hannelore

Hannelores 2 Cent

16.03.2009 | 16:41

Amoklauf - unverwelklicher Ruhm (2)

Fortsetzung von Teil 1: Held - wesentlicher Teil unseres patriarchalen Gesellschaftssystems

Der psychologische Hintergrund

Suizid-Attentäter geraten außer sich, in blinde Wut, in einen extremen Zustand aggressivster  Raserei. Sie müssen das, sonst könnten sie nicht tun, was sie tun. Sie handeln aus ihren Gefühlen heraus, wie jeder Mensch.

Wie bringt man Soldaten dazu, auf andere zu schießen? Wie bringt man einen Stier dazu, wutschnaubend in einer Arena herumzurennen, bereit alles mit den Hörnern aufzuspießen, was sich bewegt? Wie macht man einen Hund scharf, dass er zum Mordinstrument wird?

Man foltert. Den Soldaten, den Stier, den Hund. Man quält körperlich und psychisch. Setzt emotional unter Druck.

Kamikaze: "Die meist jungen und unerfahrenen Piloten wurden teils durch Folter zum Einsatz als Selbstmordpilot gezwungen. Entgegen der in der westlichen Gesellschaft vorherrschenden Meinung waren es meist keine nationalistischen Fanatiker, die zu sterben bereit waren, sondern Soldaten, die für diesen Zweck schlichtweg den Befehl bekamen.

Überlebende beschrieben die Opferbereitschaft, sich für das Vaterland zu töten, als aus einem hohen psychologischen Druck resultierend. Schande und Ehrenfragen waren dabei maßgebend. Der Opfertod wurde von Seiten des leitenden Militärs als heroenhafte Tat proklamiert und galt als Kriegspflicht der Ausgesuchten." (Wikipedia:Kamikaze)

In A Rumor of War erinnert sich Philip Caputo, ein Offizier der amerikanischen Marine-Infanterie, der in Vietnam "diente", dass beim Drill im Grundausbildungslager die Rekruten nicht mehr mit Namen angeredet, sondern mit Bezeichnungen wie "Drecksau" bedacht wurden. Er wiederholte die Worte eines Ausbilders, dessen Stimme "sich in unser Denken eingrub, bis sie uns wo wir gingen und standen verfolgte":

"Gewehre richtig halten - kneift die Arschbacken zusammen, Mädchen. Du Scheißkerl, vierter Mann in der ersten Reihe, kneif' den Scheißarsch zusammen, hab' ich gesagt, - ihr verdammten Weiberärsche."

Zähne zusammenbeißen, Arschbacken zusammenpressen, heißt den Energiefluss im Körper zu blockieren und nichts mehr zu fühlen.

"Will man eine verschworene Gruppe männlicher Killer schaffen, dann tut man folgendes: man tötet die Frau in ihnen. Das ist die Lektion der marines. Und das funktioniert." (George F. Gilder: "Sexual Suicide", New York 1973, S. 258f.)

Bis die Frau endgültig im Mann getötet wird, müssen Kinder ihre Sexualität unterdrücken. Für gesunde Menschen ist es ist ein lebenswichtiges Grundbedürfnis Lust zu empfinden. Moderne Keuschheitsgürtel - Windeln -

verhindern, dass Babys sich an den Genitalien berühren können. Sind die Kinder etwas größer, werden sie durch Bestrafung davon abgehalten.

Wilhelm Reich schreibt:
"Wir denken dabei [bei muskulärer Verkrampfung, Blockierung] an das "Erkalten" der Kinder, die erste und wichtigste Erscheinung bei der endgültigen Sexualunterdrückung im 4. bis 5. Lebensjahr. Dieses Erkalten wird im Beginn immer als ein "Totwerden" oder Eingepanzert-", "Eingemauertwerden" erlebt. Später mag in dem einen oder anderen Fall das Gefühl des "Gestorben-" oder "Totseins" durch überdeckende psychische Funktionen zum Teil kompensiert sein, etwa durch oberflächliche Heiterkeit oder kontaktlose Geselligkeit." (W. Reich: Die Funktion des Orgasmus, S. 228)

In einer Hirten-/Viehzüchterkultur wie unserer, muss Sexualität kontrolliert werden, weil sonst unerwünschte Zuchtergebnisse auftauchen. "Bastarde" sind erst in jüngster Zeit durch das Gesetz geschützt und in konservativen Kreisen keineswegs akzeptiert.

Sexualität ist eine so starke Kraft, dass sie von Klein auf im Keim erstickt werden muss.

Erwachsene, bei denen dies zufällig nicht geschah, halten sich nicht an die gesellschaftliche Zwangsmoral der Abstinenz, Einehe und Monogamie. Es ist ihnen gar nicht möglich.

So wird in drei Hauptetappen des menschlichen Lebens die "Massenseuche der Neurosen" (Wilhelm Reich) erzeugt:

- durch die Atmosphäre des neurotischen Elternhauses in der frühen Kindheit,
- in der Pubertät und schließlich
- in der Zwangsehe nach streng moralistischem Begriff

In der ersten Etappe wirken sich die strenge und verfrühte Reinlichkeitserziehung (Arschbacken zusammenpressen, wenn der Schließmuskel noch nicht funktioniert) und das Anhalten zur "Artigkeit", zur absoluten Beherrschtheit und stillen Wohlerzogenheit, äußerst schädlich aus. Sie bereiten den Gehorsam des Kindes für das wichtigste Verbot der nächsten Periode, das Onanieverbot vor. Andere Behinderungen der kindlichen Entwicklung mögen variieren, die genannten sind typisch.

So hat auch die Polizei bei Tim. K. Indizien des 'Ungehorsams' gefunden:

Nach «Spiegel»- Informationen hat Tim K. in der Nacht vor der Tat ein Online-Killerspiel gespielt. Laut Polizei gibt es dafür aber noch keine gesicherten Hinweise. Auf seinem Rechner sei allerdings eine «größere Zahl» Pornobilder gefunden worden. (via)

Jetzt frage ich dich: Was hat die Erwähnung von Pornobildern in der Presse verloren? Pornobilder sind gesetzlich nicht verboten. Sie weisen eher auf einen gesunden, lebendigen Körper hin. Aber, nachdem man offenbar keine Killerspiele findet, die "Schuld" sind, versucht man das Image des jungen Mannes über die moralisierende Sexschiene zu beschmuddeln.

"Seelische Beweglichkeit und Kraft gehen mit sexueller Lebendigkeit einher und setzen sie voraus. Genauso setzen seelische Hemmungen und Plumpheit die sexuelle Bremsung voraus." (Wilhelm Reich)

In der Pubertät wiederholt sich das schädliche Erziehungsprinzip, das zur seelischen Verödung und charakterlichen Verpanzerung führt. Es wiederholt sich auf der soliden Basis der vorangegangenen Bremsung der kindlichen Impulse. Das Pubertätsproblem ist gesellschaftlich und nicht biologisch begründet. (Vergleiche zum Pubertätsproblem auch den Artikel: Kinder sind nicht asexuell - das Leben im Ghotul bei den Muria in Indien)

Jugendliche, die den Weg ins reale Leben der Sexualität und der Arbeit finden, lösen die in der Kindheit erworbene neurotische Bindung an die Eltern. Die anderen sinken, von der realen Versagung durch die Sexualunterdrückung schwer betroffen, erst richtig in die kindliche Situation zurück. Darum brechen die meisten Neurosen und Psychosen in der Pubertät aus.

Man heuchelt, wenn man einem Jugendlichen die Heirat am Abend des 16. Geburtstages gesetzlich gestattet und damit bekundet, dass hier der Geschlechtsverkehr nicht schadet, gleichzeitig aber "Askese bis zur Ehe" fordert, auch wenn diese z.B. erst mit 30 Jahren geschlossen werden kann. Dann ist plötzlich der Geschlechtsverkehr im frühen Alter schädlich oder unmoralisch.

Damit kann kein denkender Mensch einverstanden sein, auch nicht mit den Neurosen und Perversionen, die dadurch erzeugt werden.

Im dritten Teil dieser Lebenstragödie - der lebenslangen Zwangsehe - kommt die früh angelegte Sexualstörung im Doppelpack. Zwei aneinander gekoppelte Menschen sollen damit fertig werden. Auch hier kommt es zum "blindwütenden Herumrennen und Leute ermorden", es wird nur nicht Amok genannt, sondern "häusliche Gewalt".

*

Man kann viele Antworten auf das "Warum" des Amoklaufs der Presse entnehmen.

Tim Kretschmer musste mit seinen Problemen offensichtlich alleine zurecht kommen. Die meisten Eltern können nicht helfen, weil sie ihre Kinder als Persönlichkeit gar nicht kennen. Sie versuchen  von Anfang an eine "normale" Person nach ihren Vorstellungen von Norm zu erziehen und dieses Ideal vor ihrem inneren Auge verstellt den Blick auf das reale Kind.

"Die Eltern bestreiten, dass ihr Sohn in psychotherapeutischer Behandlung war." (via)

Der Direktor des Klinikums in Weinsberg aber hat öffentlich Auskunft über Tims ambulante Aufenthalte gegeben.

Eltern, die eine Behandlung wegen psychischer Probleme leugnen, um dem Makel des "Verrücktseins" zu entgehen. Ein Psychiater, der der Presse Auskunft gibt und damit die ärztliche Schweigepflicht bricht, die auch nach dem Tod eines Menschen gilt. Welch ein Dilemma. Wem soll sich ein junger Mann da anvertrauen?

Eine Freundin hatte der 17jährige nicht.

Er war kein guter Schüler, Freunde hatte er kaum, auch bei den Mädchen kam er nicht gut an. In ein Mädchen aus der Nachbarschaft soll er verliebt gewesen sein. An Silvester, so erzählen Mitschüler, habe er das Mädchen angerufen und seine Liebe gestanden. Das Mädchen und die anderen Partygäste hätten nur gelacht. (via)

Tim war ein Poker-Fan.

"Vor der Fahrt von der Privatschule zurück in seinen Heimatort Leutenbach spielt er noch mit ein paar Kumpeln vor dem «Cafe Tunix» eine Partie Poker - nichts deutet darauf hin, dass er nicht einmal 24 Stunden später 15 Menschen kaltblütig tötet und zahlreiche verletzt. (via)

Poker, ein Spiel, bei dem man keine Gefühle zeigen darf. Das kam Tim entgegen. Man setzt ein Pokerface auf. Wie geschaffen für "kontaktlose Geselligkeit" und jemanden, der "erkaltet" ist und daher keine Gefühle zeigen kann.

Auch in der Schule fand Tim keinen emotionalen Rückhalt, denn Donner, Leiter von Tims Schule, sagt der Presse:

"Von Montag an muss es normal weitergehen, weil wichtige Prüfungen anstehen." (via) -

Was kann an Prüfungen (produzieren von Leistung) so wichtig sein, dass den Mitschüler/innen keine Zeit zur Besinnung und Verdauung der traumatischen Geschehnisse einräumt wird? Vor allem, weil befürchtet wird, dass es Nachahmer geben könnte. Ein "erkalteter" Schulleiter ohne Mitgefühl für Tims Mitschüler und deren Probleme nach solch einer Tat - wie kann er für Schüler eine Vertrauensperson im normalen Schulbetrieb sein?

Michael, 19, ein ehemaliger Freund und Nachbar berichtet, Tim habe eigentlich eher "was in die pädagogische Richtung" machen wollen. "Er konnte gut

mit Kindern." [...] Stattdessen besuchte er eine kaufmännische Klasse. (via)

Gesellschaftliche Sitten sind bekannt, und so steht dann auch eine Erklärung in der Zeitung, warum Tim nicht selbstbestimmt seine Ausbildung wählen konnte:

Möglicherweise sollte er ja einmal das Familienunternehmen weiterführen. Der Vater besitzt im Nachbarort Affalterbach eine Verpackungsfirma, etwa 20 Leute arbeiten dort. Die Mutter hat gelegentlich als Bürokraft ausgeholfen. "Das waren wirklich rechtschaffene, fleißige Leute", erzählt eine Nachbarin, die im Vorgarten ihres Hauses steht. (via)

...Leute, die ihren Kindern Gewalt antun, indem sie sie zu etwas zwingen, was diese nicht wollen, ganz nach dem Vorbild eines römischen pater familias ... hätte die Nachbarin noch hinzufügen können. Davon weiß sie vielleicht nichts, du kannst es nachlesen: Die römische Patria Potestas im heutigen Alltag - ganz normale Väter.

Und dann finde ich die Zeitungsmeldung, die meine Annahme bestätigt:

Der Vater ein Patriarch?

Ein Mädchen sagt: „Er hatte seinen Abschluss, viel Geld." [...] Das einzige Auffällige an ihm: Er habe gezeigt, dass er Geld habe. Die Familie K. lebt in einem schmucken weißen Einfamilienhaus. Tims Vater ist Geschäftsführer einer Firma für Lohnverpackungen, Montage- und Nacharbeiten in Affalterbach. Als Patriarch wird er beschrieben. Ein Patriarch, der im Schützenverein war, 16 Waffen in seinem Haus hatte, darunter die Beretta, mit der sein Sohn in die Realschule ging.

„Der hatte ja keine Freunde. Aber beim Pokern hat er uns alle durchschaut, echt.“ (via)

Tim musste Gehorsam zeigen und tun, was der Vater wünschte, dafür bekam er Geld. Und offensichtlich war Tim sowohl intelligent als auch einfühlsam, sensibel; wenn er die anderen beim Pokern durchschaut hat, hat er auch die Fassade der Eltern durchschaut. Einem intellektuell überlegenen Sohn hat ein patriarchaler Vater nichts entgegenzusetzen außer Gewalt. Das geht auch verbal und hinterlässt nur Wunden, die von den unbewussten Mitmenschen nicht erkannt werden; und wenn, dann "mischt man sich nicht ein". Die täglichen kleinen Demütigungen. Unerträgliche Sticheleien, wie um einen Hund scharf zu machen.

Die Fahrlässigkeit des Vaters liegt sicher nicht im Verstoß gegen das Waffenrecht. Der Vater spielt mehr als ein Computerspiel. Er holt sich - vielleicht unbewusst, aber nicht zufällig - echte Waffen ins Haus, die er "in Schuss" hält. Bis sie gebraucht werden. Er spielt ein Gesellschaftsspiel. In real life.

Interessant wäre es zu wissen, wie das letzte Gespräch zwischen Tim und seinen Eltern ausgesehen hat; was hat der Vater gesagt, was die Mutter, bzw. was hat die Mutter nicht gesagt oder getan... Welche Gefühle schlugen Tim entgegen? Verachtung? Hass? Neid?

Diese Konversation hat wohl das Fass zum Überlaufen gebracht. Blinde Wut. Der Vater hat es geschafft einen Helden aus seinem Sohn zu machen! Unsterblicher Ruhm. Der Patriarch, das Patriarchat, hat gewonnen, und der Junge hat endlich seine Ruhe vor ihm.
 
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