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Über die „Raus mit der Sprache. Rein ins Leben“-Kampagne der Deutschlandstiftung Integration des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ)
In seinen Analysen der „Mythen des Alltags“ schlug Roland Barthes vor, „Barbarismen“ zu bilden, die den jeweiligen Mythos demaskieren sollten. So bildete er den Neologismus „Italianität“ für die Objektsprache einer Pasta-Werbung. Die „Italianität“ meinte in dem Fall den in Frankreich verbreiteten Mythos von Italien, der alle übrigen Konnotationen von „Italien“ unterdrückt und ausblendet – und übrigens ItalienerInnen selbst als Zielgruppe nicht erfasst. Mythen des Alltags, insbesondere der Werbewelt, sind Barthes zufolge stereotyp, reduktionistisch und repressiv; in ihnen wird permanent „Natur“ an die Stelle von Geschichte und Kultur gerückt.
Angesichts der seit März 2010 laufenden Anzeigenkampagne „Raus mit der Sprache. Rein ins Leben“ der Deutschlandstiftung Integration, an der sich 59 Zeitschriften und Zeitungen beteiligen, fragt sich, mit welchem Barbarismus dieses brandneue Konnotationssystem wohl bezeichnet werden könnte. Trotz „natürlicher“ Differenzen – wie Hautfarbe und Migrationshintergrund – wird hier das Erlernen der deutschen Sprache als Schlüssel zum Erfolg garantierenden Mythos hochstilisiert.
Die von Bundeskanzlerin Merkel unterstützte Kampagne versteht sich als Einladung an „Mitbürger und Mitbürgerinnen mit Migrationshintergrund sowie Menschen aus dem Ausland, Deutsch zu lernen.“ Vor ihrem Besuch in Ankara machte Merkel schon mal Werbung für die anstehende Social Marketing-Kampagne, beklagte den mangelnden „Integrationswillen“ der in Deutschland lebenden TürkInnen.
„Das Motiv der Kampagne: Stars, Promis, Politiker aus Zuwandererfamilien (mit schwarz-rot-goldener Zunge), die es in Deutschland zu etwas gebracht haben – weil sie Deutsch können“ jubelte die Bild-Zeitung, die auf sehr erfolgreiche Weise seit geraumer Zeit kein Deutsch kann. Dass ein Leben jenseits der deutschen Sprach-Grenze im Grunde eine sinnlose Existenz ist, bestätigte hier in den üblichen, fragmentarischen Satzstummeln „DJ CHINO (Familie stammt aus Korea): „Die deutsche Sprache ist HAMMER! Erst wenn man versteht und verstanden wird, kann man anfangen zu leben und nicht bloß zu existieren.““
Denn, so die Beauftragte der Bundesregierung für Integration Maria Böhmer (CDU): „Wer kein Deutsch kann, ist nur Zaungast in unserem Land. Denn eine aktive und umfassende Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist nur mit guten Deutschkenntnissen möglich. (…) Gute Sprachkenntnisse öffnen die Türen für ein erfolgreiches Leben in unserem Land. Umso wichtiger ist es, Migranten zu ermuntern, die deutsche Sprache zu erlernen. Die Kampagne der Deutschlandstiftung leistet dazu einen wertvollen Beitrag. Die Botschaft lautet: Wer gut Deutsch spricht, kann den sozialen Aufstieg schaffen!“
Die „mangelnde Integrationsfähigkeit“, wie Sarrazin es nannte, soll bekämpft, und der Blick auf die mangelhafte Integrationspolitik verstellt werden. Dabei trifft der geförderte Mythos von Integration (als quasi natürliche, „unberührte“ „Herstellung eines Ganzen“[1]) auf Schwarz-Rot-Gold als subsumierendes Nation-Branding: Eine nationale Einheit soll hergestellt werden, trotz der implizierten „natürlichen“ Differenz: dem zur Schau gestellten und schriftlich hervorgehobenen „Migrationshintergrund“. [2] Der Aphorismus der Kampagne besteht ja in der scheinbaren Überwindung dieser „natürlichen“ Differenz.
Im Gegensatz zu kommerzieller Produktwerbung geht es beim Nation-Branding um nationale Politik und die wirtschaftliche Entwicklung – „pro bono“, zum Wohle der Öffentlichkeit, nannte die zuständige Marketing-Agentur DDB das euphemistisch.
Die Kampagne verortet Schuld am sozialen Abstieg in die Prekarität einseitig bei denen, die von ihrer angeblichen Chancengleichheit nicht genügend Gebrauch machen. Die kritisierte Sprachlosigkeit bedeutet persönliches Versagen oder selbst gewählte Isolation der MigrantInnen. Dabei häufen sich gerade Fälle, in denen Anträge auf Einbürgerung trotz erstklassiger Sprachkenntnisse aus ideologischen und politischen Gründen verweigert werden. Ganz zu schweigen von den zahllosen Opfern der äußerst effektiven „Flüchtlingsbekämpfung“ (Angela Merkel) durch die „Grenzschutzagentur“ FRONTEX.
Svenna Triebler schreibt in der aktuellen Konkret: „Wer unerlaubt in die BRD einreist, kann – wenn er oder sie nicht sofort wieder abgeschoben wird – bis zu drei Jahren ins Gefängnis wandern; bis zu einem Jahr Haft droht bei einem nicht behördlich abgesegneten Aufenthalt im Land oder auch für den simplen Versuch, durch unerlaubten Verkauf seiner Arbeitskraft sein Überleben zu sichern (…) Allein in diesem Frühjahr haben sich in Hamburg, in der staatlichen Fürsorge einer Haftanstalt, innerhalb weniger Wochen zwei Menschen unmittelbar vor ihrer drohenden Abschiebung das Leben genommen. Dabei sind diejenigen, die es überhaupt bis nach Mitteleuropa schaffen, ohnehin nur eine kleine Minderheit.“ ( www.konkret-verlage.de/kvv/txt.php?text=inweiterfernesonah&;;;jahr=2010&mon=06)
Die barbarischen Praktiken der militärisch hochgerüstete Abschieber werden durch barbarische Kampagnen wie „Raus mit der Sprache“ erfolgreich übertüncht. Ein passender Barbarismus wäre daher wohl: Teutonismus oder Germanität.
Collien Fernandes, Nina Moghaddam, die Mitglieder Band Culcha Candela, Farid, Tyron Ricketts, Hadnet Tesfai und der Grünen-Politiker Özcan Mutlu, laut SZ alles „mehr oder weniger bekannte Zuwanderer“, haben ihre Zungen dafür hergegeben.
Neben den Springer-Medien sind auch die Zeitschriften der WAZ-Gruppe, Spiegel, Focus, die Financial Times Deutschland, das Magazin der Zeit sowie die beiden auch in Deutschland erscheinenden türkischen Zeitungen Hürriyet und Milliyet beteiligt – die beide zur Dogan-Gruppe gehören.
Im Vorstand der Deutschlandstiftung sitzen neben der CDU-Beauftragten für Integration der Chefredakteur der Bild-Zeitung Kai Diekmann, der Verleger Hubert Burda, sowie Sevda Boduroglu, die Geschäftsführerin des Dogan Media International-Konzerns – da wunderte es nicht, dass der Verlegerpreis der „Goldenen Victoria für Integration“ des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ)2008 unter an den „türkischen Berlusconi“ genannten Medienmogul Aydin Dogan ging, von dessen Imperium sich die Axel Springer AG zukünftig 29% einverleiben will.
Während Kai Diekmanns Engagement für Integration sonst mit Schlagzeilen wie „Die Wahrheit über kriminelle Ausländer“ oder „Das gibt ein Dönerwetter – Mittwoch weinen alle Türken“ operiert, seine Redaktion Roland Kochs rassistische Hetze als „Klartext“ begrüßte (und in fetten Lettern druckte), sorgte Maria Böhmer dafür, dass die sogenannte Optionspflicht anstelle der doppelten Staatsbürgerschaft als „Chance“ zur Integration erhalten blieb. An der Unterschriftenaktion der CDU/CSU beteiligte sich auch der Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten Christian Wulff. So müssen nach wie vor alle in Deutschland geborenen Kinder mit ausländischen Eltern, sofern das Aufenthaltsrecht genehmigt wurde, mit 18 bis spätestens 23 Jahren einen ihrer beiden Pässe abgeben, da ihnen sonst die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wird.
Auch als der damalige Innenminister Schäuble eine erneute Verschärfung des "Zuwanderungsrechts" (lies: Schädlings- bzw. Einwanderungsbekämpfung) durchsetzte, fand Böhmer das unter Verweis auf die „Bekämpfung von Zwangsehen“ völlig korrekt, und nahm in Kauf, dass die Verbände der Deutschtürken ihren „Nationalen Integrationsgipfel“ boykottierten.
Die schwarz-rot-goldenen Zungen von 16 Promis sollen die Entscheidung für den deutschen Pass wohl erleichtern. Der Musiker und TV-Produzent Jalal Hachim kombiniert die Flagge auf der Zunge schon mal mit einem quasi-militärischen Gruß für die Sprach-Rekruten. Parallel zur Kampagne hat die Deutschlandstiftung Integration eine Sprachdatenbank ins Netz gestellt, die ihre Dienste in immerhin fünf verschiedenen Sprachen – Englisch, Deutsch, Türkisch, Polnisch und Italienisch - anbietet, und dabei nichts anderes leistet als die Suchmaschine Google, die ihre Maps zur Verfügung stellt: Sprachschulen innerhalb Deutschlands ausfindig machen, wenigstens eine kleine Auswahl davon, denn längst nicht alle sind hier aufgelistet. So könnte man auch die Werbeanzeige einer Job-Börse eine bedeutende Maßnahme gegen die Arbeitslosigkeit nennen, und ein schwarz-rot-goldenes Logo dazu entwerfen.
„Wir müssen die Menschen dafür begeistern, Deutsche zu werden“ wünschte sich Maria Böhmer, als sie 2008 für die „Einbürgerungstests“ genannten Gesinnungschecks wie den „Muslim-Test“ in Baden-Württemberg eintrat. Immerhin: Wer den deutschen Sprachtest bestanden hat, der hat eine Chance, die anschließenden Ideologie-Tests wenigstens zu verstehen.
Die positive Diskriminierung der „Raus mit der Sprache“-Kampagne bedeutet eine strukturelle Diskriminierung, die die Illusion fördert, dass die Sprache der Schlüssel zu Arbeit und Erfolg, der Ausweg aus der - selbst verschuldeten - Prekarität sei.
Kim Carrington schrieb (an.schläge März 2010) über entsprechende Maßnahmen in Österreich:
„Also muss ich mich fragen: Was nützt mir die Sprache, wenn sie mich nicht vor Diskriminierung und Rassismus schützt? Der Anreiz des Spracherwerbs an sich ist unzureichend. Wenn Sprache nicht mit anderen Maßnahmen, die ernsthaft auf einen sozialen Aufstieg und politische Partizipation abzielen, gebündelt wird, bleibt Sprache als Ausschlussmechanismus erhalten.“ www.anschlaege.at/2010/maerz10/integrationsversprechen.htm
Dass in der Leistungsgesellschaft Deutschland „Integration“ tatsächlich wenig mit „Assimilation“ zu tun hat (das wäre ein Euphemismus), verdeutlichte der stellvertretende Chef der Bundes-SPD, Klaus Wowereit, im Rahmen einer SPD-Konferenz zum Thema Zuwanderung. Die Forderung „nach immer mehr Geld für Integration“ sei „zu simpel.“ Er verlange von denen, die gekommen seien, "Eigenbeiträge". Sie müssten für ihre Kinder eine "Aufstiegsmentalität" entwickeln. Wer sich weigere, müsse "auch einmal gepusht werden oder, wie wir Berliner sagen, einen Tritt in den Arsch kriegen."
Der „Einbürgerungstest macht mündig“ behauptete Böhmer. Deswegen müssen mündige Eingebürgerte jetzt ihre eingedeutschten Eingeborenenzungen vorweisen: „Raus mit der Sprache. Rein ins Leben“ beinhaltet neben der nationalen Einheit als sekundäre Botschaft: „Rein mit der Sprache – oder raus!“ Arschtritt inklusive.
Die Lex Frontex Deutschlands ist nämlich echt HAMMER!
[1] Ohne Mythos vom „Anderen“ kein Mythos von „Integration“ – (das lateinische integrare bedeutet „wiederherstellen“, das griechische entagros „unversehrt“). Ein „unversehrtes“ Ganzes, beschädigt und bedroht durch die Einwanderung, soll durch die „Integration“ wiederhergestellt werden.
[2] Bei seiner Analyse eines Covers der Zeitschrift Paris-Match von 1956, das einen farbigen jungen Mann in französischer Uniform beim Salutieren vor der Trikolore zeigte, befand Roland Barthes: „Aber ob naiv oder nicht, ich erkenne sehr wohl, was es mir bedeuten soll: dass Frankreich ein großes Imperium ist, dass alle seine Söhne, ohne Unterschied der Hautfarbe, treu unter seiner Fahne dienen und dass es kein besseres Argument gegen die Widersacher eines angeblichen Kolonialismus gibt als den Eifer dieses jungen Negers, seinen angeblichen Unterdrückern zu dienen.“
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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