Gustlik

Blog von Gustlik

28.09.2010 | 18:03

IM "Netzfalter"


20 Jahre wird schon sortiert, geklebt, analysiert, geschwärzt und angeschwärzt, nachgehört und abgeschrieben, restauriert... akteneingesichtet, mit und ohne Journalisten.

Am Sonntag hat die BStU ihren 20. Jahrestag. Wie sollte man das feiern?

Nein, ich wurde in meinem DDR-Leben nicht gefragt oder erpresst, ob ich IM werden wolle. Mir war auch kein IM bekannt, niemand hat sich verdächtig gemacht. Trotzdem war es ein offenes Geheimnis, auch auf den Fluren der NVA.
Es gab genügend Gelegenheiten, sich mit der "Obrigkeit" anzulegen. Da war es egal, ob man dies aus Überzeugung für den Staat DDR tat oder aus Verachtung.

Gelegentlich beschleicht uns so ein Gefühl, was uns ermahnt: "Wenn die Stasi diese technischen Möglichkeiten der Gegenwart gehabt hätte!"

Müsste dann die BStU immer noch behörden? Wär nicht längst alles ausgewertet und eingesichtet? Sicher. Die Behörde hat zum 2.10.2000 ihre Arbeit eingestellt.

Papier ist geduldig. 20 Jahre nach dem Ende der Schreibmaschine.

Nein, es würde heute keine IMs mehr geben. Wer betreibt denn noch so einen Aufwand! Das Internet ist der IM unserer Zeit, aber so richtig für Aufregung sorgt das nicht.
Obama-Amerika arbeitet an einem Gesetz, um jedes Byte, was durch das Netz geschossen wird, in Untersuchungshaft nehmen zu können. Es geht hier nur um Millisekunden, doch diese Millisekunden summieren sich. Jeder Stasifetzen in der Jubiläums-BStU wird neidvoll ausbleichen.

Doch niemand muss sich Sorgen machen, dass nun wieder sogenannte Freunde mitschreiben. Es läuft alles ganz unpersönlich ab, die zwischenmenschlichen Beziehungen werden nicht gestört. Die Aufführung wird durch Hardware und Software gestaltet. Der Mensch schaut nur zu, wenn er den Hauptschalter umgelegt hat und den Token der Berechtigung auf "Alles sofort und komplett mitlesen!" gesetzt hat.

IM "Netzfalter" ist schon eine stattliche Raupe. Da regen wir uns noch über Facebook&Co und Google auf, warnen unsere Kinder...

Es ist ein geiles Gefühl, wenn IM "Netzfalter" aus der Raupe schlüpft. Die technische Geilheit von "Alles ist möglich!" kennt keine Grenzen. Dann fliegt er los und sammelt...

Schön. Egal!
Es ist egal, ob wir einen Computer und Notebook unter Windows nutzen, ein Handliches mit UMTS und Android, später einen tollen Fernseher mit Webzugang, übers Internet per "Festnetz" telefonieren... IM "Netzfalter" kann sich auf jedes Byte setzen und dies in Untersuchungshaft bringen, ungefragt.

20 Jahre später macht es keinen Sinn mehr, für diesen Vorgang eine Behörde einzurichten. Das ungeborene Ministerium für Schlamperei existiert weiter.

Kein Grund zum Feiern.

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.09.2010 um 18:47
Modus Operandi Hauptsache alles ist schön vernetzt im Web3.0...
Gustlik schrieb am 28.09.2010 um 18:56
... da wird ernorm Papier gespart, aus Rosenholz werden Rosenhölzer.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.09.2010 um 19:45
Erstaunlich wie schnell alles vergessen wird...
Gustlik
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