Günter Bartsch

güb

09.09.2010 | 00:40

Das Internet bedroht die Pressefreiheit

Wenn es irgendwann vorbei ist mit der Pressefreiheit, dann wissen wir jetzt, wer schuld war: das Internet. Das hat Mathias Döpfner, Vorstandschef von Axel Springer, auf der dem M100 Sanssouci Colloquium in Potsdam, wo sich die Großkopferten der Medienbranche treffen, erklärt: Anfangs wies er noch auf die Chancen hin, die das Netz und seine chaotische Struktur für die Pressefreiheit etwa in autoritären Staaten bietet. Doch eben diese antiautoritären Fundamente des Internets seien es auch, welche die Pressefreiheit bedrohten: „Die Tatsache, dass Informationen aller Art im Netz meist kostenlos erhältlich sind, werden als besonders gute Sache angesehen“, so Döpfner. Die Verlagshäuser hätten alle zu diesem „großen Fehler“ beigetragen. Es gebe eine „beinahe parareligiöse Heils-Ideologie“: Die Open-Access-Bewegung habe eine digitale Welt propagiert, in der Freiheit nur herrschen könne, wenn jede Information für jedermann zu jeder Zeit kostenlos ist – Döpfner zitierte hier Jaron Laniers Worte vom „digitalen Maoismus“. Aufmerksamkeit habe Geld als Währung ersetzt – doch Werbung reiche zur Finanzierung nicht aus. Döpfner: „Indem wir uns der Gratis-Kultur im Internet widersetzen, verteidigen wir unabhängigen Qualitätsjournalismus, verteidigen wir die Freiheit der Presse.“

Döpfner liegt falsch, denn:

  • Der Zugriff auf die Inhalte des Internets ist nicht kostenlos. Für die Bereitstellung bezahlen die Menschen an Provider einen Haufen Geld. Der Axel Springer Verlag selbst verdient daran, zum Beispiel über „BILDmobil“.
  • Döpfner verschweigt die Zusatzkosten, die für Druck und Vertrieb von Zeitungen anfallen – Kosten, die durch die Verbreitung im Netz wegfallen. Der Schweizer Verleger Urs Gossweiler sagt: „Die Abonnenentengebühr reicht für Druckerschwärze, für Papier und für den Postboten. (…) Die Redaktion war immer rein durch die Werbung finanziert.“
  • Open Access bedeutet nicht, dass alles kostenlos ist. Vielmehr geht es vorrangig darum, der Öffentlichkeit wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich zu machen – jener Öffentlichkeit, die dafür bereits über Steuern bezahlt hat.
  • Ja, Aufmerksamkeit ist eine Währung – weil Verlage und andere daraus Geld machen können, indem sie Anzeigen verkaufen. Das war zu Print-Zeiten nicht anders. Verleger könnten ihren Lesern dafür dankbar sein. Deren Schuld ist es jedenfalls nicht, dass es vielen Verlagen nicht gelingt, im Netz ordentliche Anzeigenerlöse zu erzielen.
  • Viele Leser sind durchaus bereit, Geld für hochwertige Inhalte zu bezahlen – das zeigen zum Beispiel die Flattr-Klicks im BILDblog und anderswo.

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 09.09.2010 um 04:26
Vielleicht aber auch sind beide (Kontra)Positionen inzwischen veraltet: www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,712637,00.html
GeroSteiner schrieb am 09.09.2010 um 08:23
Ach der Döpfner. Diese Art verdrehter Logik findet ja häufig Anwendung.

- Windkraftwerke sind für die Erhöhung der Strompreise verantwortlich.
- Kohlendioxid ist die Ursache für die mittlere globale Temperaturerhöhung.
- Einwanderer drücken das Bildungsniveau.

Was ist der Unterschied zwischen dem Springer Konzern und dem Eiffelturm?
Beim Eiffelturm sitzen die größten Nieten unten.
Gustlik schrieb am 09.09.2010 um 11:15
Natürlich ist besonders unter der nachwachsenden Jugendgemeinde die Ansicht verbreitet, das Internet (gemeint sind die Inhalte) wäre kostenlos.
Es ist natürlich üblich, bei einem Problem im Internet nachzuschauen. Natürlich bedient man sich hier bei Kreativmenschen, die bereit waren und sind, das Web mit sinnvollen Inhalten zu füllen.
Leider nimmt die Zahl der Nursauger zu, die Zahl der Geber nimmt prozentual ab.
Die Frage bleibt, ob man bereit ist, zusätzlich zu den Verbindungskosten für Inhalte zu bezahlen. Hier geht es nicht um Cents. Sondern um 2-5 Euro je Tag!
5 Euro je Tag für Zeitungen sind ja auch nicht unüblich.
Günter Bartsch schrieb am 09.09.2010 um 11:45
Ich kann nicht erkennen, dass die Zahl der Geber abnimmt. Nehmen wir den iTunes Store: dort lassen die Leute viel Geld für Musik, Apps, Filme – inzwischen auch für journalistische Inhalte wie den "Spiegel". Das zeigt meines Erachtens, dass es eher eine Frage des Vertriebs ist. Natürlich bin ich nicht bereit, im Internet ein Abo für ein bestimmtes Medium abzuschließen. Denn das würde ja bedeuten, dass ich mich auf wenige Medien festlegen müsste – was meiner Vorstellung von den Chancen des Internets fundamental widerspricht. Hätten die Verlage zusammen eine Art Internet-Presse-Grosso entwickelt, also ein kluges Bezahl-Verfahren für eine Vielzahl von Medienangeboten, dann wären Menschen auch bereit, dafür zu bezahlen. Aber: Natürlich nicht so viel wie für eine Zeitung. Schließlich habe ich beim Computer-Hersteller schon fürs Medium und beim Provider schon für den Vertrieb bezahlt.
h.yuren schrieb am 10.09.2010 um 10:17
das gerede von der gratiskultur im netz ist bare propaganda. das hast du klar dargelegt. dank dafür, günter bartsch.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.09.2010 um 12:30
Ist schon lustig wie Grosskopferte Markt- mit Pressefreiheit versuchen in Einklang zu bringen ohne den "pay-per-click" als Standard zu entwickeln. Und dann kontinuierlich Qualität zu produzieren und nicht den Quatsch von so einer Käseagentur wie z.B. DPA weiter zu verbreiten. Die geht eh bald pleite.

Wenn sich eine gedruckte Zeitung nicht verkaufen lässt hat sie eben keine interessanten Inhalte. Basta. Meine Kids sind fast in Ihrem Alter, kaufen kaum eine Zeitung aber nutzen das Internet um Infos auch einzukaufen wenn sie zu einem Thema wirklich etwas wissen wollen. Nun war mein Sohn dann doch enttäuscht als er den L'Monde abonnierte und all das was er dort fand eh woanders genauso hätte lesen können. z.B. tiny.cc/p7hzi

Wie kann nur jemand davon reden den "unabhängigen Qualitätsjournalismus" zu verteidigen wenn er nix weiter tut als der, seiner Ansicht nach "neuen" Währung, der "Aufmerksamkeit", hinter zu laufen?

Wegen der Vielfalt der Informationen geht doch längst nicht mehr um das gesamte Geschehen. Das lässt sich kaum noch verfolgen weil es zu komplex geworden ist. Also wird ganz spezifiziert nach Inhalten gesucht. Und da kann ich mit Suchbegriffen genau das finden worüber ich etwas wissen will. Insofern ist die Pressefreiheit nicht bedroht.

@ Gustlik: da stimme ich zu Sauger nehmen zu und Geber nehmen ab. Trotzdem, ich habe einen HarzVler, der zahlt jetzt jeden Monat 15 Euro ab für ein Photo das er gesaugt hat.
Günter Bartsch
Günter Bartsch, Jahrgang 1979, hat bei Allgäuer Zeitung/Augsburger Allgemeine volontiert. Er hat am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin Politikwissenschaft studiert und arbeitet jetzt als Freier Journalist.
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