Hans-Peter Waldrich

Blog von Hans-Peter Waldrich

24.06.2009 | 20:42

Der Unsinn des „spickmich.de“-Urteils

Am 23. Juni 2009 hat der Bundesgerichtshof in der Revision die Klage einer Lehrerin gegen das Internetforum „spickmich.de“ abgewiesen. Die dort von Schülern erteilte Benotung der Lehrerin mit 4,3 verstoße nicht gegen die Persönlichkeitsrechte und sei durch das Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt.

 

Das Urteil mag juristisch in Ordnung sein, aber die inhaltliche Tendenz des Urteils ist es nicht. Ich kann sehr gut verstehen, dass sich Lehrer verletzt und getroffen fühlen, wenn sie von Schülern öffentlich mit Noten traktiert werden. Es geht ihnen da ähnlich wie den Schülern selbst. Auch auf diese wirkt die von den Lehrern erteilte Note oft wie ein Schlag ins Gesicht. Aber während die Lehrer gezwungen sind, ihre Schüler andauernd und für jeden Mist zu bewerten, sonst verlieren sie ihren Job, machen dies die Schüler in „spickmich.de“ freiwillig und mit Lust.

 

Und dabei werden sie nicht selten Rache üben. So geben Schüler einfach zurück, was ihnen zuvor die Lehrer angetan haben: Demütigungen, Beschämungen, öffentliche Blamage. Denn ist es nicht eine Unverschämtheit, wenn einem jemand zur Beurteilung persönlicher Qualitäten eine Zahl um die Ohren schlägt? Hat nicht jeder Mensch ein Anrecht auf eine differenziertere Rückmeldung? Was drückt denn eine Ziffer über einen Menschen aus? Nichts! Auch unser Leistungsverhalten ist doch niemals wirklich quantifizierbar. Man kann wohl in einer Zahl ausdrücken, wie viele Liegestütze ich in meinem Alter noch hinkriege. Aber wer so unfreundlich wäre, zum Beispiel meine Qualitäten als Autofahrer mit 2,4 oder 4, 1 zu bewerten, dem würde ich deutlich den Autofahrergruß zeigen. Und was die Schulnoten angeht: Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass sie keineswegs objektiv sind. Einfachweil man Qualitatives nicht quantifizieren kann.

 

Wenn sich nun Schüler euphorisch freuen, in „spickmich.de“ weiterhin ihren Lehrern Stempel aufdrücken zu dürfen, ist das ein mieser Triumph. Der Triumph des Schlechten über das noch Schlechtere. Und auch ein paar verbalisierte Qualitäten, die Schüler in „spickmich.de“ über ihre Lehrer ablassen können, wie „cool und witzig“ oder „beliebt“, die bringen es doch wirklich nicht.

 

Hinter der Benoterei von der einen wie auch von der anderen Seite steckt nichts als das Bedürfnis, seine Mitmenschen zu kategorisieren. Sobald nicht nur Lehrer ihre Schüler, sondern auch Schüler ihre Lehrer benoten, ist das Hickhack perfekt: jeder gegen jeden! Steckst du mich in die Schublade, mache ich dich in „spickmich.de“ fertig.

 

Sind erst einmal die Schulen, wie längst geplant, privatisiert worden, werden sich im Übrigen die Schulbetreiberfirmen ganz gierig über solche Daten hermachen. Zunehmend besteht ja unser Datenprofil aus einer ganzen Latte von Ziffern, die jedem, der es eilig hat, auf einen einzigen Blick zeigen, ob wir etwas taugen oder nicht.

Die klagende Lehrerin war wohl nicht die beliebteste. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, sie wäre mit ihrer Klage durchgedrungen. 

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 24.06.2009 um 21:03
Schon mal bei "spickmich.de" geschaut? Interessierte Eltern tun das. Es wird sehr ausgewogen bewertet. Schulen mit "gutem Ruf" schneiden auch bei spickmich.de recht gut ab.

Meiner Meinung nach spricht aus ihren Worten eine zu abfällige Beurteilung von Jugendlichen. Als hätten die nichts anderes im Kopf als es Lehrern heimzuzahlen. Als wären sie nicht in der Lage qualifizierte, differenzierte, eigenständige Urteile abzugeben.

Lehrer, die ihren Schülern Vertrauen entgegenbringen, sie als eigenständig denkende Menschen respektieren haben keine Probleme mit dem Portal.

Die anderen Lehrer sollen sich ruhig ärgern, es besser mal überdenken und gute Arbeit machen.

Gut, dass die Klage gescheitert ist.
mh schrieb am 24.06.2009 um 22:22
ich hab meinen lehrern immer gesagt was ich von ihnen hielt. das urteil ist selten gut ausgefallen. auch im nachblick, würde ich da nichts revidieren.

es ist aber höchst schizophren, und symptomatisch für unser schulsystem, dass lehrer auf ihrer despotischen position beharren und sich vielerlei stellen, aber sicher nicht der kritik von außen.

was den lehrern hier nicht gefällt ist, dass hier öffentlich dargestellt wird, dass die ihnen untergebenen nicht mit ihnen zufrieden sind. gegen das lob hat da keiner was. das muss ja auch so sein.

aber wenn wir schon festhalten:

"So geben Schüler einfach zurück, was ihnen zuvor die Lehrer angetan haben: Demütigungen, Beschämungen, öffentliche Blamage. Denn ist es nicht eine Unverschämtheit, wenn einem jemand zur Beurteilung persönlicher Qualitäten eine Zahl um die Ohren schlägt?"

herrlich. da spürt der lehrer doch glatt das, was seine schüler alltäglich spüren. lehrreicher kann es kaum sein, für den lehrer.
Jan Jasper Kosok schrieb am 25.06.2009 um 10:41
Dem schließe ich mich an.

Selbst an Unis wird ständig evaluiert, die Professoren stört es nicht, im Zweifelsfall reibt sich da eh das Wild an der Eiche.

Abgesehen davon aber ist es einfach längst überfällig, dass die Güte der Bildung messbar wird, denn das ist sie nicht. Selbstherrlichkeit der Lehrerschaft und Beamtentum tun da ihr übriges.

Wenn jetzt also endlich mal so etwas - und es ist ja nicht mal viel, eine Plattform im Internet, ergo nur Druck auf's Hirn, sonst nirgends hin - wie ein transparenter Unterricht entsteht, wird geheult.

Und wenn man es mal so einseitig wie der Betrachter formulieren würde: Die Lehrer haben doch nur Angst, dass sie nach 15 Jahren mal die Folien wechseln und sich etwas neues ausdenken müssen.
Titta schrieb am 24.06.2009 um 22:48
Wenn Noten grundsätzlich problematisch und bewiesenermaßen nicht objektiv sind, dann muß doch die Stoßrichtung der Lehrerschaft, im Verbund mit der Schülerschaft, eine andere sein. Dann muß die Benotung als solche infrage gestellt und Alternativen diskutiert und erprobt werden.
Der gerichtlich nun legitimierte Leidensdruck der Lehrerschaft verstärkt ja möglicherweise eine Diskussion in diese Richtung.
Titta schrieb am 24.06.2009 um 22:52
Wenn Noten grundsätzlich problematisch und bewiesenermaßen nicht objektiv sind, dann muß doch die Stoßrichtung der Lehrerschaft, im Verbund mit der Schülerschaft, eine andere sein. Dann muß die Benotung als solche infrage gestellt und Alternativen diskutiert und erprobt werden.
Der gerichtlich nun legitimierte Leidensdruck der Lehrerschaft verstärkt ja möglicherweise eine Diskussion in diese Richtung.
Hans-Peter Waldrich schrieb am 25.06.2009 um 20:32
Nur Titta, so scheint mir, hat wirklich verstanden. Schüler wie auch Lehrer sind gleichermaßen Opfer der Benoterei. Es gelingt aber manchen Schülern auch im fortgeschrittenen Erwachsenenalter nicht, solches zu durchschauen. So glaubt man im Rückblick, Lehrer seien mit Leidenschaft Despoten und wünscht ihnen im Nachhinein alles Schlechte.

Zugestehen muss ich allerdings, dass auch Lehrer ihre Opferrolle oft nicht erkennen. Sonst würden sie, wie es sich Titta wünscht, im Verbund mit der Schülerschaft für eine andere Schule eintreten.
Hans-Peter Waldrich
Aller Beschreibung spottend.
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ideefix hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Nil hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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