h.yuren

die seen gehn unter

14.02.2010 | 20:06

Olympische Kriegsspiele

die edlen griechen im alten hellas dachten nicht an ökobilanzen, viel weniger an die abschaffung des krieges. er war für sie eine kunst. (wörter wie "Kriegskunst, -ruhm, -abenteuer, -held", die gut ins alte hellas passen, stehen noch als gewöhnliche lemmata im duden. das heißt nicht, die zeit sei stehen geblieben. das zeitalter ist es.)

die mit reicher beute beladenen schiffe, die heimkehrten an die karge küste, waren blendende beweise für den "Vater aller Dinge": sklaven und andere nützliche "dinge", interessante ideen, spannende geschichten und pfiffige erfindungen.
dem "fang" der erfolgreichen seefahrer hatten die daheim gebliebenen fischer nichts gleichwertiges entgegenzusetzen.
die altgriechische kriegskultur bestimmte den alltag aller, auch derjenigen, die nicht an bord eines seetüchtigen seglers gingen.

selbst wer aktiv an den olympischen spielen teilnahm, die angeblich so heilig waren, dass während der spielzeit alle kriegshandlungen unterbrochen wurden; selbst der olympionike noch leistete kriegsdienst dem obergott zeus zu ehren.
die leibesübungen in olympia waren nämlich ritualisierte heldentaten, denen regelmäßig ein paar teilnehmer zum opfer fielen, mehr oder weniger schwer verletzt oder tot.

montaigne nannte solche "Spiele" (zu seiner zeit und in seinem milieu vor allem zweikämpfe im fechten) hirnlos und hart.
es ist nicht schwer, sich vorzustellen, welchen spielen der erste essayist heute ein entsprechendes prädikat verpassen würde.

die spiele in olympia waren nicht von ungefähr so hirnlos und hart. im ritual bewahrten sie veraltete kriegshandlungen, die durch die feier der mythischen heldentaten und das training zur vorbereitung auf den zeitgemäßen krieg nützlich waren.
es ist heute offenkundig, welchen völkerverbindenden zwecken die olympischen übungen dienten: speer- und diskuswerfen, ringen, faustkampf, rennen etc.
in der phalanx der hopliten spielten diese disziplinen wohl keine rolle mehr, aber auf körperkraft, geschicklichkeit und nicht zuletzt auf kämpferische haltung kam es noch immer an.

so war es denn auch kein zufall, dass die imperialistischen europäer im industriezeitalter sich auf die schönheit der spiele in olympia besannen, sie aus der versenkung hervorzerrten und glanzvoll wiederaufführten, nicht ohne die eine oder andere angemessene neuerung wie etwa das schießen mit feuerwaffen einzuführen.
medien und menschen sollten sich nicht über die dopingserien in olympia und allgemein im sport ereifern. nicht doping ist der skandal. das fällt vielmehr in die rubrik tricks und listige techniken, die immer zum krieg und seiner kultur gehören. die spiele selbst sind der skandal, der kampf. nicht die vorsätzliche körperverletzung beim boxen, der sport als paramilitärische übung.

im einzelfall der durchführung erhalten die olympischen spiele eine zusätzliche ladung an hirnlosigkeit und härte. die gegner der internationalen wettkämpfe jetzt vor ort im kanadischen vancouver werfen den veranstaltern vor, sehr viel geld zu verschwenden und durch die bautätigkeit das gebiet der "first nation" oder der ureinwohner zerstört zu haben.

 
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Kommentare
nuntius schrieb am 15.02.2010 um 06:07
Hallo,
sehr interessante kurven durch die Historie, nur der Sinn geht mir nicht auf. Das die Grundlage jedes Sports die Körperertüchtigung ist mir schon klar, dsa diese der Kriegsführung dienen kann auch, das dieses zwingend erforderlich sein soll nicht. Das die olympischen Spiele ein großes kommerzielles Spektakel ist, ist mir auch klar, das Doping Ergebnisse verfälscht auch. Das sich ökologische Konsequenzen ergeben auch. Trotzdem sehe ich keinen realistischen Grund keine Spiele stattfinden zu lassen. Wenn man sich alles was mal mißbraucht werden könnte oder wird verkneift, kann man auch gleich alles seien lassen. Dann macht selbst Frieden keinen Sinn.
Tschüß
h.yuren schrieb am 15.02.2010 um 11:24
hallo nuntius,
was für einen sinn das treiben im schnee von vancouver macht, weiß ich nicht; für mich keinen, für die teilnehmenden aktiven und deren begleiter schon, sonst wären sie nicht dort. manchen im publikum wird der spaß des zuschauens mehr oder weniger verdorben durch doping und reklame. vielleicht auch durch den sichtbaren versuch, das nationalgefühl zu mobilisieren.

mir geht es um etwas ganz anderes:
der historische ursprung der olympic games in althellas war das ritual der kriegshelden. körperertüchtigung war seinerzeit noch kriegsentscheidend. speere möglichst weit werfen zu können z.b.
in olympia wurde das kriegsheldentum der altvorderen im ritual der "spiele" wiederbelebt und gefeiert.
heute spielt die physische fitness im krieg nicht mehr die herausragende rolle. aber der kampfgeist der "spiele", das gegeneinander ist so geistvoll wie das kopfstoßen der steinböcke, der hirsche etc. es ist wie der karneval eine primitive veranstaltung zur freude genügsamer gemüter. wenn jugendliche ihre kräfte messen oder wenn kinder sich verkleiden, finde ich das angemessen. die heranwachsenden müssen, wenn auch verkürzt, die geschichte der menschheit wiederholen. sie wachsen dadurch. aber die erwachsenen sind schlicht auf einer frühen stufe hängen geblieben.
das hat folgen für die gesamtgesellschaft. welcher karnevalist ist nicht gedopt durch alkohol? die sogenannte trinkkultur darf sich austoben und neue opfer finden.
im national aufgezogenen olympiasport ist das ereignis staatlich gefördert, weil es dem gemeinwesen nützt, das gefühl der nationalen stärke gegen andere zu üben - für den fall, der verharmlosend 'ernst' genannt wird.
montaigne nannte das treiben wie gesagt "hirnlos und hart". wenn olympia und karneval so zum gesellschaftlichen ereignis gepusht werden, ist das ein deutliches zeichen für die hirnlosigkeit und härte der gesellschaft. die gesellschaft ist nicht erwachsen. nicht reif. von vernunft und gewissen (siehe art. 1 der erklärung der menschenrechte) gar nicht zu reden. das höher, schneller, weiter findet dann auch jeden tag im betrieb, auf der straße, in der schule usw. statt.

vielleicht ist es mir gelungen zu zeigen, was für einen sinn ich im olympiafeuer sehe.
I.D.A. Liszt schrieb am 16.02.2010 um 01:27
Auf das antike Griechenland ist sicher auch der Slogan Sport ist Mord gemünzt.
h.yuren schrieb am 16.02.2010 um 08:39
auf den sport heute ist gewiss der text im lied von rainhard fendrich gemünzt: "Es lebe der Sport!"
das müsste jetzt als begleitmusik zu den olympic games auf allen sendern laufen. aber da werden vor allem die deutschen leistungen und medaillen gefeiert. wie das wohl kommt??

was die ollen hellenen betrifft, haben die den zirkus angefangen: als abfallprodukt unablässiger kriegseinsätze. die weihe der für die götter zuständigen war wie üblich auch schon dabei. heldenkult inclusive.
Lethe schrieb am 22.02.2010 um 10:29
die Römer waren diesbezüglich ehrlicher, "Brot und Spiele" diente ohne jede Verbrämung der Ruhigstellung des Plebs, des "Prekariats", wie man heute sagt. An der Funktion hat sich nichts geändert, nur die Ehrlichkeit musste im Gang der Zeit einer "differenzierteren Betrachtungsweise" weichen.

Ich sehe jedenfalls bei Olympia nicht den Zweck der subtilen Kriegsverherrlichung, Olympia ist, wie alle internationalen Wettbewerbe, Stellvertreter-Krieg, zumindest wird es in der nationalen Berichterstattung dazu gemacht. Und als solcher dient es der Unterhaltung, also der Ruhe im Staate, prinzipiell nichts anderes als ein DSDS auf internationaler Ebene.
h.yuren schrieb am 22.02.2010 um 18:14
großes einverständnis, lieber lethe.
altrömisch ist bei uns speziell so manches. angepasst ans klima bei uns findet der zirkus im wohnzimmer statt.
die nationale anspannung und aufrüstung des nationalgefühls via medaillenspiegel und farben fällt mir auf. das ritual des urkriegs dient dem krieg, ist aber noch kein krieg.
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