Günter Bartsch

güb

31.03.2009 | 19:25

Leiharbeit: „Der Würde des Menschen nicht angemessen“

 

Wegen „unerlaubter Arbeitsvermittlung“ hat das Kieler Schöffengericht den Inhaber einer Schlosserei bei Kiel zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Mann beschäftigte mehr Arbeiter, als er in seinem eigenen Betrieb benötigte – und vermietete sie an schleswig-holsteinische Werften. Diese nahmen das Angebot gern an, um Eilaufträge termingerecht ausführen zu können. Das Gericht begründete seine Entscheidung damit, dass diese Art von Arbeitsvermittlung leicht der Anfang zu einem Arbeitskräfte-Handel sein könne. Hier gelte es, den Anfängen zu wehren. Es sei der Würde des Menschen nicht angemessen, wenn seine Arbeitskraft frei verkauft oder vermietet werde, so das Gericht.

Das war 1964, nachzulesen in der Zeit 11/1964.

Spätestens durch die Arbeitsmarktreformen unter Rot-Grün wurden solche Skrupel über Bord geworfen. Missbrauchs- und Mitnahmeeffekte ließen nicht lange auf sich warten: Eines der größten Einfallstore für Lohndrücker war der Wegfall der Begrenzung der Überlassungsdauer. Unternehmen gründeten eigene Zeitarbeitsfirmen und verliehen Arbeitnehmer an sich selbst. Blanker Hohn ist der im Gesetz vorgesehene Gleichbehandlungsgrundsatz, der die gleiche Bezahlung und Behandlung wie im Entleihbetrieb vorsieht. Denn das Prinzip „Equal Pay“ und „Equal Treatment“ lässt sich ganz legal aushebeln: Mit eigenen Zeitarbeits-Tarifverträgen. Die schlechtere Behandlung und Vergütung der Leiharbeitnehmer ist deshalb zum Regelfall geworden.

In „guten Zeiten“ fiel das nicht allzu sehr auf. Doch jetzt, in der Krise, verlieren immer mehr Leiharbeiter ihre prekären Stellen. Ein Hungerstreik bei VW Nutzfahrzeuge sorgt derzeit für jene mediale Aufmerksamkeit, die das Sujet eigentlich schon viel länger verdient hätte. Aber in vielen Zeitungshäusern macht man sich mit dem Thema keine Freunde – haben doch nicht wenige Verlage ihre Leute selbst in Zeitarbeitsfirmen abgeschoben.

Festangestellte wurden auch bei Bayer Schering durch schlechter bezahlte Leiharbeiter ersetzt, wie in der WDR-Reportage „Leiharbeit undercover“ (2008) zu erfahren war. Wohlgemerkt: Es geht hier um einen Konzern, der kürzlich mit einem Gewinn von 6,9 Milliarden Euro das erfolgreichste Jahr seiner Geschichte feierte. Die hohen Gewinne ermöglicht indirekt auch der Steuerzahler, der vielen Leiharbeitern ihr Einkommen aufstocken muss, weil deren Lohn zum Leben nicht ausreicht. Ähnlich läuft es jetzt bei vielen Unternehmen, die ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. So will die Axel Springer AG – trotz Rekordgewinn von gut 571 Millionen Euro im vergangenen Jahr – Kurzarbeit bei ihrer Tochter Financial Media durchsetzen. Dabei hatte Vorstandschef Döpfner erst vor wenigen Tagen im Spiegel (10/2009) Staatshilfen für die Presse abgelehnt: „Ich begreife den Staat nicht als Getränkeautomaten, wo sich jeder mal was abzapfen kann, der gerade Durst hat.“

Die Zeitarbeit wird hochgelobt, weil sie seit ihrer Liberalisierung angeblich hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen hat. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Titel „(Fehl-)Entwicklungen in der Zeitarbeit?“ (2008) bezweifelt dies: Schließlich wisse niemand, wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt hätte, wenn es keine Zeitarbeit gäbe oder sie nicht so deutlich dereguliert worden wäre. Eine Untersuchung zur Niedriglohnbeschäftigung habe aber gezeigt, dass die Zunahme an Niedriglohnjobs auch auf die wachsende Bedeutung der Zeitarbeit zurückzuführen ist.

Mindestlöhne für Zeitarbeiter werden das Problem nicht lösen. Das kann nur durch die Wiedereinführung der Höchstgrenze für die Arbeitnehmerüberlassung und die ausnahmslose Umsetzung des Gleichbehandlungsprinzips geschehen. Noch besser aber: durch die Abschaffung jeglicher Leiharbeit.

 

 
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Kommentare
vomsehen schrieb am 31.03.2009 um 23:27
Dem habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen - außer vielleicht, dass sich der berühmte "Klebeeffekt" im Nachhinein weitgehend als Ideologie erwiesen hat. Die Verleigfirmen haben nämlich gar kein Interesse daran, dass ihre Leute in reguläre Jobs "abwandern", sie wollen weiter an Ihnen verdienen. Deshalb verlangen sie meist hohe Übernahmeprovisionen, die einen potenziell willigen Ausleiher davon abhielten, einen Leoiharbeiter fest zu übernehmen.

Eher hat sich ein "Glitscheffekt" eingestellt: Arbeitgeber haben ihre Leute entlassen, sie mehr oder minder an Verleihfirmen "vermittelt" (oder gleich eigene gegründet), um die gleichen Leute zu schlechteren Bedingungen wieder einzustellen. Bei allen Jubel-Rechnungen über den "Klebeeffekt" wurde diese Gegenbewegung unterschlagen...
Streifzug schrieb am 01.04.2009 um 13:49
Gibt es eine Statistik oder kann man sie erstellen aus der ersichtlich wird:
Welches Unternehmen hat wann wie viele Leiharbeiter zu welchem Lohn eingestellt. Wie viele bekommen zusätzlich Unterstützung vom Staat, weil der Lohn zu niedrig ist? Wie lange wurden die jeweiligen Leiharbeiter beschäftigt? (Entlassen bevor Anspruch erworben ...). Wie viele wurden übernommen? Wie viele Entlassungen gab es in Unternehmen die Leiharbeiter beschäftigen?

Kann ergänzt werden.
Günter Bartsch
Günter Bartsch, Jahrgang 1979, hat bei Allgäuer Zeitung/Augsburger Allgemeine volontiert. Er hat am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin Politikwissenschaft studiert und arbeitet jetzt als Freier Journalist.
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