Günter Bartsch

güb

17.03.2009 | 13:15

Die Klapsmühle in den Köpfen

Im FAZ-Fernsehblog schreibt Stefan Niggemeier über den ZDF-Korrespondenten Klaus Prömpers, der die psychiatrische Klinik, in der die Opfer von Josef Fritzl untergebracht sind, als "Klapsmühle" bezeichnet hat – für den "sprachlichen Fehlgriff" hat sich das ZDF inzwischen entschuldigt. Niggemeier dazu:
Bei allem Respekt für die schnelle Entschuldigung – wie weit muss ein Korrespondent neben sich stehen, um überhaupt, geschweige denn in diesem Zusammenhang und in der Zuschaltung einer Nachrichtensendung, von einer "Klapsmühle" zu reden?

Vielleicht stand Prömpers gar nicht "neben sich" – sondern hat vielmehr das ihm Naheliegende auch ausgesprochen.

Er steht damit nicht allein da. Psychiatrische Kliniken werden häufig verächtlich als Irrenhaus, Klapsmühle, Klapse, Anstalt etc. bezeichnet. Das hat sehr viel mit den Vorstellungen über die dort behandelten Menschen und ihre Krankheiten zu tun. Psychische Erkrankungen werden von sehr, sehr vielen Menschen nicht in erster Linie als Krankheit, sondern vor allem als Makel betrachtet. Wer dorthin muss, ist eben "irre" – und nicht krank. Zwischen den völlig verschiedenen, dort behandelten Störungen und Krankheiten wird nicht differenziert. In fiktionalen Sendungen werden die Klischees häufig transportiert, in Nachrichtensendungen Gott sei Dank relativ selten. 

Schon als Kind war mir die Drohung geläufig, man würde nach "Kaufbeuren" geschickt, wenn man sich nicht anständig benehme oder aus der Rolle falle. "Kaufbeuren" steht in meiner Region stellvertretend für das dort ansässige Bezirkskrankenhaus.

Dieses Verständnis führt nach meiner Beobachtung unter anderem dazu, dass Menschen, denen eine Behandlung unter Umständen helfen könnte, diese verweigern, um nicht in den Anschein zu geraten, "bekloppt" zu sein.

Meines Erachtens sollte daher jeder Mensch einmal zu Schulzeiten eine psychiatrische Klinik besucht und sich mit solchen Krankheiten beschäftigt haben. Bei uns tat das dankenswerterweise der Deutschlehrer, der nicht nur Büchners "Lenz" und Kipphardts "März" mit uns las, sondern auch das Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren mit uns besuchte. Auch in meinem Zeitungsvolontariat war ein Besuch dort Teil der Ausbildung.
Ich denke, kaum jemand, der sich das mal angeschaut hat, würde von Klapsmühle sprechen. Weder vor noch hinter der Kamera.
 
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Kommentare
WOanders schrieb am 17.03.2009 um 22:08
Na, da hattet ihr großes Glück mit eurem Lehrer. Ansonsten gibt es solche Sprüche wohl in jeder Region, so hieß es bei uns noch zu Zeiten, als die DDR existierte, "du kommst in die Luckauer Straße" gemeint war damit die Psychiatrie in Lübben. Diesen Spruch brachte damals unser Musiklehrer. Ich glaube, dass in diesem Bereich großer Nachholebedarf besteht und das für alle ein Knochenbruch, leichter fassbar ist als psychische Krankheiten. Abgesehen davon, dass all die körperlichen Erkranken nicht ohne den Einfluss des seelisch und geistigen zusehen ist.
Sind Krakheiten, doch auch immer Ausdruck der Gesellschaft in der Menschen leben und erkranken. Wie könnte man beispielsweise von einer Weltdepression sprechen, wenn nicht die Menschen schwermütig, ängstlich und depresssiv sind? Wo sollte diese herkommen, von den Steinen bestimmt nicht. Deinen Vorschlag finde ich ziemlich gut. Lg Anne
WOanders schrieb am 17.03.2009 um 22:08
Na, da hattet ihr großes Glück mit eurem Lehrer. Ansonsten gibt es solche Sprüche wohl in jeder Region, so hieß es bei uns noch zu Zeiten, als die DDR existierte, "du kommst in die Luckauer Straße" gemeint war damit die Psychiatrie in Lübben. Diesen Spruch brachte damals unser Musiklehrer. Ich glaube, dass in diesem Bereich großer Nachholebedarf besteht und das für alle ein Knochenbruch, leichter fassbar ist als psychische Krankheiten. Abgesehen davon, dass all die körperlichen Erkranken nicht ohne den Einfluss des seelisch und geistigen zusehen ist.
Sind Krakheiten, doch auch immer Ausdruck der Gesellschaft in der Menschen leben und erkranken. Wie könnte man beispielsweise von einer Weltdepression sprechen, wenn nicht die Menschen schwermütig, ängstlich und depresssiv sind? Wo sollte diese herkommen, von den Steinen bestimmt nicht. Deinen Vorschlag finde ich ziemlich gut. Lg Anne
Günter Bartsch
Günter Bartsch, Jahrgang 1979, hat bei Allgäuer Zeitung/Augsburger Allgemeine volontiert. Er hat am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin Politikwissenschaft studiert und arbeitet jetzt als Freier Journalist.
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