Hans-Peter Waldrich

Blog von Hans-Peter Waldrich

24.07.2010 | 15:08

Happy Fisting

 

Fisting nannten die Kids ihre Spiele. Betreuer und Eltern konnten zunächst nichts mit diesem Begriff anfangen. Gibt man das Wort jedoch in Google ein, so stößt man auf 31 700 Nennungen. Wikipedia erläutert: Fisting ist eine sexuelle Praktik, „bei der mehrere Finger bis hin zu einer oder mehreren Händen in die Vagina (brachiovaginal) oder den Anus (brachioproktisch) eingegührt werden.“ Unter einer sachdienlichen Illustration heißt es: „Handschuhe oder Gleitmittel können das Verletzungsrisiko bzw. Infektionsrisiko deutlich verringern.“

Ob die 13 bis 16jährigen Jugendlichen in einem Ferienheim auf der holländischen Insel Ameland Ende Juli Handschuhe benutzten, ist offenbar noch nicht geklärt worden. Klar ist jedoch, dass es heftig zuging.

Es geht mir hier nicht um die Frage, was sexuell erlaubt oder unerlaubt oder moralisch oder unmoralisch ist. Die Frage lautet alleine: Ist, was da vorfiel, ein Symptom? Denn irgendwie auffallend ist es schon: Da werden pubertierende Jungen von anderen Jugendlichen aus den Betten gezerrt. Ihnen werden die Hosen herunter gerissen. Man führt Besenstiele oder Flaschen in ihren Anus ein, man quält sie – Fisting eben. Und irgendwie ist alles nur ein „Spiel“. Wie soll man damit umgehen?

Kinder und Jugendliche sind neugierig. Sie probieren aus, sie experimentieren und dies auch sexuell. Darüber hinaus sind Kinder in erster Linie Nachahmer. Sie lernen am Modell, sie schauen ab, was in der Bezugsgruppe üblich ist, und natürlich nehmen sie Maß an der Welt der Erwachsenen. Und bei den Erwachsenen finden sie heute eines: Verdinglichung. Die Botschaft, die ihnen vermittelt wird, lautet: Menschen sind Dinge, Personen sind Gegenstände, sind nutzbar und instrumentalisierbar - jedenfalls sofern man Macht über sie hat.

 

Auch die Lust ist längst verdinglicht. In der „sexuellen Marktwirtschaft“ (Borneman) wird sie gewissermaßen an toten Objekten befriedigt: an Bildern, Filmen oder Personen, die man einkauft oder sich unterwirft. Dabei wird Lust feindselig, nicht selten sadistisch. Jugendliche würden sich nicht mehr küssen, meldeten aufgeregt vor Kurzem einige Gazetten. An solchen Kinkerlitzchen seien Jugendliche nicht mehr interessiert. Unterdessen heiße es ausschließlich: „voll Porno“.

Natürlich ist das Unsinn. Aber ein Stück Wahrheit enthält es vielleicht doch. Denn was Kinder und Jugendliche etwa im Internet vorgeführt bekommen, kann kaum mehr als Einführung in die Sexualität betrachtet werden. Eher in die Techniken der Vergewaltigung. „Pornos, die sich heute gut verkaufen, sind keine Erotikfilme. Sie handeln von Gewalt mit Sex“, so Klaus M. Beier, Direktor des Berliner Instituts für Sexualwissenschaft. „Gewalt mit Sex“ funktioniert aber nur ohne Empathie. Mitgefühl, so lernen die Kids, ist Gift fürs Vergnügen.

Die Recherchen zum Missbrauch auf Ameland sind noch unabgeschlossen. Unabgeschlossen scheinen aber auch die dortigen Vorgänge im Hinblick auf ihre Dramaturgie. Verstehen wir den Amelander Missbrauch einmal als kindliches „Spiel“, das nach Regeln abläuft, so fehlt noch etwas. Denn es reicht heute nicht, den lieben Nächsten schlicht zu missbrauchen. Der eigentliche Kick bei solchen Aktivitäten kommt woanders her. Und diese Sphäre ist die Öffentlichkeit. Nur was veröffentlicht wird, existiert. Was in die Welt geschrien wird, macht wirklich Spaß. Ich bin der größte Verbrecher! Viele würden das herum posaunen, wenn sie keine Furcht vor den Gesetzen hätten. Mancher tut es trotzdem und wird gut dafür honoriert.

Und die Kids? Manchmal etwas unglenk zeigen sie uns in ihren „Spielen“, wie gut sie ihre Lektionen lernen. Nehmen wir das „Happy Slapping“. Was macht denn „Happy Slapping“ so wirklich happy? Jugendliche misshandeln andere Jugendliche und stellen die Filmchen ihrer Schandtaten ins Internet. So klafft im Hinblick auf die Vorfälle auf Ameland hier also ein Lücke. Denn es fehlt noch der Film über „Happy Fisting“.

Natürlich könnte man sich eine Ferienfreizeit auch als Einübung in ein produktives Miteinander vorstellen. Auf den Schulen kommt so etwas allenfalls am Rande vor. Gelingende Beziehungen, so weiß man aber, schütten Gehirnbotenstoffe aus, die richtig glücklich machen. „Die beste Droge für den Menschen ist der andere Mensch“, schreibt diesbezüglich der Freiburger Hirnforscher Joachim Bauer. Wo lernen Kinder und Jugendliche eigentlich, wie man Verdinglichung unter Menschen überwindet, um die Freude, die unsere Biologie für uns bereit hält, ganz authentisch zu erleben? Das wäre auch die Sexualerziehung, wie wir sie unseren Kindern wünschen.

 

 

 

 
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Kommentare
Lee Berthine schrieb am 24.07.2010 um 17:09
Gegen Übergriffe und grenzüberschreitendes Verhalten hilft auch Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, sich trauen ,laut Nein zu sagen und generell eine gute "Ich-Kompetenz", womit nicht in erster Linie egoistisches Verhalten oder Selbstdarstellung gemeint sind, sondern Bewusstsein der eigenen Stärken und der Mut, diese auch gegen Widerstand zu aktivieren.

Ich möchte gern den Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann zitieren (was selbstredend nicht uneingeschränkte Übereinstimmung mit seinen Äußerungen bedeutet - ich finde sie nur überdenkenswert), dessen kurze Stellungnahme in der Berliner Zeitung am 22.7. erschien:
"...
Nein, bloß keine Hysterie. Die Eltern sollten darauf achten, dass sie ihre Kinder von Geburt an stark machen, damit sie mit solchen Situationen umgehen können.
Eltern brauchen Gelassenheit, Coolness und sollten genau schauen, ob ihr Kind wirklich zu Schaden gekommen ist. Man macht sich natürlich unbeliebt, wenn man das sagt, aber so ist das Leben.
...
Die Phase zwischen dem zwölften und 16. Lebensjahr ist die krisenanfälligste, die es gibt.
Die Entwicklung der sexuellen Gefühle und der sexuellen Dynamik ist von sadistischen und destruktiven Fantasien durchwoben, da darf man sich nichts vormachen.

...(Dass die Zahl der Missbrauchsfälle zugenommen habe),...das wird jetzt bestimmt wieder behauptet werden, aber es ist nicht der Fall, schauen Sie in die Literatur.
Die "Verwirrungen des Zöglings Törless", 1906 von Musil geschrieben, oder Hesses "Unterm Rad" - die selbe Härte und Brutalität. "
KalleWirsch schrieb am 24.07.2010 um 17:16
Von den Fakten her sicher ganz stimmig beobachtet. Aber, nein, früher war nicht alles besser. Das ist leider aber der Tenor, den ich herauslese. ich bitte mich zu korrigieren, wenn ich da falsch liege.
Es macht die heutige Situation bestimmt nicht besser, aber all das gab es zu meiner Schulzeit im Alter von 13, 14 vor dreißig Jahren auch schon. Gewalt an Schulen, auf Ferienfreizeiten. Schutzgelderpresung auf dem Schulhof. Happy Clapping, das nannte man damals nur nicht so.
Was ist nun anders geworden? Die Aufmerksamkeit. Aber leider nur die mediale. Heute wird die Gewalt auf Video mitgeschnitten und ins Netz gestellt. Zeitungen und Fernsehen berichten darüber. Die Kids gehen an den PC um Pornos zu gucken und müssen nicht mehr in die Videothek. Da habe ich mir mit Freunden mit 15 den ersten Porno geholt.
Wir haben mittlerweile Statistiken, die uns sagen, alles ist viel schlimmer geworden. Dabei hatten wir früher gar keine verlässlichen Zahlen.

Wir schauen drauf, sind schockiert, betroffen, entrüstet und tun - Gar nichts. Eben wie früher.

Kinder und Jugendliche sind beeinflussbar. Das ist richtig. Pornos, Gewaltfilme und -spiele können seltsame Blüten in einer Kinderseele schlagen. Aber nicht das Anschauen ist die Crux. es ist der Mangel an Vertrauen mit den Eltern über das Gesehen zu reden und die mangelde bereitschaft der Eltern das zu tun. Ein Kind, das anständig aufgeklärt wurde von seinen Eltern oder irgendeiner anderen Vertrauensperson wird einen Porno kritischer betrachten und nicht als Realität nehmen. jedenfalls läuft es weniger Gefahr. Ein Kind, das gelernt hat, dass Gewalt kein Mittel der Auseinadersetzung ist, und das lernt es am esten durch ein gewaltfreies zuhause ohne klaps auf den Po, wird Gewaltfilme als Fiktion verstehen können. Ich bin seit 16 Horrorfilmfan und habe ich in meinem ganzen Leben nur einmal geprügelt. und das war davor.

Das, was da passiert ist auf Ameland, ist grausam. Aber es ist keine Zeiterscheinung. Und ehrlich gesagt erschreckt es mich, wenn Betreuer von Jugendfreizeiten nicht wissen, was fisten ist. das sind die Leute, die ihreen Kindern erzählen, wenn du Drogen nimmst, dann geht es dir ganz schlecht. Mit der Konsequenz, dass ihre Kinder ihnen nichts mehr glauben, sobald sie ersten Joint geraucht haben und sie sich gut fühlten. Vielleicht wäre es besser Kinder über die Folgen von Handlungen aufzuklären, anstelle sie für dumm zu verkaufen.

Nicht die Kids sind an dieser Situation schuld, sondern wir, die Generation der Erwachsenen. Und da wir es selbst erlebt haben, hätten wir es besser wissen müssen.
Lee Berthine schrieb am 24.07.2010 um 17:30
Hi Kalle,
in vielem würde ich dir zustimmen.
Nur dein letzter Satz gibt mir ein ungutes Gefühl und ich möchte dem widersprechen.
Du schreibst von Schuld, und ich denke nicht, dass wir uns oder irgendjemandem konkret die Schuld oder Verantwortung für solche scheußlichen Überfälle, Vergewaltigungen oder Angriffe geben müssten oder sollten.
Es geht doch eher um den Umgang damit und auch darum, wie man die Opfer solcher Taten besser unterstützen kann.
KalleWirsch schrieb am 24.07.2010 um 17:41
Ja Schuld ist vielleicht das falsche Wort. Verantwortung trifft aber trotzdem was ich meine. Ich meine das aber nicht bezogen auf dieses konkrete Tat, sondern auf die Situation, das unter Kindern und Jugendlichen so viel Gewalt herrscht (und herrschte). Und da sehe ich die Erwachsenen insgesamt schon in der Verantwortung, denn sie erziehen (wie ich dieses Wort hasse) ihre Kinder.
Ich glaube Schuld rutscht mir in diesem Zusammenhang oft raus, weil es mich so ärgert. Nämlich all das, was du oben richtigerweise für einen guten, wie liebevollen Umgang mit Kindern beschrieben hast passiert ja kaum. Ob nun aus Überforderung oder Gleichgültigkeit heraus.
Wenn ein Kind nicht gelernt hat laut und deutlich nein zu sagen, an wem liegt es denn dann?
Aber ich gebe zu, dass mir bei dem Thema oft die Gelassenheit fehlt.
Lee Berthine schrieb am 25.07.2010 um 11:10
@ Kalle
Ja, das finde ich ein gutes Stichwort:

Überforderung.

Viele Eltern sind damit überfordert, ihren Kindern die Zuwendung und Aufmerksamkeit samt konsequenter Antworten und Handlungen zukommen zu lassen.
Titta schrieb am 24.07.2010 um 21:31
"Denn es reicht heute nicht, den lieben Nächsten schlicht zu missbrauchen. Der eigentliche Kick bei solchen Aktivitäten kommt woanders her. Und diese Sphäre ist die Öffentlichkeit. Nur was veröffentlicht wird, existiert. Was in die Welt geschrien wird, macht wirklich Spaß. Ich bin der größte Verbrecher! Viele würden das herum posaunen, wenn sie keine Furcht vor den Gesetzen hätten. Mancher tut es trotzdem und wird gut dafür honoriert."

Wie kommt der Verfasser zu dieser Sicht über die Welt und seine Nächsten?
Werden hier nicht gerade die Welt und die Verhältnisse konstruiert, die anschließend kritisiert werden? Und die Bösen sind natürlich immer die anderen.
Früher war eben nicht alles besser, wie KalleWirsch schon so richtig ausgeführt hat. Das ist ein Konstrukt, ein Wunschdenken. Heile Welt gab's nie. Aber sie wird eben auch nicht schlechter. Eher sogar besser, aber das ist eben meine Meinung, meine Weltsicht auf die Verhältnisse. Und ist es nicht diese jeweilige Sicht, die sich dann auswirkt und prägt?

Ich frage mich, ob es nur an der Sexualerziehung in der Hinsicht liegt. Wenn man seinen Kindern was beibringen sollte, dann doch, daß das Leben eine "lebenswerte Sache" (von wg. Verdinglichung) ist, nämlich das Leben zu lieben. Das ist, wenn, die herausragende Vorbildfunktion der Erwachsenen. Ein Kind, daß um das Schöne im Leben weiß, kann dann auch die Scheiße, die einem im Leben nun mal unausweichlich widerfährt, auch entsprechend einordnen und verarbeiten. Das können Kinder nämlich ziemlich gut. Oftmals besser als Erwachsene.
hansi schrieb am 24.07.2010 um 22:48
@Kalle Wirsch, Ihnen kann ich so nicht zustimmen.Die Verantwortung
der Eltern für die Erziehung ihrer Kinder in den Mittelpunkt zu stellen und
nicht die Ursachen ,die gesellschaftlichen Verhältnisse, die
ein solches unmenschlisches Verhalten hervorbringen, bedeutet das
Pferd vom Schwanz aufzuräufeln.

Ich empfehle Ihnen die Lektüre "Das Ticket ist die Bombe" von Nick Flynn.
KalleWirsch schrieb am 25.07.2010 um 14:02
Gesellschaftliche Verhältnisse ändern sich zwar, aber ob sie wirklich immer schlimmer werden? Das haben meine Eltern auch schon gesagt und meine Großeltern, ich glaube nicht so ganz daran. Einige Dinge werden schlechter, andere dafür besser. Dass bedeutet nicht, dass man nicht gesellschaftliche Mißstände anprangern darf, oder aufhören soll, zu versuchen sie positiv zu verändern.
Die Verantwortung der Eltern liegt darin, ihre Kinder auf ein Leben in diesen Zuständen vorzubereiten. Dass das ein leichter Job ist, hat niemand behauptet.
Die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Mittelpunkt zu stellen ist mir zu einfach. Das hält dann schnell als Entschuldigung her.
Vielleicht ist esja auch eine Mischform, aber so ganz glaube ich nicht daran.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.07.2010 um 03:48
Es geht um das Phänomen an sich: Ist, was da vorfiel, ein Symptom? Und wenn ja, wie soll man damit umgehen?
Es geht um 'Verdinglichung'.Und um die Frage, ob die Öffentlichkeit ein Komplize der Verdinglichung ist. Und um die Frage: "Wo lernen Kinder und Jugendliche eigentlich, wie man Verdinglichung unter Menschen überwindet".

Ist diese neue "Spielart", das fistling, diese Form der Vermischung von Sexualität mit Gewalt vergleichbar mit den Doktorspielchen oder Schulgelderpressung (von früher)? Ist dieses und andere, nachfolgende, evtl. dann noch härtere "Spielchen", so wie Lee Berthine meint, bloß eine von Sadismus und Gewaltfantasien durchwobene natürliche Entwicklungsphase? Auch in Verbindung damit, dass, der erste sexuelle Akt einer jungen Frau darin besteht, einem Mann zu Dienste zu sein? Auch in Verbindung damit, dass Sex, wie Pornos, als ein zur Verfügung stehendes Konsumgut betrachtet wird? Kein Problem?
Ist der Konsum von Porno die adäquate Form Sexualität zu erfahren? Lernt man dadurch einen respektvollen Umgang mit einem Partner? Vermitteln Erwachsene durch ihr eigenes Verhalten Heranwachsenden: "Menschen sind Dinge, Personen sind Gegenstände, sind nutzbar und instrumentalisierbar "? Woher lernen Jugendliche ' erfüllte Beziehung', Empathie, Mitgefühl?

Und ist alles wirklich schon dagewesen? Nur von den Medien "neu"entdeckt und aufgeplustert? Oder könnte es doch sein, dass das, was mediale Aufmerksamkeit erfährt, deshalb auch praktiziert wird?

Und es geht nicht, auch nicht in erster Linie um jene Jugendlichen, die durch ihr Elternhaus "richtig" sexualerzogen werden. Es geht um jene, die eben entweder nicht so "selbstbewußt" erzogen wurden, noch ein "gewaltfreies Zuhause" hat, Kalle Wirsch, noch anständig aufgeklärt wurde, noch um die, welche dezidiert Neinsagen gelernt haben.
Und doch geht es darum, weil jene Jugendlichen wohl doch eine andere Sexualerziehung genossen haben müssen, als das Erlernen und Konsumieren von Sexualität durch sexuelles Handeln am Beispiel von Gewaltpornos. Und es geht auch nicht darum, Lee Berthine, wie man die "Opfer solcher Taten besser unterstützen kann.", sondern wie man Opfer vermeiden kann.
Lee Berthine schrieb am 25.07.2010 um 11:18
@ Leif Miles

Hm, nun wissen wir also, "worum es geht" (?)

Übrigens habe ich weiter oben einen Erziehungswissenschaftler zitiert mit dem Hinweis, dass das nicht explizit m e i n e Meinung ist - eigentlich logisch!, sondern ich das bedenkenswert finde.

Es wäre natürlich super, wenn man es von vornherein "vermeiden" könnte, dass Jugendliche oder Kinder zu Opfern werden.
Unterstützt werden müssen die Opfer aber trotzdem!

Mehr möchte ich gar nicht zu dem obigen Kommentar sagen...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.07.2010 um 12:13
@Lee Berthine, ja, ich weiß, manchmal klingt es ein bisschen anders, als ich es eigentlich meine...Entschuldige also, sollte ich Dich verletzt haben. Okay?
Lee Berthine schrieb am 26.07.2010 um 14:17
@ Leif Miles

alles klar, nein, direkt verletzt fühlte ich mich nicht, eher missverstanden - und fand deinen Kommentar etwas wirr, mit den vielen rhetorischen Fragen und gespickt mit nicht ganz korrekten Zitaten aus meinem Kommentar.

Aber wenn dus gar nicht so gemeint hast, dann ist ja alles wieder gut. :)
Hans-Peter Waldrich schrieb am 26.07.2010 um 09:10
Es ist spannend zu verfolgen, wie die eigenen, übrigens sehr komprimierten Gedanken kommentiert werden. Ja, worum ging es m i r ?
Keineswegs um die Frage, ob alles immer schlechter wird. Zeiten, in denen Kinder durch die schwarze Pädagogik psychiatriereif geprügelt wurden, waren gewiss keine besseren.
Es geht um das Besondere unserer Gegejnwartskultur. Das Besondere ist vielleicht mit Begriffen zu fassen wie Ökonomisierung, Verdinglichung, totale Warengesellschaft, sexuelle Marktwirtschaft. Und aus diesen Bereichen heraus werden unsere Kinder sozialisiert. Leif Miles hat recht:
"Oder könnte es doch sein, dass das, was mediale Aufmerksamkeit erfährt, deshalb auch praktiziert wird?" Und die mediale Aufmerksamkeit resultiert aus der Gewinnerwartung. Die Tausenden von Fistingseiten im Internet sind vermutlich alle kommerziell motiviert. Es geht also darum, die Totalisierung der Märkte auch als maßgeblichen Faktor für die Veränderung von Verhaltensweisen zu begreifen und damit für die Veränderung der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen.
Emma in Uniform schrieb am 26.07.2010 um 14:19
Kleine Polemik meinerseits:

Alles voll porno, Porno als positive Leistung, Porno als Mutprobe und Sport, nicht nur als "das Andere der Vernunft", sondern als der postpostmoderne neoliberale Ausdruck vom Ende der Individualität, vom Ende der Privatsphäre, gewaltsamer Vollzug als männlicher Spaß und weibliche Erfüllungspflicht - Es ist alles nicht erst seit gestern, so wie es ist, jedoch: Doch die Omnipräsenz sexueller Gewalt und Entwürdigungen im Internet entfaltet seit Jahren eine ungute Wucht, was das sexuelle Selbstverständnis junger Menschen angeht, ob nun mit oder ohne Verständnis vom Elternhaus.

Und ganz ehrlich. Ich glaube das Medium bestimmt hier den Markt. Niemals wurden vor zwanzig Jahren soviel Pornos gedreht. Mittlerweile dünkt es mir, als ob in der westlichen Hemisphäre bereits jede zweite halbwegs gutaussehende Frau unter vierzig schon mal an einem Porno, Fotos oder sonst einen Quark teilgenommen hat, anders ist die Megalomanie gar nicht zu erklären. Und DAS finde ich SEHR bedenklich.

Und wenn sogar schon Alice Schwarzer regelmäßig seit Jahren mit dem größten Print-Zuhälter Deutschlands, nämlich der BILD, schmust und eitel balzt, dann ist eine neue Dimension von aggressiver Verdummung und Vereinnahmung, eine neue Stufe der sexuellen Repression erreicht: Wenn A. Schwarzer mit der Bild paktiert, kann diese ja schließlich nicht frauenfeindlich sein...alles nur Spaß...
Hans-Peter Waldrich schrieb am 26.07.2010 um 14:52
Ich will hier noch ein Zitat von Prof. Beier, Direktor des Instituts für Sexualwissenchaft in Berlin, unterbringen. Es bezieht sich auf die mögliche Wirkung allgegenwärtiger Pornographie auf Kinder und Jugendliche:
"Aus meiner Sicht ist das Ganze ein großes Experiment an unserer Jugend - ein unethischer Meschenversuch."
Alice Schwarzer sieht die Sache mit der Pornographie schon richtig, aber ich würde sie noch nicht abhängig von den Print-Zuhältern bezeichnen.
Phineas Freek schrieb am 26.07.2010 um 15:46
"...Ein ähnliches deutsches Sommermärchen wie in Duisburg hatte sich kurz zuvor in einem Ferienheim auf der Insel Ameland zugetragen, wo Osnabrücker Halbwüchsige ihre Befähigung unter Beweis stellten, schon bald in der Bundeswehr zu Rang und Ansehen zu gelangen. Geschult am Vorbild erwachsener Soldaten, die in Kasernen ihre »Kameraden« quälen und foltern, mißbrauchten sie Schwächere und Wehrlose sexuell, demütigten sie und zeigten, daß man es auch als Rotzbengel schon faustfick hinter den Ohren haben kann, wenn man nur entschlossen ist, das zu wollen, was in der deutschen Sprache unter »Spaß haben« firmiert. Während die anwesenden Erzieher weder Schreie noch Klagen noch von dem Böswort »fisten« je etwas gehört haben wollten.

So wirken die jugendlichen Nachwuchsfolterer und Sadisten sonderbar emanzipiert. Waren es früher Erzieher, Priester, Pädagogen, die Abhängige und Schutzbefohlene schlugen, quälten und mißbrauchten, haben nun Kinder und Jugendliche selbst diese Rolle übernommen. Um es an einem Beispiel zu zeigen: Bischof Mixa ist pensioniert, denn er wird nicht mehr gebraucht. Seine Mission ist beendet; er hat Kindern alles beigebracht, was er wußte und konnte, und er hat es nach Kräften an sie weitergegeben. Wobei Mixa aber eben nur Pars pro toto ist.

Unsere Kleinen jedenfalls bedürfen weder der Kirche noch der Bundeswehr. Mißbrauch und Krieg können sie inzwischen schon ganz alleine. Was dabei entsteht, nennt man deutsche Sommermärchen, Abteilung: Die Kunst der Liebe.

Wiglaf Droste

Der vollständige Beitrag:
www.jungewelt.de/2010/07-26/017.php
Hans-Peter Waldrich schrieb am 26.07.2010 um 17:44
Lieber Wiglaf Droste,
also für mich gibt es keine Rotzbengel, die es "ganz von alleine" können. "Ganz von alleine" ist auch ein Rotzbengel meistens ein prima Kerl. Zum Rotzbengel wird man in der Regel erst dann, wenn man in einer "verrotzten" Umwelt lebt und kein ausgleichendes Gegengewicht geschaffen wird.
Andererseits sollte man sich auch mal die Freizeit- oder Ferienlagerpädagogik anschauen. Auf Klassenfahrten, Ferienlagern oder dergleichen werden auch Grenzen ausgetestet. Dass dort zum Beispiel gesoffen wird, ist ganz selbstverständlich, denn jeder muss mal erleben, wie sich ein Nahezu-Delirium anfühlt.
Um mit solchen Verhaltensweisen umgehen zu können, braucht es jedoch Pädagogen, die sich mit den Extremen auskennen und die für die Jugendlichen Wege anbahnen, die das Leben auch jenseits der Extreme in Spannung versetzen. Darüber denkt die so genannte Erlebnispädagogik nicht erst seit heute nach.
Es sieht aber so aus, als werde auch hier gespart und daher mit Hilfkräften billigen gearbeitet, weil Erziehung in dieser Gesellschaft wenig gilt und Kinder hüten ja schließlich jeder kann..
Phineas Freek schrieb am 26.07.2010 um 18:21
Hallo Herr Waldrich,

…das ist ein kleiner Auszug, eines von mir für lesewürdig befundenen Beitrages von Herren Droste. Sollte ihre Anrede tatsächlich aufgrund der vergessenen Anführungszeichen am Ende des Zitats zustande gekommen sein, so war das selbstverständlich nicht meine Absicht.
Die Chance einer möglichen Antwort des Autors halte ich daher auch für eher gering.
Hans-Peter Waldrich schrieb am 27.07.2010 um 08:42
Tschuldigung! Hatte es eilig, und Internetkommunikation hat ihre Tücken. Aber wie stehen Sie selbst zum Thema?
Herzliche Grüße von Hans-Peter Waldrich
Phineas Freek schrieb am 27.07.2010 um 23:12
Hallo Herr Waldrich,

ich mach’s mir gelegentlich einfach und gezwungenermaßen jetzt mal kurz.
Die Polemik von Droste war von mir schon in Übereinstimmung gewählt.

"Ganz von alleine" kommt weder ein Rotzbengel noch ein prima Kerl heraus.
Da bedurfte und bedarf es schon der „verrotzten Umwelt“ - also die Gesamtheit so gut wie aller „gesellschaftlichen Institute“ - UND IHRER ausgleichend-pädagogischen „Gegengewichte“.

Diese ganze tätige Gewalt von jugendlichen Menschen unter – und gegeneinander (inkl. „Amok“) ist der aus den Fugen geratene pädagogisch gewollte "Lehrplan", mit dem die Kinder in Schule und Gesellschaft von Anfang an malträtiert wurden und werden.

Dieser rechtlich verbindlich gemachte „gesellschaftliche Lehrplan“ verbittet sich in Gestalt seiner staatlichen Vertreter jede Kritik an seiner Erziehungsmacht, der IHRE (gute) (Erziehungs)Gewalt als Ursache und Äquivalent all der unerwünschten Gewalt der „durchgeknallten Kids“ identifiziert.

Da diese Kritik leider so gut wie nicht vorhanden ist, kommen die Vertreter der institutionalisierten Erziehungsmacht noch nicht einmal in die Verlegenheit dieser „unangenehmen Nachfrage".

mfg
Hans-Peter Waldrich schrieb am 28.07.2010 um 09:16
Die "Gesamtheit aller gesellschaftlichen Institute" - das wäre nicht mehr, aber auch nicht weniger als alles, was uns überhaupt beeinflussen kann. Der Mensch (oder auch ein "Rotzbengel") jenseits aller gesellschaftlichen Institute wäre zum Beispiel ein "edler Wilder" oder ein "Wolfskind". Immer wieder hat man nach Beispielen von Menschen gesucht, die völlig unbeeinflusst waren von jedwedem gesellschaftlichen Einfluss. Man ist aber eigentlich nur auf Menschen gestoßen, die nicht lebensfähig waren, so wie Kaspar Hauser.
Aber freilich ist es sehr nachdenkenswert, was alle diese "gesellschaftlichen Institute" aus uns machen. Und die institutionalisierte Erziehung ist stets mehr als fragwürdig. Die nicht institutionalisierte, wie etwa die Erziehung über das Internet, ist es aber noch mehr...
Herzliche Grüße!
Phineas Freek schrieb am 28.07.2010 um 14:33
...solche blöden Fehler passieren, wenn man's kurz und bündig machen will.
Da hab ich aus zweckmäßig eingerichteten HERRSCHAFTLICHEN Instituten und ihren "kulturellen" Output, gleich die "Gesamtheit aller gesellschaftlichen Institute" gemacht und mich so selber zum scheinbar naturidealistischen Deppen gemacht.
Ihr Verweis auf den "edlen Wilden" oder Kasper Hauser ist so aufgrund meines Fehlers völlig korrekt.
GeroSteiner schrieb am 28.07.2010 um 15:00
Happy Fisting?
Das müsste doch wohl eher "Happy Aua" heißen.

Was mich am meisten verdrießt, ist die Erkenntnis, dass der wirtschaftliche Aspekt - die Klickrate von Porno-Seiten im Internet - das Sexualverhalten der Kinder beeinflusst - um nicht zu sagen steuert.

Wenn das so ist, und daran habe ich im Moment keinen Zweifel, dann beeinflusst auch das Zeigen von Gewalt in Filmen und Videospielen das Verhalten der Kinder bei Konflikten - und könnte unter anderem erklären, warum auf am Boden liegende Opfer weiter eingeschlagen oder getreten wird.

Die des öfteren zu hörende Aussage, dass es nach den vorliegenden UNtersuchungen keinerlei beweisbare Zusammenhänge gäbe, relativiert sich für mich auf's Hörensagen und Nachplappern. Das Gegenteil zu beweisen dürfte jetzt eher leichter fallen.
Hans-Peter Waldrich schrieb am 28.07.2010 um 15:32
Liebe(r) Phineas Freek,
zum "Deppen" machen wir uns ja immer irgendwie, wenn wir in schriftlicher Kurzform etwas in die Öffentlichkeit entlassen. Gelegentlich missverstanden zu werden, gehört dann einfach dazu. Bei Ihnen (Dir) höre ich einen "anarchistischen" Unterton heraus. Ist der beabsichtigt? Darüber nachzudenken, wie wir v o r aller Herrschaft wären, finde ich durchaus gut und wichtig. Grüße!

Lieber Gero Steiner,
auh ich bin fest davon überzeugt, dass die "Klickrate" das sexuelle Verhalten vieler Kinder und Jugendlicher steuert. Und hinter der Klickrate stehen wiederum kommerzielle Interessen. "Erziehung" wird daher nicht etwa von verantwortlichen Erziehern betrieben, sondern von Kalkulationen oder so etwas wie "Maschinen". Für mich ist das Entfremdung oder Verdinglichung wie sie im Buche steht. Auch handelt es sich - das sage ich im Hinblick auf Phineas Freek - um eine Form der Herrschaft, denn die Kids würden sich ja wesentlich anders verhalten, wenn nicht mit Tausenden von Fisting-Seiten Kasse gemacht würde.
GeroSteiner schrieb am 28.07.2010 um 16:02
Lieber Herr Waldrich,

"Erziehung" wird daher nicht etwa von verantwortlichen Erziehern betrieben, sondern von Kalkulationen

Heute morgen las ich einen Artikel dazu im Spiegel, der mich schon irritiert hat, sowohl die Hilflosigkeit der Betroffenen, als auch die Ratlosigkeit der Erziehenden.

Die Ursachen in der Veränderung der Gesellschaft zu suchen ist vielleicht zu oberflächlich, denn die Gesellschaft wird seit längerem durch andere Randbedingungen verändert. Wir haben einen Klickraten-Merkantilismus von Emotionen im Internet. Auch wenn Emotionen sich nach einiger Zeit wieder verflüchtigen, dass was sie anrichten, hat Bestand. Eine Emotion hat jetzt keinen Wert an sich mehr, sondern einen Preis. Das ist neu.
Hans-Peter Waldrich
Aller Beschreibung spottend.
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