Hans Springstein

Hans Springsteins Blog

26.01.2012 | 12:23

Weizsäcker, Friedrich II. und die Angst des Adels vor der Revolution

Erstaunliches durfte ich gestern vernehmen, als ich seit langem Mal wieder etwas tat, was ich mir aus verschiedenen Gründen lange verkniff: Ich habe bei "Anne Will" reingeschaut. Das geschah nur kurz, aber wahrscheinlich genau deshalb musste ich etwas hören und sehen, was mich seitdem beschäftigt: Da erklärte doch tatsächlich der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, dass Friedrich II. mit seinem Hobby Aufklärung den Deutschen ein Ereignis wie die Französische Revolution erspart habe und dass er das gut fände. Denn bei der Revolution seien ja so viele Menschen umgebracht worden und das hätte den Franzosen ja dann auch Napoleon I. eingebracht. Weizsäcker meinte noch, er verstehe gar nicht, was die Franzosen an Napoleon I. fänden. (Eine Zusammenfassung ist im FAZ-Feuilleton zu finden.)

Ich rekapituliere: Der ehemalige Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland ist froh, dass in der deutschen Geschichte kein Ereignis wie die Französische Revolution 1789 geschah und das Dank des Wirkens des feudalen Herrschers Friedrich II. Der frühere höchste Repräsentant dieser Republik, die eine bürgerliche ist und sich auf die Grundprinzipien von Freiheit und Demokratie beruft und darauf begründet ist, freut sich, dass eines der Ereignisse, das u.a. mit der Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" Grundlagen für die moderne Demokratie legte, nicht in Deutschland stattfand. Und das, weil Friedrich I. sich als Hobbyphilosoph mit der Aufklärung beschäftigte und entsprechende Denker zu sich einlud.

Ich dachte, ich höre nicht richtig. Der gegenwärtige Rummel um den einstigen Preussenkönig Freidrich II. ist mir schon unerträglich. Die Nachdenkseiten haben dankenswerterweise kürzlich an einen Text von Franz Mehring zum Thema erinnert, dem eigentlich nichts hinzuzufügen ist: "In allen Zweigen seiner Herrschertätigkeit hat er – mit einziger Ausnahme der Rechtspflege, wo er einige Anläufe zu Reformen machte, um schließlich doch wieder in der launenhaftesten Kabinettsjustiz zu versumpfen – durchaus auf der historisch rückständigen Seite gestanden, und wer seine Geschichte irgendwie kennt, wird es nur als beißenden Hohn empfinden, wenn er als Muster eines aufgeklärten Despoten gefeiert wird.
Nichts hat ihm mehr am Herzen gelegen, als den feudal-mittelalterlichen Kastenstaat mit den drei erblich geschiedenen Ständen der Junker, der Bauern und der Bürger aurechtzuerhalten. ..."

Mit dem Wissen, dass es keine einfachen linearen Geschichtslinien gibt, sei aber dennoch auch darauf hingewiesen, dass das, wofür der "alte Fritz" stand, zu dem historischen Nährboden gehört, der den deutschen Faschismus hervorbrachte. Der preussische und sonstige deutsche Adel war einer der Stützen, auch geistig, des deutschen Faschismus, bei allen lobenswerten Ausnahmen. Das spielte aber in dem kurzen Ausschnitt, den ich sah, keine Rolle, auch nicht im Kommentar von Gregor Gysi, der zu Weizsäckers Äußerungen nur sagte, dass die deutsche Geschichte anders verlaufen wäre, hätte es ein ähnliches deutsches Ereignis wie die Französische Revolution gegeben.

Natürlich ist es kein Wunder, dass ein Adelsspross wie der ehemalige Bundespräsident die Revolution fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Aber was er da als früherer Repräsentant des deutschen Staates sagte, der nach dem unheilvollsten Kapitel der deutschen Geschichte die Demokratie und andere Errungenschaften in Folge der Französischen Revolution zu seinen Fundamenten zählt, von sich gab, hat mir gezeigt, wie die hierzulande Herrschenden wirklich denken, wessen Geistes Kind sie sind und was sie von dem halten, was sie immer wieder in Sonntagsreden von sich geben.

Weizsäckers Freude über das Ausbleiben einer Deutschen Revolution erinnert mich an eine Aussage eines anderen deutschen Politikers: "Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben." Walter Ulbricht kam aus einer ganz anderen politischen Richtung und gern wird mit Hilfe dieses Zitates gezeigt, wie böse die deutschen Kommunisten in der DDR waren und an sich sind. Am Ende zeigt sich, dass die Herrschenden alle gleich sind, wenn es um ihre Macht geht. Es bleibt nur die Frage: Cui bono?

 
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Kommentare
Magda schrieb am 26.01.2012 um 13:09
"dass Friedrich II. mit seinem Hobby Aufklärung den Deutschen ein Ereignis wie die Französische Revolution erspart habe und dass er das gut fände. "

Darüber habe ich mich auch grimmig amüsiert. Dieser Weizsäcker, wenn er keinen Redenschreiber hat, liefert auch die blanken Wahrheiten so ganz ohne Zuckerguss.

"Nichts hat ihm mehr am Herzen gelegen, als den feudal-mittelalterlichen Kastenstaat mit den drei erblich geschiedenen Ständen der Junker, der Bauern und der Bürger aufrechtzuerhalten. ..."

Ja, was denn aber sonst. Da habe ich mich auch über Jutta Ditfurth gewundert, die ein bisschen unhistorische Forderungen an den alten Friedrich stellte. So sind sie, die Herrscher. Sagen Sie ja selbst auch.
Aufregen muss man sich eigentlich immer nur über die gegenwärtigen Legendenstricker und Geschichtsschreiber.
Hans Springstein schrieb am 26.01.2012 um 13:18
@Magda
Ja, genau, diese gegenwärtigen Legendenstricker und Geschichtsverfälscher, die ihr Machwerk auch noch von meinen Steuern bezahlt bekommen, wenn sie es in öffentlich-rechtlichen Anstalten oder Universitäten tun, sind es, die mich aufregen. Ich versuche, sie wenigstens zu ignorieren, was mir bis gestern abend ganz gut gelang.
poor on ruhr schrieb am 26.01.2012 um 14:00
Es ist auch nach meiner Meinung so schon so wie im Blog geschrieben. Da weiss man dann wirklich wo man dran ist.

Alles ändert sich und trotzdem ändert sich nichts!

Der Weizäcker ist ja richtig wild geworden.

Aufklärung und zu den 400.000 Toten alleine in Brandenburg hat er gar nicht den Mund aufgekriegt.
Joachim Petrick schrieb am 26.01.2012 um 14:43
@Hans Springstein

"Denn bei der Revolution seien ja so viele Menschen umgebracht worden und das hätte den Franzosen ja dann auch Napoleon I. eingebracht. Weizsäcker meinte noch, er verstehe gar nicht, was die Franzosen an Napoleon I. fänden."
Was Weizsäcker tunlichst unterschlägt:

"Es war das heillose Miltär Bündnis absolutistisch europäisher Herrscher, die der Französichen Revolution den Militarismus nach Art des Hauses Bonarparte aufgezwungen haben.

R. v. Weizsäcker ist nur bei Gelegenheit launig unser "Berliner Richie". meistens war und ist er doch ein harter Knochen und absolutistisch listiger Zuchtmeister, wenn er zu Anne Will im Ton gereizter Empörung sagt:
"Wenn Sie mich so zu meiner Familie befragen, muss ich die doch verteidigen"

Womit sich weiteres Fragen wie selbstverständlich an absolutistichen ARD- Höfen verbietet?
Joachim Petrick schrieb am 26.01.2012 um 14:45
@Hans Springstein

"Denn bei der Revolution seien ja so viele Menschen umgebracht worden und das hätte den Franzosen ja dann auch Napoleon I. eingebracht. Weizsäcker meinte noch, er verstehe gar nicht, was die Franzosen an Napoleon I. fänden."
Was Weizsäcker tunlichst unterschlägt:

"Es war das heillose Miltär Bündnis absolutistisch europäisher Herrscher, die der Französichen Revolution den Militarismus nach Art des Hauses Bonarparte aufgezwungen haben.

Bei der russischen Oktober Revolution war der Verlauf nicht unähnlich militarisierend durch die europäischen Großmächte, Deutsches Reich, England, Frankreich....?

R. v. Weizsäcker ist nur bei Gelegenheit launig unser "Berliner Richie". meistens war und ist er doch ein harter Knochen und absolutistisch listiger Zuchtmeister, wenn er zu Anne Will im Ton gereizter Empörung sagt:
"Wenn Sie mich so zu meiner Familie befragen, muss ich die doch verteidigen"

Womit sich weiteres Fragen wie selbstverständlich an absolutistichen ARD- Höfen verbietet?
Joachim Petrick schrieb am 26.01.2012 um 14:50
siehe auch:

Agent Orange

ww.spiegel.de/spiegel/print/d-13510230.html

in der Ausgabe dieser Beitrag

www.spiegel.de/spiegel/print/d-13681543.html

www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488987.html
www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488987.html

19.08.1991

Journalismus, zerkrümelt

Von Augstein, Rudolf

Kurz vor Ende des Vietnamkrieges im Jahre 1975 saß ich einmal auf dem Flug von Hamburg nach Frankfurt zufällig hinter Carl Friedrich von Weizsäcker, Physiker und Philosoph, Bruder des jetzigen Bundespräsidenten, und Theo Sommer, schon damals Chefredakteur der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit.
Magda schrieb am 26.01.2012 um 17:23
Na, hastes endlich gefunden, Joachim. ?
Joachim Petrick schrieb am 26.01.2012 um 14:45
@Hans Springstein

"Denn bei der Revolution seien ja so viele Menschen umgebracht worden und das hätte den Franzosen ja dann auch Napoleon I. eingebracht. Weizsäcker meinte noch, er verstehe gar nicht, was die Franzosen an Napoleon I. fänden."
Was Weizsäcker tunlichst unterschlägt:

"Es war das heillose Miltär Bündnis absolutistisch europäisher Herrscher, die der Französichen Revolution den Militarismus nach Art des Hauses Bonarparte aufgezwungen haben.

Bei der russischen Oktober Revolution war der Verlauf nicht unähnlich militarisierend durch die europäischen Großmächte, Deutsches Reich, England, Frankreich....?

R. v. Weizsäcker ist nur bei Gelegenheit launig unser "Berliner Richie". meistens war und ist er doch ein harter Knochen und absolutistisch listiger Zuchtmeister, wenn er zu Anne Will im Ton gereizter Empörung sagt:
"Wenn Sie mich so zu meiner Familie befragen, muss ich die doch verteidigen"

Womit sich weiteres Fragen wie selbstverständlich an absolutistichen ARD- Höfen verbietet?
cuchulainn schrieb am 26.01.2012 um 15:26
"Natürlich ist es kein Wunder, dass ein Adelsspross wie der ehemalige Bundespräsident die Revolution fürchtet wie der Teufel das Weihwasser."

nein das stimmt jedenfalls nicht in deutschland - hier hat der adel nie die revolution gefürchtet, sondern die revolutionäre zunächst den adel und sodann die bourgeoisie.

davon abgesehen finde ich die jetzt (!) so staatstragend hochgejubelte windige hohenzollerncanaille genauso zum kotzen wie du.
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