Gustlik

Blog von Gustlik

23.06.2010 | 10:01

Am Tor hängen frische Blumen



Lieber Gustliczek,

die ersten Tage waren anstrengend. Zwar scheint die Sonne, aber von Temperaturen im Sommer kann man nicht reden oder schreiben. Den Brief mit Deinen Zeilen habe ich auf der Reise gelesen. Lang war der Bus unterwegs.

Ich war ja noch nie hier an der Ostseeküste bei Gdańsk, musste erst nach einer preiswerten Unterkunft suchen, habe diese aber nun bei Pani Teresa gefunden. Sie ist sehr lieb und zeigt Verständnis für das Mädchen vom Dorf. Sie hat mir auch viel erklärt und erzählt. Sie lebt seit 1963 hier.
Natürlich wussten wir, was zu Zeiten der Kommune 1970 hier geschehen ist. Auch das Entstehen von Solidarność haben wir verfolgt. Letztendlich wurden die Flugblätter und Zeitungen sogar bis in unser Dorf getragen.
Aber wenn ich dann auf diesem Platz vor der Werft stehe, auf das Eingangstor und das Denkmal schaue, da wird mir schon etwas anders. Geschichten und Geschichte ist immer so weit weg. Man liest darüber, man hört die Schlagzeilen im Radio... aber auf dem Platz, hier, wird Blut, Angst, Freude, Beistand, Gewalt erst fassbar.

Ich habe für Dich einige Fotos gemacht. Viel kann man davon nicht schreiben, man sollte einfach herkommen und sich von der Leidenschaft einfangen lassen.

Am Tor zur legendären Werft in Gdańsk kümmert sich die ältere Frau in blauer Schürze um immer frische Blumen am Tor.

- gdansk -

Später erklärt diese Frau einer Touristengruppe aus Italien die Geschichte des Platzes.

- gdansk -

Aufblick zum Denkmal für die getöteten Werfarbeiter (1970).

- gdansk -

Natürlich sehen wir Polen den Fall der Mauer etwas anders als Ihr.

- gdansk -

Denkmal vor der Gdańsker Post. Du kennst ja sicher den Film "Die Blechtrommel", in dem auch gezeigt wird, wie 1939 die Post von Polen verteidigt wird.

- gdansk -

Unbedingt zu empfehlen, die 3 Ostseestädte mit der Bahn ("Szybka Kolej Miejska") zu erkunden.

- gdansk -

Soweit meine kurze Diaschau. Mehr habe ich leider noch nicht geschaft.

Die Helden sind älter geworden. Das Land verändert sich. Patriot sein, reicht nicht mehr.

Nun wissen wir beide, dass Leidenschaft kommt und geht, wie dieser Sommer, der kommt und geht. Man müht sich, die Vergangenheit im Bewusstsein zuhalten. Unsere Kirche rüttelt immer neu an uns. Doch trotzdem nimmt der Alltag das, was er braucht. Wir bekommen einen neuen Präsidenten, Hochwasser hat uns beschäftigt... und trotzdem Alltag.

Mein Alltag beginnt um 8Uhr. Ich arbeite dann bis 18Uhr, auch am Sonnabend. An manchen Sonntagen muss ich auch noch arbeiten, dafür den Sonnabend davor nur bis Mittag. Du siehts, so richtig Ruhe finde ich nicht zum Schreiben.
Und Strand? Den finde ich nur in den Schuhen der Touristen, wenn ich die Ostseekörner in der Lobby zusammenfegen darf.
Ich habe eine tolle Hoteluniform, bin eine Dame vom Dorf, die man nicht erkennt. Wenn ich Lust habe, gehe ich am Abend immer mal durch die Gassen und Strassen hier in Gdańsk. Nur einige 10 Minuten reichen mir, um Stimmung und Stimmungen einzufangen.
Die Stadt ist jetzt jeden Abend gut gefüllt. Es macht einfach Spaß.
Und im Winter? Kann ich Dir nicht erzählen, da ich als Dame vom Dorf nur bis zum September hier bin.
Wenn es auch mal bis in die Abendstunden warm ist, spendiere ich dem Strand noch einige 10 Minuten.

Von Warima habe ich nichts mehr gehört. Sie wollte auch hier oder in der Nähe den Sommer verbringen, also arbeiten. Wir werden sehen, ob der September uns wieder ins Dorf schickt, gemeinsam.

Natürlich war ich am letzten Sonntag wählen. Ich habe Grzegorz Napieralski gewählt. Nun kommt es ja zur Stichwahl der rechten Kandidaten, aber da werd ich wohl nicht hingehen. Die Rechten hier wollen doch wirklich "Che Guevara", als Symbol des Kommunismus, verbieten. Ein Witz, da lacht Europa über uns.

So, mein Gustlik, das waren einige 10 Minuten für Dich. Vielleicht schnappe ich in einem TV-Kanal bei uns "Bolek i Lolek" auf, zu lustig.

- bolek lolek -

Napisz do mnie, wenn Du mal wieder ein schönes Gedicht hast.

Cześć - Natschpia

 
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