hadie

Saalewelle

28.04.2011 | 10:09

Frag den Mond

Kürzlich waren wir in der Kantine des MDR-Hörfunks in Halles Gerberstraße. Der Dussmann-Fraß dort ist zwar eher mies, aber die Preise sind noch erträglich. Die Bedienung an der Essentheke war freundlich und stellte auch Speisen nach Wunsch zusammen. Nur die anderen Gaste waren irgendwie seltsam, fast ausschließlich schlanke Männer um die Dreißig mit vollen, dunkelen, kurz geschnittenen Haaren, die den Kopf schief hielten. Anscheind fand hier ein Klaus-Kleber-Ähnlichkeits-Wettbewerb statt? Meine Begleiterin fühlte sich fast körperlich unwohl und steuerte zielstrebig nach draußen vor das Lokal. Dort waren wir alleine, weil unmittelbar nebenan ein Schiffscontainer-großes Notstrom-Dieselaggregat wummerte. Wegen der Baustellen ringsum haben die Rundfunk-Gewaltigen anscheinend Angst, vom Stromnetz getrennt zu werden. Vielleicht auch, weil jetzt ein paar Atomkraftwerke weniger am Netz sind. Die Erbsen waren hart, der Reis fast roh. Und die Raucher vor der Tür sahen doch sämtlich wie Steffen-Seibert-Clone aus! Die haben es schon nicht leicht, müssen gleich drei CDU-Landesregierungen zu Willen sein.

Staus und Blitzer bundesweit,
mit dem Jump-Radioguide!

Da rollen sich einem doch die frisch gepflegten Fußnägel! Und seit im Brandenburgischen dieser Fernsehturm gebrannt hat, gibt es hier nicht einmal mehr RBB-Radio-Eins auf UKW. Meine Begleiterin hört auf Arbeit nur noch französische Pop-Wellen im Web-Radio: Littoral FM, Flor FM, Magnum la Radio. Wenn man sich einmal an die enge Titel-Rotation gewöhnt habe, sei das sehr angenehm.

Inzwischen kann ich dies bestätigen, die Franzmänner sind eher wortkarg und haben eine Quote für französisch-sprachige Musik. Und ich habe wieder Lieblingssongs, gerade sind es LES ENFOIRES mit "On demande pas la Lune". Den Namen der prominent besetzten Kapelle müsste man wohl mit "die Verarschten" übersetzen, genau mit der vulgären Grundtönung dieses Ausdrucks. "On demande pas la lune" heißt, wir fragen nicht mehr den Mond, wir machen uns keine Illusionen mehr. Der Einzelne wird sich immer Illusionen machen, doch inzwischen gibt es ein Wir, das dies nicht mehr tut - wenigstens im französisch-sprachigen Raum.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 28.04.2011 um 12:58
Stimmt, man kann ja erstmal akustisch emigrieren. Grund genug gibs.

In dem Falle passt sogar der Name "Die Verarschten" zur Problematik.
Gustlik schrieb am 28.04.2011 um 13:15
Der Reiter rollt ja auch schon seit der Medienwende mitteldeutsch an der Spitze des Ovalfunks.
hadie schrieb am 28.04.2011 um 15:12
Wobei der Medienanalyse auch nicht mehr zu trauen ist: "Die Mediaanalyse beschäftigt sich nur noch mit einem immer kleineren Kreis von Menschen, die zwischen 17 und 21 Uhr über ein Festnetztelefon erreichbar sind. Dass das mit einiger Wahrscheinlichkeit meist ältere Menschen mit hoher Affinität zum heimischen Fernsehgucken und Radiohören sind, liegt auf der Hand. Die Mediaanalyse verrät also eigentlich gar nichts mehr über Hörerzugewinne oder gar steigende Marktanteile." (Die scheinbaren Rekorde des MDR auf www.l-iz.de)
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