harzpeter

Blog von harzpeter

30.01.2012 | 09:32

Arbeit - ein deutscher Fetisch? - Zweiter Teil

Machen wir nun noch einen kurzen Ausflug in das Schatzkästlein deutscher Spruchweisheiten. Wir finden da neben unzähligen Redewendungen zu allen nur möglichen Lebensbereichen natürlich auch so einiges zur Arbeit: "Arbeit adelt" z.B. Oder auch "Arbeit macht das Leben schön". Noch mehr gefällig? Bitteschön: "Arbeit ist des Ruhmes Mutter", "Arbeitsschweiß an den Händen hat mehr Ehre als ein goldener Ring am Finger", "Arbeitsamkeit ist die beste Lotterie" usw. usw. Auch hier wird die Arbeit als auch das arbeiten an sich in den höchsten Stand erhoben.
Ein dänischer Bekannter hat mir gegenüber übrigens mal vor vielen Jahren geäußert: "Wir Dänen arbeiten, um zu leben, ihr Deutschen lebt um zu arbeiten!". Das halt nur als kleine Ergänzung, da dieser Satz recht gut unsere "Außenwirkung" hinsichtlich unserer gesamtgesellschaftlichen deutschen "Arbeitsreligiosität" auf Nichtdeutsche verdeutlicht.

Allerdings gibt es auch Sprüche, die gerade in unserer heutigen Zeit wohl nicht mehr ganz up-to-date sein dürften: "Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert", "Arbeit ist bei Armut gut" oder "Wo Arbeit das Haus bewacht kann Armut nicht hinein". Wenn wir uns hierzu jetzt die aktuellen Zahlen hinsichtlich der Leih- und Zeitarbeitskräfte plus aller sonstigen geringfügig Beschäftigten in Erinnerung rufen stellen wir schnell fest, dass diese drei Spruchweisheiten derzeit keinerlei Gültigkeit mehr besitzen (Stichwort "working poor").

Die Schlusspointe des Uralt-Witzchens mit dem Unterschied zwischen einem englischen, französischen und deutschen Rentner "Der deutsche Rentner nimmt seine Herztropfen und geht zur Arbeit" dagegen dürfte bei der momentanen Entwicklung in Sachen Verlängerung der Lebensarbeitszeit sowie aufgrund der wachsenden Altersarmut infolge der sich stetig verstärkenden Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse bei uns schon recht bald bittere Realität sein.

Nach meinem Dafürhalten scheint diese fast schon religiöse Überhöhung des gesellschaftlichen Stellenwerts der Arbeit eine speziell deutsche Eigenheit zu sein. Otto NormalbundesbürgerIn fühlt sich nun mal gebauchpinselt, wenn im Ausland als besondere "Nationaleigenschaft" für Deutsche u.a. das Wörtchen "Fleiß" gebraucht wird. Es erfüllt nicht wenige von uns mit großem Stolz, sich zu den "fleißigen Deutschen" zählen zu dürfen. Auf die dem gewöhnlichen "Fleißdeutschen" als solche erscheinenden "faulen Südländer" blicken viele demzufolge nur mit Verachtung. Das diese "Südländer" möglicherweise nur besser zu leben verstehen als wir, weil sie die Arbeit eben nicht als höchstes Gut oder als ihren einzigen Lebensinn verstehen, dafür fehlt uns Deutschen wohl das Verständnis.

Andererseits liest man immer wieder darüber, dass immer mehr BundesarbeitnehmerInnen mit ihrer Arbeitsstelle unzufrieden sind und nur mit einem gewissen inneren Widerwillen jeden Morgen an ihrem Arbeitsplatz antreten. Physische und psychische Überbelastung, ein mieses Betriebsklima, cholerische Chefs: So ganz finden sie dann eben doch nicht ihre Erfüllung in ihrem Job, sie gehen nicht in ihrem Beruf auf, empfinden ihre ausgeübte Tätigkeit nicht als Berufung. Ach ja, sehr viele "Cleverles" unter unseren Arbeitsbienen sind zudem wahre Meister im bauen von Urlaubsbrücken. Da wird schon frühzeitig am Kalender ausgetüftelt, wie man auch im kommenden Jahr mittels geschickter Nutzung von Feiertagen durch Inanspruchnahme nur weniger Urlaubstage möglichst viele arbeitsfreie Tage herausbekommt. Arbeiten zu gehen ist somit für sie wohl halt doch eher ein notwendiges Übel zur Sicherstellung ihres Lebensunterhalts und nicht ihr alleiniger Lebenszweck. Nur gibt man als "fleißiger Deutscher" sowas niemals zu - und wenn dann nur anonym in einer Umfrage oder im engsten vertrauenswürdigen Kreis. Man gehört sonst ja nicht mehr richtig dazu...

Meiner Meinung nach sagt die Tatsache, ob ein Mensch eine Arbeit hat und welcher Art seine ausgeübte Tätigkeit ist absolut nichts über seinen gesellschaftlichen Wert sowie seine positiven oder negativen menschlichen Qualitäten aus. Dieses denken nach dem Motto "Hast du eine Arbeit gehörst du zu uns, falls nicht bist du ein Außenseiter" ist einfach nur albern. Noch alberner ist es, wenn man auch noch Einteilungen in "gute" und "schlechte" Arbeit bzw. Tätigkeiten vornimmt. Müller z.B. ist Verwaltungsangestellter, also übt er einen "guten" Beruf aus. Schmidt dagegen ist nur "Straßenkehrer" und das auch bloß als 1-Euro-Jobber, folglich kann man seine Arbeitsleistung doch nicht als gleichrangig mit der von Müller betrachten. Sorry, aber wieso eigentlich nicht?

Wir sollten uns schon vor Augen halten, dass jede Sekunde, die wir an unserem Arbeitsplatz verbringen, unwiederbringlich verlorene Lebenszeit ist. Jeder arbeitende Mensch, egal ob nun in vermeintlich "besseren" oder "niederen" beruflichen Positionen opfert quasi hierfür einen Großteil seiner insgesamt gesehen relativ knapp bemessenen Lebenszeit. Nicht wenige ArbeitnehmerInnen tragen aufgrund ihrer Tätigkeit bzw. Arbeitsumstände zudem auch körperliche und/oder psychische Beschwerden davon, was nicht selten eine erhebliche Einschränkung ihrer Lebensqualität im wohlverdienten Ruhestand nach sich zieht. Dessen sollten wir uns bei der Bewertung jeglicher Form von Arbeit bewusst sein. Ich persönlich fände es übrigens vollkommen angebracht, wenn auch solche Aspekte in die Bemessung von Löhnen/Gehältern mit einbezogen würden und nicht nur die viel beschworene Produktivität. Die am Anfang dieses Absatzes angeführten Faktoren sollten hierbei auf Arbeitgeberseite ebenso berücksichtigt werden wie rein materielle Überlegungen bezüglich "Welchen optimalen Wert/Gewinn kann ich als Arbeitgeber aus der Tätigkeit des Beschäftigten XY schöpfen?".

Kommen wir aber nun noch einmal auf die Leih- und Zeitarbeit sowie alle anderen Niedriglohninstrumente zurück. Auch unter den in diesen Arbeitsverhältnissen Beschäftigten gibt es durchaus etliche VertreterInnen, die sich damit "gut" fühlen, ja sogar einen gewissen Stolz dabei empfinden. Schließlich, so argumentieren diese Menschen, würden sie dem Staat dadurch ja nicht komplett auf der Tasche liegen statt wie diese ganzen anderen "Asis" nur träge zuhause zu hocken und hätten zudem das Gefühl, doch noch gebraucht zu werden: "Arbeit, sei es auch zu jedem noch so niedrigem Lohn/Gehalt, verleiht mir dennoch ein Gefühl von Würde!". Sie fühlen sich ihrer eigenen Einschätzung nach somit ebenfalls den "fleißigen Deutschen" zugehörig, auch wenn sie dabei sich bzw. ihre Arbeitskraft weit unter Wert verkaufen. Sie möchten sich eben von den anderen "armen Schweinen" abheben, sich - obwohl selbst nur ein "kleines Würstchen" - als noch über diesen stehend empfinden können. Freunde, Nachbarn, Landsleute - genau durch diese Denke fördert und unterstützt ihr doch nur diese rigorose Ausnutzung der seit Einführung der Agenda 2010 erheblich verschlechterten Situation aller Arbeitsuchenden! Durch Eure Bereitwilligkeit, euch als billiger Jakob zu verdingen, leistet ihr der fortschreitenden Ausbeutung von ArbeitnehmerInnen doch nur Vorschub! Außerdem: Nur die allerwenigsten Leih-/Zeitarbeitskräfte und auch alle anderen GeringverdienerInnen kommen aus diesen Verhältnissen jemals wieder raus! Und im Alter müsst ihr trotz jahrzehntelangem arbeiten auch weiterhin als Bittsteller auf "dem Amt" aufschlagen, weil die Rente zum (Über-)Leben nicht ausreicht! Und natürlich gebt ihr den Arbeitgebern durch diese eure Einstellung die Möglichkeit, die Lohnspirale auch für die in  noch "regulären" Beschäftigungsverhältnissen stehenden ArbeitnehmerInnen weiter und weiter nach unten zu drehen! Ist es unter diesen Umständen wirklich so großartig, sich als GeringverdienerIn allein durch die Tatsache, dass man überhaupt arbeitet, über anderen stehend zu betrachten? Lügt ihr euch nicht in die eigene Tasche, wenn ihr behauptet, selbst als Ausgebeutete dennoch so etwas wie "Würde durch Arbeit" zu verspüren?
Ich für meinen Teil empfände, wenn ich trotz Vollzeitarbeit von meinem Arbeitgeber als Aufstocker zum Amt geschickt werde, meine Arbeitsleistung eben nicht hinreichend durch selbigen gewürdigt.

Um Missverständnisse auszuräumen: Auch ich sehe Arbeit derzeit mangels ausreichender bzw. mehr oder minder "auskömmlicher" Alternativen als Grundlage zur Sicherung des Lebensunterhalts als beste aller Möglichkeiten an.  Ich scheue mich auch vor keiner noch so "schmutzigen" und/oder "harten" Arbeit! Nur muss meine Arbeitsleistung seitens des Arbeitgebers auch entsprechend honoriert werden. Trotz Vollzeittätigkeit zusätzliche staatliche Leistungen erbetteln zu müssen, das ist nun mal unter meiner Würde. Da hilft auch keine noch so pseudo-religiöse Überhöhung des gesellschaftlichen Stellenwerts von Arbeit.
Es fielen mir durchaus noch einige weitere Anmerkungen zu diesem Themenkomplex ein, aber ich beende den Beitrag jetzt trotzdem. Das artet sonst noch in Arbeit aus...

 
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Kommentare
chrislow schrieb am 30.01.2012 um 13:01
Ich kenne auch eine Redewendung für die Lobpreisung der Arbeit:

"Das schönste an der Arbeit ist, dass man sie vollbracht hat."

Seneca der Jüngere 1 bis 65 n. Chr.

Dieser Mann war kein "Arbeiter". Er war offensichtlich Stoiker, aber ist uns heute hauptsächlich als Philosoph, Dramatiker, Naturforscher und STAATSMANN bekannt.

In dieser uns nur zu visualisierenden Begebenheit klingt dieser Spruch irgendwie Surreal und vollends absurd. Wir erinnern uns: "Arbeit" kann er nicht so gemeint haben, wie wir sie empfinden - oft genug. Nämlich dreckig, schwer, hart und uneigennützig in dem sinne, dass sie nicht für uns selbst getan wird, ausser für einen schäbigen Lohn in Form von Geld. Wir erinnern uns auch: daran nämlich, dass Sprache zur Vermittlung existiert - d.h. etwas, dass gesagt wird, wird gesagt, damit es andere hören und verstehen können. Er wird also möglicherweise nicht sich selbst damit motiviert haben wollen, dass er solches über Arbeit aussagte.

Trotzdem aber hat er natürlich recht. Schön ist es, wenn die Arbeit vollbracht ist. Dann nämlich ist die Arbeit fertig und die Last derer nicht mehr spührbar. Denn die Arbeit selbst war in diesen Sinne selten "schön".
eykiway schrieb am 31.01.2012 um 00:11
DUMMHEIT FRISST INTELIGENZ SÄUFT
PROST FREUNDE AUF DIE GESUNDHEIT DEN REST KÖNNEN WIR UNS KAUFEN
harzpeter
Dem Prekariat zugehörig, sich aber dennoch stets eigene Gedanken machend.
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