies ist, meiner Meinung nach nicht so. Sicher hatte Frank Schirrmacher mit seinem letzten Buch "Payback" recht, die digitale Welt nötigt uns einen eigenen Rhythmus auf, der ungeahnte Schnelligkeit mit sich bringt. Durch diese Geschwindigkeit findet aber eine Veränderung des Gehirns statt, sprich es findet keine Auseinandersetzung mit den Themata wie früher statt. Was genau meinst Du mit "sinnstiftend"? Ich glaube, gerade durch die Vielfalt hat die Geschwindigkeit sich mit Themen zu beschäftigen nachgelassen, es schießen gerade eine Menge an Büchern über das Spiegelthema letzter Woche auf den Markt, mit denn Titeln "Ich bin dann mal off". |
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Um Inhalte heute breit zu kommunizieren ist ein großes Reservoir an Ressourcen sozialer wie materieller Art notwendig. Die Gründe hierfür sind recht unterschiedlich.
Erst einmal gibt es natürlich mehr Menschen und die Legitimation einer Meinungsführerschaft, wie sie etwa in den frühen sechziger Jahren in Deutschland meist nur Akademikern vorbehalten war, erodierte. Die Folgen hiervon sind eben eine "Demokratisierung der Diskurse" - folglich auch ganz haptische Schwierigkeiten, etwa bei der Evaluation von Information (Wikipedia contra Brockhaus). Zweitens sind die technischen Möglichkeiten und die Omnipräsenz der notwendigen Kommunikation auch noch so sinnloser Tweets virulent. Dies beides führt eben dazu, dass sich ein Gewebe von höchst unterschiedlichen Qualitäten herausgebildet hat. Wenn man etwa durch Blogspot klickt, wird man viel wenig befördernden Datenmüll finden und vielleicht auch das eine oder andere Interessante hie und da. Wenn man allerdings "früher" zufällig 3sat o.ä. gesehen hat, konnte man fast sicher sein, etwas interessantes zu finden. note: Ich möchte nicht wie ein Nostalgiker klingen ("Früher war alles besser") - es geht mir nicht um eine normative Bewertung, sondern um qualitative Analyse. |
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Ich glaube, dass Deine Argumentation einfach nicht richtig ist, Du verallgemeinerst viel zu stark.
Und was ist an einer sogenannten "Meinungsführerschaft" heute interessant, das Problem ist viel größer und hat nicht den Ursprung in einer Welt des Internets, sicher ist dies auch ein Bestandteil. |
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Richtig, es hat den Ursprung nicht darin, das habe ich auch nie behauptet, ich sage ja, dass Lösungen zu allen Problemkomplexen heute viel schwieriger sind, eben weil die Akteure im öffentlichen Raum (bspw. Interes-
-sensvertreter, Volksvertreter, Entscheidungsträger) sich ja um die inhaltlichen wie kommunikativen Folgen im Klaren sein müssen und immer damit rechnen müssen, dass inhaltlich richtige Entscheidungen (nach einhellliger Bewertung) an falscher Kommunikation scheitern. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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