h.yuren

die seen gehn unter

22.01.2010 | 21:47

Erziehungsberechtigt

im wörterbuch der ddr steht:
"er ist nicht e.; seit seine Eltern tot sind, ist sein Onkel der Erziehungsberechtigte."

the duds der 70er jahre:
"... o. Steig. ... : grundsätzlich sind die Eltern eines Kindes e."
darauf folgte der kommentar zum substantiv:
"jmd., der die elterliche Gewalt ausübt (Eltern, Vormund): bei einer Waise ist der Vormund der E."
inzwischen ist nur das adjektiv überarbeitet worden:
"berechtigt, die elterliche Gewalt auszuüben: die Eltern eines Kindes sind e."

alle wörterbücher schweigen zur spürbar amtsdeutschen wortbildung. doch das nur nebenbei.
dem vormund wird das recht zur erziehung amtlich verliehen. eltern haben das recht per se. als grundrecht. so steht es in der erklärung der menschenrechte. und in der verfassung.
man spricht in dem zusammenhang auch vom naturrecht. das ist uns gewissermaßen angeboren.

nun lässt sich nicht leugnen, dass manche mütter und auch manche väter ein ganz natürlich erscheinendes, ein ganz ungewöhnliches talent haben im umgang mit kindern. es sieht für den beobachter so aus, als könnten solche eltern gar nichts falsch machen; so sicher tun sie von anfang an genau das richtige für die kleinen.

das glück des harmonischen miteinanders ist leider nicht die regel. eher selten. schlicht die ausnahme. das positive ende des spektrums der möglichkeiten.

für alle anderen eltern und erziehungsberechtigten sind abstriche zu machen bis hin zum entgegengesetzten extrem, der vernachlässigung und misshandlung.
trotz der unleugbar ungleichen verteilung der fähigkeiten und wirklichkeiten aber sind alle eltern erziehungsberechtigt.
was für ein recht ist das? und wer nimmt das recht woher, solches recht zu verleihen? was ist der grund im grundrecht? was für ein mensch vergibt dies menschenrecht?

ich behaupte mal, das elternrecht ist ein überbleibsel aus dem naturzustand, pure tradition.

wie fragwürdig die erziehungsberechtigung ist, demonstrieren die aufgedeckten untaten in den kirchlichen und anderen kinderheimen von irland bis ans andere ende europas.

wer wäre denn auch aufsichtsberechtigt gegenüber den erziehungsberechtigten? was hat doch lenin noch gesagt zum verhältnis von vertrauen und kontrolle? no control wars nicht.

 
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Kommentare
Nelly schrieb am 22.01.2010 um 22:24
Lieber h.yuren,
danke daß Du wieder einmal dieses schwierige Thema angepackt hast. Ich habe nicht genug Wissen in Ethik und Philosophie, um dieses "Naturrecht" irgendwie in allen seinen Facetten ausleuchten zu können.
Mal angenommen, es würde nicht mehr so ohne weiteres existieren und Kontrolle würde eingeführt - wer würde denn nach welchen Kriterien wie diese Kontrolle ausüben, und was wären die Alternativen für die Kinder, deren Eltern die Prüfung nicht bestehen ? Ich glaube, hier liegt der Hund begraben. Du erwähntest einmal, daß Du eine Tochter hast. Von wem hättest Du denn Kontrolle Deiner Erziehung akzeptiert ?
Meine eigene Schlußfolgerung aus solchen Überlegungen ist, daß es eben nur um absolute Mindeststandards gehen darf. Die sollten dann aber auch durchgesetzt werden, im Interesse des Kindes.
h.yuren schrieb am 22.01.2010 um 23:13
ganz genau deiner meinung, liebe nelly. minima, ja. die aber konsequent.
davon verspreche ich mir eine allmähliche anhebung des niveaus. nicht nur der erziehung.
habe übrigens zwei töchter.
dreinreden lasse ich mir gern, wenn die argumente stark genug sind.
in den heimen und in den familien fehlt schlicht die mitsprache und kontrolle. wie in den staaten. jetzt haben wir immerhin den eugh. das ist eine manchmal spürbare verbesserung.
h.yuren schrieb am 22.01.2010 um 23:22
du hast ja mehr fragen gestellt, als ich beantwortet habe. darum der nachschlag hier.

die nicht funktionierende staatliche aufsicht ganz beiseite. die kontrolle (die aber auch eine unterstützende aufgabe hätte) übernehmen einerseits fachleute der pädagogik und psychologie, andererseits erfahrene und kritische eltern.
diese mixtur aus experten und laien muss es sein. die hab ich zuerst kennen und schätzen gelernt bei carmen thomas mit dem ü-wagen des wdr.
die ahnungs- und oft hilflosen eltern dürfen auf keinen fall allein gelassen werden. das geht regelmäßig schief. mit folgen für alle. innerhalb und außerhalb der familie.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.01.2010 um 23:14
h.yuren schrieb: "ich behaupte mal, das elternrecht ist ein überbleibsel aus dem naturzustand, pure tradition."
habe eben mal wieder die gute alte alice (nein, nicht die schwarze ;o) herausgekramt, da mir spontan eines der zitate in den kopf kam:
"wer sein kind lieb hat, der hält es stets unter der rute, dass er hernach freude an ihm erlebe" (sirach 30,1)
naturbedingt ist laut alice miller auch der natürliche "narzisstische" wunsch des kindes (urinstinkt), von den eltern geliebt und anerkannt zu werden. selbst wenn elter kinder mißhandeln, so tun/taten sie dieses oft aus 'liebe', da sie das beste wollten und es selbst nicht anders gelernt/erfahren hatten. und der teufelskreis setzt(e) sich fort.
daher sicher aus dem naturzustand entstanden, über schw. pädagogik bis heute. soviel kurz dazu, da vie anderes gerade.
h.yuren schrieb am 22.01.2010 um 23:29
ja, der alten spruchweisheiten sind viele.
wenn wissen fehlt und die umstände auf die nerven gehen, kriegen letzten endes oder auch unmittelbar die schwächsten es zu spüren, die kinder.
naturzustand passt heute nicht mehr in die realität der gesellschaft. wer den zustand aus noch so ehrbaren gründen nicht antasten mag, handelt gegen die menschlichkeit und macht sich unterlassner hilfeleistung schuldig.
Rahab schrieb am 22.01.2010 um 23:41
vielleicht auch hier www.freitag.de/community/blogs/h-yuren/der-elternpass
wieder reingucken?
dann: es ist zunehmend weniger von erziehungsberechtigung die rede, dafür aber mehr von elterlicher (oder sonstiger personen-)sorge (sic). und von kindeswohl (sic).
im übrigen ist die diskussion um die grundrechtsfähigkeit des kindes im vollen gange. dies nicht zuletzt beflügelt durch die un-kinderrechtskonvention (obwohl die meisten staaten sie erst mal ratifizierten, weil's grade mode war)
Alien59 schrieb am 23.01.2010 um 06:09
Deinem Rat folgend, Rahab, habe ich mir diese ältere Diskussion durchgelesen. Leider war ich da ja noch nicht am/an board.

Aber: Kindeswohl ist so ein Gummibegriff, bei dem ich mich schon zu oft gefragt habe, wer denn bestimmen soll, was das nun genau sein soll. Nachdem es kürzlich eine Diskussion über Zwangsteilnahme am Kindergarten für bestimmte Kinder gab, habe ich da, auch in Kenntnis deutscher Bürokratie, so meine Bedenken.

Die Kinderrechtskonvention - da kommt mir, angesichts der Einschränkungen bei der deutschen Ratifizierung, auch immer so das Grübeln ....
h.yuren schrieb am 23.01.2010 um 09:39
liebe rahab, danke für die erinnerung an das zähe thema, das mich nicht loslässt, bis besserung in sicht. sehe aber noch keine.
die schwierigkeiten sind nicht in meinem sinn lösbar, solange wir im status quo verharren (oder noch tiefer darin versinken. du weißt schon, was ich meine). wie heißt doch dieser angeblich oder wirklich aus afrika stammende spruch? kindererziehung braucht ein ganzes dorf oder so.
h.yuren schrieb am 23.01.2010 um 09:48
das stimmt, liebe alien, kindeswohl ist wie das allgemeinwohl ein kaugummiball.
es ist immer wieder die frage, woran messen?
gesundheit lässt sich medizinisch vertretbar untersuchen.
psychische und mentale gesundheit aber, was ist das? sollen das entsprechend ein paar geisteRwissenschaftler/innen feststellen?
ohne radikale eingriffe mit entsprechenden fehlern ist es ratsam, minimale standards zu bestimmen, die überprüft und eingehalten werden können. die gängige methode des wegkuckens und des vertrauensvorschusses für alle anfänger zeitigt unreife ungenießbare früchte.
Rahab schrieb am 23.01.2010 um 10:04
gern geschehen, h.yren
zu dem spruch fällt mir ein gegen-spruch ein, nämlich: viele köche verderben den brei.
der ist, glaub ich, von hier. aber auch nicht un-wahr.
h.yuren schrieb am 23.01.2010 um 10:40
jaja, die spruchweisheiten, liebe rahab.
die mit den löffeln und über sie gilt wohl doch nur in der küchen.
denn von der sprache haben wirs gelernt, dass die einsamen redner in der wüste gern ein idiom verwenden, das der linguist nicht von ungefähr 'idiolekt' zu nennen pflegt.
im allgemeinen lässt sich der ball frei hin und wider werfen. das ist ein spiel.
vernachlässigte und/oder misshandelte kinder brauchen mehr. ahnungslose eltern ebenso.
Rahab schrieb am 23.01.2010 um 10:58
nun, dann müsstest du sagen, was in deinem dorf drin sein soll. und was nicht. sonst ist der spruch nur ein abgegriffener.

also: welche pädagog_innen, welche nicht? welche psycholog_innen, welche nicht? welche ernährungsberater_innen, welche nicht?
und wie hältst du's mit der glotze und den klingeltönen? von lehrer_innen nicht zu reden!

wie und wodurch kontrolliert soll das produkt der erziehung denn sein?
h.yuren schrieb am 24.01.2010 um 19:10
nun, liebe rahab, bin gerade nicht ganz ohne den beitrag der lieben technik motiviert worden, meine antwort zu wiederholen bzw. neu zu fassen. aber die auskunft, dass an der verbesserung der seite unentwegt gearbeitet wird, spendet trost und macht mut.

kleinlich will und darf ich nicht sein beim entwurf der besseren umgebung für die kids. also engagiere ich das ganze weltdorf.

das ist selbstverständlich noch besser vernetzt als wir hier und ist ein organismus aus unzähligen zellen, den regionen, die an die stelle der (immanent imperialistischen) staaten getreten sind.

kinder wachsen in größeren "kinderhäusern" auf, in denen eltern und fachleute (durchaus auch in personalunion) zusammenleben. schule ist überflüssig.

das ist die renaissance der familienverbände auf dem niveau des 13. jahrtausends (diese zeitrechnung ist unmythologisch an der wende von sogenannter vorzeit zur dorfkultur, aber auch dem ende der letzten eiszeit orientiert ist).

genug eckpunkte für die erneuerung des erziehungswesens? begründungen im einzelnen bei bedarf.
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