Haldemann

Haldemann

20.05.2009 | 17:35

Linksträger

Als Jürgen Markus 1972 in der Hitparade erstmals seinen Erfolgsschlager „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ vorstellte, saß ich mit meinen Eltern vor dem Fernseher, und mein Vater sagte: „Na, Jürgen Markus ist aber Linksträger.“ Mit dem untrüglichen Instinkt eines 7jährigen fragte ich sofort nach, was das denn hieße, und mein Vater sagte: „Äh, der hat ’nen Schlüssel in der Tasche.“ Ich konnte zwischen diesen beiden Informationen keinerlei Zusammenhang herstellen, wusste aber, dass ich belogen worden war.

In der Schule fragte ich Anke, die alles wusste, was ein Linksträger sei, doch das wusste sie auch nicht. Sie erzählte mir, ihre Mutter hätte gesagt, Vicky Leandros hätte einen Schlafzimmerblick. Anke hatte natürlich sofort nachgefragt, was das heißt, und ihre Mutter hatte gesagt, Vicky Leandros sähe irgendwie müde aus. Anke  glaubte ihr nicht. Wir ahnten, dass in der Erwachsenenwelt irgendein Zusammenhang zwischen Linksträgern und Schlafzimmerblicken bestand, ließen es aber dabei bewenden und spielten eine Runde Gummitwist.

Dreißig Jahre später gucke ich mit meinem Freund Jens die N3 Schlagernacht und Moderator Bernd Begemann präsentiert eben jenen Auftritt von Jürgen Markus aus der Hitparade. Jürgen Markus trägt, der Mode der Zeit entsprechend, eine sehr enge weiße Hose. Einige leicht angetrunkene Synapsen wissen, was zu tun ist, und bevor ich es gedacht habe, habe ich es gesagt: „Linksträger! Jürgen Markus ist Linksträger. Mein Vater hatte Recht.“ Das ganze Lied lang kann ich nirgendwo anders hingucken. Die Hose ist dermaßen eng, hätte Jürgen Markus wirklich einen Schlüssel in der Tasche gehabt, hätte ihn jeder Mister Minit sofort nachmachen können.

Natürlich weiß ich mittlerweile auch, was ein Schlafzimmerblick ist.

Ich weiß, warum Peter Maffay als ein Mann die Sonne aufgehen sah. Dass es nie um deutsche Rechtschreibung ging, wenn der schmierige Roland Kaiser eine Nacht das Wort Begehren buchstabieren wollte. Wieso Michael Holm wirklich nach Mendocino gefahren ist. Warum Bata Illic der Knopf an ihrer Bluse sein wollte. Und was in Heinos Wigwam geschehen sollte und unter Gunther Gabriels Decke. Allein wenn ich mir vorstelle, wie es da riecht. 

Und der Typ, über den die Puhdys sangen, sollte auch gar nicht wirklich einen Drachen steigen lassen.

Inzwischen sind Rex Gildo und Roy Black unter tragischen Umständen verstorben. Christian Anders hat den  Zug nach Nirgendwo genommen und ist Esoteriker geworden. Cindy und Bert haben sich scheiden lassen. Bert hat man sowieso nie gehört, da hatte meine Omma Recht.

Aber der Deutsche Schlager lebt: Andrea Berg steht in den Deutschen Album-Charts vor Peter Fox und Pink. Andrea Berg singt immer noch Texte, die ich mit Sieben nicht verstanden hätte: „Wenn du mich willst, dann küss mich doch / Ich habe Angst, du wartest noch / Bis dich der Wein zu müde macht / für eine schöne Liebesnacht.“ Vielleicht ist sie ja mit Jello Biafra bei seinem Lieblingsitaliener und schaut dem berühmten Linksträger  mit ihrem Schlafzimmerblick tief in die Augen. Und irgendwann sagt der ehemalige Sänger der Dead Kennedys zu Andrea Berg: „Sorry Andrea, ich bin jetzt zu müde für eine schöne Liebesnacht“. Oder um es von Schlagerdeutsch in Punkerenglisch zu übersetzen: „Too drunk to fuck.“

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 20.05.2009 um 19:03
Sehr gelacht, ja, da kommen Erinnerungen hoch an manche Rätsel, die sich erst viel Jahre später aufgelöst haben. Aber sag mal, wie hast Du als Erwachsener jetzt die dingsbums Schlagernacht ausgehalten? Ich meine, war ja gut, sonst trügst Du immer noch dieses Kindheitstrauma mehr mit Dir herum...

Übrigens, es gibt eine sehr hübsche Fassung von 'too drunk to fuck' von Nouvelle Vague, da singt den Text ein Mädchen (clip auf youtube).
harald Blumenau schrieb am 20.05.2009 um 20:07
Vielen Dank für den tollen Beitrag.
Klasse geschrieben, ich habe mich köstlich amüsiert.
5 Sterne von mir!
Magda schrieb am 20.05.2009 um 20:44
Find ich auch sehr lustig. Muss man einfach mal schreiben.
Streifzug schrieb am 20.05.2009 um 20:59
Gummitwist :)
Das habe ich schon lange nicht mehr gelesen.
Nachtportier scheint ein inspirierender Beruf zu sein.
I.D.A. Liszt schrieb am 20.05.2009 um 22:57
Ach? Gummitwist hast Du lange nicht mehr gelesen?
Ach, so ist das!
Jetzt weiß ich endlich, warum ich diese Sportart nie verstanden habe: Ich habe immer geglaubt, dass man da hüpfen muss. ;-)
Streifzug schrieb am 20.05.2009 um 23:07
Jetzt weißt du warum ich immer von einem Thema zum anderen hüpfe und warum meine Argumente so sprunghaft sind :)
Friedland schrieb am 21.05.2009 um 10:15
Oben drüber sollte eine Warnung stehen: Dieses Blog ist gefährlich!

Ich habe mich nämlich beim Müsliessen vor lachen derart verschluckt, dass mein Monitor nun wie ein Streuselkuchen aussieht.

Herrlich, ein solch heiterer Start in den Tag...

BTW: In Deinem Portrait fehlt meinem Traumberuf ein T.
Haldemann schrieb am 21.05.2009 um 12:53
danke für alle freundlichen Kommentare und das T ist jetzt da
Magda schrieb am 21.05.2009 um 13:09
Mir ist auch noch was eingefallen:
"wenn der schmierige Roland Kaiser eine Nacht das Wort Begehren buchstabieren wollte."

Das trifft sich mit meinen Erinnerungen.
Mein Mann hat sich mal darüber verbreitet, er verstünde nicht, wieso ein Heer von "Ostkäthen" diesen absoluten Schmieri so gut findet. Das gab vielleicht einen Ärger, weil wir mitten unter diesen Ostkäthen in der Kassenschlange von einem Amiga-Schallplatten-Laden standen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.05.2009 um 13:19
Oh, schön, das Jugendslangsynonym 'Käthe' für Mädchen habe ich schon Jahrzehnte nicht mehr gehört. Ach ja, auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar...
kukidenta schrieb am 22.05.2009 um 12:40
(Zitat) "Aber der Deutsche Schlager lebt: Andrea Berg steht in den Deutschen Album-Charts vor Peter Fox und Pink." (Zitatende)

Der Grund: Schlagerfreunde kaufen noch CDs anstatt sie sich for free runter zu laden. Das ist denen wahrscheinlich auch viel zu kompliziert. Jedenfalls hat die Schlagerindustrie in den letzten Jahren hinsichtlich des CD Verkaufs noch zulegen können, während die Popindustrie... naja sie wissen schon.

Ein schöner Artikel, der es sogar zu einer Verlinkung von Stefan Niggemeeier geschafft hat. Glückwunsch und weiter so.

Beste Grüsse kukidenta
meistermochi schrieb am 22.05.2009 um 22:28
auf den punkt!
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Rene Artois hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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