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Dass bei der Bewerbung ums höchste Amt im Staat keine Frau antreten soll, darüber ist sich der Chor der Medien jetzt einig, auch wenn die Bild-Zeitung noch vorgestern Ursula von der Leyen als „Mutter der Nation“ bewarb: „Die 1,62 Meter große Ministerin (Konfektionsgröße 34) wirkt weich, fast zerbrechlich. ABER: Eine Tonne Watte wiegt genauso viel wie eine Tonne Stahl!“
Bereits nach dem Rücktritt Roland Kochs titelte die auflagenstärkste Kloake der öffentlichen Meinung: „Warum laufen Merkel die starken Männer davon?“ Dass mit dem „System Merkel“ des Öfteren ihr Geschlecht gemeint ist, demonstrierte auch Bernd Ulrich in der Zeit, der in leichter Abwandlung eines anderen Spruchs witzelte: „Alles Memmen außer Mutti?“
In der gleichen Ausgabe vom 02.06. 2010 war in dem Artikel „Die Letzte macht das Licht aus“ zu lesen: „Christian Wulff ist zu jung, Kurt Biedenkopf zu alt. Anette Schavan und Ursula von der Leyen sind im Gespräch, aber eine Frau, heißt es, müsse es nicht unbedingt sein, schließlich ist schon die Kanzlerin weiblich (…) Sicher ist nur: Auch die SPD will sich nicht zwingend auf eine Frau festlegen. Und: Auf keinen Fall will man Gesine Schwan noch einmal bitten.“
Brigitta Huhnke analysierte in ihrem Buch „Patriarchale Politikvermittlung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen“ (Pfaffenweiler 1998) treffend die „mediale Inthronisierung des Bundespräsidenten Roman Herzog“ auf Kosten der Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, der keine Chance gelassen wurde.
2008 ging es Gesine Schwan nicht anders: Der von der Birthler-Behörde sorgsam bis zum 60sten Geburtstag der Bundesrepublik und dem Zeremoniell der Wahl des Bundespräsidenten zurückgehaltene Fund der Kurras-Akten bildete den Auftakt zu einer gezielten Diffamierungskampagne der deutschen Linken in der Tradition von 68 als ferngesteuerte, nützliche Idioten der DDR. Marianne Birthler konnte nebenbei die Kandidatin für das Bundespräsidentenamt Gesine Schwan in einem ausführlichen Zeit-Artikel als „Ossi-Versteherin“ rügen, weil diese der zeremoniellen Vorschrift die DDR einen Unrechtsstaat zu nennen, nicht gebührend nachgekommen war. So konnte Horst Köhlers Wiederwahl durch einen gut getimten Griff ins Aktenlabyrinth sicher gestellt werden (www.messitschbyburns.de/archives/638).
Aus dieser Pleite hat Rot-Grün gelernt, und sich jetzt auf einen männlichen Kandidaten mit entsprechend antikommunistischer Duftmarke geeignet: Birthlers Vorgänger Joachim Gauck. Der Kalte Krieger und notorische Verharmloser der Nazi-Zeit wurde schon von dem Antisemiten Martin Hohmann in seiner berüchtigten Hetzrede dankbar zitiert: Wer sich gegen den von ihm propagierten Geschichtsrevisionismus sträubt, gehöre „zu denen, die fast neurotisch auf der deutschen Schuld beharren“ (www.graswurzel.net/284/hohmann.shtml und www.freitag.de/community/blogs/magda/joachim-gaucks-totalitaere-aufklaerung).
Das tut freilich keiner der Herren, die sich um das höchste Amt im Staat bewerben. Auch der niedersächsische „Landesvater“ Christian Wulff nicht, der laut Guido Westerwelle „einen klaren inneren Kompass hat“. 2008 schlug dieser Kompass entsprechend aus: Wenige Tage vor dem 70. Jahrestag der Pogromnacht am 9. November hatte er in der Fernsehsendung „Studio Friedmann“ die massive Kritik an hohen Managergehältern mit einer Pogromstimmung verglichen: „Ich finde, wenn jemand 40 Millionen Steuern zahlt als Person und Zehntausende Jobs sichert, dann muss sich gegen den hier nicht eine Pogromstimmung entwickeln“(www.netzeitung.de/politik/deutschland/1210897.html)
Eine Forderung nach Rücktritt lehnte er ebenso ab wie Roland Koch oder der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Hans Werner Sinn, die beide bei Bedarf die deutsche Geschichte zweckdienlich entstellen. Sinn: „Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.“ (www.tagesspiegel.de/wirtschaft/finanzen/1929-traf-es-die-juden-heute-die-manager/1357144.html). Koch hatte im Zusammenhang mit der Kritik von Gewerkschaften am Reichtum einiger von „so einer neuen Form von Stern an der Brust“ gesprochen, bekanntlich nicht seine einzige „Entgleisung“ in dieser einschlägigen Richtung. Gegen Rücktrittsforderungen zeigten sich alle drei immun. Kaum ein Bundespräsident der Bundesrepublik ohne braune Vergangenheit. Theodor Heuss gab seine Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz Hitlers, Lübke war als KZ-Baumeister für Albert Speer tätig (www.zeit.de/2007/30/Heinrich-Luebke?page=all), Walter Scheel NSDAP-Mitglied, Karl Carstens SA und NSDAP-Mitglied, Richard von Weizsäcker im Vernichtungskrieg der Wehrmacht führend: www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14939&;;;css=print. Roman Herzog machte die späte Geburt wett, indem er bei Altnazis wie Theodor Maunz in die Lehre ging. Zitat: „Ich habe Maunz als unzweifelhaften Demokraten kennengelernt.“
Einig sind sich mittlerweile alle: Ein starker Mann muss her, jemand ohne „Führungsschwäche“, immun gegen Rücktrittsforderungen und von „politischem Patriotismus“ beseelt. Wie es in der Zeit heißt: „Der nächste Bundespräsident muss von Statur sein, er muss reden können, etwas von Wirtschaft verstehen, aber noch mehr von Demokratie (…)Wenn die Kanzlerin nicht zeigt, dass es sich um eine Phase handelt, in der politischer Patriotismus erforderlich ist, darf sie sich über mangelnden Patriotismus nicht wundern.“ So gesehen hat Martin Walser, der Patriot vom Bodensee nicht ganz die richtige Konfektionsgröße und Statur: Seinen bürgerlichen Antisemitismus hat er zwar in dem Machwerk „Tod eines Kritikers“ hinreichend zur Schau gestellt, allein es fehlt ihm an Sinn für die Wirtschaft.
Über die rechtspopulistischen Seilschaften der Medien-PR um Herzog schrieb Huhnke 1998:
„Ebenfalls nicht verständlich ist es, warum der damals bevorstehende 50. Jahrestag zur Befreiung von Faschismus und Krieg am 8. Mai ebenfalls keine Bedeutung zu haben schien, obwohl dazu Altbundespräsident von Weizsäcker nicht nur zum 40. Jahrestag eindeutige Worte gefunden hatte, wenn auch zum Groll der Regierung. Nicht nachvollziehbar ist auch, warum das Erstarken der neuen, z.T. völkischen Rechten (…) in den Interviews außen vor blieb. Ferner wurden in allen Interviews und Porträts zentrale innenpolitische Fragen wie Arbeitslosigkeit, soziale Verarmung und Rechtsradikalismus verdrängt, obwohl gerade auch für diese Probleme ein moralisches Korrektiv in der Person einer BundespräsidenIn positiv sein könnte. Stattdessen begeben sich die verantwortlichen Journalisten (…) in die männerbündische Gedankenwelt des Parteienproporz und stellen, losgelöst von allen gesellschaftlichen Prozessen und Erscheinungen, Spielpläne über die angeblich unabänderlichen Sachzwänge in der Bundeswahl auf (…) Ohne massive Protektion durch den Altnazi Theodor Maunz hätte Herzog sich nie mit dreißig Jahren habilitieren können. Den männerbündischen Seilschaften um Helmut Kohl verdankte er seinen politischen Aufstieg, den er – nach eigenem Bekunden wie ein Geißeltierchen entgegengenommen hat.“
Christian Wulff sitzt im Kuratorium einer evangelikalen, kreationistischen Missionierungsbewegung (blog.esowatch.com/?p=1543) „Pro Christ“, wo gegen Homosexuelle gehetzt und Abtreibung verteufelt wird: www.youtube.com/watch?v=vWRm0KjN0uY
So gesehen ist es um die Bundesrepublik noch schlechter bestellt, als um Österreich: Dort trat neben dem klerikalfaschistischen Pro Life-Aktivisten Rudolf Gehring und der Neo-Nazistin Barbara Rosenkranz der Sozialdemokrat Heinz Fischer an, der mit klarer Mehrheit gewann. Hier dagegen findet die Wahl zwischen einem evangelikalen Kreationisten, einem revisionistischen, Haß predigenden Pfaffen und eventuell sogar einem antisemitischen Schriftsteller statt.
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Was für ein Beispiel für einen vorurteilsbeladenen Schrott: Ein selbst erdachter Walserpräsident, damit der Antisemitismusvorwurf plaziert werden kann; eine selbstgestrickte Gauckpuppe, die als Haßprediger ausgegeben wird und ein zum christlichen Fundamentalisten aufgebauschter böser Wulff – und dieses Gebräu noch in allerlei Anspielungen von KZbaumeistern und Vernichtungskriegern verpackt. Wenn hier irgendjemand diffamiert, dann h.vanna mit seinem demagogischen Potpourri...
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"Fakten, Fakten, Fakten"
eine Laterne für den Menschen im Fass: www.focus.de/kultur/bundespraesident-walser-oder-gauck-als-bundespraesident_aid_514684.html |
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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