3
]
Nicht nur auf den ersten Blick ist Plauen langweilig. Das Wohngefühl im Zentrum ist kaum anders wie in der Peripherie. Die Elektrifizierung der Bahnstrecke ist seit Jahrzehnten ein heißes Thema, auf dem ehemaligen kleinen Flugplatz stehen Kohlstrünke, das Flüßchen Elster leidet öfters unter Wassermangel. Wohnblocks werden an verschiedenen Stellen zurückgebaut. Die Poesie eines Gebäudes, das unter dem Slogan „Ich bin doch nicht blöd“ firmiert, muß niemandem nahegebracht werden.
Immer wieder einmal werden die Ureinwohner dieses Landstrichs als zänkisches Bergvolk beschrieben. Wenn es doch so wäre und für ein wenig Rabatz sorgte! Harmonie
und Freundlichkeit haben sich durchgesetzt und werden auf Hochglanz ins Bild gehoben.
Es gibt nur wenige Ecken, die von der schrecklichen Bombardierung verschont blieben, manches Trümmerfeld wurde nie wieder lebendig. Das Hübscheste aus alten Tagen sind ein paar Hexenhäuslein am Mühlgraben. Hier hat sich die kreative Alternative angesiedelt, mit keinem Cent zum Verprassen im Beutel, und doch alles so einladend für Familien mit kleinen Kindern, dass sich zu besonderen Höhepunkten die geführten Fremden drängeln, um einen Blick durch die engen Fenster ins Innere zu erhaschen.
Die Bombardierung hatte das Zentrum der früheren 100.000-Metropole fast ausgelöscht und doch zu einer tröstlichen Folge geführt. Kam man zu Fuß die lange und breite Bahnhofstraße zum Postplatz herab, weitete sich an einer Biegung der Blick über die freien Flächen zu den Hügeln und Bergen des Umlandes, Stadt und Landschaft hatten auf dem traurigen Hintergrund wieder zur ursprünglicheren Einheit zusammengefunden, und wer Salzburg oder Stuttgart wegen einer solchen Einheit mag, hätte sich auch an diesem schlichteren Eindruck erfreut.
Nach der Wende wurde viel investiert und gebaut, und einem Großinvestor sagte die zentrale Freifläche zu. Es half nichts, dass junge Leute, die hier ihre Sitzkreise mit Unterstützung anregender Substanzen bildeten, zum harten Kern einer Bürgerinitiative zur Verhinderung des geplanten Shoppingcenters wurden und sich aktiver engagierten, als vorher möglich schien. Doch sie haben ihre Trümmerwiesen verloren, vom freien Blick blieben nur Reste für Nostalgiker. Das Projekt ist ein wirtschaftlicher Erfolg, mit dem sich schließlich auch die Zänkischen ausgesöhnt haben.
Nebenan, auf einem offenen und begrünten alten Friedhof treffen sich seitdem die Leutchen mit den dunklen Textilien und schwarzen Hunden. Doch auch dieser Treffpunkt wird nicht mehr sein, wenn die Stadt über diese Wiesen im Schatten wunderbarer alter Bäume ein Versammlungs- und Alkoholverbot verhängt.
So sucht der Plauener öfters das Weite, freiwillig oder mit behördlichem Nachdruck. Ein vorerst letzter Kampf um die Pflege des Heimatstolzes ging mit dem Verlust der Kreisfreiheit einher. Absoluter Renner dieser Fluchtbewegung ist und bleiben die Kleingartensparten, hier organisiert sich das bunte Leben. Fast kein Wochenende im Sommer ohne Feuerwerk und Lichterketten. Viele Familien ziehen zu Beginn der Saison mit Kindern, Katzen und Vögeln ins Grüne, gehen von dort zur Schule und fahren zur Arbeit, falls sie welche haben. Der ärztliche Notfalldienst sucht sich auf engen Schneisen seinen Weg zum Kranken und kann nur mit ständigem Handykontakt durch das Wirrwar von Pflaumenwegen und Wiesenburgen bis vor Ort geleitet werden. Wer es weiter mag, tritt dem plauener Alpenverein bei.
Jetzt um die Adventszeit sind die Meisten wieder daheim und treffen schon vormittags auch bei Nässe und Kälte auf dem Weihnachtsmarkt ein, hören die alten Lieder in zeitgemäßen Arrangements, stehen mit ihren Glühweingläser in der Hand und passen auf, dass sie beim Grüßen keinen übersehen.
Ich bin in Plauen nicht geboren, aber auch nicht hängengeblieben. Meine ursprüngliche Heimat verblaßt mit den Jahren. Auch wenn ich die ganze Bedeutung von Heimat nicht auf dieses weithin unbekannte Städtchen und sein liebliches Umland übertragen kann: zu Hause bin ich hier schon lange. Zur Heimat gehören die Menschen, die ich liebte und auch die, von denen ich schon lange getrennt bin, gehören Wege, Denkmale und ein bestimmtes Licht über ihr, wie ich es nur wenige Male und dann nie wieder erlebte. Der enge Begriff von örtlicher Heimat ist nur noch ein Anfang aus jener Zeit, in der mir das Empfinden von Rückkehr bewußte wurde. Heimat ist für mich heute ein phantastisches Gebilde mit Zentralbereich und Ausläufern, und immer wieder kommt ein neuer hinzu.
|
|
"Zur Heimat gehören die Menschen, die ich liebte und auch die, von denen ich schon lange getrennt bin, gehören Wege, Denkmale und ein bestimmtes Licht über ihr, wie ich es nur wenige Male und dann nie wieder erlebte."
Schöner Satz und das mit dem Licht "leuchtet" mir ein. :-)) Gern gelesen Magda |
|
|
Danke Magda! Man muß ja nicht immer nur bissiges Zeug von sich geben...
|
|
|
"Die Poesie eines Gebäudes, das unter dem Slogan „Ich bin doch nicht blöd“ firmiert, muß niemandem nahegebracht werden."
Sehr wahr, sehr gut formuliert. Plauen ist überall. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen