h.yuren

die seen gehn unter

12.11.2009 | 11:21

Hauptsachen (5)

die weltgeschichte der stadt ist die weltgeschichte der herrschaft ist eine hauptsache, eine sache der konzentration, der ballung und bündelung aller kräfte, aller mittel, ist eine erfolgsstory, ist ein dickes buch von mindestens 6000 seiten, wo jede seite für ein jahr steht.
mumford vergleicht die stadt mit einem behälter. ein speicher, könnte man auch sagen, ein speicher aus steinen, der vieles für sich behält und manches lange aufbewahrt.
aber die stadt ist vor allem programm. und das programm heißt wachstum, wachstum um jeden preis, nicht bloß wie zuvor im kult beschworenes, dem puren lebenserhalt geschuldetes, sondern mit allen mitteln der zitadelle aggressiv vorangetriebenes und gesteuertes wachstum.
wozu das geführt hat, ist am beispiel der megalopolis zu besichtigen. und zwar auf allen bewohnten kontinenten. von mexico city über kairo und mumbai bis shanghai und tokyo. jedenfalls, wenn man die stadt als geografisches gebilde betrachtet.
aber die stadt war der anfang des staats, stadtstaat eben, der bis heute wiederholt explodierte und expandierte zum imperium. die spinne aber im netz, die die fäden in der hand hielt, war die stadt, war rom oder babylon oder london, war weiterhin die hauptsache oder hauptstadt.

und was verkünden unsere herrschaften heute, 6000 jahre nach dem start des erfolgsprogramms? die legitimen erben der könige von eridu und uruk in den hauptstädten der welt wollen wachstum, wachstum über alles. auch über leichen.
wenn das stagniert oder gar ins minuswachstum sich verkehrt wie eben jetzt, erhöhen die akteure in den hauptstadttheatern den schuldenberg und feiern feste in der hoffnung auf bessere zeiten. wenn die aber nicht bald um die ecke kommen, haben die staatsschauspieler der hauptstadttheater ein problem. mit dem murrenden publikum zum beispiel, wenn die ersten tomaten und eier fliegen.

etymologisch sind die hauptstädter stark verkopft oder auch schlicht kapitalisten. im englischen, aber nicht nur im englischen, praktisch im gesamten westen steht ein und dasselbe wort für die hauptstadt und das kapital. das ist kein zufall. denn auch der tresor, die kasse, die bank sind ja behälter oder speicher.
der wortgeschichtliche verweis auf den kopf klingt irgendwie paradox. es ist doch ausgesprochen kopflos, über 'die grenzen des wachstums' hinaus wachstum zu erwarten.

pjotr kropotkin hat das alles schon vor mehr als einem jahrhundert gesehen. er schlug darum vor (ohne eine ahnung von den möglichkeiten des internet zu haben), vom wilden wachstum abzulassen und kleinere dezentralisierte städte zu schaffen. ebenezer howard und andere griffen die ideen auf.  howards ideal war die gartenstadt (garden city) mit ca. 30 000 einwohnern.
doch die hauptstadttheaterleute witterten den spielverderber und sahen ihr programm auf den kopf gestellt. hat nicht helmut schmidt, der altkanzler, treffend gesagt, wer visionen habe, müsse zum arzt? der mann musste es wissen. er war schließlich der realist im provisorium bonn.

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.11.2009 um 19:52
Lieber h.yuren, ich komme einfach nicht hinterher mit dem Lesen. Immer wieder schade.

Mir kam bei Deinem Text (mal wieder) der Gedanke vom wuchernden System, das in der Biologie als Krebs bekannt ist. Und das in seiner ungebremsten Wucherung schließlich sogar den Wirtskörper zerstört.
Unser Menschenwohlstandswirtschaftswachstum, das wir so gern als erstrebenswerten und nicht wirklich infrage zu stellenden Fortschritt verstehen wollen, scheint mir diese Merkmale in sich zu tragen. Es scheint eine unaufhaltsame Entwicklung zu sein.
Wenn es eines Tages tatsächlich bei fliegenden Eiern und Tomaten bleiben sollte, so wären wir nochmal davon gekommen. Ich habe erhebliche Zweifel, daß es bei einer Gemüseschlacht bleiben wird.

Einige meiner Fragen:
Exekutieren, die an den großen Hebeln Sitzenden nicht vielleicht doch lediglich den Willen der "Normalbürger"?
Haben die Psychologen vielleicht doch Recht, wenn sie davon sprechen, daß unser "in der Welt sein" (also gerade auch die Gier, die Angst,...) bereits in den prä-, peri- und in der unmittelbaren postnatalen Phase des Menschenlebens wesentlich geprägt wird? Und welche Folgen hat dies, wenn es unerkannt und unkorrigiert bleibt?
Oder, auch das ist ja denkbar, wissen die herrschenden Herrschaften in den Kapitalen es einfach nicht anders? Glauben die vielleicht wirklich an die Segnungen des ersehnten Wachstums? Wäre ja doch möglich. Oder glauben einfach, selbst davonzukommen? Auch dafür gibt es ja Anzeichen. Oder worauf hoffen die sonst? Daß es immer so weiter geht?

Mir ist hier schon Hysterie "vorgeworfen" worden. Allein, ich hätte ganz gern auch ein paar Gegenargumente gehört und gelesen. Sehe ich sie lediglich nicht? Die großen Städte werden weiter wachsen. Aber wohin?

Vielleicht kennst Du es ja:

Denn, Herr die großen Städte sind
verlorene und aufgelöste;
wie Flucht vor Flammen ist die größte,-
und ist kein Trost, daß er sie tröste,
und ihre kleine Zeit verrinnt.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 12.11.2009 um 20:25
Es ist schwer mit, aber auch ohne Stadt zu leben. In der Stadt gehe den entwurzelten Dörflern aus dem Weg weil es oft die übelsten Nationalisten sind weil es ihnen schwer fällt sich in die Stadtkultur einzupassen, aber auch nicht mehr mit dem Leben auf dem Land verwurzelt sind. Beides hat Vor und Nachteile.

Zur Stadt-Kultur fällt mir ein: "Zerstört die Städte und tötet die Bastarde", das schrieb Karadzic in einem seiner Gedichte. Er kam aus einem kleinen Kaff in Montenegro. Die "Bastarde", die Menschen, nahmen den Psychiater & Poeten offenbar nicht ernst genug.

Die Bevölkerungen der Städte haben für Machthaber den Vorteil das sie leichter zu kontrollieren sind. Alles ist besser vorhersehbarer.
archinaut schrieb am 13.11.2009 um 01:42
"Die Bevölkerungen der Städte haben für Machthaber den Vorteil das sie leichter zu kontrollieren sind. Alles ist besser vorhersehbarer." das möchte ich nicht unkommentiert lassen:
Soziale Bewegungen und Initiativen brauchen den Kesseldruck der Urbanität, die Machthaber müssen immer wieder große Anstrengungen zum Machterhalt leisten.
Haussmann's Boulevards wurden durch die Pariser Quartiere gefräst, um Aufständische schneller nieder zu werfen....wenn eine Stadtbevölkerung vom flüssigen in der gasförmigen Aggregatzustand wechselt, kann vieles passieren, was nicht vorhersehbar ist (wie z.B. im Fall der Berliner Mauer)
Die Stadt war immer Zukunftslabor und Testfeld, Wissensspeicher und Lasterhölle.... auch wenn man mit gewisser Skepsis auf die urbanen Wucherungen in Asien und Lateinamerika blicken muss.
h.yuren schrieb am 13.11.2009 um 18:14
dein wort "der Kesseldruck der Urbanität" gefällt mir sehr, archinaut. die stadtbevölkerungen stehen unter strom wie jäger auf der pirsch, könnte ich auch sagen.
wer es untersucht und veröffentlicht hat, weiß ich nicht, kann mich nur daran erinnern, dass festgestellt worden ist, das sprechtempo der städter sei erhöht gegenüber demjenigen der landbewohner.
was gerhardhm über die angst in den städten schreibt, ist nicht dasselbe, passt aber in den gehetzten zustand.
h.yuren schrieb am 13.11.2009 um 18:48
lieber sachichma, wenn du schreibst:
"Die Bevölkerungen der Städte haben für Machthaber den Vorteil das sie leichter zu kontrollieren sind. Alles ist besser vorhersehbarer."
so stimmt die sache mit der kontrolle für die machthaber; ich sehe die stadtentwicklung von den anfängen bis zu ihrem nahen ende als ein produkt und instrument der herrschaft.
nur so ist der falsch gelenkte fortschritt zu verstehen.
archinaut schrieb am 14.11.2009 um 08:23
Lieber h.yuren,
bei Paul Virilio findet man viele anregende, nachdenkenswerte Gedanken zur Rolle der Geschwindigkeit bei der Eroberung und Entfaltung von Herrschaft, die ja immer als Macht über Raum, auch über städtischen Raum beschrieben werden kann. Ein paar Buchtitel sprechen schon Bände:
"Fahren, fahren, fahren"
"Geschwindigkeit und Politik"
"Ästhetik des Verschwindens"
"Krieg und Kino - Logistik der Wahrnehmung"
(private Anmerkung: macht süchtig)
h.yuren schrieb am 14.11.2009 um 10:17
lieber archinaut, dank für die literaturhinweise.
schon in cäsars kriegsberichterstattung ist nachzulesen, was für eine rolle die eilmärsche, überraschungseffekte und nicht zuletzt auch die gemeinheiten für den sieg im krieg spielten. dabei ist es geblieben. denk nur an die neueste gemeinheit der waffen mit abgereichertem uran.
archinaut schrieb am 13.11.2009 um 01:48
Von der bei uns geübten Kunst der Stadtplanung scheint man sich in der Welt der Megalopole schon lange verabschiedet zu haben, per Hubschrauber werden die neuen Slums und die neuen Wolkenkratzer gezählt.... metastasierende Stadtlandschaften zu verstehen vielleicht als Spiegelbild einer Gesellschaft ohne gemeinsame Erzählung (von Visionen ganz zu schweigen).
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.11.2009 um 10:39
Um ein Beispiel zu verwenden: Im Osten der Türkei kam es aus mehreren Gründen zu Vertreibungen der Landbevölkerung. In Istanbul gab, oder gibt es vielleicht heute noch, ein Gesetz, das es verbietet ein "Haus", das über Nacht errichtet wurde, nicht abgerissen werden darf, - dies wird mit der "sozialen Idee" begründet, das sonst Menschen obdachlos wären. Da fliegen wohl nun die Grossgrundbesitzer mit ihren Hubschrauben überweg wenn sie auf ihre Landsitze wollen...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.11.2009 um 10:10
Wie es der Zufall so will, habe ich gerade ein Buch vor mir, das das Thema auf andere Weise beleuchtet. Franz Renggli "Der Ursprung der Angst - Antike Mythen und das Trauma der Geburt", Walter Verlag.
Renggli weist auf die enorme Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung hin und weist einen Zusammenhang zwischen der frühen Trennung der Kinder von der Mutter in den entwickelten Kulturen und der Angst nach. Eine Forcierung dieser Trennung findet einmal beim Übergang von der Jäger- und Sammlerzeit zu Ackerbau und Viehzucht statt. Das Kind muß nicht mehr ständig von der Mutter getragen werden. Wird also abgelegt. Den "zweiten" Sprung sieht er im Zusammenhang mit der Entwicklung der Städte. Er schreibt:"..habe ich gezeigt, daß die nächtliche Trennung zwischen Mutter und Kind seit dem Aufblühen der STÄDTE im Hochmittelalter praktiziert wird: der letzte Rest an beruhigendem Körperkontakt während der Nacht wird dem Kind geraubt, und es wird in die Wiege verbannt." In so manchen wohlhabenden Schichten gab es dann ja auch noch das Ammenwesen, das die Trennung von der Mutter "perfekt" machte.

So kann man wohl vermuten, daß mit den Städten auch die (neurotische?) Angst in unser Leben kam. Oder doch sehr verstärkt wurde. Eine Selbstneurotisierung u.a. als Folge der Stadtentwicklung. Ein interessanter Gedanke. Mit der bekannten langen Kette der Folgereaktionen.
Die Stadtentwicklung als eine grundsätzliche Fehlentwicklung. Ist mir ganz spontan ein vertrauter Gedanke.
Mal sehen, wie das Buch sich entwickelt?
h.yuren schrieb am 13.11.2009 um 18:40
ein schöner kernsatz, gerhardhm:
"Die Stadtenwicklung als eine grundsätzliche Fehlentwicklung. Ist mir ganz spontan ein vertrautewr Gedanke."
die begründung der angst im buch von franz renggli ist interssant. vor jahren nannte ich den kinderwagen eine erfindung zur abschiebung der kleinen und empfahl allen eltern, ihr kleines kind bei sich zu tragen, wie es in vielen kulturen üblich war.

die veränderung der lebensbedingungen in der stadt ist verwirrend vielfältig und unterschiedlich nach stand und breitenkreis. aber "der Kesseldruck der Urbanität" (archinaut) ist überall spürbar und folgenschwer. die herrschaft konnte sich im ummauerten gefängnis der städter so richtig austoben. und ausstrahlen auf das weite umfeld.
kesseldruck durch kontrolle und konkurrenz sind uns im flächenstaat erhalten geblieben, besonders nach der hochtechnisierung der gesellschaft und arbeitsprozesse.
wie die entwicklung weitergehen könnte, weiß ich nicht und niemand, weil die zukunft stets neue faktoren in die hochrechnungen bringt. aber dass die stadt- und staatsentwicklung eine fehlentwicklung war und ist, ist aus unserer perspektive unbezweifelbar.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 16.11.2009 um 21:10
Ist mir gerade noch zu diesem Thema eingefallen und gehört bestimmt hierher. H.-E.Richter beschreibt in seinem Buch Der Gotteskomplex den Zusammenhang des Vertrauensverlustes in Gott und den Beginn jener verhängnisvollen Entwicklung, die wir Fortschritt usw. nennen. Die Angst, es kann auch "irgendwie" nicht anders sein, spielt natürlich eine riesengroße Rolle. Das liest sich schon recht stimmig. Richter ist sicher immer ein Lektüretip. Danke.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.11.2009 um 21:03
Ich liebe die Stadt. Alles andere ist gebändigte Natur.
Will sagen: Sie hat keinen Gegensatz mehr, nur kleinere Städte.
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