h.yuren

die seen gehn unter

25.04.2010 | 11:35

Teutonische Verhältnisse

im wikipedia-artikel zur person aygül özkan wird es als "Selbstverständlichkeit" bezeichnet, dass die designierte ministerin in einem interview gesagt hat, kruzifixe (und auch kopftücher von lehrerinnen) hätten in öffentlichen schulen nichts zu suchen.
aygül özkan ist juristin, und juristisch ist ihre äußerung tatsächlich eine selbstverständlichkeit; denn das bundesverfassungsgericht und nun auch der europäische gerichtshof für menschenrechte haben ausdrücklich die neutralitätspflicht des staates in religionsdingen unterstrichen und sich klar gegen religiöse symbole in staatlichen einrichtungen ausgesprochen.

nun ist aber das fundament der grundrechte und der verfassung die europäische aufklärung, wohingegen die verfechter der teutonischen leitkultur auf den muff von tausend jahren unter den talaren schwören. so sieht ein südstaatler "unsere Identität und unsere Werte" gefährdet durch aygül özkans forderung. und der ministerpräsident von niedersachsen sieht sich genötigt, sich öffentlich von seiner eben erst von ihm selbst berufenen kabinettskollegin zu distanzieren.

was sind das für verhältnisse, wo das aussprechen einer selbstverständlichkeit solche reaktionen auslöst?!
wie herrlich weit haben wir teutonier es doch gebracht, dass ein einwandererkind uns sagen muss, was rechtens ist! hat diese angelegenheit nicht eine verfluchte ähnlichkeit mit der situation in andersens märchen, wo ein kind den kaiser nackt sieht und das auch zu sagen wagt?

was kennzeichnet schließlich die verhältnisse in diesem land besser, als die tatsache, dass frau özkan nach mehreren drohungen offiziell personenschutz erhält, bevor sie ihr ministeramt übermorgen antritt.

 
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Kommentare
Zachor! schrieb am 25.04.2010 um 12:00
"was sind das für verhältnisse, wo das aussprechen einer selbstverständlichkeit solche reaktionen auslöst?!"

traurige...
Fritz Teich schrieb am 25.04.2010 um 12:04
Wie man es durchsetzt ist aber offen. Kann ja mal ein Niedersachse klagen. Wie halten es denn die Bayern? Ich kann die Kritik an ihr gut verstehen. Atatuerkin eben, jede Art von Massaker geht schnell von der Hand.

Kopftuch und Kreuz an der Wand sind uebrigens nicht das gleiche, das Kopftuch ist einfach ein traditionelles Kleidungsstueck, was immer Politiker behaupten.
Fritz Teich schrieb am 25.04.2010 um 12:09
Interessant ist hier das Verhaeltnis von objektivem Recht und subjektiven Rechten der Eltern. Solange sich niemand aufregt ist IMHO alles in Ordnung. Vielleicht finden andere die Kreuze gut.
Fritz Teich schrieb am 25.04.2010 um 12:16
<<
traditionelles Kleidungsstueck,
>>

wie der schoene Fez, der traditionelle Hut. Hoffe, dass die Tuerken den wieder gesellschaftfaehig machen. Am Fez sieht man besondern deutlich, dass es nicht um Religion, sondern allgemein um das Abschneiden alter Zoepfe ging. Mode geht den Staat aber nichts an. Wie lange Haare usw...

Interessant allein, dass die weibliche Kopfbedeckung thematisiert wird, die maennliche aber nicht. Ich hab genuegend Kopftuchtraegerinnen kennengelernt um behaupten zu koennen, dass es um die Unterdrueckung der Frau nicht geht. Im Zweifel sind die Kopftuchtraegerinnen die intelligenteren.
h.yuren schrieb am 25.04.2010 um 22:04
lieber fritz, vielleicht überlegst du das nächste mal etwas länger, bevor du deine kommentare ablieferst...
Rahab schrieb am 25.04.2010 um 14:23
ganz ehrlich: ich finde die vorstellung von kopftüchern und dergleichen, welche auf staatliche verordnung hin in öffentlichen gebäuden (schulen inklusive) an die wände genagelt werden, saukomisch. mindestens.

ich wünsche mir allerdings, die menschen inklusive designierter minister_innen lernten endlich zwischen der neutralitätspflicht des staates und den menschen zu unterscheiden.

also zweifle ich zuweilen am verstand derer, welche in einer lehrperson den staat sehen.
h.yuren schrieb am 25.04.2010 um 22:09
zur saukomik muss ich nichts mehr sagen, rahab; das galt dem fritz.

woran machst du fest, dass frau özkan den unterschied nicht versteht?
und wer hat eine person für den staat gehalten außer louis XIV ?
Rahab schrieb am 25.04.2010 um 23:49
na ja, h.yuren
ich war erst nicht sicher, wer da welchen unterschied nicht versteht. nachdem ich nun aber in den focus-artikel reingeschaut habe, denke ich, dass auch frau Özkan mit dem unterschied zwischen kruzifix an wand und tuch auf kopf nicht so ganz klar kommt.
dabei ist das, wenn sie sich an der rechtsprechung des BVerfG orientiert, eigentlich ganz einfach.
zum kruzifix hat das BVerfG gesagt, der staat hat wegen seiner neutralitätspflicht das anbringen von kruzifixen zu unterlassen. zum kopftuch hat das BVerfG gesagt, dass der staat dieses in schulen auf kopf von lehrerin wegen des eingriffs in persönliche (grund- bzw. menschen-)rechte nicht einfach so verbieten könne, sondern nur aufgrund eines gesetzes - und, hat das BVerfG weitergesagt, ob und in welcher form der staat ein solches gesetz erlasse, das solle er sich gut überlegen.

manche leute meinen nun allerdings, die neutralitätspflicht des staates in religiösen angelegenheiten gehe so weit, dass menschen (in allen möglichen tätigkeiten) genauso neutral wie der staat sein müßten. diese auffassung halte ich bekanntlich für falsch. ich glaube nämlich, dass eine lehrerin mit kopftuch mathematik nicht wesenhaft anders unterrichtet als eine lehrerin ohne.

mir ist allerdings auch klar, dass frau Özkan die schelte nicht dafür bekommen hat, dass sie keine kopftücher in klassenzimmern haben möchte.
Technixer schrieb am 25.04.2010 um 22:01
"was sind das für verhältnisse, wo das aussprechen einer selbstverständlichkeit solche reaktionen auslöst?!"

das Heucheln eines säkularen Staates.

Nur was wäre, wenn die CDU/CSU sich auflösen müssten um eine Trennung zu gewährleisten?
oder alle die einen Glauben haben, nicht mehr in Entscheidungsgremien sitzen dürften (Ethikrat)? Wir hätten das Problem, dass die größten gesellschaftlichen Gruppen keine Lobby mehr haben (den Begriff Lobby bitte nicht als negativ betrachten).

Teile des Grundgesetzes sind eben Makulatur, wo der Wunsch Vater des Gedanken war.
h.yuren schrieb am 25.04.2010 um 22:19
ich finde es interessant und in ordnung, dass jemand daran erinnert, was im grundgesetz steht, statt es in teilen für makulatur zu erklären, lieber technixer.

heuchler ins gehörige licht zu setzen, ist doch schon was, meine ich.

wunschdenken ist ein typisch teutonisches lemma. den größten anteil an der erklärung der menschenrechte hatten aber die französischen aufklärer.

was den sitz in entscheidungsgremien betrifft: verfassungsfeinde sollten keine stimme haben oder?
Rahab schrieb am 26.04.2010 um 16:41
um auf deine frage
"und wer hat eine person für den staat gehalten außer louis XIV ?"
zurückzukommen.... heute las ich, dass unser bundesinnenminister genau dies für möglich hält.
quelle: www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/innenminister-will-haertere-strafen/
und nach lage der dinge (verlautbarungen) ist er nicht der einzige.
h.yuren schrieb am 26.04.2010 um 21:46
tja, rahab, es gibt ziemlich viele teutonier, die noch immer im heiligen römischen reich deutscher nation leben (möchten), und da versteht es sich doch eigentlich von selbst, dass das allerverehrungswürdigste heilige sakrosankt ist.

wahrscheinlich hast du es auch längst gehört/gelesen, dass die dame umgefallen ist. bevor sie morgen vereidigt wird, hat sie sich artig entschuldigt und mit dem chef ins gleiche horn getutet. wer ihr dabei in einem schnellkurs hilfestellung geleistet hat, ist nicht ans licht der öffentlichkeit gelangt. mixa war es bestimmt nicht.
Rahab schrieb am 26.04.2010 um 21:55
irgendwann im lauf des tages habe ich auch gehört, dass das kreuz zur identität der hiesigen kultur gehöre. seitdem bin ich am grübeln, wie die kultur das hinkriegt, mit sich identisch zu sein ... obwohl ... stell dir mal vor, was passiert, wenn die kultur ne identitätskrise kriegt...
h.yuren schrieb am 26.04.2010 um 22:03
kennst du denn nicht die redewendung: es ist ein kreuz mit der kultur?
die krise hat schon gut angefangen.
Rahab schrieb am 26.04.2010 um 22:12
ab jetzt heißt das: es ist ein kreuz mit der identität der kultur.
h.yuren schrieb am 26.04.2010 um 22:32
welche kultur meinst du eigentlich, rahab?

ich unterscheide die folkloristische streng von der weltkultur der aufklärung. hierzulande herrscht eine mischform vor, die es nach der reinen lehre eigentlich gar nicht geben dürfte. das kann auf die dauer nicht gutgehen.
hibou schrieb am 27.04.2010 um 06:59
danke. yuren! hab erst geschrieben und dann gelesen und auch nen blog dazu verfasst... sorry.. aber vielleicht haelt doppelt gemoppelt? rahabs kommentare sind wie immer bedenkenswert (bis auf das annageln von kopftüchern, das ist ablenkung, sie weiss genau, dass es darum nicht geht...)
Rahab schrieb am 27.04.2010 um 07:17
annageln von kruzifixen auf köpfen wäre in ordnung?
hibou schrieb am 28.04.2010 um 07:25
du rabulistin :-)
Rahab schrieb am 28.04.2010 um 07:50
ich wollt, es wäre nur rabulistik - ist aber auch schon vorgekommen
hibou schrieb am 28.04.2010 um 07:27
Kruzifix!

kannst mich ma kreuzweise!

zu Kreuze kriechen

es ist ein Kreuz (mit der Kirche)

(wo ein Kopf ist, da ist auch ein Tuch)
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