Symptomträger Wulff und die Partys der elitären Netzwerke
Riefe mich heute ein Meinungsmacheinstitut an und fragte, ob ich den Rücktritt des Bundespräsidenten befürworten würde, meine Antwort wäre "Nein". Nicht dass ich Wulff für ehrlich, integer oder rechtschaffen hielte oder ihm gar Symphatien entgegenbrächte. Nein, Wulff muss bleiben, weil sich ein schlechtes Vorbild, ein charakterloser Politiker, ein Gesetzesbrecher bestens als Mahnmal gegen eine rücksichtslose, egoistische zur Lobbykratie verkommenen Gesellschaftsordnung eignet und auf diesem leidvollen Wege möglicherweise Denkprozesse und Erkenntnisgewinne in Gang setzt. Zu Wulffs Verteidigung muss darüberhinaus festgestellt werden: der Christdemokrat ist lediglich Symptomträger. Er entstammt einer konservativ-katholisch geprägten Patchwork Familie und hatte eine "schwierige Kindheit", wie er persönlich bei seiner Selbstdemontage im ARD/ZDF-Interview erklärte. Wulff engagierte sich seit frühster Jugend für die Schüler Union und gehörte später dem Bundesvorstand der Jungen Union an. Hand aufs Herz, jeder erinnert sich an diesen Typus des reaktionären Polit-Nerds, der seine teenage kicks nicht bei der Rebellion gegen das Elternhaus, dem Kennenlernen des anderen Geschlechts, Selbstversuchen mit Alkohol, sondern der penetranten Indoktrination Gleichaltriger erlangte. Außenseiter, die schon schon im Teenageralter, gescheitelt, in Oberhemd und Rautenmusterpullunder mit dem Aktenkoffer zur Schule gingen und wie Gerhard Löwenthal redeten. Ob Wulff diesem Stereotyp entsprach mag spekulativ sein, der Ruf des Spießers eilte dem bekennenden Bananensafttrinker zweifelsohne voraus. Ein Juristensohn, der Jura studiert und eine Juristin heiratet. Standesgemäß, langweilig. Erst die Bekanntschaft seiner zweiten Frau brachte Schwung in Wulffs vorbestimmtes Leben. Ausgerechnet der Nestbau für die neue Herzensdame, die gemeinsamen Gratisurlaube in den Luxusresidenzen befreundeter Unternehmer garantieren dem ehemaligen Pro Christ Unterstützer seit 2 Monaten Negativschlagzeilen, Häme und schlechte Umfragewerte. Kaum im höchsten Amt des Staates angekommen wird es einsam um den Schnäppchenpräsidenten, der seit heute mit richterlicher Erlaubnis als Lügner bezeichnet werden darf. Dabei wollte er doch lediglich ein wenig Spaß, Luxus, Glamour im Kreise seiner Unternehmerfreunde und ihrer Unterstützer in Politik, Medien und Showbusiness. So wie am 17.11.2011 bei der Publishers' Night 2011 des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger in der Telekom-Repräsentanz in Berlin. Als er die Laudatio für den Kriegsverbrecher Henry Kissinger halten durfte. Helmut Markwort, Patricia Riekel, Carsten Maschmeyer waren auch da. Maria Furtwaengler amüsierte sich mit Kai Diekmann während ihr Mann Hubert Burda mit Henry Kissinger und Mathias Doepfner Konversation betrieb. Air Berlin war auch wieder da. Es gab Cocktails. Thomas De Maiziere warf sich in Pose. La Ferres und Maschmeyer wirkten zwischenzeitlich partymüde. Am Ende zückten alle ihre Handys und machten Schnappschüsse, damals im November 2011, ca. 4 Wochen bevor der Rubikon für Wulff überschritten war.