H.Hesse

Von großen und kleinen Dingen

11.01.2012 | 15:18

Von kulturellen Wegbegleitern und etwas Wehmut

Es berührt mich immer wieder, wenn ich erfahre, dass wieder jemand gestorben ist, der für mich überdauernd oder in bestimmten Lebensphasen so etwas wie ein kultureller Wegbegleiter war. So wie kürzlich Franz Josef Degenhardt oder Ludwig Hirsch. Degenhardt war für mich in den späten 60ern und in den 70ern bedeutsam. Beinahe reflexhaft fallen mir bei solchen Gelegenheiten die Namen all‘ derer ein, die da mal waren oder noch sind, aber bereits so alt sind, dass ihre Zukunft nicht mehr allzu lang sein kann. In diesen Momenten werde ich wehmütig.

Dieser Tage hörte ich ein Stück von der demnächst erscheinenden neuen CD von Leonard Cohen. Der geht stramm auf die 80 zu und strahlt auf der Bühne immer noch eine Vitalität und ein Charisma aus, das ich einfach nur faszinierend finde. Cohen war und ist für mich vom ersten Moment des Hörens an - das muss Anfang der 70er und ich 18 gewesen sein - ein Erlebnis. Ich verstand wenig von den Texten, fühlte mich aber von allem - seiner Stimme, der nur scheinbar monotonen Musik, von den Arrangements - schwer beeindruckt, mehr: in den Bann gezogen. Irgendwann verlor ich ihn für lange Zeit aus den Augen bzw. Ohren, bis ich in den späten 90ern auf Livemitschnitte von seinen Tourneen stieß und sofort war die alte Faszination wieder da, gebar sich neu und stärker als je zuvor.

Und so gibt es einige große Namen, die für mich wichtig waren: Nikos Kazantzakis mit seinen Romanen („Alexis Sorbas“ dürften viele kennen, sei es als Film), Heinrich Böll, Sartre, Beauvoir, Siegfried Lenz, Christa Wolf, Theodorakis (auch den muss man live erlebt haben!), Filmemacher wie Truffaut, Bunuel, Alain Tanner usw. Oder der frühe Klaus Hoffmann, Ludwig Hirsch, Degenhardt, wie gesagt. Dethardt Fissen fällt mir noch ein, seinerzeit (bis Anfang der 90er) Jugendfunk-Chefredakteur beim NDR, der drei Jahrzehnte den vorzüglichen „Abend für junge Hörer“ erstens sehr hörenswert und zur Kultsendung einer Generation gemacht hatte. Er stand für einen anspruchsvollen, auch politischen Hörfunk und konnte auch im Gespräch sehr beeindrucken. Noch heute bedauere ich es, dass ich, weil als junger Mensch zu ungeduldig, zu sehr die Mühen des Handwerks scheuend nicht konsequenter war, so blieb es bei gelegentlichen Manuskripten bzw. Kurzbeiträgen für ihn.

Vieles davon fällt in die 70er Jahre, ist also schon lange her, aber immer noch und immer wieder fällt es mir ein oder greife ich zu dem einen Buch, der anderen DVD oder CD und suche und finde (meistens) den Zugang wieder. Das der eine oder die andere nicht mehr lebt und seine oder ihre Stimme nicht mehr neu erheben kann, betrübt mich besonders stark, wenn wieder jemand gehen musste, wie jetzt Degenhardt und Hirsch, Christa Wolf. 

 

Grass, Lenz, Walser: sie sind alle schon über 80 und werden in nicht allzu ferner Zukunft nur noch durch ihre Bücher und nachzulesenden Reden leben. Und ich frage mich, wer an ihrer Stelle und mit ihrem Gewicht treten wird, in Zeiten wie diesen, die laute und deutliche Einmischungen verlangen. Im Grunde war die letzte wirklich laute und oft vernehmbare intellektuelle moralische Instanz Heinrich Böll für mich. Unvergessen ist sein Essay im „Spiegel“, in dem er mit der Springer-Presse abrechnete: „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ Man unterstellte ihm fälschlicher-, aber böswilligerweise Sympathien für die RAF. Jedenfalls fehlt ein sich vielfach und vernehmlich einmischender, deutliche Worte findender intellektueller Mahner wie er.

 

Vielleicht hängt die Wehmut über den zunehmenden Weggang solcher „Weggefährten“ auch damit zusammen, dass man sich in solchen Momenten wieder einmal bewusst wird, wie viel Zeit ins Land gegangen ist und man selbst auch deutlich älter geworden ist, mithin auch die eigene Zukunft geringer ist als die eigene Vergangenheit. Kästners Gedicht vom „Eisenbahngleichnis“ kommt mir in den Sinn, in dem er den Zug der Zeit beschreibt, aus dem dann und wann die Toten aussteigen. Das Gefühl des Verlustes von Menschen bzw. ihren Werken, die mich auf die eine oder andere Art geprägt bzw. beeinflusst haben, paart sich mit dem Eindruck von der davon eilenden Zeit, dem Tempo ihres Laufs. Es ist aber auch ein schönes Gefühl, seine ganz persönliche „kulturelle Schatzkiste“ mit sich herumzutragen, aus der man sich jederzeit bedienen, aus der man Erinnerungen hervorholen kann.



 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Alien59 schrieb am 11.01.2012 um 16:11
Da haben wir anscheinend sehr viel gemeinsam. Vor allem den Absatz, der Böll betrifft, könnte ich unverändert für mich übernehmen.
H.Hesse schrieb am 11.01.2012 um 18:56
Danke Alien59 für die Rückmeldung! Ja, ich habe Böll lange nicht gelesen und in vor einigen Monaten wieder mal hervorgeholt. Es war schön, z.B. mal wieder die vorzüglichen "Ansichten eines Clowns" zu lesen. Derzeit ist das "Irische Tagebuch" dran.
Ich finde es generell reizvoll, sich mal wieder seine alten Sachen vorzunehmen. Manchmal staune ich, warum ich was gut gefunden habe - oder auch umgekehrt. Oder ich entdecke ganz neue Facetten. Und es hat etwas vom Blättern in einem alten Fotoalbum.
Alien59 schrieb am 11.01.2012 um 19:07
Leider ist wohl die "Katharina Blum" am Aktuellsten geblieben.
Wobei mein Lieblings-Buch von ihm weiterhin "Gruppenbild mit Dame" bleibt. Es war weitsichtiger, als man es damals ahnen konnte.
H.Hesse schrieb am 11.01.2012 um 20:13
Mir gefallen am besten die ganz frühen Arbeiten, die haben einen ganz eigenen Tonfall und dann die "Ansichten eines Clowns", "Ende einer Dienstfahrt". "Katharina Blum" gefiel und gefällt mir politisch, aber literarisch weniger gut. Und mir gefällt Bölls Aufrichtigkeit.
H.Hesse
"Wenn es nur eine Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen." Pablo Picasso
Mitglied seit:
1 Jahr 3 Wochen
Zuletzt aktiv:
23.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 11
Kommentare: 80
Mein Projekt:
Logbuch
08:23
Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
08:19
Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
08:14
Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:46
rheinhold2000 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:20
Wolfram Heinrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG