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Nach der bunten Bewältigungs-Neuauflage von Harlans „Jud Süß“, der Moritz Bleibtreu zufolge „handwerklich ein über die Maßen gut gemachter Film [ist]. Großartig gespielt, toll gemacht, der filmischen Welt damals um einige Schritte voraus“, und zudem in jeden Schulunterricht gehört, legt die selbstbewusst sich bedeutschende Kulturbewältigungsindustrie nach mit dem Boxer-Boll-Werk „Max Schmeling – Eine deutsche Legende“ (von Uwe Boll, mit Henry Maske als Max Schmeling) und einer frisch angedrehten, sich mittels eines anonymen niederländischen Regisseurs „international“ gebenden Verfilmung der Vita Leni Riefenstahls, die unter dem Titel „Angeklagt“ 2012 in die Lichtspielhäuser kommen soll. ( derstandard.at/1284594550162/Bild-enthuellt-Jenny-Elvers-als-Leni-Riefenstahl)
So hieß ja auch schon ein Film mit Jodie Foster, die sich (neben Madonna, Kevin Kostner) ebenfalls um die Rechte am rostigen Riefenstahlwerk bewarb, sich diesen zartrosa Mädchentraum von Blaulichtern und ewig rufenden Bergwichteln aber anscheinend nicht erfüllen konnte.
Spätestens nach Tarantinos „Inglorious Basterds“, dem sie’s gleichtun wollen, fühlen sich die kulturfernen Kulturbewältiger der heimatlichen Kulturindustrie geradezu ermutigt, ihre Geschichte im Namen der Aufarbeitungsbewältigung oder Bewältigungsaufarbeitung aufzuschmacken, wobei ihnen die abgeschmacktesten, über die fauligsten Senkgruben gebreiteten Klischees immer noch als Zeichen von künstlerischem Wagemut oder Originalität erscheinen. Todesgeilheit ( www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2002/08/22/a0142) wird als spezifisch deutsches Kulturgut vermarktet, als „provozierendes“ Lustmordspiel und ein heimlich-unheimlicher Stolz, der sich immer seltener verheimlicht, wird sichtbar. Noch auf die Tüchtigkeit im Ausrotten und Abschlachten, ferner diese „merkwürdigen Faszination“ der „irgendwie faustisch-dämonischen“ Nazigrößen, die prickelnde Angstlust verheißen, oder wahlweise den „ästhetischen Leistungen“, die ihnen auch der böswilligste Ami-Besatzer-Freund nicht ernsthaft wird absprechen wollen.
Bei Thilo Sarrazin (Vis-à-Vis, 3-Sat, 26. 09.2010) klingt das so:
Gewaltige Energieleistung, großes Schwungrad, deutsche Maschine, die läuft und läuft…
„Letztlich, wenn man das im Nachhinein sieht, dann war die ganze Zeit von 1870 – 1950 eine gewaltige Energieleistung, die leider größtenteils in die völlig falsche, oder verderbte Richtung ging, dann kam die Niederlage, es kamen 14 Millionen Vertriebene nach Westdeutschland und die Energie lief praktisch weiter wie ein großes Schwungrad, was weiterlief und weiterlief und die deutsche Maschine wieder antrieb (…) Man tut es voll. Und man tut es ganz. Das ist die deutsche Chance, darum sind die Deutschen meistens, waren sie meistens in dem was sie tun gut, nur also, wer etwas, was also schlecht ist, gut macht, der macht’s dann besonders schlecht auch wieder, also das ist dann wiederum das Risiko von deutscher Tüchtigkeit. Ich will ja jetzt nicht politisch inkorrekt sein, aber Hitler hätte mit italienischen Soldaten gar nicht so der Bösewicht sein können, das muss man auch mal sehen.“
Bei Oskar Roehler, dem Regisseur von „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ so:
Natürliche Faszination
„Und natürlich hat das eine Faszination für mich, mal in diese elitären Strukturen des »Dritten Reichs«
einzudringen, auch in den Salons mal zu gucken was da los ist, so wie »Dallas« im »Dritten Reich«.“
Was Gutes bleibt hängen/dies, das & jenes
„…weil ich nicht glaube, daß sich so eine Negativfigur, wie Goebbels es war, für Geschichten dieser Art anbietet. Das geht irgendwie nicht. Weil da immer was Gutes hängenbleibt, und wenn es auch nur die Kraft ist, mit der die es geschafft haben, Berlin zu erobern. Oder dies, oder das, oder jenes.“
( www.jungewelt.de/2010/09-25/045.php)
Bei Moritz „gestatten, Nazi“ Bleibtreu so:
Voll Gas geben, in die Vollen hauen, Partys feiern
„Er (Goebbels) hatte immer ein Lächeln im Gesicht. Und er war meiner Meinung nach so ein Alles-oder-Nichts-Typ. Dafür spricht auch der Mord an seinen eigenen Kindern. Das hat so etwas Absolutistisches. Er gibt Vollgas, bis das Schiff untergeht. Und dann geht er auch mit unter (…) Er hatte einen wahnsinnigen Minderwertigkeitskomplex Frauen gegenüber, den er durch das Anhäufen von mehr und mehr Macht kompensierte. Und als er dann die Macht hatte, hat er in die Vollen gehauen (…) der hat ja alles gevögelt, was nicht bei drei auf dem Baum war. Das war kein Kostverächter. Und die haben ganz schöne Partys gefeiert damals, haben alle möglichen Drogen genommen (…)“
Bei Jenny Elvers-Elbertzhagen, dem von der Vorsehung der „Kulturschaffenden“ bestimmten Riefenstahl-Medium („die Rolle eines Lebens!“) so:
aufsaugen & bewundern
„Ich habe alles über Riefenstahl gelesen, ihre Filme gesehen, sie regelrecht studiert und in mich aufgesaugt (…) Ich bewundere die große Ästhetik ihrer Fotografien und ihrer Filme, nicht ihre Arbeit für die Nazis." (www.sueddeutsche.de/kultur/elvers-als-riefenstahl-die-rolle-eines-lebens-1.1001486)
Eine interessante Unterscheidung, die zwischen „großer Ästhetik“ („Tag der Freiheit – Unsere Wehrmacht“, „Triumph des Willens“, „Tiefland“ oder doch eher „Sieg des Glaubens“?) und „ihre[r] Arbeit für die Nazis“. Ob der Film über das kraxelnde, tief romantische Herrenmenschen-Blaulicht auch – am Rande, neben den Zigeunerkomparsinnen[1], die „Tiefland“ überlebten, und die Riefenstahl später akribisch aus ihren Filmen schnitt – auf den Regisseur von „Das Stahltier“ (1934/35) eingehen wird? Der wurde ja eigenen Angaben zufolge auf des Riefenstahltiers Betreiben hin zwangssterilisiert, weil er sie in irgendeinem anderen Propagandastreifen nicht vorteilhaft genug ausgeleuchtet hatte – just another sexy victim.
„Angeklagt“ (The Accused, 1989) mit Jodie Foster erzählte bekanntlich die Geschichte einer Frau, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde, und vor Gericht schwer zu kämpfen hat, weil ihr keiner glaubte (aufreizender Lippenstift, provozierendes Tanzen). Riefenstahl Reloaded dagegen erzählt die Geschichte einer Frau, die ebenfalls Opfer von Massen-Massenmördern und Gruppenvergewaltigern wurde, sich aber gerade noch in die schwierige Position einer allseits gefeierten Propaganda-Pomp-Regisseurin flüchten konnte – zur Tarnung, versteht sich, die sie auch perfekt bis ins 108te Lebensjahr durchzog (zwischenzeitlich tarnte sie sich als weiblicher Hans Hass und als bunt bemalte Nuba-Versteherin in den einstigen afrikanischen Kolonien, und heraus kam, wie üblich: „große Ästhetik“). Und vermutlich wird sie auch vor Gericht schwer zu kämpfen haben, weil ihr keiner glaubt (dass sie "von allem nichts gewußt" hatte)…
Sexy Opfer, sexier Täter
Fürs Theater immerhin konnte schon die stahlblonde Kulturbewältigungs-Walküre Christiane Scherer (die unter dem nom de guerre „Thea Dorn“ auftritt) mit dem ebenfalls sinnig gescrabbelten Titel „Marleni“ (2001) zeigen, dass Marlene Dietrichs „Deutschland? Nie wieder!“, für das sie von den Deutschen beschimpft und bespuckt wurde, weder vergessen noch verziehen ward. Ihr zufolge kam es sowohl für die „Ami-Hure“ als auch für die „Nazi-Nutte“ einfach darauf an, „an welcher Front man die Beine breitgemacht hat“. Am Ende fand der Marlene-Teil (Alki, inkontinent) des janusköpfigen Stücks auch noch einen Grund, sich für irgendwas zu entschuldigen, bei Leni, den Deutschen oder der Geschichte… Die Kritiken waren entsprechend janusmäßig geteilt: „historische Inkontinenz“ und „Scheiße mit Glasur“, sagten die einen, „erfrischende Lesart“, „sehr gewagt“ und „Theas Lustmordspiele schnarchen nicht“ die anderen.
„Sexy sein“ – auch im neuen deutschen Propagandafilm ein Muss, findet der „Provokateur“ Oskar „Suck my Dick“ Roehler:
„Ich habe mit meinem Freund Moritz (Bleibtreu) öfter darüber geredet, wie es gewesen wäre, wenn wir ihn (Ferdinand Marian) als einen durch und durch amoralischen, glatten Aufsteiger verkauft hätten. Das wäre für den Film gar nicht unbedingt uninteressanter oder unsexier gewesen.“
Der sexy Goebbels-Verniedlicher vom Dienst Moritz Bleibtreu (ein komisch redender, rasend sympathischer Verrückter mit feuchter Aussprache) ist deutscher Patriot und dementsprechend zeitgemäß antiamerikanischer „Amerikakritiker“, d.h. er hält Obama für das höchstwahrscheinlich „Schlimmste, was der Menschheit seit langem passiert ist“, denn (was vor dem Politikexperten Bleibtreu noch keinem auffiel) es fehlen in den USA noch mindestens drei neoliberale Parteien zur glaubhaften Demokratie:
„Die USA sind mittlerweile fast ein Polizeistaat. Von Demokratie kann nicht die Rede sein. Zwei Parteien? Was ist da los? Ein totalitärer Staat ist der erste Ansatz zum Faschismus. Dazu braucht es keine Binden mit Kreuzen drauf und irgendwelche Verrückten, die komisch reden.“ (www.theeuropean.de/moritz-bleibtreu/4272-jud-suess-film-ohne-gewissen)
Wohlgemerkt: Bleibtreus Antiamerikanismus hat nichts mit sogenannter altlinker antiimperialistischer Kritik am „prison-industrial complex“ zu tun – die Filme mit Moritz Bleibtreu als Mumia Abu-Jamal und Martina Gedeck als Angela Davis stehen noch aus. Der deutsche Schauspieler, der gerne mit seinem Image als „jovialer Schreihals“ (Bleibtreu als Baader/Bleibtreu als Goebbels/Bleibtreu als Bleibtreu) kokettiert, beschränkt sich darauf, von der Warte deutsch-demokratischer, kultureller Überlegenheit aus patronisierend die USA ab zu watschen, da ja die Deutschen aus „ihrer Geschichte gelernt“ haben (siehe Bleibtreus neuester Film!), weshalb jetzt an ihrem Kulturbewältigungswesen auch die Neue Welt genesen darf. Den „Standort Deutschland“ verteidigend, der keinen erstarkenden Neofaschismus kennt, verortet er daher die Gefahr des „totalitären Polizeistaats“ als Vorstufe zum Faschismus in den USA: „Da sieht man, wie ein Staat aussieht, den keiner als totalitären Staat wahrnimmt, der aber auf dem besten Weg ist, als ein solcher zu enden.“
Dort regiert jedenfalls das Böse:
„Obama ist höchstwahrscheinlich das Schlimmste, was der Menschheit seit langer Zeit passiert ist. Nichts von dem, was er versprochen hat, hat er wahrgemacht. Nicht im Ansatz! Das genaue Gegenteil hat er getan! Aber keiner sagt etwas. Und warum? Weil er so nett ist. Die USA sind mittlerweile fast ein Polizeistaat (…)“
Wer sollte Uncle Sam schließlich besser den Marsch blasen, als das neu bedeutschte (Gisela Elsner) Gesamtdeutschland? Streng genommen war übrigens laut Bleibtreu auch die winzige Minderheit der „Verführer“ (Knopp), denen "das Volk" mit den besten Absichten nachlief, trotz ihrer „irre[n] physische[n] und mimische[n] Präsenz“ (Bleibtreu) nicht wirklich schuldig. Goebbels etwa mit seiner schweren Kindheit war auch ein Opfer, nicht zuletzt der „Wirkung der Hungerblockade auf die Volksgesundheit“ (siehe der gleichnamige Ufa-Propagandafilm von 1919, bislang noch nicht neu verfilmt), ergo der bösen Alliierten und „Erbfeinde“, denn:
„Es ist ja im Allgemeinen so: Böses kommt vom Bösen. Bei Goebbels war das so: Er war immer zu klein, schwächlich, Asthmatiker. Dann wurde er mit acht Jahren zum Krüppel. Er war immer unternährt, hat nie Frauen abbekommen. Er muss ein ganz schlimmes Leben gehabt haben. Nicht umsonst ist er so eine Bestie geworden, als er dann die Macht hatte.“
Bleibt nur zu hoffen, dass Obama als Kind immer genug zu futtern hatte, und in den Flegeljahren was zum Fummeln.
Lange Rede, kurzer Sinn: Die Krauts waren und sind Opfer, die Amis totalitäre Faschos, die auch den kleinen Moritz daran hinderten, zu den Wurzeln seiner „kulturellen Identität“ zu finden, so dass er nicht mal vom Krautrock was mitbekam. Zitat aus Trizonesien: „Wir sind Besatzerkinder. Hier waren die Amis, da die Franzosen, dort die Engländer und da die Russen. Ich gehöre zu den Ami-Kindern. Alle meine Identifikationsflächen waren amerikanisch: Meine Filme waren amerikanisch, meine Musik, meine Klamotten.“
Schlimm, schlimm. Jetzt aber schnell den Kaugummi ausspucken. Besser wurde die Geschichte nämlich erst, nachdem Bands vom Schlage Xavier Naidoos[2] und MIAs „neues deutsches Land“ überall (und über alles) auf der Welt entdeckten, und den lästigen Schatten der Vergangenheit – inklusive jenen „Kulturimperialismus“ der „Besatzer“ (nicht etwa: Befreier) - endgültig abstreifen konnten. Die wiederentdeckte Liebe zur Scholle, zum coolen Schland, daraus schöpft sich Bleibtreus Schaffensfreude als kulturferner Kulturbewältiger, da ist er wahrhaft stolz, ein entamerikanisierter Deutscher zu sein: „Patriotismus ist doch cool! Das ist nichts Schlechtes, sondern etwas Schönes (…) Patriotismus bedeutet vor allem soziale Integrität beziehungsweise füreinander einzustehen. Wie soll ich in einem Land ein soziales Gefüge unter Menschen aufbauen, in dem der eine dem anderen hilft, wenn ich dieses Land nicht liebe?“
„Alle machen mit“, so hieß schon ein Nazi-Film von 1933. Vielleicht demnächst in Cinemascope neu verfilmt mit Bleibtreu & Gedeck, im Lichtspielhaus Ihrer Wahl.
Also: Volkseintopf für alle, die Deutschland wahrhaft lieben; der Rest an „ewig gestrigen“ Nörglern und Integrationsverweigerern stört nur den Aufbau des „sozialen Gefüges“ (Bleibtreu) bzw. den „Schwung“ der „deutschen Maschine“ (Sarrazin) und ist mithin – asozialer Schmarotzer. Denn Menschen unabhängig von Ländereien und jeweiliger kultureller „Verwurzelung“ zu lieben, wäre ja wohl völlig daneben.
[1] www.derfunke.at/nostalgie/hp_artikel/Interview_Riefenstahl.htm
[2] www.einsatz.bundeswehr.de/portal/a/einsatzbw/aktuelle_einsaetze/afghanistan?yw_contentURL=/C1256F1D0022A5C2/W286BCEE730INFODE/content.jsp
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Gerne gelesen.
"Denn Menschen unabhängig von Ländereien und jeweiliger kultureller „Verwurzelung“ zu lieben, wäre ja wohl völlig daneben." Wie wahr. Besten Gruß m.b. |
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Zornig und sarkastisch, die Richtung gefällt mir. Nicht jeder Zungenschlag, aber man muss ja nicht immer das Gras wachsen hören, nicht wahr?
Übrigens, die von Dir zu Recht so verhöhnte psychoanalytelnde Faschismus- und Faschisten-"Analyse" ist auf dem Mist der 'Neuen Linken' gewachsen, auch wenn deren Intentionen deutlich andere waren. - Vielleicht macht ja ein wenig 'altlinke' (könnte man auch anders nennen) Methodik und Geschichtsbetrachtung immun dagegen... Danke für den Scherz: "... die Filme mit Moritz Bleibtreu als Mumia Abu-Jamal und Martina Gedeck als Angela Davis stehen noch aus."! |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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