Günter Bartsch

güb

18.05.2009 | 13:33

Differenzieren verboten

Wer Gesine Schwan sprechen gehört hat, wird keinen Zweifel daran haben, dass diese Frau für das Amt der Bundespräsidentin bestens geeignet ist. Sie hat klare Ansichten, ist kommunikativ, sympathisch und rhetorisch begabt. Nur ein Manko hat sie: Sie ist Wissenschaftlerin – und nimmt diesen Job auch noch ernst.

Als Cicero-Chefredakteur Wolfram Weimer kürzlich in der SWR-Sendung 2+Leif Horst Köhlers Managerschelte mit den Worten kommentierte, dies sei seine Aufgabe als Bundespräsident und Schwan würde es genauso machen, da widersprach Schwan – und sagte, dass aus Ihrer Sicht nicht moralische Schelte angebracht sei, sondern die Analyse im Vordergrund stehen und „das Systemische” herausgefunden werden müsse. Anstatt die Banker zu beschimpfen, sei es besser, gemeinsam mit ihnen herauszufinden, wo die Probleme liegen.

Im Spiegel bezeichnete es Schwan als Fehler, dass sie Oskar Lafontaine als „Demagogen“ bezeichnet habe. Sie habe sich aber gleich berichtigt und gesagt, dass Lafontaine kein Demagoge sei, sich aber aber demagogisch verhalte. Danach gefragt, wo da der Unterschied liege, sagte Schwan:

„Wenn ich sage: Lafontaine ist ein Demagoge, dann ist er durch und durch Demagoge, dann macht er nie etwas anderes. Wenn ich aber sage, er verhält sich demagogisch, dann heißt das, dass er sich auch anders verhalten kann. Das ist ein großer Unterschied.“

Und dann sagte Schwan auch noch im Tagesspiegel-Interview, sie lehne den Begriff Unrechtsstaat für die DDR ab, weil er diffus sei: „Er impliziert, dass alles unrecht war, was in diesem Staat geschehen ist. So weit würde ich im Hinblick auf die DDR nicht gehen.“

Und das wiederum geht nun dem SPD-Bundestagsabgeordneten Stephan Hilsberg zu weit. Er erwägt, Schwan die Unterstützung in der Bundesversammlung zu verweigern. Schwan verharmlose die Diktatur, sagte Hilsberg dem Tagesspiegel

Dabei macht Schwan nur das, was Politikwissenschaftler eben tun: Sie vergleicht – und differenziert. In eine hysterische Politik der Schlagworte passt das natürlich nicht.

Wer die Differenzierung nicht will, darf Schwan nicht wählen. Alle anderen sollten es tun.

 
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Kommentare
Knüppel schrieb am 18.05.2009 um 13:42
"Dabei macht Schwan nur das, was Politikwissenschaftler eben tun: Sie vergleicht – und differenziert. In eine hysterische Politik der Schlagworte passt das natürlich nicht. Wer die Differenzierung nicht will, darf Schwan nicht wählen. Alle anderen sollten es tun." schreiben Sie, lieber Günter Bartsch.

Da stimme ich Ihnen zu. Sarkastisch würde ich jetzt noch anmerken: Und genau deshalb "passt" Gesine Schwan (noch) nicht als Bundespräsidentin in diese Land und auch *deshalb wird sie bei der Wahl nur Zählkandidatin sein (*und natürlich aufgrund der Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung).

Gruss
Knüppel
Joachim Losehand schrieb am 18.05.2009 um 14:43
Warum ist denn Twitter so erfolgreich? Weil man die Welt in 140 Zeichen packen kann, was die Politische Kaste ja auch verinnerlicht hat und wozu sie von den Medien angehalten und angefeuert wird. Differenzieren heißt auch, nicht sofort einen Kommentar zu allem geben, sondern eben auf verschiedenen Ebenen die verschiedenen Einflußfaktoren erkennen und gegeneinander abzuwägen. Ich erinnere mich an einen Blogbeitrag von der "Verharmlosung von Kinderpornographie", der jegliche Differenzierung (meinerseits und von Dritten) in den Kommentaren rundweg ablehnte.

Schlichte Gemüter wollen schlichte Lösungen und nichts Diffizil-differenziertes.
Susanne Lang schrieb am 18.05.2009 um 16:40
Ihrem Plädoyer für mehr Differenziertheit kann ich nur zustimmen.
Allerdings habe ich einen Einwand gegen den Vergleich mti Twitter, den Joachim Losehand vorbringt. Auf Twitter kann es nicht um Differenziertheit auf 140 Zeichen gehen, im Grunde ist es ein weiteres Navigationsmedium, das zum Beispiel politisch engagierte Leute oft nutzen, um auf differenziertere (Blog-)Beiträge zu verweisen.
In gewisser Weise wäre also auch diese Art der pauschalen Twitter-Kritik eher undifferenziert.
Joachim Losehand schrieb am 18.05.2009 um 17:06
Natürlich - und ich "twitter'" ja auch ... und einen *Vergleich* wollte ich nicht ziehen (wäre auch kaum hilfreich). Nur eine Assoziation: Denn es gibt mir zu denken, daß Gedankenfetzen so erfolgreich sind. Das Phänomen als solches - genauso wie SMS-Nachrichten, mit denen man sich zumüllt. (Hintergrund ist wohl die verminderte Aufmerksamkeitsspanne der Leser und Autoren?)
jfricke schrieb am 18.05.2009 um 19:50
Ein sehr schöner Artikel.
Magda schrieb am 19.05.2009 um 09:01
Differenzieren, das wird in Zeiten,da alles nach Eindeutigkeit also Monotonie drängt eher als Wortklauberei denunziert.

Ich weiß allerdings nicht genau, ob es immer die differenzierende Wissenschaftlerin ist, die da spricht, sondern eher eine öffentliche Person, die sich anschickt durch ein Minenfeld zu gehen, bei dem auch nur der kleinste Fehltritt was "springen" lässt.

Ich hoffe, sie fände, da wo es angebracht ist, auch mal eindeutigere Worte. Beides braucht die Politik: Genauigkeit, aber auch die Fähigkeit mal ins Große zu vergröbern bei Bedarf, sonst nimmt man die Leute auch nicht mit. Und ein Gespür für beides.
mh schrieb am 19.05.2009 um 13:29
ein parteiensystem, dass sich über rechts, mitte, links und radikal links/rechts definiert, ist per se nicht zum differenzieren ausgelegt. das kann sich nur leisten, wer nicht auf das system angewiesen ist und dabei ist gewiss, dass der/die betreffende keinen einfluss auf die entscheidungen des systems hat.

twitter find ich btw. gut zur schnellen und unkomplizierten information. ideal für bspw. den börsenhandel. vollkommen daneben bei der diskussion.

als social network ohnehin nicht zu gebrauchen, da dem exzess der user ausgeliefert. wer würde ernsthaft versuchen wollen, mit tausenden von leuten zu kommunizieren? keine sonderlich differenzierte nutzung.
Günter Bartsch
Günter Bartsch, Jahrgang 1979, hat bei Allgäuer Zeitung/Augsburger Allgemeine volontiert. Er hat am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin Politikwissenschaft studiert und arbeitet jetzt als Freier Journalist.
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