h.yuren

die seen gehn unter

21.08.2010 | 22:50

Gleichheit?

in der nationalhymne der brd wird von “einigkeit und recht und freiheit” gesungen.
frankreich erinnert an einen slogan aus der zeit der französischen aufklärung und revolution: liberté, égalité, fraternité (freiheit, gleichheit, brüderlichkeit).
und in artikel 1 der erklärung der menschenrechte der un heißt es: “alle menschen sind frei und gleich an würde und rechten geboren. sie sind mit vernunft und gewissen begabt und sollen einander im geiste der brüderlichkeit begegnen.”

in den jahren der mobilisierung der bildungsreserven war oft von chancengleichheit die rede und schreibe. und wäre nicht ein unmensch, wer die umsetzung der idee der chancengleichheit verwehrte?

die chancengleichheit im bildungsprozess ist so dringend geboten im sinne der menschenrechte wie unrealistisch unter den gesellschaftlichen bedingungen heutzutage. allein die armut, mit der in diesem reichen land millionen kinder aufwachsen, macht chancengleichheit illusionär. so zwingend die angleichung der einkommen für die menschenwürde ist, sie könnte die chancengleichheit der heranwachsenden wesentlich verbessern, aber garantieren könnte sie allein sie nicht.

die (im weitesten wortsinn) familiären verhältnisse sind ein noch größeres hindernis auf dem weg zur chancengleichheit als die wahnwitzigen einkommensunterschiede. das bundesverfassungsgericht kann im bedarfsfall die finanziellen zuwendungen von staats wegen ein wenig erhöhen, nicht aber die mentalen und emotionalen (die zu ermitteln schon ein ding der unmöglichkeit wäre).

dennoch muss sich jede/r darüber klar sein, die/der kindern hier und überall in der welt ein menschenwürdiges dasein wünscht, dass die einkommens- und familiären verhältnisse grundlegend verändert werden müssen.
wenn gesellschaftlich mächtige gruppen wie gerade jetzt die lobbyisten und vertreter der atomindustrie das wort zukunft bemühen, meinen in wirklichkeit sie etwas anderes, etwas abwegiges.

 
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Kommentare
mcmac schrieb am 22.08.2010 um 01:09
Lieber h.yuren,

ohne Ihren engagierten Beitrag Fritz-Teich-artig zu zerpflücken, möchte ich Ihnen doch auch den Hinweis geben, dass die familiären Verhältnisse durchaus und zunächst durch wahnwitzige Einkommensunterschiede determiniert sind. Und: Das trifft sowohl auf die wahnwitzig hohen, als auch auf die beschämend niedrigen Einkommen und die daran hängenden Familien zu. Beides spaltet die Gesellschaft. Das steile, also die Gesellschaft spaltende Einkommens-Niveau ist eher das Problem, welches real vorhandene Chancen verhindert. -Eine etwas kleinliche Kritik meinerseits an Ihrem insgesamt sehr guten Beitrag, wie ich nach nochmaligem Lesen desselben feststellen muss. Ich kritisiere nicht ihre Intention.
h.yuren schrieb am 22.08.2010 um 08:34
danke, lieber mcmac, fürs zweimal lesen und nur einmal (behutsam) kritisieren.

(übrigens halte ichs mit denjenigen, die meinen, das internet habe seine eigenen regeln. es wird grundsätzlich geduzt (im sinne symmetrischer anrede und gleichheit) und, wem es gefällt, schreibt radikal klein wie ich.)

du setzt den akzent auf die wahnwitzigen einkommensunterschiede, ich sehe die größeren, fast unüberwindlichen schwierigkeiten "im engsten familienkreis". hab im blog einen satz ergänzt, der zeigen soll, wie im grunde einfach die finanziellen möglichkeiten verändert werden können, z.b. durch beschluss des bundesverfassungsgerichts. das minus bei den mentalen und emotionalen zuwendungen in familien lässt sich kaum ausgleichen. kinder sind wie im alten rom noch immer privatsache der eltern. staat und kirche stimulieren bloß die vermehrung. dass statistisch 2 kinder pro woche in der familie ermordet werden, ist nur die weithin sichtbare spitze des eisbergs.
nur ein kleines beispiel: die häusliche sprache prädestiniert erfahrungsgemäß hochprozentig die schulkarriere des kindes und diese wiederum seine sozialen chancen später in der gesellschaft.
hibou schrieb am 22.08.2010 um 08:54
da mit der sprache hast du völlig recht, h.y. das würden auch summen geldes nicht (oder kaum) ausgleichen. der sprache kommt auch und gerade deshalb in der kita, im kindergarten und in der schule grosse bedeutung zu. egal, was du unterrichtest (naja, solange es net schadet), hauptsache du redest :-)))
h.yuren schrieb am 22.08.2010 um 21:14
"...hauptsache du redest:-)))"
ist das schmunzelzeichen, lieber hibou, so zu verstehen, dass die redenden pauker nicht gerade des problems lösung sind?
die kids müssen die (vor)redner/in natürlich verstehen können, aber die bildungsbeamt/innen sind beim besten willen kein ersatz fürs sprechen in der familie (im weitesten wortsinn), sprich: im vertrauten umfeld außerhalb der anstalt.
Streifzug schrieb am 22.08.2010 um 12:17
Hallo h.yuren,

nun verknüpfe ich mal ein paar aktuelle Themen der Community (Tiere, töten, Ethik, Gleichheit ...), gehe in der Zeit zurük und krame den dir bestimmt bekannten Peter Singer aus der Kiste.

Wegen Zeitmangel kopiere ich einfach eine Passage aus der Wikipedia:
Gleichheit und Interessen

Peter Singer erklärt in dem Kapitel Gleichheit und ihre Implikationen das Prinzip der gleichen Interessenabwägung. Demnach bedeutet Gleichheit nicht, alle gleich zu behandeln, sondern alle Interessen gleich zu berücksichtigen. Eine Berücksichtigung der Spezies bei der Interessenabwägung ist unberechtigt.

Entscheidend ist nicht, ob ein Wesen zur Spezies Mensch gehört, sondern welche Interessen es besitzt. So ist beispielsweise die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, gekoppelt mit dem Interesse, keine Schmerzen zu erleiden. Alle Individuen, die Schmerz empfinden können, müssen daher bei einer Abwägung berücksichtigt werden.

Nach Singer gibt es keinen ethischen Grund, Interessen von Lebewesen nicht gleich zu behandeln. Um sinnvoll von Interessen sprechen zu können, setzt er die Fähigkeit Schmerz zu empfinden, als Voraussetzung für Interessen fest. Lebewesen, die keinen Schmerz empfinden können, haben keine Interessen und somit auch keine Interessen, die berücksichtigt werden müssen.
h.yuren schrieb am 22.08.2010 um 21:41
ja, lieber streifzug, peter singer ist mir nicht ganz unbekannt. ich hab mal von ihm "How are we to live?" untertitel: "Ethics in an age of self-interest" gelesen. darin kommt aber das kapitel "Gleichheit und ihre Implikationen" nicht vor.

die gleichbehandlung der verschiedenen interessen ist ja auch juristisch die hauptsache. juristen scheren sich nicht um reale gleichheit.
dagegen gehts mir hauptsächlich um chancengleichheit für möglichst alle kinder. andere lebewesen sind mir nicht gleichgültig, aber menschenkinder gehen vor.
das ist eine ungleichbehandlung oder diskriminierung anderer, ohne es zu wollen.
kinder sollen in eine menschenwürdige weltgesellschaft hineinwachsen können. was dem im wege steht, muss in frage gestellt werden, so lange, bis es nicht mehr stört.
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