Hans-Peter Waldrich

Blog von Hans-Peter Waldrich

17.03.2009 | 20:59

„Bild“ mordet mit – Diekmann vor Gericht!

Während die 16 Opfer des Amoklaufs in Winnenden eingesargt und beerdigt werden, arbeitet Deutschlands größte Zeitung an der Vorbereitung des nächsten Massakers. Denn der nächste Schütze steht bereit. Er brütet irgendwo in der Einsamkeit und Verzweiflung seiner Phantasiewelt über seinem zentralen Thema: Wie kann ich einmal so berühmt werden wie die „Colombine-Kids“ Harris und Klebold damals in Colorado, Robert Steinhäuser damals in Erfurt und jetzt zuletzt Tim K. in Winnenden.

Denn eines ist sicher: „Bild“ leistet ihm dabei Schützenhilfe. Denn „Bild“ wird den jetzt noch unbekannten Schulamokläufer von morgen ganz groß herausbringen. Über Tage hinweg wird „Bild“ sich mit seiner Bluttat beschäftigen. Voyeuristisch, geil und lechzend wird sich „Bild“ dann erneut über dieses herrliche Thema hermachen: Jugendliche erschießen Jugendliche und ihre Lehrer! Auch wenn die in Eile zusammengestoppelten Meldungen zum Teil verkehrt, die Fotos montiert sind, ein Zeichner bemüht wird, um den Täter im Kampfanzug eindrucksvoll ins Blickfeld zu klotzen: „Bild“ ist Profi in Sachen Profit!
 
Deshalb klage ich an: Die „Bild“-Zeitung ist mitschuldig! Mitschuldig ist Kai Diekmann, der Chefredakteur. In verantwortlicher Position leistet Kai Diekmann eine Form der indirekten, medialen Beihilfe zur Mehrfachtötung und zum Massenmord, jedenfalls zu allen weiteren einschlägigen Morden, die während der nächsten Jahre stattfinden werden.
 
Die Begründung: Ohne sensationslüsterne, geldgeile Berichterstattung würden Schulamokläufe nicht vorkommen oder erheblich seltener sein. So schreibt der Kriminologe und Experte für Schulamokläufe Frank J. Robertz aufgrund der international vorliegenden wissenschaftlichen Studien: „Die Vorlage zu einer solchen Umsetzung wird den Medien entnommen und in die eigenen Phantasien eingebaut. Am Ende der Entwicklung steht dann die Umwandlung in einen extremen (teilweise posthumen) Medienhype.“

Die Fachkriminologen für Schulamokläufe haben daher Regeln aufgestellt, was bei der Berichterstattung durch die Medien beachtet werden sollte: So sollten die Taten unter anderem nicht emotional, nicht veranschaulicht durch Bildmaterial, nicht zu konkret und auf keinen Fall heldenhaft romantisiert dargestellt werden. Alles dieses hat Anreizcharakter für potentielle Täter.

Gegen alle diese Regeln verstößt „Bild“ jedes Mal und hat auch im Fall Winnenden wieder dagegen verstoßen: Groß wird der Grundriss der Albertville-Realschule abgebildet. Tim K. stürmt sie mit seiner 9mm-Baretta-Schnellfeuerpistole in beiden Händen. Ganz so wie in den Ballerspielen kann man auch unter „bild.de“ den Massenmord aus der Ego-Shooter-Perspektive nachvollziehen. Die abgeknallten Figuren werden einer nach dem anderen eingeblendet.

Zur Nachahmung empfohlen ist vielleicht auch das „Feuergefecht mit Polizisten“ in „Bild“ vom 13. März, bei dem sich der Held der Ereignisse noch einmal triumphierend beim letzten Showdown aufbäumt, um sich dann selbst die Kugel zu setzen. 100 Schüsse, so „Bild“,  hatte er zuvor abgegeben. Mit einer kleinen Baretta so viele Tote zu produzieren, ist rekordverdächtig. Harris und Klebold an der Colombine High School hatten es selbst unter Einsatz vom Bomben nur auf  13 Tote gebracht. Wer bereits mit 10 Jahren schießen gelernt hat, versteht eben sein Handwerk.

Und welch Glück und Freude für „Bild“! Die leckere Story hat diesmal auch etwas mit Sex zu tun! Denn, so steht auf Seite fünf dieser Pornogazette vom 12. März: die „attraktive Schülerin“ Chantal ist erschossen worden. Man hat sich irgendwo Fotos von ihr gekrallt, auf denen sie (welch Entzücken!) recht wenig an hat. Am nächsten Tag erneut Chantal leicht bekleidet auf Seite vier. Daneben der Bericht: „Ich sah meine Schulfreundin Chantal sterben“.
 
Über Geschmack lässt sich streiten. Über Klimavergiftung nicht. Herr Diekmann, Sie sind Chefredakteur von „Bild“. Sie haben dem Konzept der fraglichen Ausgaben und dem Internetauftritt zugestimmt. Ich frage Sie: Weshalb interessieren Sie die einschlägigen Ergebnisse der Kriminologie nicht die Bohne? Die Warnungen davor, sich als Verstärker für die Motive und Phantasien der potentiellen Täter anzubieten? Alles zu unterlassen, was von den psychisch angeschlagenen, tief frustrierten Jugendlichen zum Vorwand für einen eigenen zukünftigen Amoklauf genommen werden könnte? Weshalb, Herr Diekmann, machen Sie sich zum Komplizen von Schulamokläufern? Warum beliefern und unterstützen sie deren Taten?
 
Sie werden vielleicht antworten, solches seien ungeheuerliche Unterstellungen, nichts sei bewiesen oder beweisbar. Aber muss erst exakt wissenschaftlich nachgewiesen werden, wie „Bild“ konkret und im Einzelfall die Vorbereitung eines Amoklaufs stimuliert hat? Hier reichen Indizienbeweise. Diese liegen wissenschaftlich vor. Und es genügt auch, zu einem Klima beizutragen, in dem derartige Gewalttaten wahrscheinlicher werden. Die Tätigkeit von „Bild“ hat etwas mit Volksverhetzung zu tun, ist jedenfalls analog zu bewerten. Hier wird angestiftet, herausgelockt, suggeriert - und anschließend Kasse gemacht.
 
Herr Diekmann: Hören Sie auf, Ihr finanzielles Süppchen aus Grauen und Entsetzen zusammenzubrauen. Hören Sie auf, das Elend andere Menschen für niedrige Zwecke zu instrumentalisieren. Und hören sie endlich auf, den Schulamokläufern von morgen Rüstzeug, Phantasiematerial und Know How zu liefern! Sie ganz persönlich sind mitverantwortlich. Sofern Sie einen Funken Moral im Leibe haben, besinnen Sie sich – jetzt!
 
 
 
 
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Kommentare
Leopold Loewe schrieb am 17.03.2009 um 21:29
Waldrich-Wallraff ist immer noch aktiv (Letzterer grad wieder bei denen "Ganz unten" - diesmal bei den Obdachlosen auf Trebe...) und beide legten und legen tatsächlich wieder mal den Finger in die Wunde: BILD ist allzuoft unappetitlich, aber jeder ist halt das, was er/sie isst...
Manchmal frage ich mich wer BILD überhaupt liest, man denkt an sogenannte "bildungsferne Schichten" oder an das sogenannte "Prekariat", aber dann frage ich mich wieder warum so jemand wie Althaus (und seine diversen VorgängerInnen aus der Politik wie G. Schröder u.a.) unbedingt die BILD zu ihrem Verbündeten machen mussten, so ein tolles "Leitmedium" ist sie ja nun wieder doch nicht, da wäre der SPIEGEL oder DIE SÜDDEUTSCHE allemal vorzuziehen... Vermutlich wollen sie nur "die Massen" erreichen, Qualität ist da sowieso nebensächlich und auch ein Diekmann wird sich leider nicht besinnen, denn wessen Brot ich ess dessen Lied ich sing und er ist ja nun mal so was wie ein brotfressendes Schmarotzertier am sexy (nackten Titel-) Körper der BILD...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 17.03.2009 um 21:49
Da ich noch nie in meinem Leben "bild" gekauft habe und dieses Zeugs ignoriere, lebe ich offensichtlich viel unaufgeregter.Es gibt, das will ich auch mal gern sagen, Medien, die sehr bedacht und seriös mit dem Thema Winnenden umgehen, die ARD zum Beispiel.
Ich bemerke "bild" immer erst, wenn sich jemand darüber aufregt.
Günter Bartsch schrieb am 17.03.2009 um 23:37
So einfach ist es leider nicht. "Bild" ist, da liegt Günter Wallraff ganz richtig, eine "Vernichtungsmaschine" - siehe http://www.fr-online.de/top_news/1613298_Bild-noch-immer-Vernichtungsmaschine.html. Und in deren Rädchen geraten eben nicht nur Leute, die sich für das Blatt interessieren, sondern auch – und oft: gerade – jene, die mit dem Blatt aus guten Gründen nichts zu tun haben wollen. Mir selbst wurde berichtet, wie sich in einem brandenburgischen Dorf nach einem Mord solche "Journalisten" als Polizisten ausgegeben haben, um an Bekannte des Opfers heranzukommen.

Angesichts solcher Fälle, die ja von Bildblog und anderen oft genug dokumentiert werden, ist es wirklich ärgerlich, dass zum Beispiel Spitzenpolitiker, der Papst oder Udo Lindenberg mit "Bild" zusammenarbeiten. Bei den Politikern man kann sich die für die nächste Wahl ja schon mal vormerken.
Hans-Peter Waldrich
Aller Beschreibung spottend.
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Logbuch
23:12
ideefix hat gerade einen Kommentar geschrieben.
23:12
Nil hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Rene Artois hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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