h.yuren

die seen gehn unter

08.02.2012 | 15:58

Seezeichen

ging gestern, am kältesten tag des jahrs, am see entlang, der weißen fläche mit den rätselhaften dunklen streifen wie breiten schleifspuren darauf. das waren die narben von rissen und sprüngen im eis, das unter hoher spannung stand. der druck zerbrach nicht nur die eisdecke, er rief auch klänge hervor, die selten zu hörende eismusik.

es war, als ächzte und stöhnte der see unter den hebeln und schrauben, die der frost nach sonnenuntergang immer fester anzog. die laute des sees unter der wucht der eislast erinnern an walgesang. mal ist es ein dumpfes glucksen nur. mal hört es sich an wie eine schwere kugel, die weithin übers glatte eis rollt; väterchen frost beim kegeln. mal stöhnt der see plötzlich diphtongisch auf wie ein englishman, dem jemand aufs hühnerauge tritt. und dann wird es droste-hülshoffs schaurig von den, wie vom eis und wasser gewürgten rufen der im see ertrunkenen.

weiß der see, so weiß und geknebelt er da liegt, etwa mehr als das meer und die pythia im dampf delphis, dass es dunkel, nur für kenner verständlich, ungutes zum schuldensumpf munkelt? kalt wars am in schüben aufjaulenden see.  

 
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Kommentare
SuzieQ schrieb am 08.02.2012 um 21:59
Die selten zu hörende Eismusik ...

Ich hab sie im kleinen in einer metallenen Schubkarre, das Eis 'lebt', im klaren Frost knackt es, dehnt sich, kratzt sich an Grenzen, dann kommt die Sonne, nimmt die Härte, verflüssigt am Rand, die nächste Nacht formt ein neues Bild, eine neue Melodie.

Gefrorene Seen werden okkupiert von Schlittschuhläufern, meine Schubkarre zeigte nach Schneefall Vogelfußspuren.
Weit und breit kein Läufer.

Dabei isses nur der etwas andere Aggregatzustand von Hazweioh.
h.yuren schrieb am 08.02.2012 um 23:36
weiß nicht, suziehq, wie die eismusik, die ich gehört, aus einer kleinen schubkarre kommen soll. habe zweifel. der lautsprecher ist viel kleiner, die musik entsprechend insektischer oder so.
der see, den ich meine, ist zu tief und zu entlegen für schlitterer. "Weit und breit kein Läufer."
ich weiß, dass es mehr ist als nur der andere aggregatzustand von ha2ooh. es sind wie gesagt gewaltige kräfte im spiel. der see ist ca. 15 m tief und 1 km lang, 0,5 km breit. und der etwa gleichgroße nachbarsee schickt auch seine klagen über die kälte herüber.
gibts nur in strengen wintern zu hören.
Georg von Grote schrieb am 08.02.2012 um 22:36
Das Meer spricht. Es spricht mit Dir. Du musst es nur verstehen.

Manchmal besänftigt es Dich, schlummert Dich ein. Du träumst.
Wirst unvorsichtig, vielleicht.
Aber wehe, da Meer mag Dich nicht mehr und wird böse. Richtig böse.

h.yuren schrieb am 08.02.2012 um 23:47
danke für die orkanmusik, georg.
allerdings ist das ein kontrastprogramm. nicht der ansatz oder die erinnerung an eine welle, wenn das eis alles verriegelt hält. auch kennt die eismusik keine fanfare. naturmusik pur. wenn der panzer von 1 km eisdecke sich zu bewegen versucht, mit langen pausen, urmusik. du hast es wahrscheinlich noch nicht gehört oder?
Georg von Grote schrieb am 09.02.2012 um 00:48
Das Eis knistert, knackt, knallt wie Schüsse. Auch das Eis spricht mit uns.
Wir haben nur vergessen uns wieder hinzusetzen, ans sichere Ufer und zu lauschen und zuzuhören.
h.yuren schrieb am 09.02.2012 um 08:57
lieber georg, ans ufer des zugefrorenen sees bei minusgraden sich zu setzen, ist vielleicht nicht die beste idee. aber das eis des sees knackt nicht, keine mechanischen takte oder schüsse, sondern wie walgesang eher naturmusik der ungewöhnlichen art.
fahrwax schrieb am 09.02.2012 um 14:05
"weiß der see, so weiß und geknebelt er da liegt, etwa mehr als das meer und die pythia im dampf delphis, dass es dunkel, nur für kenner verständlich, ungutes zum schuldensumpf munkelt? kalt wars am in schüben aufjaulenden see".

Der See weiß bestimmt mehr, aber er meidet die Panik erzeugende Wahrheit?
www.rottmeyer.de/jim-sinclair-die-drohende-nicht-erklarte-insolvenz-von-funf-systemrelevanten-us-banken/
h.yuren schrieb am 09.02.2012 um 15:57
panik ist unerwünscht, weil unabsehbar in den konsequenzen.

aber ja, fahrwax, warum sollte der see weniger wissen als die spatzen, die es ja längst von den dächern tschilpen.
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