h.yuren

die seen gehn unter

19.02.2011 | 10:24

Hochwohlgeboren

gestern sprach ein journalist in der anmoderation einer radiosendung davon, dass dem herrn von und zu womöglich der doktortitel aberkannt werden könnte, den titel baron aber könnte ihm niemand nehmen.

nicht zum ersten mal rief ich in der redaktion an, um klarzustellen, dass die erblichen adelstitel nach dem ende der kaiserei per gesetz abgeschafft worden sind, und zwar im jahr 1919.

wer sich also heute noch mit graf, freiherr, baron, prinz etc. titularisch meint schmücken zu müssen, handelt genauso gegen geltendes recht wie jemand, der oder die den blaublütigen die ungültigen titel anhängt.

es sei denn, das mitglied der adelskaste habe das alter von 90 jahren deutlich überschritten. das aber ist bei den allermeisten der nach alter manier titulierten nicht der fall.

journalisten und andere multiplikatoren sollten, meine ich, die gesetzeslage kennen und respektieren. sonst machen sie sich gemein mit klatschbasen der bunten blätter und ähnlicher medien, die am liebsten in den gemächern der verbliebenen könige schnüffeln, bis sie im muff von tausend jahren etwas sensationelles wittern.

ich weiß, dass traditionen oft zäher sind als packbänder und die erinnerungen an das heilige römische reich deutscher nation nicht nur im wortschatz anzutreffen sind. nach hundert jahren abstand zum kaiserreich sollte aber allmählich durchgesickert sein, dass die zukunft nicht in der vergangenheit liegt.

 
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Kommentare
Achtermann schrieb am 19.02.2011 um 11:50
@h.yuren

wer sich also heute noch mit graf, freiherr, baron, prinz etc. titularisch meint schmücken zu müssen, handelt genauso gegen geltendes recht wie jemand, der oder die den blaublütigen die ungültigen titel anhängt.

So konsequent wie von Dir ausgeführt, ist das Gesetz nicht. Man hatte die Möglichkeit, den Titel zum Namensbestandteil zu machen: Otto Graf Lambsdorff war also kein Graf, er hieß nur so.
j-ap schrieb am 19.02.2011 um 14:31
Hallo Achtermann,

eine kleine Korrektur: man hatte nicht die Möglichkeit dazu, sondern es wurde von Amts wegen veranlaßt, daß der Titel in den Familiennamen übernommen wurde.

Was dann ja auch zu dem kuriosen Umstand führt, daß etwa die Tochter des Bürgers Neidhardt (Vorname) Graf von Stolzfuß (Zuname) zunächst auch den Familiennamen »Graf von Stolzfuß« verpaßt bekommt, wiewohl es sich um eine Frau handelt.

Das wird dann im Wege der Kulanz (!) behoben.
Achtermann schrieb am 19.02.2011 um 15:51
@ j-ap

Vielen Dank für die Ergänzung. In Österreich hat man in den zwanziger Jahren des letzten Jh. keine Pforte offen gelassen: Die ehemaligen Adelsbezeichnungen konnten nicht zu Bestandteilen des Namens werden.
j-ap schrieb am 19.02.2011 um 17:07
Exakt, Achtermann. Und noch mehr: Nicht nur war die Führung solcher Namensbezeichnungen nicht mehr möglich, sondern sogar strafbar.

Über die Strafbarkeit kann man sich streiten, aber im Grunde ist das die saubere Variante, weil die damit verbundenen Ambiguitäten wie in Deutschland, aber auch in Frankreich (man erinnere sich dazu an Giscard d'Estaing oder de Villepin), denen die bloß »gefühlten« Titelhalter oft genug ja selber noch aufsitzen, gar nicht erst möglich sind, wenn aus S. K. H. Otto von Habsburg schlicht: Bürger Otto Habsburg-Lothringen wird.
Achtermann schrieb am 19.02.2011 um 18:31
@ j-ap

Die Frankfurter Rundschau schreibt:

Dem Baron erschiene es sicher ungerecht, sollten die Plagiatsvorwürfe ihn den Doktortitel und vielleicht die nächsten Karriereschritte kosten.

Diese aus dem Französischen stammende Anrede für Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ist demnach entweder ironisch verwendet oder irreführend. Der Baron als Synomym für Freiherr geht zwar besser über die Lippen, ist in Teutonien jedoch nicht verliehen worden.
Achtermann schrieb am 19.02.2011 um 18:39
Nachtrag zu h.yuren:

gestern sprach ein journalist in der anmoderation einer radiosendung davon, dass dem herrn von und zu womöglich der doktortitel aberkannt werden könnte, den titel baron aber könnte ihm niemand nehmen.

Demnach hat der Radiojournalist recht. Da Guttenberg den Titel Baron nicht besitzt, kann er ihm auch nicht genommen werden.
born2bmild schrieb am 19.02.2011 um 19:33
Freiherr von und zu Gut Münchberghausen
Ullrich Läntzsch schrieb am 19.02.2011 um 13:38
Echter Dank für die Nachhilfelektion ad demokratisches Grundwissen!!!

Wäre schön, mit einer gewissen Hartnäckigkeit, dieses Wissen vor allem den Damen und Herren öffentlicher TV-Berichterstattung zukommen zu lassen. Kleine Anregung zu einer kleinen Erregung im Netz – aber wahrscheinlich mal wieder – NUR IN DEN WIND GESPROCHEN – um im Nirwana des Netzes zu verrauchen …
Ullrich Läntzsch schrieb am 19.02.2011 um 13:39
Echter Dank für die Nachhilfelektion ad demokratisches Grundwissen!!!

Wäre schön, mit einer gewissen Hartnäckigkeit, dieses Wissen vor allem den Damen und Herren öffentlicher TV-Berichterstattung zukommen zu lassen. Kleine Anregung zu einer kleinen Erregung im Netz – aber wahrscheinlich mal wieder – NUR IN DEN WIND GESPROCHEN – um im Nirwana des Netzes zu verrauchen …

Und, ach ja, wie sieht es dem beim Herrn G. so namensrechtlich aus?
Streifzug schrieb am 19.02.2011 um 14:36
Lieber h.yuren,

hast du nur auf die Verpackung geschaut und dem dort aufgedruckten Text geglaubt? "... per gesetz abgeschafft ..."

Nun, wenn man die Packung öffnet, fällt einem eine neoaristokratische, neofeudale Mogelpackung auf die Füße. Demokratie befindet sich nur auf dem rosa Schleifchen, mit dem diese Kaste zusammengehalten wird.

Leider liegt der Packung werde ein Rücksendeschein noch eine Reklamationsanleitung bei.
born2bmild schrieb am 19.02.2011 um 16:00
Neben der sogenannten Volksmusik im Musikantenstadl zählen Krönungen und Hochzeiten von Monarchen zu den meistgesehenen TV-Spektakeln. Gala, Bunte und ähnliche Hofpostillen bringen Adele den Adel herzig vertratscht in die gute Stube. Dazu Jacobs Krönung von Kaisers, hmm, ein königlicher Genuss!
Und bei Konsul Weyer & Epigonen laufen die Geschäfte wie mit Pomade geschmiert. Nicht nur der Doktortitel wird gern gekauft, ebenso Konsul & Adelsprädikate, auch Talmi glänzt, wen schert die Rechtmäßigkeit?
Der Schein bestimmt, die Scheine bestimmen das Bewusstsein.
Achtermann schrieb am 19.02.2011 um 16:16
Das deutsche Adelsgesetz bringt nicht nur Vorteile, wie einer der Betroffenen in einem Interview mit der SZ sagte:

Ich heiße Graf Henckel von Donnersmarck, den Grafen lasse ich weg, der Rest ist nun mal mein Name. Aber im Alltag mache ich es mir natürlich auch leichter – wenn ich irgendwo eine Bestellung vornehme oder ein Ticket buche, dann schreibe ich nur Donnersmarck.

Und dann gibt es noch einen adligen Ehrenkodex, der immer noch beachtet werde, sagt der Cousin des Verteidigungsministers:

Sehen Sie sich den Widerstand gegen Hitler an – in dieser Gruppe gab es natürlich auch viele sogenannte Bürgerliche, aber eben doch überproportional viele Adlige. Und das hat nichts damit zu tun, dass Adlige per se anständig wären, sondern dass sie einfach wissen, wie sie geprägt wurden, welche Werte und Maßstäbe in ihren Familien seit Generationen gelten. Es gibt bestimmte Dinge, die niemand aus meiner Familie je tun oder unterstützen würde.

Deshalb kann nicht sein, dass ein Blaublütiger jemals absichtlich mit den Federn Nichtadliger sich schmücken würde.

Quelle: sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/35115/
born2bmild schrieb am 19.02.2011 um 18:36
Deshalb kann nicht sein, dass ein Blaublütiger jemals absichtlich mit den FeHLern Nichtadliger sich schmücken würde?
Bei einer Doktorarbeit, zum Beispiel?
Achtermann schrieb am 19.02.2011 um 18:54
@ born2bmild

Ich hätte dem letzten Satz eventuell beifügen sollen:

Vorsicht - Ironie!
h.yuren schrieb am 19.02.2011 um 21:43
dank für die kommentare, die wichtige ergänzungen bringen.

was ist das doch für ein schiefes demokratieverständnis hierzulande, dass so ein schwindel durchgehen kann: erblicher adelstitel abgeschafft, aber als teil des namens zugelassen?
ist die historische verbandelung von adel und krieg, die jetzt in der person des schwurbeldokters fröhliche urständ feiert und darum auch so ein herzliches echo im tiefsten seelengrund der teutonier auslöst, der blutrote faden, der die schiefigkeit der demokratischen versuche erklärt?
Hans Dirk schrieb am 19.02.2011 um 21:47
Alles gut und schön. Wieso werden dann das von Graf; Baron unter Titel in den Personalausweis eingetragen. Geben Sie sich unberechtigter Weise als Graf aus, weren Sie wegen unrechtmäßiges benutzen eines Titels belangt. Ich meine der Graf, Baron ist heute Teil des Namens, und darf dementsprechend geführt werden und ob Sie das wahrhaben wollen oder nicht, es hat noch was einen Adelstitel zu führen - es kommt meist gut an, wenn man aus gutem Stall kommt.
Achtermann schrieb am 19.02.2011 um 22:06
@ Hans Dirk

Aus der Website "Adeltstitel kaufen":

Ein Eintrag von Adelstiteln – auch echten ausländischen – in jegliche Personalpapiere ist nicht möglich. 1919 wurde durch die Weimarer Verfassung der Adel in Deutschland komplett abgeschafft. Es werden alle Deutsche ausschließlich als Bürger betrachtet.

Gibt es denn eine andere Möglichkeit?

Sie können Ihren neuen Namenszusatz "Graf von..." oder "Lord of..." verwenden, wie und wo Sie möchten (siehe "Tragen der Titel"). Ein Eintrag als echter Adelstitel ist definitv nicht möglich, aber wenn Sie Ihren neuen Titel dennoch im Ausweis lesen möchten, so gibt es da den Eintrag "Ordens- oder Künstlername"


www.adelstitel-kaufen.com/adelstitel-ausweis-eintragen.html

Ob die Seite seriös ist, habe ich nicht geprüft.
I.D.A. Liszt schrieb am 20.02.2011 um 01:08
Alles soweit zutreffend, mein lieber h.yuren, nur leider ist die demokratische Gesinnung noch viel weniger verbreitet, als Du es darstellt.

Für mich zeigt sich das daran, daß die Leiterin der Regierung der Bundesrepublik Deutschland (nur so als Beispiel genommen) in den allermeisten Fällen von Journalisten mit "Frau Bundeskanzlerin" angesprochen wird, statt mit "Frau Merkel". Natürlich ist ersteres ihr Titel, aber warum sollte man darauf so herumreiten, außer daß die Titelei einen völlig (ver-)blendete?
Was sind diese betitelten Leute in einer demokratischen Gesellschaft denn anderes als ausführende Organe des Willens des Souveräns - also, idealiter wenigstens?

Zur Herrschaft gehören doch immer zwei Seiten: die, die Herrschaft ausüben will, und die, die sich gern unterwirft. Die Vergötterung von Titelträgern ist nur einer der ersten Schritte in diesem Spiel der lustvollen Unterwerfung.
h.yuren schrieb am 20.02.2011 um 08:51
wie recht du hast, lieber ida. aber ich hab doch nur einen punkt der schleppe oder des schneckenhauses angesprochen, die oder das samt schleimspur vom heiligen römischen reich herkommt.

wenn du die anrede nimmst, dann ist auch das siezen ein produkt der alten herrschaftsverhältnisse. vor 1000 jahren gab es noch keine anrede pluralis majestatis. wohl aber längst herr und knecht.
h.yuren schrieb am 21.02.2011 um 22:03
wenn es noch eines beweises bedurft hätte...
lese ich heute aus gegebenem anlass im fokus, dass der neue münchhausen aus dem freistaat in schöner regelmäßigkeit als "Baron" apostrophiert wird.
q.e.d.
j-ap schrieb am 21.02.2011 um 22:13
Der Focus ist schon immer eine eher livrierte Zeitung gewesen. Aber schon für ganz Deutschland, immerhin.
h.yuren schrieb am 21.02.2011 um 22:34
schon wahr, lieber j-ap. war mir auch längst klar, hab das blatt nur mitgenommen, weil ichs mal mit dem aktuellen spiegel vergleichen wollte.
h.yuren
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