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Haydnplayers Innenräume

19.02.2010 | 06:22

Gefühlskalter Krieger und heißes Mädchen

Eigentlich sehe ich mir keine Serien an. Und auf den Gedanken, einer Psycho-Serie beizuwohnen, wäre ich von allein zuletzt gekommen. Wenn ein Fußballprofi anderer Leute Gekicke anschaut, ist das ja normal. Denn beim Fußball als öffentlicher Angelegenheit gelten überall die gleichen Regeln – und von einem Pele oder Robben kann man auch beim Zuschauen immer noch etwas lernen.


Aber hier geht es um Fernsehunterhaltung. Und so kam ich erst verspätet zu dieser Serie, nachdem ich von meinen Patienten danach gefragt wurde. Sie wollten wissen, was ich davon halte, brachten ihre Eindrücke und eine Menge Fragen mit. Also mußte ich wohl oder übel ran. Die ersten 6 Folgen hab ich deshalb verpaßt und beginne mittendrin.

Folge 7 (Alex)

Hier treffen zwei gegensätzliche Männertypen aufeinander. Auf der einen Seite der einfühlsame und intelligente Dr.Weston als sympathisches Beispiel eines modernen und gefühlskompetenten Männertyps. Und eben Alex, der beziehungsgestörte und doch „irgendwie“ irritierte Bomberpilot mit 16 getöteten jungen Irakern auf dem Gewissen; mit einem knallharten Vater als genetischem Vorläufer, der den Großvater mit eigenen Händen erstickte, um selbst zu überleben; und mit einer Frau, die hinsichtlich emotionaler Härte und Gefühlsarmut anscheinend nur sein eheliches Spiegelbild ist. Dieser Alex profitiert aber während des spannenden Dialogs von der klugen Einfühlung des Therapeuten. Dr. Weston muß freilich sein ganzes therapeutisches Rüstzeug und Interpretationsvermögen und dazu viel Geduld und Charme aufbieten, um diesem Hardliner ein paar menschliche und weiche Seiten abzugewinnen. Der Erfolg seiner Mühen war aber diesmal noch nicht klar ersichtlich.

Der Zuschauer hat den Eindruck, dass bei Alex neben seiner zur Schau gestellten Härte immer noch eine andere weichere Spur mitläuft und er dann plötzlich Resultate dieses Denkstranges mitteilt, die auch Dr. Weston ziemlich überraschen. Vor allem ist das gegen Ende der Stunde die Mitteilung, dass er sich sofort von seiner Frau trennen wird und  ihm das gerade in dieser Therapiesitzung klar geworden ist.

Dr. Weston beschwichtigt und wiegelt ab. Aber möglicherweise ist er es selbst mit seiner intensiven Art von Verständnis und Einfühlung , der dem hartgesottenen Alex einen neuen und ungewöhnlichen Beziehungs-Maßstab hinstellt, neben dem dessen tadellos funktionierende Frau erbärmlich abschneidet. Oder eben auch Alex selbst, der ja bei diesem ehelichen Funktionieren bis zuletzt mitwirkte.

Alex warf Bomben über dem Irak ab wie andere Leute beim Computerspiel: nur Volltreffer zählten. Bei seinem Besuch an der Abwurfstelle in Bagdad – wo er sich in paradoxer Weise mit den praktischen Folgen der Explosion konfrontiert: den Toten, Trauernden, Verletzten und einem gespenstigen Alten, der immer wieder auf ihn eindringt, als hätte er ihn erkannt – vergewissert er sich mit stolzer Brust, dass sein „System“ als Bomberpilot weiter perfekt funktioniert: denn es stellt ihn frei von Mitleid und Schuldgefühlen angesicht des schrecklichen Elends, das auf seine Abwurfperfektion zurückgeht. Zumindestens behauptet er, dass sein Schutzsystems vor menschlichem Empfinden weiterhin intakt ist.

Dr. Weston fragt sich insgeheim fortlaufend: warum kommt dieser Mann eigentlich zu mir, wenn er so auf die gefühlskalte Pauke haut? Und so bohrt er immer weiter und versucht das normal Menschliche in ihm freizulegen. Die Versicherung von Alex zum Abschied, er wolle wiederkommen, gibt uns die Gewißheit, dass der Therapeut nicht alles falsch gemacht hat. Bedenklich stimmt dagegen, dass Alex auch weiterhin Bomben im Irak abwerfen will.

Folge 8 (Sophie)

Hier trifft ein intelligentes und leistungsorientiertes Mädchen (16)  auf den freundlichen und warmherzigen reifen Mann, der sich aber nicht für ihre sportlichen Leistungen interessiert, sondern ausschließlich für ihr Wesen, seine Spannungen und Krisen. Das ist immer eine aufregende und ergiebige Situation – im Film, in der Serie, im wirklichen Leben und in jedem Sprechzimmer.

 Eigentlich soll der Therapeut nur eine Beurteilung zur Frage schreiben, ob Sophie aus suizidaler Absicht einen Verkehrsunfall provozierte. Ein Psychiater beschäftigt in so einem Fall die Probantin normalerweise einen Tag lang mit ausgeklügelten Test, arbeitet einen weiteren Katalog von Fragen ab und schreibt anschließend ein 10-seitiges kluges Gutachten.

Doch hier stehen nicht der Verkehrsunfall und seine Details im Mittelpunkt. Vielmehr geht es in dieser Stunde fast ausschließlich um die Annäherung von Sophie an diesen hochinteressanten älteren Herren. Mit Hilfe gezielter Provokationen verringert sie den Abstand zu ihm. Ist sie anfangs noch Kratzbürste vom Dienst, zeigt sie gegen Ende dieser Szene im Halbdunkel des Therapiesalons ausgesprochen liebliche Züge.

Nach dem Verlauf dieser Stunde – prall gefüllt mit Emotionen - sind wir davon überzeugt, dass Sophies Gefühlslage alles andere als suicidal ist. Und dann sucht sie beizeiten das Weite, um nicht ein Stück zu weit in den verführerischen Sog dieses Therapeuten zu geraten. Wie stark ihre positiven Gefühle tatsächlich aufwallen, wird in einer kurzen Nebenszene ergreifend dargestellt, als ihr von der warmherzigen Frau des Therapeuten beim Anziehen geholfen wird und es zu einer innigen Umarmung der beiden Frauen – sozusagen stellvertretend für den abwesenden Therapeuten kommt.

Ein paar allgemeine Bemerkungen zum Schluß. Therapeut Dr.Weston ist offensichtlich psychoanalytisch ausgebildet. Seine Arbeitsweise unterscheidet sich deutlich von der in Deutschland vorherrschenden Verhaltenstherapie, bei der es von A bis Z wesentlich systematischer und rationaler zugeht. Wer also in Deutschland einen Therapeuten wie Dr.Weston sucht, braucht schon sehr viel Glück. Und wer sich in dieser freien und ungenierten Weise wie Alex und Sophie in einer deutschen Therapieeinrichtung bewegen möchte, bekommt wahrscheinlich beizeiten die rote Karte gezeigt. Ein so erfahren gedachter Therapeut wie Dr. Weston handhabt seinerseits auch noch sein psychoanalytisches Handwerk recht frei. Ihn interessieren weniger die Details seiner Klienten als solche, ihn interessiert vor allem der Aufbau einer therapeutischen Beziehung, wenn er ihren Erzählungen zuhört und auf sie antwortet. Das Zustandekommen einer Therapiebeziehung steht bei ihm ganz im Fokus. Das sieht dann u.a. so aus, dass er den beziehungsgestörten Alex zum Therapie-Kaffee mit besonderer Herzlichkeit einläd – obwohl er selbst nur Tee trinkt; dass er aber der beziehungsaktiven Sophie weder beim Ausziehen ihrer feuchten Klamotten hilft und schon garnicht daran denkt, ihr Kaffee, Tee oder Limonade anzubieten.

Die Serie In Treatment-Der Therapeut läuft wochentags ab 21 Uhr auf 3sat

 

 
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Kommentare
lausemädchen schrieb am 19.02.2010 um 08:52
Zum Start der Serie In Treatment gibt es auch noch einen blog von Dietrich Leder.
lausemädchen schrieb am 19.02.2010 um 21:02
eine kluge, professionelle zusammenfassung der letzten folge.
aber leider auch kein statement oder der versuch einer antwort auf die fragen ihrer patientinnen.

als kollegin wünsche ich mir manchsmal ein verständnis von psychotherapie, das nicht auf dem film "einer flog übers kukucksnest" oder "familienaufstellungen nach hellinger" fußt.

so what?

eine sinn-volle serie, die aufklärt, weil sie das wesentliche erfolgsmerkmal von therapie herausstellt: die beziehung zwischen klientIn und therapeutIn.
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