h.yuren

die seen gehn unter

14.08.2009 | 21:50

"Schutztruppe"

seit einigen jahren ist in den nachrichten mit schöner regelmäßigkeit vom einsatz der bundeswehr als «Schutztruppe» die rede. das schutz verheißende wort wird gebraucht, als wäre sein sinn klar und unbedenklich, eben nur gutes deutsch im gegensatz zu isaf und ähnlichen kürzeln.
dabei unterstellen die macher der meldung dem publikum ein unterentwickeltes sprach- und geschichtsbewusstsein. oder aber (was die sache nicht besser macht) sie verraten ihr eigenes defizit; andernfalls würden sie die deutschen soldaten «out of area» in afghanistan, im zerschlagenen jugoslawien oder anderswo als imperialistische kolonialtruppe denunzieren; denn schutztruppe ist ja kein neues wort; es war zu kaisers zeiten die schönfärberische bezeichnung jener uniformierten, die in den deutschen "Schutzgebieten", sprich: kolonien, für preußische ordnung sorgten, besonders gründlich beim herero-aufstand in deutsch-südwest, heute namibia.
die nazis nannten in der nämlichen sprachtradition ihre schutzgebiete in ost-europa latinisiert «Protektorate» und ihre speziellen einsatzkräfte «Schutzstaffeln», besser bekannt in der kurzform «SS».
dudens nannten und nennen das lemma schutztruppe noch «historisch»:
"(hist.) Kolonialtruppe in den deutschen Schutzgebieten."

merke: die produktivität von "schutz"-wörtern ist verräterisch; sie markieren tabuzonen, sollen in sicherheit wiegen, wo gefahr droht. vom naturschutz hören wir seit hundert jahren, sogar vom luftschutz war/ist die rede, das neueste beispiel aus der schutzwortkiste ist der klimaschutz.

 
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Kommentare
kroelle schrieb am 15.08.2009 um 14:43
Ein treffender Kommentar, wenngleich ich nicht so weit gehen würde, Natur- oder Klimaschutz mit in den Diskurs zu nehmen.

Längst hat sich die Semantik zur Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln entwickelt. Die immer wieder aufkommende Diskussion um "Krieg" oder "Einsatz", "gefallen" oder "umgekommen" in Afghanistan ist nur ein Beispiel dafür. "Schutztruppe" ein weiteres - in meinen Augen ein Oxymoron. Genauso wie eine militärische Friedensmission. Eine Truppe kann nichts beschützen, außer vielleicht die Pfründe derer, die sie entsendet. Schon die bloße Anwesenheit von Militär zieht Gewalt und damit Unsicherheit an.
h.yuren schrieb am 15.08.2009 um 18:22
danke, kroelle, für deine zustimmung.
den natur- und klimaschutz etc. habe ich als beispiele gebracht für die tatsache, dass schutz-wörter indikatoren dafür sind, dass etwas im argen liegt, in diesem fall mit der natur bzw. dem klima. der naturschutz kam auf als idee, als die industrie unübersehbar schaden anrichtete. das war zwar in früheren zivilisationen auch passiert (entwaldung), aber nicht so global und nicht so giftig wie die bleivergifteten kinder in china (heute in den nachrichten) bezeugen.
der übergeordnete diskurs ist der krieg gegen mensch und erde.
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