16,99 Euro sind ein stolzer Preis für ein paar Elektronen, aber sei es drum, Miriam Meckels "Next" quält sich in eBook-Form durch eine alte Kupferleitung und das heimische WLAN in mein neues "Kindle"-Lesegerät. Die Autorin verspricht "Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns", in der arrogante Algorithmen weltweit die Macht übernommen haben und die letzten Menschen als verdrahtete Gehirne in konzerneigener Nährlösung herum dümpeln. Doch der Kulturpessimismus ist nur ein oberflächlicher.
Das dem Buch voran gestellte Fließschema zeigt wahrscheinlich einen Algorithmus aus Marketing-Zusammenhängen, mglw. aus einem aufgeblasenen Webshop. Das digitale Früchtchen bespitzelt anscheinend Besucher, um ihnen dann um so besser irgendwelchen Krimskrams aufs surfende Auge drücken zu können. Sämtliche Bestandteile besagten Schemas tauchen als Kapitel-Überschriften in Meckels Roman auf, allerdings wild springend, wohl um Sinnzusammenhänge zu verschleiern. Das Inhaltsverzeichnis wirkt wie der Stichwortzettel eines faulen Hochschullehrers, der diesen dann in stundenlangen Vorlesungen abarbeitet. Dank umfassender Halbbildung und eines überbordenden Selbstbewusstseins braucht er bzw. sie dazu nur diese Stichwörter.
Algorithmen sind als schrittweise Handlungsvorschriften zur Problemlösung definiert. Vorbild der unsympathischen Meckelschen Wesenheiten ist erklärter Maßen jener Algorithmus, der im Mai 2010 den globalen Hochfrequenz-Aktienhandel durcheinander brachte - eigentlich ein nützlicher Bursche, der längst wieder auf neoliberale Linie getrimmt wurde. Doch Meckels Schreckgespenster sind eher die hässliche Fratze von Facebook, evil Google und die postprivacy-Kampagnen globaler buzzword-Schleudern. Da mag die geneigte Gänseblümchen-Teetrinkerin ein ganzes Stück mitgehen, jedoch was sind die Rahmenbedingungen dieser "Zukunft ohne uns"? Francis Fukuyama hat anscheinend doch noch gesiegt, nach dem Ende der Geschichte herrschen die digitalen Kreaturen der Finanzindustrie, und in den riesigen Gehirnbanken liegen die Hirne von Einstein und Dieter Bohlen einträchtig neben denen von US-amerikanischen Konzernsöldnern und mangelernährten Nordkoreanern. Eine wahrhaft dystophische Vorstellung und doch eine mögliche Zukunft. Quälend auch die dauernde Verwendung der Wörter "System" und "Systemzeit" - man fühlt sich an braune Propaganda erinnert.
Der Text wurde anscheinend zuerst in amerikanischem Englisch niedergeschrieben, im Nachwort bedankt sich Meckel bei einem Übersetzer. Doch der konnte den Mangel des Textes an Neugier und die fehlende Offenheit auch nicht mehr beheben. Wer etwas über digitale Wesenheiten erfahren möchte, kommt um die Lektüre der Cyberpunks nicht herum. Johnny Mnemonic wäre schon etwas eingefallen, wenn sich die Matrix derart daneben benehmen würde. Und die Koda hätte dem Cyberspace längst ein paar scharfe Wurfsterne spendiert. Verglichen mit den Texten der Gibson & Co. ist Meckels Buch nur eine teure Verschriftung von Talkshow-Geplapper und ideologischem Klassenkampf von Oben.