Hagen Orschel

Berlindependent

05.03.2010 | 13:25

Kopftuch und Bikini

Neulich traf ich meinen Freund Said im Café. Vor ihm lag eine Zeitung, offenbar hatte er gerade einen Artikel über die Diskussion in Frankreich um ein Burka-Verbot gelesen. Ich wollte ein paar höfliche Bemerkungen über die Kleiderfreiheit sowie den Irrglauben, Verbote und Vorschriften schafften ‘Freiheit’, fallen lassen, aber Said unterbrach mich sofort.

“Das geht schon in die richtige Richtung”, meinte er entschieden. “Aber” - er hielt kurz inne und hob den rechten Zeigefinger - “das geht noch längst nicht weit genug!” Ich fragte ihn verwundert, warum er glaube, dass die abendländische Menschheit irgendeinen Vorteil davon habe, wenn man die geschätzt 500 Frauen, die in Frankreich komplett unter einem Tuch verschwinden zu pflegen, daran hindert. “Wenn die das doch so wollen, Said? Und wenn nicht, nützt ihnen das Verbot vermutlich doch auch nichts.”

Unwirsch winkte Said ab. Das sei doch nicht der springende Punkt. Ich müsse mal weiterdenken, nicht so begrenzt, nicht so engstirnig sein. “Im Grunde geht es doch, genau wie bei der Sache mit dem Kopftuch, darum, dass man es Frauen nicht erlauben will, sich mehr zu verhüllen als Männer”, fuhr er beschwingt fort. “Also, dem kann ich allerdings nur zustimmen. Gestern war ich in einer öffentlichen Badeanstalt, und da waren ein paar Weiber…” “Damen, meinst du bestimmt, Said!” “Naja, was auch immer, also, die hatten echt tolle Figuren, richtig schöne Körper.” Was das denn nun mit der Burka oder meinetwegen auch dem Kopftuch zu tun habe, fragte ich ihn. Unwirsch bedeutete er mir mit einer nachlässigen Armbewegung, nicht so ungeduldig zu sein.

“Als ich diese Badenixen aus dem Wasser steigen sah”, fuhr er nun fort, “da schoss es mir unweigerlich durch den Kopf: Warum tragen die eigentlich Zweiteiler, und nicht wie wir Männer einfach nur ein knappes Höschen beim Baden?” Ich warf ein, dass eine Frau, die mit nacktem Oberkörper in einer öffentlichen Badeanstalt erscheine, mit einer Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses rechnen müsse. “Genau!” donnerte Said. “Das ist doch die Scheiße, die ich meine! Warum erlaubt man Männern etwas, was Frauen verboten ist? Ist das nicht sexistisch?”

Ich musste grinsen. Saids Theorie war nicht nur schlüssig, sie war geradezu bestechend. “Du meinst also…” setzte ich an. “Jawohl!”, rief Said mit Nachdruck und nahm noch einen kräftigen Schluck von seinem Kaffee. “Es muss endlich Schluss sein mit der Benachteiligung von Frauen. Sie sollen ihren Oberkörper genauso stolz und ungeniert den Blicken der Öffentlichkeit preisgeben wie wir Männer! Und da die Erlaubnis ja nicht ausreicht - wie die Diskussion um Kopftücher und Burkas eindeutig zeigt - wird man wohl einfach ein Bikinioberteil-Verbot erlassen müssen. Das ist der einzige Weg, die Frauen vor Benachteiligung zu schützen.”

Die Kellnerin, die an unseren Tisch kam, um meine Bestellung aufzunehmen, hatte unser Gepräch nur in Auszügen mitbekommen. Sie lächelte Said an. “Ich dachte immer, du wärst auch einer von diesen Chauvis. Wer hätte gedacht, dass du dich so sehr um die Rechte der Frauen sorgst? Dein Kaffee geht auf mich.”

 
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Kommentare
hibou schrieb am 05.03.2010 um 16:14
in Bursa geht die Maer, das Kopftuchgebot stamme vom Sultan - na, von welchem gleich noch? naja sie waren alle gleich crazy - der, weil so viele Tscherkessinnen aus den Transkaukasischen Gebieten sich hier niederliessen und, weil sie hübsch waren, grossen Aufruhr unter den Maennern erzeugten, ein Verhüllungsgebot erliess. Daruf verhüllten sich Bursas Frauen auch. Wir wollen auch hübsch sein, sagten sie. Seis drum, meinten Bursas Maenner. So brauchen wir wenigstens auch die Haesslichen net mehr zu sehen. (Natürlich ist die Geschichte nicht wahr. Die besten Geschichten sind eh erfunden, gell?)
carlfatal schrieb am 05.03.2010 um 20:32
Wunderbar, danke
Hagen Orschel
Das Erreichen eines Zieles kann das Zielen auf Erreichtes nicht ersetzen. Und natürlich umgekehrt.
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anne mohnen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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