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Haydnplayers Innenräume

26.11.2009 | 05:39

Abrechnung (2)


Zunächst ein großes Dankeschön für die freundliche Aufnahme von Teil 1. Fragen, Anregungen und Kritik werden am Schluß beantwortet!

Deutschland verfügt über das intellektuell anspruchsvollste ärztliche Abrechnungssystem der Welt und kann behaupten, dass in ihm Menschenmögliches geleistet wurde, um auf 690 Druckseiten und in über 40.000 Gebührenordnungspositionen die schlichten Handgriffe und Worte des Hippokrates in moderner und spezialisierter Form zu diversifizieren. - Die schon erwähnte Nr.35200 ist nicht die einzige Abrechnungsziffer für Therapeuten. Interessant ist auch die Ziffer Nr.22220 - für das psychotherapeutische Gespräch als Einzelbehandlung.

"Obligater Leistungsinhalt:
- Dauer mindestens 10 Minuten

Fakultativer Leistungsinhalt:
- syndrombezogene therapeutische Intervention
- Instruktion der Bezugsperson(en),

je vollendete 10 Minuten, höchstens 15-mal im Behandlungsfall                                    10,68 €

Bei der Nebeneinanderberechnung der Gebührenordnungspositionen 22210 bis 22212 und 22220 ist eine Arzt-Patienten-Kontaktzeit von mindestens 20 Minuten Voraussetzung für die Berechnung der Gebührenordnungsposition 22220.

Bei der Nebeneinanderberechnung diagnostischer bzw. therapeutischer Gebührenordnungspositionen und der Gebührenordnungsposition 22220 ist eine mindestens 10 Minuten längere Arzt-Patienten-Kontaktzeit als in den entsprechenden Gebührenordnungspositionen angegeben Voraussetzung für die Berechnung der Gebührenordnungsposition 22220.

Die Gebührenordnungsposition 22220 ist nicht neben den Gebührenordnungspositionen 01210, 01214, 01216, 01218, 22221 und 22222 und nicht neben den Gebührenordnungspositionen der Abschnitte 35.1 und 35.2 berechnungsfähig."

Um das zu begreifen und auf einer zweiten Spur während der Kontaktzeit mitlaufenlassen zu können, werden von der KV und den therapeutischen Berufsverbänden für Neue und Naive laufend Schulungen und Seminare angeboten. Dennoch stellt sich auch hier später die Frage, nach welcher Uhr abgelesen wird. Die meisten Therapeuten sind jünger wie ich und können sich auf ihre innere Uhr nicht mit meiner traumwandlerischen Sicherheit verlassen. Ob häufig mit Stoppuhr gearbeitet wird, glaube ich nicht. Meine Annahme geht dahin, dass bis auf das eine oder andere schwarze Schaf in der Regel länger im Kontakt verblieben wird, als erforderlich. Der gute Therapeut läßt Gespräche ungezwungen ausklingen, auch wenn sie 17 Minuten dauern und wegen des unvollendeten zweiten 10-Minutentaktes statt mit 21,36 € nur mit 10,68 € zu Buche schlagen. - Diesen Glauben an das Abrechnungsverhalten meiner Kollegen teilt die Prüfstelle der KV nicht ganz. Hier wird jede Abrechnung statistisch aufgearbeitet und mit dem verglichen, was die Kollegen derselben Fachgruppe abrechnen. Es interessiert nicht, wer fleißig war, sondern ob zu viel aufgeschrieben wurde. Darüber wird etwa so informiert: „Herr Kollege, Sie haben die Ziffer Nr.35200 73% über dem Durchschnitt der Fachgruppe abgerechnet, das ist nicht ganz plausibel. Passen Sie also das nächste Mal beim Aufschreiben besser auf!“ - Für Therapeuten gibt es eine weitere Beschränkung: sie dürfen nicht mehr als 35 Stunden reine Therapiezeit pro Woche aufschreiben. Schreiben sie 40 Wochenstunden, waren es 5 Stunden für einen Gotteslohn. Warum nur 35 Stunden, fragt der User, der von Kampfdemonstrationen eine 60-Stundenwoche im Ohr hat. Das hängt mit einem Gerichtsverfahren zusammen, dass die Therapeutenverbände 10 Jahre lang gegen die KV führten und nachwiesen, dass die 50-Minutengrenze reine Gesprächszeit sei und ein Therapeut sich auf jedes einzelnen Gespräch anhand seiner umfangreichen Aufzeichnungen vorbereiten, anschließend Eindrücke und Schlußfolgerungen niederschreiben und auch weiterbilden müsse. All das sollte in die Bewertung der Ziffer 35200 einfließen. Okay, sagten die übrigen Fachvertreter beim Vergleich, wir bewerten sie, so gut es eben geht, aber mehr als 35 Stunden reine Gesprächszeit dürfen dann nicht sein, damit auch die Nebentätigkeiten ordentlich erledigt werden. – Vor Jahren hat mich das heiß gemacht, oft fragte ich mich beim Blick auf Uhr und Leistungslegende, ob eine aufrichtige und korrekte Abrechnungsweise nicht zugleich die dümmste aller Möglichkeiten sei und trotz befriedigender Berufstätigkeit rein geschäftlich desaströs enden müßte. – Abschließend ein Zitat aus der Präambel, Absatz 221.22:

"Ausser den in diesem Kapitel genannten Gebührenordnungspositionen sind unbeschadet der Regelungen gemäß 5 und 6.2. der allgemeinen Bestimmungen zusätzlich nachfolgende Gebührenordnungspositionen berechnungsfähig: 01100 bis 01102,01210, 01211, 01214 bis 01222, 01320, 01321, 01410 bis 01416, 01422, 01424, 01430, 01435, 01436, 01440, 01600 bis 01602, 01610 bis 01612, 01620 bis 01623, 01950 bis 01952, 02100, 02101, 02110 bis 02112, 02200, 02300 bis 02302, 02320, 02323 und 02510 bis 02512."

Ein pragmatischer Freund mit einer betriebswirtschaftlichen Zusatzausbildung verwendet eine private Abrechnungssoftware und löst das Problem bis zum Quartalsende in mehreren Schritten:

1. schreibt er während eines Quartals nur todsichere Ziffern auf
2. sieht er sich die Gruppenstatistik des Vorquartals seiner Fachgruppe an und checkt Trends bei den einzelnen Positionen – m.a.W. was die Kollegen zur Zeit gern aufschreiben und was nicht
3. ergänzt er seine aktuelle Abrechnung, kürzt Positionen, die statistisch ausgerissen waren auf erlaubte Schwankungsbreiten und ergänzt andere, bei denen er zu zaghaft war
4. glättet er Tages-, Wochen- und Monatsprofile, damit nicht mehr als höchstens 10 Arbeitsstunden pro Tag  bzw. 35 pro Woche usw. in der Abrechnung erscheinen.

Plausibilitätsprüfungen fallen bei ihm unverdächtig aus, mehr interessiert ihn nicht, auf Einzelheiten des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs kann er verzichten und bezeichnet das großartige Werk kühl als Schwachsinn.

 

Anhang(Poststunde zu Abrechnung 1):

Chrisamar: Gut, ich bin ein beherrschter Typ, und wenn bei meinen Besuchern Tränen fließen, kann ich an mich halten. Wenn Du für meine Subtexte hellhörig bist, kann Dir aber das Brodeln nicht verborgen bleiben.

Radar: Kann ich nicht beantworten, weil ich scheinbar von Privatpatienten gemieden werde. Ruft mal einer an und weist beflissen auf seinen Versichertenstatus hin, wird meine Stimme spröde.

Anna: Dunkle und helle Mandeltorte im Verhältnis 1:2. Ich hab sie mal zu Hause nachahmen wollen, aber es entstand nur eine hochkalorische Schleimmasse.

MisterL: Rituelle Gepflogenheiten geben in einer wirren Welt manchmal ein wenig Halt.- Früher betrieb ich nebenbei einen Bioladen, hab mich dabei sehr gut gefühlt, die Sache hat sich aber nicht gerechnet.

Klara: Haydn ist eins der großen kommenden Themen in diesem Blog.

Nelly: Als ich am ersten Morgen nach Abrechnung (1) aufwachte und den Aufmacher des Freitag sah, erfaßte mich dasselbe mulmige Gefühl wie bei Deiner Erwartung an die Fortsetzung. Mühe will ich mir geben.

JA: Was die Scheinabrechnung betrifft, stehe ich bereits unter sklerotischem Bestandsschutz und nutze diese Tarnung. Ich fahre einfach gern zur KV, betrete immer wieder angeregt die palastähnliche Geschäftsstelle a la Chipperfield und benutze unabhängig vom Istzustand die 5-Sterne-Toilette. Die meisten meiner Kollegen müssen Abrechnungsdisketten einreichen.

 
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Kommentare
ed2murrow schrieb am 26.11.2009 um 10:20
Und dann behauptet man allen Ernstes, dieses "zänkische Bergvolk" besäße keinen Humor. Aber wahrscheinlich verzieht es sich zum Lachen in den Wald bei Bergen. Ihr Tagebuch lese gleich noch mal so gerne.
haydnplayer schrieb am 26.11.2009 um 19:10
herzliche Grüße an Moosmann und Wattefrau!
Deaktivierter Nutzer schrieb am 26.11.2009 um 11:32
Zunächst danke ich Ihnen, für Ihren Blog. Sie ermöglichen uns Lesern und Patienten einen Blick in ein System, dass wir finanzieren. Aber nicht kennen.

Einen Bio-Laden zu führen, ist eine körperlich sehr anstrengende Sache. Ein undankbare Job noch dazu. Denn die Ladner sind Teil eines gewachsenen & verwirrenden Systems aus planwirtschaftlichen & kapitalistischen Kumpeleien. Zwischen 2004 & 2006 hatte ich beruflich mal mit Ladner, Produzenten & ( Bio )Vegi-Restaurants zu tun. Seit dem habe ich ein zwiespaltiges Verhältnis auch den Bio-Kunden gegenüber.

Mit freundlichem Gruss
Ludwig Hasselberg schrieb am 26.11.2009 um 13:21
In der Tat, faszinierende Einblicke in eine ganz eigene Welt. Dürfen sie die eigentlich guten Gewissens geben, gibt es da gar keine Geheimhaltungsklauseln?

"Ein pragmatischer Freund mit einer betriebswirtschaftlichen Zusatzausbildung verwendet eine private Abrechnungssoftware und löst das Problem bis zum Quartalsende in mehreren Schritten:

1. schreibt er während eines Quartals nur todsichere Ziffern auf
2. sieht er sich die Gruppenstatistik des Vorquartals seiner Fachgruppe an und checkt Trends bei den einzelnen Positionen – m.a.W. was die Kollegen zur Zeit gern aufschreiben und was nicht
3. ergänzt er seine aktuelle Abrechnung, kürzt Positionen, die statistisch ausgerissen waren auf erlaubte Schwankungsbreiten und ergänzt andere, bei denen er zu zaghaft war
4. glättet er Tages-, Wochen- und Monatsprofile, damit nicht mehr als höchstens 10 Arbeitsstunden pro Tag bzw. 35 pro Woche usw. in der Abrechnung erscheinen."

Aha - er pauschalisiert also seine Bezüge einfach? Interessante Vorgehensweise.
haydnplayer schrieb am 26.11.2009 um 19:11
Der aktuelle EBM erscheint im Deutschen Ärzteverlag ISBN 978-3-7691-3400-1, Paperback € 39,95 und wird als konkrete Prosa gehandelt. Die innerärztliche Kritik an der explodierenden Verbürokratisierung der Abrechnung ist erheblich und führt in anderen Fachbereichen zu noch groteskeren Auswüchsen.
klara schrieb am 26.11.2009 um 19:33
Hallo haydnplayer,
irgendwann bei Ziffer xy bin ich ausgestiegen.
Aber ich weiß, dass das nicht nur bei Psycho-Ärzten so furchtbar ist. Meine Mutter, Allgemeinmedizinerin i.R. mit Feld-, Wald- und Wiesenpraxis und langjährig erworbener Skespis gegen Patienten, die noch vor der Untersuchung um eine Krankschreibung baten (vorzugsweise Lehrer) und solche, die die Diagnose schon hatten, ist viel früher ebendorthin gegangen - in den Ruhestand - als sie eigentlich hätte wollen sollen. Nach und nach nahmen die bürokratischen zeitfressenden Schwachsinnigkeiten offenbar so sehr überhand, dass die Zeit für den Patienten nicht nur immer teurer wurde, sondern bald fast ganz fehlte. Niedergelassene Ärzte werden nicht nur dazu angehalten, ihre Patienten wie Kühe zum Melken möglichst effektiv zu behandeln - also zeitsparend. Für Allgemeiner und Kinderärzte eher unsinnig, weil die Leute gerade Zeit brauchen, um gesund zu werden), sondern auch dazu, vom Behandler, Zuhörer, Wissenden, Ideenhaber etc. in den Beruf des Formular-Ausfüllers zu wechseln - eine Tätigkeit, die meine Mutter schon bei der Beantragung eines neuen Reisepasses regelmäßig in die Behördenverzweiflung trieb... Schon die kleinen Kästchen und Linien, auf die man möglichst in Druckbuchstaben schreiben soll, brachten sie (und bringen sie heute noch) zur Weißglut, denn wie alle Ärzte hatte und hat sie eine nahezu unleserliche Schrift.

Was kann man tun? Als Arzt?

Gruß :)
klara
haydnplayer schrieb am 26.11.2009 um 21:23
Liebe Klara, auch meine Schrift ist nahezu unleserlich, aber ich sehe darin vor allem ein Problem der dazu verdonnerten Leser: ich kanns halt nicht besser und habe immer darauf vertraut, dass sich die liebe Frau Walther in der Abrechnungsstelle der KV allmählich einliest. Bis es soweit war, hat sie mich immer wieder angerufen (und tut es auch heute noch manchmal), wir sind Schein für Schein nochmals durchgegangen, weil sie nicht wollte, dass der ganze Packen zum Korrigieren an mich zurückging und ich erst im nächsten Quartal meine Talerchen bekommen hätte. Man muß als Bürger und abrechnender Arzt mit seiner Bürokratie lebenslang mitwachsen und natürlich auch ihre Schwachstellen ausspähen, wo sie sich am besten leimen läßt. Eigentlich ist man da als Einzelner wesentlich manövrierfähiger wie so ein plumper bürokratischer Moloch.
ed2murrow schrieb am 26.11.2009 um 22:17
Allmählich beginne ich zu ahnen, warum immer mehr Mediziner zur Feder statt wie Juristen zur Flasche greifen. Hirschhausen, bei ZEIT-online der Dr. Knoll, nun hier Sie: Schuld ist das Abrechnungssystem. Zerrissen zwischen hippokratischem Eid und dessen bürokratischen Elend machen Sie aus einer Not die Tugend, öffentlich zu behandeln, sozusagen en gros und völlig altruistisch. Dabei können Ihnen nicht einmal die vom esoterischen Fach neidisch kommen, die heilen vielleicht mit Handauflegen, Sie durch ganz praktische Zwerchfell- und Gedankengymnastik. Rezeptfrei. Beste Grüße, e2m
misterl schrieb am 27.11.2009 um 07:55
Was hält die abrechende Ärzteschaft eigentlich von einem einfachen Modell nach Stunden ohne Berücksichtigung dessen was geleistet wurde (oder auch nicht)? Gleich ob Therapeut oder Radiologe.

Anmerkung zur Antwort.
Die Welt zwischen Industrieschmeck und interlektuellen Trendfood - Kötbular vs. Bioladen. Ich kann mir die sarkastische Grimase meiner Landfrau und Metzgerin des Vertrauens vorstellen, erzähle ich ihr davon...
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