h.yuren

die seen gehn unter

10.01.2010 | 13:22

Wie meinen?

der freitag ist laut untertitel ein "Meinungsmedium". wer hat sich das nur ausgedacht? ein/e marketingmann/frau? oder auch ein/e medienexperte/in?

wer mal im Hyde Park war, kennt auch bestimmt die haltestelle Hyde Park Corner und die ecke im Hyde Park, die Speakers' Corner heißt. dort werden seit generationen meinungsäußerungen getätigt. jemand hielt, als ich vor jahrzehnten mal da war, ein schild mit der deutlich eigenhändigen beschriftung hoch: "The End is at Hand."                        etwas weiter redete jemand vor einer kleinen schar zuhörer/innen, die er überragte, weil er auf einer mitgebrachten kiste stand. jede/r hat hier das recht, seine meinung frei kundzutun. nur die Royal Family ist tabu.
der genius loci ist ganz besonders, wenn man so will, beharrlich wie die traditionen allgemein und in britannien ganz besonders. vor langer zeit standen dort galgen, bei denen die zum tode verurteilten noch unmittelbar vor ihrer hinrichtung ein wort an die versammelten richten durften.

heute ist Speakers' Corner durchs internet in den schatten gestellt. man braucht zwar immer noch eine kiste (=pc), um besser gehört zu werden, aber mensch kann jetzt nach herzenslust bei tag und nacht, bei regen und schnee bequem und getarnt durch den nickname seine eingebungen loswerden. und die queen und ihre family sind auch nicht mehr tabu.

Speakers' Corner und netzgeschwätz standen und stehen irgendwie ansehnlicher und respektabler das parlament und die journalistisch geführten medien gegenüber. schon durch ihre altehrwürdigen traditionen haben sie einen höheren anspruch als die stimmen aus dem underground. obschon - auch in parlamenten und zeitungen wie in funk- und fernsehprogrammen sind die meinungsäußerungen dominant bis in die nachrichten hinein. sie werden lediglich ordentlich frisiert vorgetragen. aber wichtiger als unterscheidungsmerkmal ist der hohe grad der organisation.

der freitag möchte erklärtermaßen ein medium sein/werden, in dem oben und unten, sozusagen Speakers' Corner und British Parliament durchlässig erscheinen und gemeinsam operieren. das heißt, online- und printausgabe der zeitung verschmelzen möglichst weitgehend. was natürlich eine zumutung ist für den stand der gestandenen journalist/innen an bord.
aber das konzept ist eben grunddemokratisch und daher auch irgendwie links. denn der einzige vorzug der demokratie vor allen anderen herrschaftsformen ist doch die möglichkeit, dass die befindlichkeit der schlechter gestellten oder der im regen stehenden eine stimme hat, die in den abgehobenen kreisen der gesellschaft gehört/wahrgenommen wird. (wo geheimdienste den job machen, ist die nachricht nicht authentisch, womöglich sogar verfälscht.)

2 dinge bleiben bei dieser bemerkenswerten veranstaltung außen vor:
a) die (klassen)struktur der gesellschaft bleibt unangetastet (sie ist ja die bedingung der notwendigkeit durchlässiger verhältnisse für die berichterstattung)
b) die stimme der kritischen wissenschaft, notwendiger gegenpart zum bloßen gemeine und gewolle, hat aus technischen gründen (noch) kein ressort.

das korrektiv der wissenschaft ist auch im parlamentarismus nur schwach ausgebildet in gestalt der beiräte und kommissionen (ohne sitz und stimme). erst recht fehlt der "freien" forschung und wissenschaft ein korrektiv. es fehlt in parlamenten und medien. das unabhängige urteil über die planungen und zielsetzungen der wissenschaft und wirtschaft kann nur von lebenserfahrenen und nachweislich ethisch herausragenden persönlichkeiten erwartet werden. nennen wir das gremium ohne namen vorläufig den "Rat der Weisen".

wenn das laufende projekt des freitag die ersten drei jahre erfolgreich gelaufen sein wird, warten bereits neue aufgaben.   

 
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Kommentare
born2bmild schrieb am 10.01.2010 um 15:49
Medium, jemand, der für Verbindungen zum übersinnlichen Bereich besonders befähigt ist. (Duden)

"wenn das laufende projekt des freitag die ersten drei jahre erfolgreich gelaufen sein wird, warten bereits neue aufgaben."

Stühlerücken?
h.yuren schrieb am 11.01.2010 um 17:44
lieber born2bmild, dudens haben eine starke neigung hin zu parapsychologischen und ähnlich übersinnlichen dingen. du hast dir das vorvorletzte herausgepickt, was dudens zum lemma medium schreiben. der übernächste eintrag ist auch nicht schlecht in dieser hinsicht: medium coeli (astrol.).
dudens machen ein teutonisches wörterbuch. das ist nicht zu übersehen.
mir dagegen gehts in meinem blog ums "meinungsmedium" freitag, dem ich solche neigungen wie den dudens nicht nachsagen möchte.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 11.01.2010 um 11:07
Ein wunderbar gelassener Beitrag zur Meinungs- und Pressefreiheit in der Klassengesellschaft. Da überrascht fast nicht einmal mehr, dass nach dem letzten Wort vormals gleich der Galgen kam.
Und es war ja immer nur eine kleine Ecke, die der kritischen Wissenschaft eingeräumt wurde. Und bei Bedarf wurde sie wieder ausgeräumt. -
Aber: Nur meine Meinung. Entschuldigung. Ist doch nur meine Meinung. Ich mein ja nur ... ja, kann man auch anders sehen, ich meine aber ... was meinst du ...
h.yuren schrieb am 11.01.2010 um 17:47
ganz deiner meinung, lieber rainer. und danke fürs wohlwollende lob obendrein.
fruehauf schrieb am 19.01.2010 um 04:55
"Das unabhängige Urteil", "Rat der Weisen"; "absolute Ethik" als Ethik u.a. der "Wahnfreiheit" - mich gruselt. Wer ist unabhängig, wer definiert Wahn und Wahnfreiheit (wer definiert Gewalt)?
h.yuren schrieb am 19.01.2010 um 09:29
in teutonien ist so einiges zum gruseln, fruehauf. denn hier hatte es die aufklärung von anfang an und bis heute schwer.
aber dein nick zeigt eine affinität zur aufklärung (während das schwärmen für den sonnenuntergang den romantikern vorbehalten ist).
aufklärung und wahn vertragen sich gar nicht, das ist lange tradition und grundsätzlich so. vor über 200 jahren nannte man das den kampf gegen vorurteil und aberglauben. wissenschaft hat inzwischen das eine oder andere entnebelt und geklärt. aber aufklärung bleibt eine, nein, die unendliche aufgabe, weil mensch nie den restlos klaren durchblick haben kann. außerdem erfinderisch ist und neuen wahn produziert. doch eigentlich ist der ökonomische wachstumswahn etwas uraltes in neuem gewand. in der sogenannten steinzeit schon setzte mensch auf wachstum, vor allem auf das der eigenen sippe.
letzten endes ist unser ich-bewusstsein ein wahn, ohne den wir aber nicht funktionieren.
die "absolute Ethik" ist von albert schweitzer so benannt worden (s. mein blog "Ahimsa").
der "Rat der Weisen" ist ein wenig arg in mode. sogar die eu hat einen. so ein gremium kann man auch anders nennen. das ist definitionssache.

beim wort "gruseln", das nicht zu meinem aktiven wortbestand gehört, erinnere ich mich an das märchen "Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen". manche mögens gruselig. mir reicht die realität.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 19.01.2010 um 09:56
speaker´s corner - schönes Bild!
Hab so einen im Hyde Park auch mal gesehen, unterhaltsam aber auch irgendwie merkwürdig, vor allem wenn es in Richtung Predigt geht.
h.yuren schrieb am 19.01.2010 um 10:24
so was hat ventilfunktion, weiter nix, liebe feli.
heute hat jeder flecken im land seine corner, wo sich jugendliche mit sprühdosen und eddings austoben, z.b. oft unter brücken.
einmal hab ich es aber erlebt, dass ein erwachsener mann im vorgerückten mittelalter plötzlich auf der belebten innenstadtstraße anfing laut zu reden. an den inhalt seiner rede kann ich mich nicht erinnern.
ob und, wenn ja, wie betrunken er war, weiß ich auch nicht.
wir sind hier jedenfalls in guter gesellschaft.
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